abzurusten. Dann wurden sie dich mit Beruhigungsmitteln vollschie?en, mit zuruck ins Hauptquartier nehmen und dich bei lebendigem Leib sezieren, um an all deine Familiengeheimnisse und insbesondere die Rustung zu kommen. Mit mir wurden sie wahrscheinlich das Gleiche machen, dafur, dass ich zur Verraterin geworden bin. Lieber gehe ich kampfend unter! Oder wenigstens fliehend.«
»Du hast das wirklich durchgedacht«, sagte ich.
»Haha! Das ist jedenfalls das, was ich machen wurde! Jetzt halt dich fest! Unsere einzige wirkliche Chance ist, diese Dreckskerle abzuhangen!«
Ein schwarzer Wagen kam aus einer Seitengasse heraus vor uns auf die Stra?e geschossen, drehte sich auf quietschenden Reifen herum und raste direkt auf uns zu. Wir waren auf beiden Seiten von Autos blockiert und hatten keinen Raum zum Manovrieren. Ich hatte abspringen konnen - die Rustung hatte mich beschutzt. Aber damit ware Molly sich selbst uberlassen gewesen … Ich versuchte noch herauszukriegen, was ich machen sollte, als Molly den Motor auf Teufel komm raus hochjagte und die Maschine direkt auf den glanzenden Kuhler des herannahenden schwarzen Wagens richtete. Ich konnte sie etwas singen horen, aber der brausende Wind riss ihre Worte mit sich fort. Der schwarze Wagen ragte bedrohlich vor uns auf, nah genug, dass ich den Fahrer lachen sehen konnte, und dann, im allerletzten Moment, erhob sich die Vincent in die Luft und segelte geradewegs uber das Dach des schwarzen Wagens hinweg. Fast sto?frei setzten wir hinter dem Wagen wieder auf der Stra?e auf und fuhren weiter. Ich drehte mich gerade noch rechtzeitig um, um zu sehen, wie der Wagen vom Manifesten Schicksal in einen anderen schwarzen Wagen donnerte, der direkt hinter uns gewesen war. Die beiden Wagen krachten zusammen, Motorhaube gegen Motorhaube, und flogen dann mit einer befriedigend lauten Explosion in die Luft.
Ich drehte mich wieder nach vorn und druckte Molly dicht an mich, sodass ich ihr ins Ohr schreien konnte. »Ich wusste nicht, dass die Maschine das kann!«
»Kann sie auch nicht! Aber ich. Wenn auch nicht sehr oft, du solltest also lieber hoffen, dass es nicht nochmal notig ist!«
Ich schickte noch ein paar Sto?gebete zu Sankt Christophorus hoch.
Molly schwang die Maschine um eine enge Kurve und bremste dann so scharf, dass es mir die Luft aus der Lunge getrieben hatte, wenn ich nicht meine Rustung getragen hatte. Die Stra?e vor uns war wie ausgestorben, ohne jegliche Fahrzeuge oder Fu?ganger. Die Einzigen, die das so schnell arrangiert haben konnten, waren meine Familie. Und tatsachlich, da waren sie! Ich schaute uber Mollys Schulter und sah, was sie bereits bemerkt hatte: Auf halbem Weg die Stra?e hinunter standen wie Statuen drei goldene Gestalten, auf deren Rustungen das Morgenlicht hell glanzte.
Ehrlich gesagt fuhlte ich mich ein wenig geschmeichelt: Drei Frontagenten, nur um mich dingfest zu machen! Ich hatte keinerlei Zweifel, dass sie es schaffen konnten. Also steckte ich den Repetiercolt weg und druckte den Knopf auf meiner Umkehruhr. Gott segne dich, Onkel Jack! Die Zeit spulte sich zuruck und drehte die Welt um drei?ig Sekunden ruckwarts, sodass Molly und ich uns gerade wieder der Kurve naherten. Als Molly sich anschickte, sie zu nehmen, schrie ich ihr eindringlich ins Ohr, und sie bremste so plotzlich, dass das Hinterrad blockierte und die Maschine schleudernd zum Stehen kam. Wir sprangen beide ab, und sie sagte die
Die drei goldenen Frontagenten sprinteten bereits auf uns zu, aber ein Dutzend schwarzer Wagen kam mit kreischenden Radern um die Kurve geschossen. Sie sahen die Frontagenten und steuerten ihre gepanzerten Wagen direkt auf sie zu, die Dummkopfe. Molly und ich beobachteten aus dem Schatten der Seitengasse heraus, wie der erste Wagen den ersten Agenten erreichte. Der Drood blieb einfach stehen, und dann, im allerletzten Moment, lie? er seine goldene Faust auf die Motorhaube des schwarzen Wagens herunterkrachen. Die ganze Wagenfront wurde zusammengepresst, in den Boden gerammt, das Hinterteil kam hoch und der Wagen schlug einen Salto uber den Kopf des Agenten hinweg, bevor er hinter ihm wieder aufschlug.
