War der Doctor Johausen auch kein Jungling mehr, so erfreute er sich doch einer vortrefflichen Gesundheit. Englisch und Franzosisch verstand er wie seine Muttersprache und war, infolge seiner Thatigkeit als Arzt, auch der Sprache der Eingebornen einigerma?en machtig. Seine
Vermogensverhaltnisse gestatteten ihm, auch ohne Entlohnung thatig zu sein, denn er hatte weder directe Angehorige, noch erbberechtigte Verwandte. Unabhangig im weitesten Sinne des Wortes, keinem Menschen fur sein Thun und Lassen verantwortlich und von unerschutterlichem Selbstvertrauen erfullt, konnte er sich ja unbedenklich zu einem so gewagten Schritte entschlie?en. Immerhin gehort hierzu die Bemerkung, da? es bei dem seltsamen Manne – wie man zu sagen pflegt –im Oberstubchen nicht ganz richtig zu sein schien.
Als Diener hatte der Doctor einen Eingebornen, mit dem er au?erordentlich zufrieden war. Als dieser die Absicht seines Herrn, im Walde mitten unter den Affen zu leben, vernahm, zogerte er keinen Augenblick, den Arzt zu begleiten. Er mochte aber wohl kaum wissen, was er damit auf sich nahm.
Der Doctor Johausen und sein Diener gingen nun unverzuglich an die Arbeit. Mit einem Frachtschiffe, das Malinba anlief, traf ein in Deutschland bestellter, zerlegbarer Kafig ein, der zwar dem Garner’s ahnelte, doch fester und bequemer benutzbar als jener war. In der Hafenstadt war es leicht, genugende Mundvorrathe zu erwerben, wie Conserven und andere, und auch so viele Munition, da? eine Vervollstandigung der Ausrustung fur einen langen Zeitraum unnothig erschien. Die im ubrigen sehr einfache Ausstattung an Bett- und Leibwasche, Kleidung, Kuchengerathen u. dergl.
wurde dem Hause des Doctors entnommen, und ebenso eine alte Drehorgel, in der Hoffnung, die Affen konnten fur die Reize der Musik vielleicht nicht unempfanglich sein.
Gleichzeitig lie? Johausen eine gro?e Menge Medaillen aus Nickel anfertigen, die auf der einen Seite seinen Namen, auf der anderen sein Bildni? zeigten, und die er unter den hoherstehenden Mitgliedern der Affencolonie, die er zu grunden gedachte, zur Vertheilung bringen wollte.
Der Arzt und der Eingeborne schifften sich endlich am 13.
Februar 1896 in Malinba mit allem Zubehor auf einer Barke des Nbarri ein und fuhren den Flu? hinauf, um spater nach…
Ja, wohin denn zu gehen? Das hatte der Doctor keinem Menschen sagen wollen. Da seine Bedurfnisse fur lange Zeit gedeckt waren, schutzte er sich damit am besten gegen Storungen durch Unberufene. Der Eingeborne und er wurden sich schon selbst genug sein. Das verhinderte auch jede Storung und Ablenkung der Vierhander, die er sich als einzige Gesellschaft wunschte, und er hoffte, sich mit ihrem Geplauder zu begnugen, uberzeugt, da? es ihm gelingen werde, die Geheimnisse der Makakensprache zu entschleiern.
Spater erfuhr man nur, da? die Barke, nach etwa hundert Lieues langer Fahrt auf dem Nbarri, bei dem Dorfe Nghila vor Anker gegangen war. Dort waren gegen zwanzig Schwarze als Trager angenommen worden und der ganze Zug hatte sich von dem Dorfe aus nach Osten hin gewendet. Von dieser Stunde an war von dem Doctor Johausen aber nichts mehr zu horen gewesen. Die nach Nghila zuruckgekehrten Trager hatten auch die Stelle nicht genau angeben konnen, wo sie sich von dem Doctor verabschiedet hatten. Kurz, auch nach zwei Jahren und trotz wiederholten, leider erfolglosen Nachsuchungen, hatte von dem deutschen Arzte und seinem treuen Diener keine Silbe wieder verlautet.
Was nun inzwischen vorgegangen war, konnten John Cort und Max Huber jetzt, wenigstens theilweise, erkennen und feststellen.
Der Doctor Johausen hatte mit seiner Begleitmannschaft einen Flu? im Nordwesten des Waldes von Ubanghi erreicht gehabt. Dann hatte er nach Zurucksendung der Eingebornen, die Herrichtung eines Flosses begonnen, fur das er die Planken und Pfahle seinen Vorrathen entnahm. Nach Vollendung dieser Arbeit waren sein Diener und er den Lauf des unbekannten Flusses hinausgefahren und hatten ihre Kafigwohnung an der Stelle errichtet, wo sie hier unter den ersten Baumen des rechten Ufers entdeckt worden war.
