Er wu?te es nicht. Vermutlich Hilfe. Na ja, was kam, wurde akzeptabel sein, wie Tiua’k Ennbe Ennbe gesagt hatte.
Er senkte die Nadel behutsam auf die au?erste Rille der Platte und lie? sich langsam neben dem Schallplattenspieler auf dem staubigen Boden nieder.
Es handelte sich um ein automatisches Gerat; als die Platte zu Ende war, knisterte es einen Moment leise, dann klackerte es im Inneren und die Nadel setzte wieder in der ersten Rille auf.
Beim elften Abspielen schlief Orr tief und fest ein.
Als Heather in dem hohen, kahlen, halbdunklen Raum aufwachte, war sie verwirrt. Wo, um alles in der Welt?
Sie hatte geschlafen. Sie war auf dem Boden sitzend, mit ausgestreckten Beinen und an das Klavier gelehnt eingeschlafen. Marihuana machte sie immer mude, und auch ein wenig albern, aber man konnte Mannie, den liebenswerten alten Kiffer, nicht kranken und es ablehnen. George lag so flach wie ein abgezogenes Katzenfell auf dem Boden, direkt neben dem Plattenspieler, dessen Tonarm auf dem Plattenteller sich langsam durch »With a Little Help« eierte. Sie drehte langsam die Lautstarke herunter, dann stellte sie das Gerat ab. George regte sich nicht einmal; seine Lippen waren leicht geoffnet und die Augen fest geschlossen. Wie seltsam, da? sie beide zu den Klangen dieser Musik eingeschlafen waren. Sie rappelte sich auf die Knie, und ging in die Kuche, um nachzusehen, was es zum Abendessen gab.
Schweineleber, um Himmels willen. Die war nahrhaft und hatte vom Gewicht her den gro?ten Gegenwert, den man fur drei Fleischmarken bekommen konnte. Sie hatte sie gestern auf dem Markt gekauft. Na ja, hauchdunn geschnitten und mit Speck und Zwiebeln gedunstet … igitt. Ach was, sie war so hungrig, da? sie sogar Schweineleber essen wurde, und George war nicht wahlerisch. Wenn es sich um anstandiges Essen handelte, a? er es mit Genu?, und wenn es sich um lausige Schweineleber handelte, a? er es. Gelobt sei Gott, der uns alle Freuden schenkt, gutmutige Manner eingeschlossen.
Wahrend sie den Kuchentisch deckte und zwei Kartoffeln und einen halben Kohlkopf zum Kochen aufstellte, hielt sie von Zeit zu Zeit inne: Sie fuhlte sich seltsam. Desorientiert. Zweifellos wegen des verdammten Pots und weil sie stundenlang auf dem Fu?boden geschlafen hatte.
George kam zerzaust und mit staubigem Hemd herein. Er sah sie an. »Na ja,« sagte sie. »Guten Morgen!«
Er stand da und sah sie lachelnd an, ein breites, strahlendes Lacheln reinster Freude. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie so ein schones Kompliment bekommen; sie konnte diese Freude, deren Ursache sie selbst war, kaum begreifen. »Mein teures Weib«, sagte er und nahm ihre Hande. Er betrachtete die Hande, Handflachen und Handrucken, und druckte sie an sein Gesicht. »Du solltest braun sein«, sagte er, und zu ihrer Besturzung sah sie Tranen in seinen Augen. Einen Augenblick, aber auch nur diesen einen Augenblick, hatte sie eine Vorstellung davon, was los war; sie erinnerte sich daran, da? sie braun gewesen war, erinnerte sich blitzartig an die nachtliche Stille in der Blockhutte, den rauschenden Bach und viele andere Dinge. Aber George stellte ein dringenderes Problem dar. Sie hielt ihn umarmt, wahrend er sie umarmte. »Du bist erschopft«, sagte sie, »du bist durcheinander, du bist auf dem Fu?boden eingeschlafen. Daran ist dieses Aas Haber schuld. Geh nicht mehr zu ihm. Geh einfach nicht. Mir ist gleich, was er macht, wir gehen damit vor Gericht, wir reichen Klage ein, auch wenn er eine Einweisung gegen dich verfugt und dich in Linnton einsperren la?t, wir besorgen dir einen anderen Seelenklempner und holen dich wieder raus. Du kannst nicht mehr zu ihm gehen, er macht dich kaputt.«
»Niemand macht mich kaputt«, sagte er und lachte leise, tief in der Brust, fast ein Schluchzen. »Solange ich ein wenig Hilfe von meinen Freunden habe. Ich gehe wieder hin, lange wird es sowieso nicht mehr dauern. Ich mache mir keine Sorgen mehr um mich. Aber mach du dir keine Gedanken …« Sie klammerten sich aneinander, beruhrten sich an allen moglichen Oberflachen, ganz und gar eins, wahrend die Leber und die Zwiebeln in der Pfanne brutzelten. »Ich bin auch eingeschlafen«, sagte sie an seinen Hals. »Ich wurde so benommen, als ich die bloden Briefe des alten Rutti abgetippt habe. Aber eine gute Platte hast du da gekauft. Als ich noch ein Kind war, habe ich die Beatles geliebt, aber die staatlichen Rundfunkanstalten spielen sie leider kaum noch.«
»Es war ein Geschenk«, sagte George, aber in dem Moment spritzte die Leber in der Pfanne, und Heather mu?te sich von ihm losen und danach sehen. Beim Abendessen beobachtete George sie; und sie selbst lie? ihn auch kaum aus den Augen. Sie waren seit sieben Monaten verheiratet. Sie redeten Belangloses.
