sagen sie das: Er’ perrehnne. Laut oder im Geiste. Einmal. Deutlich. Versuchen Sie es.«

»Warum?«

»Weil es funktioniert.«

»Wie funktioniert?«

»Sie bekommen ein wenig Hilfe von Ihren Freunden«, sagte George. Er stand auf. Heather sah ihn voller Entsetzen an. Seine Worte horten sich verruckt an — Habers Heilung hatte ihn wahnsinnig gemacht, sie hatte es immer befurchtet. Aber Haber reagierte nicht so — richtig? —, wie er auf zusammenhangloses oder psychotisches Geschwatz reagieren sollte.

»Iahklu’ ist zuviel fur eine einzelne Person«, sagte George gerade, »es lauft aus dem Ruder. Sie wissen, was erforderlich ist, es zu kontrollieren. Oder vielmehr, nicht exakt zu kontrollieren, das ist nicht das richtige Wort; es dort zu lassen, wo es hingehort, den richtigen Weg zu gehen … Ich verstehe es nicht. Vielleicht konnen Sie es ja. Bitten Sie sie um Hilfe. Sagen Sie Er’ perrehnne, bevor Sie … bevor Sie auf den EIN-Knopf drucken.«

»Vielleicht haben Sie gar nicht so Unrecht«, sagte Haber. »Vielleicht lohnt sich eine Untersuchung. Ich kummere mich darum, George. Ich lasse einen Aldebaraner aus dem Kulturzentrum raufkommen und werde zusehen, ob ich ein paar Informationen daruber bekommen kann … Fur Sie ist das alles Fachchinesisch, Mrs. Orr, hm? Ihr Mann hatte in die Psychologie gehen sollen, in die Forschung; es ist eine Verschwendung, da? er sein Dasein als Bauzeichner fristet.« Warum sagte er das? George entwarf als Landschaftsarchitekt Parks und Spielplatze. »Er besitzt ein Handchen dafur, er ist ein Naturtalent. Ich ware nie auf die Idee gekommen, die Aldebaraner mit ins Boot zu nehmen, aber damit konnte er wirklich und wahrhaftig recht haben. Sie sind wahrscheinlich froh, da? er kein Seelenklempner ist, hm? Schrecklich, wenn der Liebste einem am E?zimmertisch die unterbewu?ten Begierden analysiert, was?« Er lachte polternd und donnernd und fuhrte sie hinaus. Heather war besturzt und den Tranen nahe. »Ich hasse ihn«, sagte sie nachdrucklich, als sie auf der spiralformigen Rolltreppe nach unten fuhren. »Er ist ein gra?licher Mann. Falsch. Ein gro?er Blender!«

George nahm ihren Arm. Er sagte nichts.

»Hast du es uberstanden? Wirklich uberstanden? Du mu?t keine Medikamente mehr nehmen und du mu?t nicht mehr zu diesen schrecklichen Sitzungen?«

»Ich denke ja. Er wird meine Papiere einschicken, und in sechs Wochen bekomme ich meine Freigabe. Wenn ich mich gut fuhre.« Er lachelte ein wenig mude. »Das war hart fur dich, Liebes, aber nicht fur mich. Diesmal nicht. Aber ich habe Hunger. Wohin gehen wir zum Essen? Casa Boliviana?«

»Chinatown«, sagte sie und erstarrte. »Ha-ha«, fugte sie hinzu. Das alte Chinesenviertel war zusammen mit dem Rest der Innenstadt abgerissen worden, vor mindestens zehn Jahren. Aus unerfindlichen Grunden hatte sie das einen Moment ganz vergessen. »Ich meine Ruby Loo’s«, sagte sie verwirrt.

George zog ihren Arm ein wenig dichter an sich. »Prima«, sagte er.

Es war leicht zu finden; die Seilbahn hielt auf der anderen Seite des Flusses im alten Lloyd Center, einst das gro?te Einkaufszentrum der Welt vor dem Zusammenbruch. Heute waren die vielgeschossigen Parkhauser so ausgestorben wie die Dinosaurier; viele Geschafte und Laden an der zweistockigen Promenade geschlossen und vernagelt. Die Eisbahn war seit zwanzig Jahren nicht mehr gefullt worden. Kein Wasser flo? in den bizarren, romantischen Brunnen aus Schmiedeeisen. Aus kleinen Zierbaumchen waren enorme Baume geworden, deren Wurzeln den Asphalt Meter um die zylinderformigen Umrandungen herum sprengten. Stimmen und Schritte hallten ubertrieben laut und ein wenig hohl, wenn man durch diese langen, unzureichend beleuchteten und halb verfallenen Arkaden ging.

Ruby Loo’s lag auf der oberen Etage. Die Zweige einer Ro?kastanie verdeckten die Glasfassade beinahe. Der Himmel uber ihnen hatte eine zarte, aber auffallige grune Farbung, die Farbe, die man kurz an einem Fruhlingsabend sehen kann, wenn es nach einem Regengu? aufgeklart hat. Heather schaute zu dem fernen, unglaublich friedlichen Jadehimmel auf; das Herz ging ihr auf und sie spurte, wie alle Angste von ihr abfielen wie eine abgestreifte Schlangenhaut. Aber das war nicht von Dauer. Es folgte eine seltsame Umkehr, eine Verlagerung. Etwas schien sie einfangen, sie festhalten zu wollen. Sie blieb beinahe stehen und wandte den Blick von dem Himmel aus Jade auf die verlassenen, langen, halbdunklen Gehwege vor sich. Dies war ein merkwurdiger Ort. »Es ist gruselig hier oben«, sagte sie.