Der zweite Agent sturzte sich durch die Windschutzscheibe des nachsten Wagens, totete samtliche Insassen und warf sich durch die Heckscheibe auf die Motorhaube des Wagens dahinter. Der dritte Agent hob einen der gepanzerten Wagen hoch und benutzte ihn, um damit nach einem anderen zu schlagen. Schwarze Wagen kamen mit kreischenden Radern zum Stehen, Manner ergossen sich aus ihnen und feuerten aus allen moglichen Arten von Waffen. Bald war die ganze Stra?e voller Manner bosen Willens, denen von drei Gestalten in goldener Rustung entsetzliche Dinge angetan wurden.
Sie machten mich stolz, ein Drood zu sein.
»Zeit zu verschwinden!«, raunte ich Molly zu.
»Verflucht, deine Angehorigen sind gut!«, sagte sie.
Wir schlichen uns weg, blo? zwei weitere entsetzte Fu?ganger, die vor dem Gemetzel die Flucht ergriffen. Plotzlich bemerkte ich, dass auf Mollys Gesicht Blut war; es tropfte ihr aus der Nase und lief ihr aus dem Mund ubers Kinn. Sie versuchte, es mit einem kleinen Seidentaschentuch aus ihrem Armel abzutupfen, was jedoch nur dazu fuhrte, dass sie es noch mehr verteilte. Ich unterbrach sie und nahm mein eigenes Taschentuch heraus. Molly blieb still stehen und lie? mich das Blut von ihrem Gesicht abtupfen.
»Was ist passiert?«, fragte ich. »Bist du getroffen worden? Hat dich eine Kugel erwischt?«
»Nein«, antwortete Molly, »das habe ich selbst zu verantworten. Ich hab's dir ja gesagt: Raumportale sind ernst zu nehmende Magie; sie verlangen mir viel ab. Und was ich dann obendrein noch mit dem Motorrad gemacht habe … Fur Magie muss man immer bezahlen, auf die ein oder andere Art. Deshalb sind Rituale und Vorbereitung ja auch so wichtig: Sie rufen die fur meine Zauber notigen Energien hervor, sodass ich nicht auf die Reserven meines eigenen Korpers zugreifen muss. Und fur dich habe ich kurzlich eine Menge schneller und schmutziger Zauber gewirkt, Eddie.«
»Es tut mir leid«, sagte ich. »Das wusste ich nicht. Mir war nicht klar, was ich von dir verlangt habe. Glaub nicht, ich wusste das nicht zu wurdigen! So, jetzt siehst du besser aus.«
»Danke.«
»Schon gut. Ich kann doch nicht zulassen, dass du Aufmerksamkeit auf uns ziehst, oder?«
»Du bist ja so ein Gentleman!« Sie sah mich an. »Du siehst selbst ziemlich … schei?e aus, Eddie. Was macht der Arm?«
»Ist schlimmer ohne die Rustung.«
»Das Gift breitet sich aus, stimmt's?«
»Ja. Das Schmerz ist uber meine Schulter gewandert und sitzt jetzt auch in meinem Brustkorb. Sind wir weit von deinem nachsten vogelfreien Agenten weg?«
»Nicht allzu sehr. Ich bin die ganze Zeit uber schon in die allgemeine Richtung gefahren; von hier aus konnen wir ihn zu Fu? erreichen.«
»Gut! Dann wollen wir mal den Maulwurf in seinem Loch besuchen!«
»Witzig, dass gerade du das sagst«, meinte Molly.
Kapitel Sechzehn
Allein daheim
Ich war nicht scharf darauf, das U-Bahnnetz wieder zu betreten, aber Molly bestand darauf. Es kam mir so vor, als ob mir jedes Mal, wenn ich mich in letzter Zeit unter die Erde begeben hatte, schlimme Dinge widerfahren waren. Aber andererseits war es oberirdisch auch nicht so besonders sicher gewesen. Molly und ich gingen den Weg zuruck, den wir gekommen waren, und hielten auf den Bahnhof Blackfriars zu, und es war, als ob wir durch Kriegsgebiet gingen. Verungluckte Autos, brennende Geschafte, Schaden und Trummer uberall. Menschen wankten durch die Gegend, benommen und verwirrt, und schrien und klammerten sich aneinander. Und Leichen, auf der Stra?e oder aus ausgebrannten Raumlichkeiten auf den Burgersteig hinausgezerrt, manchmal anstandig mit einem Mantel bedeckt, haufiger nicht. Ich fuhlte mich wie betaubt, angeekelt: Das hier hatte nicht passieren durfen! In all den geheimen Kampfen, die ich jemals gefochten hatte, hatte ich nicht ein einziges Mal zugelassen, dass sie in die wirkliche Welt uberschwappten. Und garantiert nie hatte ich zugelassen, dass Zivilisten zu Schaden kamen.