Sie spulten das Geschirr und gingen ins Bett. Im Bett machten sie Liebe. Liebe sitzt nicht einfach nur so da, wie ein Stein, sie mu? gemacht werden, wie Brot; standig neu gemacht, erneuert werden. Als sie die Liebe gemacht hatten, lagen sie einander schlafend in den Armen und hielten sie fest. In ihrem Schlaf horte Heather das Rauschen des Bachs, das erfullt war von den singenden Stimmen ungeborener Kinder.
In seinem Schlaf sah George die Tiefen des offenen Meeres.
Heather arbeitete als Sekretarin bei einem steinalten und verknocherten Rechtsanwaltsduo, Ponder und Rutti. Als sie am nachsten Tag, am Freitag, gegen sechzehn Uhr drei?ig Feierabend machte, fuhr sie nicht mit der Einschienenbahn und der Stra?enbahn nach Hause, sondern mit der Seilbahn zum Washington Park hinauf. Sie hatte George gesagt, da? sie vielleicht zu EFMEG kam, da die Therapiesitzung erst fur siebzehn Uhr vereinbart worden war, und danach wurden sie vielleicht gemeinsam in die Innenstadt zuruckkehren und in einem der WPZ- Restaurants auf der International Mall essen. »Alles wird gut«, hatte er zu ihr gesagt, weil er ihre Beweggrunde verstand und deutlich machen wollte, da? ihm nichts geschehen wurde. »Ich wei?«, hatte sie geantwortet, »aber es ware doch schon, essen zu gehen, zumal ich ein paar Marken gespart habe. Wir haben das Casa Boliviana noch nicht ausprobiert.«
Sie war fruher als er beim EFMEG Tower und wartete auf den breiten Marmorstufen. Er kam mit der nachsten Bahn. Sie sah ihn zusammen mit anderen aussteigen, doch die bemerkte sie nicht einmal. Ein kleiner, adretter Mann, sehr introvertiert, mit einem liebenswerten Gesicht. Seine Haltung war ausgezeichnet, wenn auch etwas gebuckt, wie bei den meisten Leuten, die am Schreibtisch arbeiten. Als er sie sah, schienen seine Augen, die klar und leuchtend waren, noch mehr zu leuchten, und er lachelte: wieder dieses herzzerrei?ende Lacheln ungekunstelter Freude. Sie liebte ihn uberschwenglich. Wenn Haber ihm noch einmal wehtat, wurde sie da reingehen und Haber in Stucke rei?en. Gewalttatige Impulse waren ihr normalerweise fremd, aber nicht, wenn es um George ging. Und heute fuhlte sie sich sowieso anders als sonst. Sie fuhlte sich kuhner, harter. Bei der Arbeit hatte sie zweimal so laut »Schei?e« gesagt, da? der alte Mr. Rutti zusammengezuckt war. Fruher hatte sie kaum je einmal gewagt, laut »Schei?e« zu sagen, sie hatte es auch heute beide Male nicht vorgehabt, und dennoch hatte sie es getan, als ware es eine alte Angewohnheit, die sie einfach nicht ablegen konnte.
»Hallo, George«, sagte sie.
»Hallo«, sagte er und nahm ihre Hande. »Du bist wunderschon, wunderschon.«
Wie konnte jemand denken, da? dieser Mann krank war? Na gut, er hatte seine merkwurdigen Traume. Aber das war immer noch besser als ganz unverhohlen gemein und ha?erfullt zu sein, wie rund ein Viertel der Menschen, denen sie je begegnet war.
»Es ist schon funf«, sagte sie. »Ich warte hier unten. Wenn es regnet, gehe ich ins Foyer. Mit dem schwarzen Marmor und allem sieht es da freilich aus wie in Napoleons Gruft. Aber hier drau?en ist es schon. Man kann die Lowen unten im Zoo brullen horen.«
»Komm mit mir nach oben«, sagte er. »Es regnet jetzt schon.« An sich meinte er den endlosen warmen Nieselregen des Fruhlings — das Eis der Polkappen, das sanft auf die Kopfe der Kinder derer fiel, die fur sein Abschmelzen verantwortlich waren. »Er hat ein hubsches Wartezimmer. Du wirst es dir wahrscheinlich mit einer