Soweit herrschte uber die Angelegenheit des gelehrten Forschers also einige Gewi?heit. Bezuglich alles weiteren waren freilich nur Vermuthungen aufzustellen. Warum mochte der Kafig denn leer sein?… Warum hatten seine beiden Bewohner ihn verlassen?… Wie viele Monate, Wochen oder Tage war er bewohnt gewesen? Daruber lie? sich gar nichts urtheilen. Waren die zwei Manner fortgeschleppt worden?…
Durch wen denn?… Durch Eingeborne?… Der Wald von Ubanghi galt aber doch fur unbewohnt. Sollte man annehmen, da? sie vor einem Anfalle durch Raubthiere entflohen waren?… Lebten der Doctor Johausen und der Eingeborne uberhaupt noch heute?
Alle diese verschiedenen Fragen drangten sich den beiden Freunden auf. Leider konnten sie fur keine Vermuthung eine annehmbare Erklarung geben, und so verloren sie sich immer mehr in die Dunkelheit des Geheimnisses.
»Wir wollen doch in dem Notizbuche nachsehen, schlug John Cort vor.
– Ja, das ist das einzige, was uns ubrig bleibt, sagte Max Huber. Vielleicht konnen wir, wenn es auch keine ausfuhrlichen Mittheilungen enthalt, schon aus etwaigen Zeitangaben weitere Schlusse ziehen.«
Max Huber schlug das Notizbuch auf, in dem einige Blatter, die feucht geworden waren, aneinander klebten.
»Ich glaube nicht, da? dieses Buch uns besonderen Aufschlu? geben wird, bemerkte er.
– Warum denn?
– Weil alle Seiten darin, mit Ausnahme der ersten, unbeschrieben sind.
– Nun… und diese erste Seite, Max?…
– Die enthalt einige abgerissene Satze, auch einige Datumangaben, wahrscheinlich bestimmt, dem Doctor Johausen spater bei der Abfassung eines Reiseberichtes zu dienen.«
Max Huber gelang es, wenn auch mit einiger Schwierigkeit, die folgenden, mit Bleistift geschriebenen Zeilen zu entziffern.
»29. Juli 1896. – Mit den Tragern und meinem Diener am Rande des Waldes von Ubanghi eingetroffen. – Gelagert am rechten Ufer eines Flusses. – Unser Flo? gebaut.
»3. August.
– Das Flo? fertig gestellt.
– Die
Begleitmannschaft nach Nghila zuruckgeschickt. – Mit meinem Diener eingeschifft.
»9. August. – Den Flu? sechs Tage lang ohne Hinderni? befahren… Bei einer Lichtung angehalten. – Viele Affen in der nachsten Umgebung. – Die Stelle scheint recht passend zu sein.
»13. August. – Unsere Einrichtung vollendet. – Die Kafighutte bezogen. – Die Nachbarschaft vollig menschenleer.
– Auch keine Spuren oder Fahrten von Eingebornen oder anderen. – Wasserwild im Ueberflu?. – Der Flu? sehr fischreich. – In der Hutte bei einem schlimmen Wetter gut geschutzt.
»25. August. – Siebenundzwanzig Tage verflossen. – Unser Leben regelma?ig geordnet. – Einige Hippopotamusse im Wasser, doch kein Angriff durch diese. – Elenthiere und Antilopen erlegt. – In der Nacht drangen sich gro?e Affen an die Hutte heran. – Welcher Art sie angehoren, habe ich noch nicht zu erkennen vermocht. Einmal auf dem Boden umherlaufend und einmal in den Baumkronen hin und her springend, zeigen sie doch keine feindlichen Absichten. – Habe etwa hundert Schritte weit von hier einen Feuerschein unter dem Hochwalde wahrzunehmen geglaubt. Merkwurdig! Diese Affen scheinen zu sprechen, mit einander zusammenhangende Worte zu wechseln! Ein kleiner hat »Ngora! Ngora! Ngora!« gerufen, ein Wort, worunter die Eingebornen doch »Mutter« verstehen.«
Llanga hatte aufmerksam zugehort, als sein Freund Max das Vorstehende verlas; jetzt rief er plotzlich mit lauter Stimme:
»Jawohl… jawohl! Ngora, ngora… Mutter… ngora… ngora!«
Als er dieses von dem Doctor Johausen gebrauchte und von dem Knaben wiederholte Wort vernahm, mu?te sich John Cort doch unwillkurlich erinnern, da? dasselbe Wort ihm vorige Nacht ebenfalls zu Ohren gekommen war. Da er das aber fur eine Gehortauschung, fur einen Irrthum hielt, hatte er den anderen uberhaupt nichts davon gesagt. Nach der eben gehorten Beobachtung des Doctors glaubte er sie aber doch uber diesen Vorfall unterrichten zu mussen. Da rief eben Max Huber:
»Wahrlich, sollte der Professor Garner doch recht haben? Es gabe sprechende Affen?…
– Ich kann Dir, lieber Max, nur sagen, da? auch ich das Wort
»Ngora« schon einmal zu horen bekommen habe!« erklarte John Cort.
Er erzahlte nun, unter welchen Umstanden dieses Wort in der Nacht vom 14. zum 15. als er die Wache
