»Hor auf damit!«, sagte Molly ruhig. »Nichts hiervon ist deine Schuld. Das Manifeste Schicksal ist verantwortlich fur das, was hier geschehen ist, die Dreckskerle.«
»Wir haben uns von ihnen jagen lassen«, wandte ich ein.
»Was war die Alternative? Nicht weichen und schnell sterben - gunstigstenfalls? Ich glaube nicht. Du kannst dir nicht erlauben, geschnappt zu werden, Eddie! Du kannst nicht zulassen, dass dem Manifesten Schicksal eine Waffe wie deine Rustung in die Hande fallt! Und au?erdem musst du in Freiheit bleiben, weil du die Wahrheit kennst! Du hast eine Verantwortung - die Verantwortung, etwas zu tun und das Manifeste Schicksal und deine Familie daran zu hindern, die Welt wie ihr eigenes kleines Privatreich zu fuhren. Du bist die einzige Hoffnung, die diese Menschen haben!«
»Dann stecken sie in ernsten Schwierigkeiten«, sagte ich nach einer Weile.
»So ist es besser!«, lobte Molly. »Lass dich nicht von diesen Dreckskerlen fertigmachen, Eddie!«
Der Eingang zum Bahnhof Blackfriars war mit Menschen vollgestopft, Fluchtlinge, die sich vor dem Chaos in den Stra?en versteckten. Alle schnatterten und schrien aufeinander ein, aber es war offensichtlich, dass keiner einen Schimmer hatte, was tatsachlich los war. Molly und ich bahnten uns vorsichtig unseren Weg durch das Gedrange auf den Treppen und hinunter auf die Aufzuge zu. Ich hatte mir Sorgen gemacht, dass das Manifeste Schicksal oder meine Familie noch Agenten hier unten in den Bahnhofen haben konnten, die nach uns Ausschau hielten, aber in einer Menschenmenge dieses Ausma?es waren Molly und ich blo? zwei Leute mehr. Sogar die blockierten Aufzuge waren voller schockierter und verwirrter Menschen, von denen manche weinten, manche andere trosteten oder selbst getrostet wurden. Keiner von ihnen verstand, was vor sich ging, nur dass sich etwas viel Gro?eres und Gemeineres als sie selbst in ihre friedlichen Alltagsleben gedrangt hatte. Genau um das zu verhuten, hatte ich mein Leben lang gekampft.
Ich kam mir vor, als ob ich sie im Stich gelassen hatte, und das bedeutete mir viel mehr, als meine Familie es je getan hatte.
Unten auf dem uberfullten Bahnsteig begaben Molly und ich uns unauffallig zu einem Erfrischungsgetrankeautomaten mit einem »Au?er Betrieb«-Schild daran. Wir blickten uns rasch um, um uns zu vergewissern, dass niemand uns beobachtete, und dann zog ich den Getrankeautomaten vor. Der Automat bewegte sich glatt und leicht und gab eine Geheimtur in der Wand dahinter frei. Ich musste lacheln. In der Londoner U-Bahn gibt es eine gro?e Anzahl von Geheimturen, viele davon verborgen hinter »Au?er Betrieb«- Verkaufsautomaten. Fur die Eingeweihten ist es ein geheimes Zeichen. Das ist der Grund, weshalb so viele dieser Automaten scheinbar standig au?er Betrieb sind. Die Turen fuhren zu allen moglichen interessanten Orten, und die breite Offentlichkeit ist sehr viel besser dran, wenn sie nichts von ihnen wei?. Molly murmelte ein paar
Molly beschwor eine Hand voll Hexenfeuer, und das schimmernde silberne Licht spruhte und knisterte um ihre hochgehaltene Hand. Ein dunkler, dumpfiger Gang, dessen gewolbte Backsteinwande und niedrige Decke sich konstant abwarts neigten, verlief von uns weg. Mollys Hexenlicht konnte die Dusternis nicht weit durchdringen, und die Schatten waren sehr dunkel.
»Kriegst du wirklich nichts Besseres hin als dieses Glimmen?«, fragte ich.
