»Ein junger Krieger, der vom Meer her kommt und Frieden und Wohlstand bringt: Das ist ein sehr abgedroschenes Thema. In Zeiten des Hungers, des Krieges und der Entbehrung werden Lieder dieser Art oft popular.«

Aber es war offenkundig, da? sie fur Cornelius Paullinus eine andere Bedeutung hatten. Er sagte: »Dies ist nur die scheinbare Bedeutung: Diese Worte, die als letzte aus dem Mund eines sterbenden Helden kamen, mussen einen anderen Sinn haben, einen tieferen und schwerwiegenderen, der fur die Rettung dieses Landes und unser aller Heil von gro?er Bedeutung ist. Der Adler steht fur Rom, und der Drache ist unser Symbol, das Feldzeichen der Legion Britanniens. Ich habe das Gefuhl, da? sich alles klaren wird, wenn du erst einmal in Italien und beim Kaiser angekommen bist. Geh, ich bitte dich, und fuhre deine Mission zu Ende.«

So eindringlich und beseelt waren seine Worte, da? ich akzeptierte, was er von mir verlangte, auch wenn dieser merkwurdige Vers in mir keine besondere Vision hervorgerufen hatte. Vor dem Senat von Carvetia, der unter der Leitung von Kustennin zu einer Vollversammlung zusammengetreten war, schwor ich, da? ich mit einem Heer zuruckkehren wurde, um unser Land ein fur allemal von der barbarischen Gefahr zu befreien. Am nachsten Morgen brach ich auf, und bevor ich mit meinen Reisegefahrten zum Hafen hinunterging, warf ich einen letzten Blick auf die Festung des Gro?en Walles, auf den roten Drachen, der vom hochsten Turm flatterte, auf die aufrechte Gestalt auf der Estrade, die in einen Umhang derselben Farbe gehullt war. Dann verschwanden Cornelius Paullinus und seine Hoffnungen langsam hinter mir im Dunstschleier des Herbstmorgens.

Wir stachen bei gunstigem Wind in See und gingen schon Ende Oktober in Gallien an Fand, aber von da an gestaltete sich unsere Reise so lang und muhselig, wie ich es vorhergesehen hatte. Einer meiner Reisegefahrten erkrankte, nachdem er in das eiskalte Wasser eines Flusses gefallen war, und starb; ein zweiter verirrte sich, als wir wahrend der Uberquerung der Alpen in einen Schneesturm gerieten. Die beiden letzten fielen einem Hinterhalt zum Opfer, den uns eine Rauberbande in einem Wald gestellt hatte. Ich kam als einziger mit dem Leben davon, doch als ich in Ravenna eintraf, bemuhte ich mich vergebens, vom Kaiser empfangen zu werden: Er war ein verweichlichter Einfaltspinsel in der Hand anderer Barbaren. Weder die Bitten noch das Fasten, zu denen mich Paullinus aufgefordert hatte, fruchteten. Am Ende jagten mich die Diener, meiner Anwesenheit uberdrussig, mit Stockhieben aus dem Atrium des Palastes.

Zermurbt vom langen Warten und Hungern lie? ich, von Verzweiflung gepackt, diese Stadt und ihre anma?enden Menschen weit hinter mir. Ich zog von Dorf zu Dorf, bat die Bauern um Gastfreundschaft und bezahlte ein Stuck trockenes Brot oder einen Becher Milch abwechselnd mit meiner Arbeit als Arzt oder Tierarzt, je nachdem, welcher meiner Berufe gerade gefragt war. Aber ohne Zweifel war ich in manchen Fallen eher motiviert, unschuldigen Fasttieren zum Uberleben zu verhelfen, als stumpfsinnigen, brutalen Menschen.

Was war doch blo? aus dem edlen romischen Volk geworden! Das Land war von Stra?enrauberbanden verseucht, und die Gehofte bewohnt von armseligen Bauern, die durch unertragliche Abgaben niedergedruckt wurden. Die Stadte an den alten, ruhmreichen Konsularstra?en, die einstmals machtige, turmbewehrte Festungsgurtel besessen hatten, waren jetzt nur noch Phantome mit verfallenden und halbzerstorten Mauern, aus deren Trummern die dunklen Ranken des Efeus sprossen. Ausgemergelte Bettler auf den Schwellen der Hauser der Reichen rauften mit den Hunden um die Abfalle und ubelriechenden Innereien geschlachteter Tiere. Auf den Hugeln wuchsen weder Wein noch die silberblattrigen Olivenbaume, von denen ich getraumt hatte, seit ich in meiner Kindheit in den Schulen Carve-tias die Gedichte von Horaz und Vergil gelesen hatte, und es gab auch keine wei?en Rinder mit halbmondformigen Hornern, die die Pfluge zogen, um die Schollen umzudrehen; ebensowenig vervollstandigte die feierliche, ausladende Geste des Samanns dieses Bild. Nur struppige, verwilderte Hirten trieben Schaf- und Ziegenherden auf verdorrte Weiden oder Herden von Schweinen unter die Eichen und balgten sich oft mit den Tieren um die Eicheln, weil sie selbst so hungrig waren.

