ganzen Meute von hochrangigen VoBu-Beamten und drei oder vier Staatschefs teilen. Die alle dem Direktor von EFMEG ihre Aufwartung machen wollen. Und ich mu? zwischen ihnen durchkriechen und werde vor ihnen eingelassen, jedes verdammte Mal. Dr. Habers zahmer Psychopath. Sein Ausstellungsstuck. Der Patient seiner Wahl …« Er fuhrte sie durch das riesige Foyer unter der Pantheonkuppel, auf Laufbander und eine unglaubliche, scheinbar endlose spiralformige Rolltreppe hinauf. »EFMEG lenkt auch so schon die Geschicke der Welt«, sagte er. »Ich frage mich immer wieder, warum Haber noch eine andere Form von Macht braucht. Er halt doch wei? Gott schon genug in Handen. Warum kann er es nicht dabei bewenden lassen? Ich nehme an, das ist wie bei Alexander dem Gro?en, der standig neue Welten zum Erobern brauchte. Ich habe das nie verstanden. Wie war die Arbeit heute?«

Er war nervos, darum redete er soviel; aber er wirkte nicht mehr niedergeschlagen oder verstort, so wie in den vergangenen Wochen. Etwas hatte ihm seine naturliche Gelassenheit wiedergegeben. Sie hatte nie richtig geglaubt, da? er sie jemals auf Dauer verlieren wurde, da? er vom Weg abkommen, den Kontakt verlieren konnte; und dennoch hatte er einen elenden Eindruck gemacht, und zwar in zunehmendem Ma?e. Jetzt nicht mehr, und die Veranderung war so plotzlich und umfassend, da? sie sich wirklich fragte, was die Ursache sein mochte. Als Zeitpunkt konnte sie nur den Moment dingfest machen, als sie sich gestern abend in dem noch unmoblierten Wohnzimmer hingesetzt hatten, um diesen abgefahrenen und subtilen Song der Beatles anzuhoren, und beide eingeschlafen waren. Seither schien er wieder ganz der Alte zu sein.

Niemand hielt sich in Habers gro?em, feudalen Wartezimmer auf. George nannte einem schreibtischartigen Ding an der Tur, einer Autorezeptionistin, wie er ihr erklarte, seinen Namen. Heather machte gerade einen nervosen Scherz daruber, ob es auch Autoerotiker geben mochte, als die Tur aufging und Haber vor ihnen stand.

Heather war ihm nur einmal begegnet, ganz kurz, als er George als Patienten angenommen hatte. Sie hatte vergessen, was fur ein gro?er Mann er war, was fur einen gro?en Bart er hatte, wie ungeheuer eindrucksvoll er aussah. »Kommen Sie herein, George!« donnerte er. Sie erstarrte vor Ehrfurcht. Sie duckte sich. Er bemerkte sie. »Mrs. Orr — wie schon, Sie zu sehen! Wie schon, da? Sie mitgekommen sind! Kommen Sie auch mit herein.«

»Oh, nein. Ich wollte nur —«

»Oh doch. Ist Ihnen nicht bewu?t, da? dies wahrscheinlich Georges letzte Sitzung ist? Hat er es Ihnen nicht gesagt? Heute abend machen wir tabula rasa. Da sollten Sie eindeutig dabei sein. Kommen Sie. Ich habe das Personal extra fruher nach Hause geschickt. Wahrscheinlich haben Sie das Gedrange auf der Rolltreppe nach unten bemerkt. Ich wollte das Buro heute abend ganz fur mich allein haben. Gut so, nehmen Sie dort Platz.« Er fuhr fort; es war nicht notig, etwas Sinnvolles darauf zu erwidern. Sie war fasziniert von Habers Verhalten, der Hochstimmung, die er ausstrahlte; ihr war nicht mehr in Erinnerung gewesen, was fur eine gro?e, geniale Personlichkeit er sein eigen nannte, zu gut, um wahr zu sein. An sich schien es unglaublich, da? so ein Mann, ein Fuhrer der Welt und grandioser Wissenschaftler, George, der ein Niemand war, so viele Wochen personlicher Therapie gewidmet hatte.

