andere Moglichkeit gibt. Im Augenblick gibt es aber Moglichkeiten. Ich mu? aufhoren.«

»Wir konnen jetzt nicht aufhoren — wir haben gerade erst angefangen! Wir erlangen gerade erst die Kontrolle uber Ihre Gabe. Ich bin nur einen Schritt davon entfernt, und ich werde mich nicht beirren lassen. Keine personlichen Angste durfen sich dem Guten entgegenstellen, das mit dieser neuen Fahigkeit des menschlichen Gehirns fur die gesamte Menschheit getan werden kann!«

Haber hielt einen Vortrag. Orr betrachtete ihn, aber die milchigen Augen, die ihn unverwandt anblickten, erwiderten den Blick nicht, sahen ihn gar nicht. Der Vortrag ging weiter.

»Ich versuche, diese neue Fahigkeit reproduzierbar zu machen. Es besteht eine Analogie zur Erfindung des Buchdrucks, uberhaupt zur Einfuhrung jedes neuen technologischen oder wissenschaftlichen Konzepts. Wenn das Experiment oder die Technik nicht erfolgreich von anderen wiederholt werden kann, taugen sie nichts. Genauso ist das PREM-Stadium, solange es im Gehirn eines einzigen Menschen eingeschlossen ist, fur die Menschheit nicht nutzlicher als ein Schlussel, der sich in einem abgeschlossenen Raum befindet, oder eine einmalige, geniale, aber unfruchtbare Mutation. Ich jedoch besitze die Mittel und Wege, mit denen der Schlussel aus dem abgeschlossenen Raum herausgeholt werden kann. Und dieser ›Schlussel‹ wird fur die menschliche Evolution ein so gro?er Meilenstein sein wie die Entwicklung des denkenden Gehirns selbst! Jedes Gehirn, das ihn benutzen kann, das es verdient, ihn zu benutzen, wird es konnen. Wenn ein geeignetes, trainiertes, vorbereitetes Subjekt unter der Stimulation durch den Verstarker in das PREM-Stadium hinubergleitet, wird es unter vollstandiger autohypnotischer Kontrolle sein. Nichts bleibt dem Zufall, willkurlichen Impulsen oder irrationalen narzi?tischen Launen uberlassen. Es wird keinerlei Spannungen mehr geben zwischen Ihrem Willen zum Nihilismus und meinem Willen zum Fortschritt, Ihren Wunschen nach dem Nirwana und meiner bewu?ten, grundlichen Planung zum Wohle aller. Wenn ich sicher sein kann, da? meine Technik funktioniert, steht es Ihnen frei, zu gehen. Jederzeit frei. Und da Sie die ganze Zeit nicht mude wurden, zu behaupten, Sie mochten keinerlei Verantwortung ubernehmen, nicht mehr wirkungsvoll traumen, verspreche ich Ihnen, da? mein erster wirkungsvoller Traum Ihnen Ihre ›Heilung‹ bringen wird — sie werden nie wieder einen wirkungsvollen Traum haben.«

Orr war aufgestanden; er verharrte reglos und blickte Haber an; sein Gesicht sah ruhig, aber au?erordentlich wachsam und konzentriert aus. »Sie wollen Ihre eigenen Traume kontrollieren«, sagte er, »ganz aliein — ohne da? Ihnen jemand hilft oder sie uberwacht …?«

»Ich kontrolliere Ihre schon seit Wochen. In meinem eigenen Fall, und selbstverstandlich werde ich selbst das erste Subjekt meines Experiments sein, das ist eine zwingende ethische Verpflichtung, in meinem eigenen Fall wird diese Kontrolle absolut sein.«

»Ich habe es mit Selbsthypnose versucht, bevor ich die Traume unterdruckenden Medikamente benutzt habe —«

»Ja, das haben Sie schon fruher erwahnt; Sie sind naturlich gescheitert. Die Frage, ob ein unwilliges Subjekt eine erfolgreiche Autosuggestion erreichen kann, ist hochst interessant, aber dies war naturlich kein Testlauf dafur; Sie sind kein professioneller Psychologe, Sie sind kein ausgebildeter Hypnotiseur, und Sie waren ohnehin wegen der ganzen Sache schon emotional gestort; naturlich haben Sie nichts erreicht. Aber ich bin ein Profi, und ich wei? ganz genau, was ich tue. ich kann mir einen vollstandigen Traum autosuggerieren und ihn bis in die kleinste Einzelheit hinein genau so exakt traumen, als hatte ich ihn mit meinem wachen Verstand erdacht. Das habe ich die ganze letzte Woche jede Nacht getan, um in Ubung zu kommen. Wenn der Verstarker die verallgemeinerten Muster des PREM-Stadiums mit meiner eigenen REM-Phase synchronisiert, werden diese Traume dadurch wirkungsvoll. Und dann — und dann —« Die Lippen in dem lockigen dunklen Bart verzerrten sich zu einem gezwungenen, klaffenden Lacheln, einem Grinsen der Ekstase, von dem sich Orr abwenden mu?te, als hatte er etwas gesehen, das niemand jemals sehen sollte, etwas Grauenhaftes und Bemitleidenswertes zugleich. »Dann wird diese Welt wie der Himmel sein, und die Menschen Gottern gleich!«

»Das sind wir, das sind wir schon«, sagte Orr, aber der andere beachtete ihn gar nicht.