George zuckte die Achseln, aber sein Gesicht sah angespannt und recht grimmig aus.

Wind war aufgekommen, zu warm fur den April vergangener Zeiten, ein feuchter, hei?er Wind, der die gro?en Zweige der Kastanie mit ihren grunen Fingern in Bewegung versetzte und weiter unten in den langen, menschenleeren Fluren Abfall aufwirbelte. Das rote Neonschild hinter den zuckenden Zweigen schien im Wind truber zu werden und zu schwanken, seine Form zu verandern; es verkundete nicht Ruby Loo’s, es verkundete uberhaupt nichts mehr. Nichts verkundete mehr etwas. Nichts hatte einen Sinn. Der Wind wehte hohl durch leere Innenhofe. Heather wandte sich von George ab und ging zur nachsten Wand; sie war in Tranen ausgebrochen. In ihrem Schmerz war ihr erster Instinkt, sich zu verstecken, sich in die Ecke einer Mauer zu verkriechen und sich zu verstecken.

»Was ist denn, Liebes … Schon gut. Nicht aufgeben, es wird alles wieder gut.«

Ich verliere den Verstand, dachte sie; es war nicht George, es war die ganze Zeit nicht George, ich war es.

»Alles wird gut«, flusterte er nochmals, aber sie horte an seiner Stimme, da? er es selbst nicht glaubte. Sie spurte an seinen Handen, da? er es nicht glaubte.

»Was ist nur los?« rief sie verzweifelt. »Was ist denn nur los?«

»Ich wei? nicht«, sagte er fast achtlos. Er hatte den Kopf gehoben und sich ein wenig von ihr abgewendet, druckte sie aber immer noch an sich, um ihren Weinkrampf zu beenden. Er schien zu beobachten, zu horchen. Sie spurte, wie sein Herz heftig und regelma?ig in seiner Brust schlug.

»Heather, hor mir zu. Ich mu? zuruck.«

»Wohin zuruck? Was ist denn nur los?« Ihre Stimme klang dunn und schrill.

»Zu Haber. Ich mu? gehen. Sofort. Warte auf mich — im Restaurant. Warte auf mich, Heather. Komm mir nicht hinterher.« Er verschwand. Sie mu?te ihm folgen. Er ging, ohne sich umzusehen, hastig die lange Treppe hinunter, unter den Arkaden hindurch, an dem trockenen Brunnen vorbei, zur Haltestelle der Seilbahnstation hinaus. Dort wartete eine Kabine am Ende des Seils; er sprang hinein. Sie lief weiter, das Atmen tat ihr in der Brust weh, als sich die Kabine gerade in Bewegung setzte. »Was soll das alles, George?«

»Es tut mir leid.« Er keuchte ebenfalls. »Ich mu? dorthin. Ich wollte dich da nicht mit reinziehen.«

»Wo rein?« Sie ha?te ihn. Sie sa?en auf gegenuberliegenden Sitzen und schnauften sich an. »Warum fuhrst du dich auf wie ein Verruckter? Warum gehst du wieder dorthin zuruck?«

»Haber —« Georges Stimme versagte einen Moment. »Er traumt«, sagte er. Eine ubermachtige, panische Angst uberkam Heather; sie achtete nicht darauf.

»Traumt was? Na und?«

»Schau zum Fenster hinaus.«

Sie hatte nur ihn angesehen, wahrend sie liefen und seit sie in die Kabine eingestiegen waren. Jetzt uberquerte die Seilbahn den Flu? hoch uber dem Wasser. Aber es gab kein Wasser mehr. Der Flu? war ausgetrocknet. Das Flu?bett lag rissig und verschlammt im Scheinwerferlicht der Brucken, ubelriechend, voller Unrat, Schlick, Gebeine und verlorene Werkzeuge, sterbende Fische. Die gro?en Schiffe lagen umgesturzt und rostend an den hoch aufragenden, verschlickten Docks.

Die Gebaude der Innenstadt von Portland, Hauptstadt der Welt, die hohen, neuen, hubschen Kuben aus Stein und Glas mit den angemessenen Grunanlagen dazwischen, die Festungen der Regierung — Forschung und Forderung, Kommunikation, Industrie, Wirtschaftsplanung, Umweltschutzbehorde — schmolzen. Sie wurden weich und schwankten wie Wackelpudding, der zu lange in der Sonne gestanden hat. Die Kanten waren bereits an den Seiten hinabgeflossen und hatten riesige, beigefarbene Schlieren hinterlassen.

Die Seilbahn fuhr sehr schnell und hielt nicht mehr an den Haltestellen: mit dem Kabel mu?te etwas nicht im Ordnung sein, dachte Heather ohne eine Spur personlicher Anteilnahme. Sie rasten weiter uber die in Auflosung begriffene Stadt hinweg, tief genug, da? sie das Rumoren und die Schreie horen konnten.

Als die Kabine hoher stieg, wurde der Mount Hood hinter George sichtbar, der ihr gegenuber sa?. Wahrscheinlich bemerkte er den roten Widerschein als Spiegelung in ihrem Gesicht oder ihren Augen, denn er

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