Worauf hatten wir blo? unsere Hoffnungen gestutzt? Die Ordnung wurde - wenn dieser Ausdruck uberhaupt angemessen ist - von Barbarentrupps aufrechterhalten, die bereits den gro?ten Teil des kaiserlichen Heeres ausmachten und ihren eigenen Fuhrern ergebener waren als den wenigen romischen Offizieren. Sie schikanierten das Volk viel mehr, als da? sie es beschutzten. Das Reich war inzwischen nicht mehr als eine Larve, eine leere Hulle wie sein Kaiser, und diejenigen, die einst die Herren der Welt gewesen waren, achzten nun unter der Knute ungehobelter und anma?ender Unterdrucker. Wie oft musterte ich diese verrohten Gesichter, diese schmutzigen Stirnen, triefend vom Schwei? der Unterwurfigkeit, wahrend ich in ihnen die edlen Zuge eines Casars und eines Manus oder den erhabenen Ausdruck von Cato oder Seneca zu entdecken suchte! Dennoch blitzte so plotzlich, wie mitten im Sturm ein Sonnenstrahl durch dichtes Gewolk dringt, und ohne irgendeinen ersichtlichen Grund, aus diesen Blicken gelegentlich die stolze Kuhnheit der Vorfahren auf, und dies veranla?-te mich zu glauben, da? vielleicht doch nicht alles verloren war.

In samtlichen Stadten und Dorfern hatte die Religion Christi triumphiert, und der gekreuzigte Gott blickte von Altaren, aus Stein und Marmor gehauen, auf seine Glaubigen herab. Doch auf dem weiten Lande, verborgen und vom dichten Geholz geradezu geschutzt, erhoben sich noch immer die Tempel der alten Gottheiten der Vorvater. Unbekannte Hande legten vor den zerbrochenen und verstummelten Bildnissen Opfergaben nieder, und manchmal erklangen im Dickicht der Walder und von den Gipfeln der Berge Flotentone und Trommelwirbel, um unbekannte Glaubige herbeizurufen, damit sie die Dryaden aus den Waldern und die Nymphen aus den Bachen und Seen beschworen. In den abgelegensten Gegenden, in der Tiefe von Hohlen konnte mitten im duftenden Moos unerwartet das raubtierahnliche Bild eines Pan mit dem gespaltenen Huf und dem riesigen erigierten Phallus auftauchen - ein Zeugnis von Orgien, die weder vergessen noch abgeschafft waren.

Die Priester Christi predigten von seiner bevorstehenden Wiederkehr und seinem Jungsten Gericht und ermahnten die Leute, vom Gedanken an die weltliche Stadt abzulassen, um den Blick und die Hoffnung einzig auf die Stadt Gottes zu richten. So starb Tag fur Tag in den Herzen der romischen Menschen die Liebe zum Vaterland, verschwand der Kult der Ahnen und der heiligsten Erinnerungen, die nur noch den theoretischen Studien der Redner dienten.

Jahrelang war ich einzig und allein damit beschaftigt, von einem Tag zum anderen zu uberleben, und verga? den Grund, der mich ursprunglich so weit aus meinem eigenen Land getrieben hatte. Ich war mir vielmehr sicher, da? inzwischen auch dort oben, am Fu?e des Gro?en Walls, alles in Ruinen lag, alles verloren war, die Freunde und Gefahrten tot, erloschen die Hoffnung auf Freiheit und Wurde und ein normales Leben. Mit welchem Geld und mit welchen Vorraten hatte ich tatsachlich eine Ruckkehr versuchen konnen, wenn alles, was ich verdiente, kaum ausreichte, um meinen nagenden Hunger zu stillen? Ich hatte nur noch einen Wunsch -oder vielleicht war es blo? ein Traum -, namlich Rom zu sehen! Trotz der grausamen Plunderung, die die Stadt mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor durch die Barbaren Alarichs erlitten hatte, war sie noch immer eine der schonsten Stadte der Erde. Sie wurde jetzt zwar eher durch die Agide des Pontifex geschutzt als durch die halbzerstorte Aurelianische Mauer, aber immerhin trat dort noch in der alten Kurie der Senat zusammen, wenn es auch mehr darum ging, eine altehrwurdige Tradition aufrechtzuerhalten, als um wirkliche Entscheidungen, die ohnehin kaum noch in seinen Zustandigkeitsbereich fielen. So brach ich eines Tages in der Aufmachung eines christlichen Priesters auf, der einzigen vielleicht, die den Banditen und Dieben einen gewissen ehrfurchtigen Schrecken einjagte. Und auf dieser Reise uber den Apennin geschah es, da? sich mein Los plotzlich so anderte, als habe sich das Schicksal unversehens an mich erinnert, als habe es bemerkt, da? ich noch am Leben war und in diesem trostlosen Landstrich, in diesem Land ohne Hoffnung, noch zu etwas von Nutzen sein konnte.

Es war an einem Abend im Oktober, die Dunkelheit brach gerade an, und ich bereitete einen Unterschlupf fur die Nacht vor, indem ich unter einem Felsvorsprung trockene Blatter zu einem Nachtlager aufhaufte. Da kam es mir auf einmal so vor, als hatte ich aus der Tiefe des Waldes einen Klagelaut gehort. Ich dachte an den Schrei eines Nachttieres oder den Ruf der Eule, der so sehr an das Stohnen eines Menschen erinnert, doch dann wurde mir schnell klar, da? es sich um das Wehklagen einer Frau handelte. Ich stand auf und folgte diesem Laut, indem ich so leicht und unsichtbar zwischen den Schatten des Waldes hindurchschlich, wie ich in meiner Jugend gelernt hatte, mich im heiligen Wald von Gleva zu bewegen. Plotzlich tauchte vor mir, inmitten einer Lichtung, ein Lager auf, das teils von romischen Soldaten, teils von Barbaren bewacht wurde, die aber alle auf romische Art und Weise ausgerustet und postiert waren. In der Mitte des Lagers brannte ein Feuer, und eines der Zelte war von innen erhellt. Das Jammern kam von dort. Ich trat naher, und niemand hielt mich zuruck, weil es mir in diesem Augenblick dank meiner alten Druidenkunst gelang, meinen Korper ganz dunn zu machen, ihn fast in

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