»Eine letzte Sitzung«, sagte er gerade, wahrend er etwas an einem computerahnlichen Ding in der Wand am Kopfende der Couch einstellte. »Ein letzter kontrollierter Traum, dann haben wir, denke ich, das Problem gelost. Sind Sie bereit, George?«

Er benutzte den Vornamen ihres Mannes oft. Ihr fiel ein, wie George vor wenigen Wochen einmal gesagt hatte: »Er nennt mich andauernd bei meinem Namen; ich glaube, das macht er, um sich selbst daran zu erinnern, da? noch jemand anderes anwesend ist.«

»Na klar bin ich bereit«, sagte George, setzte sich auf die Couch und hob den Kopf ein wenig; er sah einmal zu Heather und lachelte. Haber begann umgehend, die kleinen Dinger an Drahten an Georges Kopf zu befestigen, wozu er das dichte Haar scheiteln mu?te. Heather erinnerte sich von ihrem eigenen Gehirnabdruck an diese Prozedur, die Teil einer ganzen Batterie von Tests und Aufzeichnungen war, die jeder VoBu-Burger uber sich ergehen lassen mu?te. Als sie sah, wie die Prozedur an ihrem Mann durchgefuhrt wurde, verspurte sie ein gewisses Unbehagen. Als waren diese Elektrodendinger kleine Saugnapfe, die Georges die Gedanken aus dem Kopf lutschten und in Krakel auf Papier verwandelten, das sinnlose Geschreibsel von Verruckten. Georges Gesicht hatte jetzt einen Ausdruck hochster Konzentration angenommen. Was dachte er?

Haber legte plotzlich die Hand an Georges Hals, als wollte er ihn erdrosseln, streckte die andere Hand aus und schaltete ein Tonband ein, das die von seiner eigenen Stimme gesprochenen Hypnotiseursfloskeln abspielte. »Sie gleiten jetzt in den Hypnosezustand hinuber …« Nach wenigen Sekunden hielt er es wieder an und prufte die Hypnose. George war hypnotisiert.

»Okay«, sagte Haber und machte eine nachdenkliche Pause. Riesig, wie ein Grislybar auf den Hinterbeinen, stand er zwischen ihr und der zierlichen, reglosen Gestalt auf der Couch.

»Jetzt horen Sie gut zu, George, und pragen Sie sich ein, was ich sage. Sie befinden sich in tiefer Hypnose und werden die Anweisungen, die ich Ihnen gebe, explizit befolgen. Sie werden einschlafen, wenn ich es Ihnen sage, und Sie werden traumen. Sie werden einen wirkungsvollen Traum haben. Sie werden traumen, da? Sie vollkommen normal sind — da? Sie wie alle anderen sind. Sie werden traumen, da? Sie fruher die Fahigkeit zum wirkungsvollen Traumen besa?en, oder es sich wenigstens einbildeten, da? das aber nicht mehr so ist. Von jetzt an werden Ihre Traume so wie die von allen anderen auch sein, sie werden nur fur Sie selbst einen Sinn ergeben und keinerlei Auswirkungen auf die externe Realitat haben. Das alles werden Sie traumen; welche Symbolik Sie auch immer benutzen mogen, um den Traum auszudrucken, sein wirkungsvoller Gehalt wird sein, da? Sie nicht mehr wirkungsvoll traumen konnen. Es wird ein angenehmer Traum sein, Sie werden aufwachen, wenn ich dreimal Ihren Namen sage, und sich frisch und erholt fuhlen. Nach diesem Traum werden Sie nie wieder wirkungsvoll traumen. Legen Sie sich jetzt hin. Machen Sie es sich bequem. Sie schlafen jetzt ein. Sie sind eingeschlafen. Antwerpen!«