»Es gibt nichts mehr zu furchten. Die gefahrliche Zeit — hatten wir sie denn je erlebt —, war die, als Sie allein die Gabe des PREM-Traumens besa?en und nicht wu?ten, was Sie damit anfangen sollten. Wenn Sie nicht zu mir gekommen, wenn Sie nicht in die Obhut eines ausgebildeten Wissenschaftlers uberwiesen worden waren, wer wei?, was alles hatte passieren konnen. Aber Sie wurden uberwiesen, und ich war da; wie hei?t es so schon: Genialitat zeigt sich darin, stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein!« Er posaunte sein polterndes Lachen hinaus. »Also, es gibt nichts mehr zu fuhren, weil es sowieso nicht mehr in Ihren Handen liegt. Ich wei? wissenschaftlich und moralisch ganz genau, was ich tue und wie ich es tun mu?. Ich wei?, wohin ich will.«

»Vulkane spucken Feuer«, murmelte Orr.

»Was?«

»Kann ich jetzt gehen?«

»Morgen um funf.«

»Ich komme«, sagte Orr und ging hinaus.

10

Il descend, reveille, l’autre cote du reve.

Hugo, Contemplations

Es war erst funfzehn Uhr, er sollte in sein Buro im Parks Department zuruckkehren und die Bauplane fur die neuen Spielanlagen in den sudostlichen Vororten fertigstellen; aber er tat es nicht. Er dachte einmal kurz daruber nach und lie? es sein. Obwohl ihm sein Gedachtnis versicherte, da? er diese Position jetzt schon seit funf Jahren bekleidete, traute er seinem Gedachtnis nicht. Das war keine Arbeit, die er tun mu?te. Es war nicht sein Job.

Ihm war eines bewu?t, indem er solcherma?en einen gro?en Teil der Realitat, der einzigen Existenz, die er tatsachlich hatte, ins Irreale relegierte, ging er genau dasselbe Risiko ein wie der Verstand eines Geistesgestorten: den Verlust des Gefuhls, einen freien Willen zu haben. Er wu?te, wenn man leugnet, was ist, dann ist man von dem besessen, was nicht ist, den Hirngespinsten, den Schrecken, die herbeistromen, um das Nichts zu fullen. Aber das Nichts war da. Diesem Leben fehlte das Reale; es war hohl; der Traum, der schuf, ohne da? etwas geschaffen werden mu?te, war dunn und fadenscheinig geworden. Wenn dies das Sein war, dann war das Nichts vielleicht besser. Er wurde die Ungeheuer und die Zwange jenseits der Vernunft akzeptieren. Er wurde nach Hause gehen und keine Medikamente einnehmen, aber schlafen und die Traume traumen, die da kommen mochten.

Er stieg in der Innenstadt aus der Seilbahn, nahm jedoch nicht die Stra?enbahn, sondern machte sich zu Fu? zu seinem eigenen Distrikt auf; er war immer gern spazierengegangen.

Hinter dem alten Lovejoy Park stand noch ein Stuck des alten Freeway, eine riesige Rampe, die vermutlich aus den letzten zwanghaften Zuckungen der Stra?enbaumanie in den siebziger Jahren datierte; sie mu?te einst zur Marquam Bridge gefuhrt haben, endete jetzt aber zehn Meter uber der Front Avenue in der Luft. Sie war nicht zerstort worden, als die Stadt nach den Jahren des Schwarzen Todes gesaubert und neu aufgebaut wurde, was daran liegen mochte, da? sie gro?, nutzlos und ha?lich, und damit fur das amerikanische Auge unsichtbar war. Da stand sie; ein paar Busche hatten im Stra?enbelag Fu? gefa?t, wahrend darunter eng zusammengedrangte Gebaude hochgewachsen waren wie Schwalbennester an einer Felsklippe. In diesem drogen und eher unscheinbaren Teil der Stadt gab es noch kleine Geschafte, unabhangige Markte, unappetitliche kleine Restaurants und so weiter, die trotz der strengen Auflagen des allgemeingultigen Gesetzes uber die gerechte Rationierung von Endverbraucherprodukten und die erdruckende Konkurrenz der gro?en WPZ-Supermarkte und Verkaufsstellen, uber die neunzig Prozent des gesamten Welthandels abgewickelt wurden, eine karge Existenz fristeten.

Bei einem dieser Geschafte unter der Rampe handelte es sich um einen Gebrauchtwarenhandler; auf einem Schild uber den Schaufenstern stand ANTIQUITATEN, wahrend ein auf dem Glas aufgemaltes Plakat mit abblatternder Farbe in mangelhafter Rechtschreibung TRODDEL verkundete. In einem Schaufenster standen primitive handgetopferte Keramikgefa?e, ein alter Schaukelstuhl, uber den ein mottenzerfressener Paisleyschal drapiert worden war, in einem anderen, und um diese beiden Schmuckstucke herum ein wahres Durcheinander

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