Als er dieses letzte Wort aussprach, bewegte George die Lippen und sagte etwas mit der leisen, teilnahmslosen Stimme von jemand, der im Schlaf spricht. Heather konnte nicht horen, was er sagte, mu?te aber an die letzte Nacht denken; sie hatte sich an ihn gekuschelt und war fast eingeschlafen, als er laut etwas gesagt hatte: Air per annum, so hatte es sich angehort. »Was?« hatte sie gefragt, aber er hatte nicht geantwortet, er war eingeschlafen. So wie jetzt.

Das Herz wollte ihr in der Brust zerspringen, als sie ihn so mit den reglosen Handen an den Seiten schwach und verwundbar daliegen sah.

Haber war aufgestanden und druckte jetzt einen wei?en Knopf an der Seite der Maschine am Kopfende der Couch; einige Kabel der Elektroden fuhrten dort hinein, andere zu der EEG-Maschine, die sie kannte. Dieses Ding in der Wand mu?te der Verstarker sein, das Ding, um das sich die ganzen Forschungen drehten.

Heather sa? tief in einem riesigen gepolsterten Ohrensessel aus Leder versunken, als Haber zu ihr kam. Echtes Leder, sie wu?te schon gar nicht mehr, wie sich echtes Leder anfuhlte. Es war wie die Vinylleder, fa?te sich jedoch interessanter an. Sie hatte Angst. Sie verstand nicht, was vor sich ging. Sie sah scheel zu dem gro?en Mann auf, der vor ihr stand, dem Baren-Schamanen-Gott.

»Das ist die Kulmination, Mrs. Orr«, sagte er mit gedampfter Stimme, »einer langen Abfolge von suggerierten Traumen. Wir arbeiten jetzt schon seit Wochen auf diese Sitzung — diesen Traum — hin. Ich bin froh, da? Sie mitgekommen sind, ich hatte niemals gewagt, Sie darum zu bitten, aber Ihre Anwesenheit tragt noch mehr dazu bei, da? er sich vollkommen sicher fuhlt und Vertrauen hat. Er wei?, da? ich keine Tricks riskieren kann, wenn Sie anwesend sind! Richtig? Ich bin ziemlich fest von unserem Erfolg uberzeugt. Es wird gelingen. Die Abhangigkeit von Schlafmitteln verschwindet, wenn die zwanghafte Angst vor dem Traumen geloscht wird. Es ist ausschlie?lich eine Frage der Konditionierung … Ich mu? das EEG im Auge behalten, er wird jetzt traumen.« Er schritt rasch und wie eine Naturgewalt durch den Raum. Sie blieb still sitzen und betrachtete Georges ruhiges Gesicht, von dem der Ausdruck der Konzentration, uberhaupt jeder Ausdruck, verschwunden war. So mochte er im Tod aussehen.

Dr. Haber beschaftigte sich mit seinen Maschinen, beschaftigte sich ausschlie?lich damit, beugte sich daruber, nahm Einstellungen vor, beobachtete sie. George schenkte er uberhaupt keine Beachtung.

»Da«, sagte er leise — nicht zu ihr, dachte Heather; er war sein eigenes Publikum. »Das ist es. Jetzt eine kleine Pause, ein Weilchen Schlaf der zweiten Phase, zwischen den Traumen.« Er machte etwas mit der Ausrustung in der Wand. »Dann fuhren wir einen kleinen Test durch …« Er kam wieder zu ihr heruber; sie wunschte sich, er wurde sie tatsachlich ignorieren, anstatt so zu tun, als redete er mit ihr. Er schien den Nutzen des Schweigens nicht zu kennen. »Ihr Mann ist fur unsere Forschungen hier von unschatzbarem Wert gewesen, Mrs. Orr. Ein einzigartiger Patient. Was wir uber den Charakter des Traumens und die Anwendung von Traumen

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