»Doch, aber mehr bin ich nicht bereit zu riskieren. Das hier ist kein Ort, wo man ubertriebene Aufmerksamkeit erregen mochte.«
»Wo genau gehen wir eigentlich hin? Sag mir bitte, dass wir nicht wieder in die Kanalisation hinuntersteigen!«
»Wir steigen nicht wieder in die Kanalisation hinunter.«
»Oh, welche Freude!«
»Du fangst an, mir auf den Geist zu gehen, Drood! Dieser Gang fuhrt uns in die Anlagen unter dem U- Bahnnetz. Orte, die von der Eisenbahn verlassen und aufgegeben wurden. Alte Bahnhofe, zu denen niemand mehr hingeht, eingestellte Linien, Schachte, die nie fertiggestellt wurden - die Art von Sachen.«
Ich nickte. Ich wusste, wo wir waren und wohin wir unterwegs waren; ich wollte Molly nur zeigen, dass ich wieder ich selbst war. Ich konnte das Drohnen von Zugen horen, die gar nicht so weit von uns voruberfuhren. Die Gerausche erstarben, wahrend Molly und ich den abfallenden Tunnel hinunter in die Dunkelheit gingen.
»So«, sagte ich nach einer Weile. »Was machen wir, wenn wir auf Trolle sto?en?«
»Mein Plan sieht vor, die Beine in die Hand zu nehmen. Versuch Schritt zu halten!«
»Jemand hat mir erzahlt, sie machen sich wieder bereit zu schwarmen.«
»Das passiert alle funf Jahre; man kann die Uhr danach stellen. Die Trolle ubervolkern die Tunnels und brauchen die Nahrungsvorrate auf, bis sie irgendwann der Hunger und der schiere Druck ihrer Zahl nach oben in Richtung Tageslicht und Menschen treibt. So kommen alle paar Jahre die Kopfgeldjager dazu, gutes Geld zu machen, indem sie in die Schachte hinuntersteigen und die Herde auf eine annehmbare Anzahl herunterkeulen.«
»Ich verstehe nicht, wieso wir die hasslichen Viecher nicht einfach ausrotten«, sagte ich.
»Oh, das durfen wir nicht!«, erklarte Molly. »Jede Spezies erfullt eine Funktion in der Natur, auch wenn wir sie nicht erkennen konnen. Rotte die Trolle aus, und etwas viel Schlimmeres konnte vortreten, um den freigewordenen Platz einzunehmen. Besser die hasslichen Viecher, die man kennt, als die, die man nicht kennt!«
Wir gingen weiter von einem Tunnel in den nachsten und dann in den nachsten, immer weiter nach unten, tiefer in die Erde hinab. Die Luft wurde hei? und stickig, fast schwul. Wir platschten durch abgestandene Wasserlachen auf dem Boden, und von der Decke tropfte noch mehr Wasser. In dieser Treibhausatmosphare gediehen Pilze, die, wo sich Wand und Boden trafen, in dicken, wei?en Klumpen und an der Decke in aufgedunsenen, fleischigen, verstreuten Massen wuchsen. Riesige Matten aus grunem und blauem Moos uberzogen die Wande, funf, sechs Zentimeter dick, so weit ich blicken konnte. Lange, langsame kleine Wellen versetzten die Oberflache des Mooses in wogende Bewegung, als ob unsere Anwesenheit es storte.
»Es gibt welche, die sagen, wenn man das Moos isst oder raucht, gewahrt es einem den Anblick unsichtbarer Dinge und anderer Welten«, sagte Molly.
»Dafur brauche ich kein Moos«, entgegnete ich. »Das ist ganz normal fur mich. Ist dir aufgefallen … dass es hier unten keine Ratten gibt? Nirgends!«
»Ja«, meinte Molly, »ist mir aufgefallen. Die Trolle mussen alle gefressen haben. Und wenn sie gezwungen waren, Ratten zu fressen, so kann es nur deswegen sein, weil sie alles andere schon gefressen haben. Sie mussen wirklich kurz vorm Schwarmen stehen!«
»Vielleicht konnten wir irgendwann anders wiederkommen und den Maulwurf besuchen!«, schlug ich vor.
»Fur einen Drood bist du echt ganz schon feige, was?«
»Vorsichtig«, korrigierte ich sie. »Ich ziehe das Wort
»Hor zu, die Behorden haben inzwischen bestimmt schon Kopfgeldjager heruntergeschickt.«
»Stimmt«, sagte ich. »Ich glaube, ich habe einen gefunden.«
Wir knieten beide nieder, um die Uberreste dessen in Augenschein zu nehmen, was einmal ein weiblicher menschlicher Korper gewesen war. Er lag auf dem Rucken in einer Blutlache, die schon so weit getrocknet war, dass sie sich zah anfuhlte. Seine Lederrustung war in Fetzen gerissen und der Brustkorb zerschmettert worden, um an das Fleisch darunter zu kommen. Arme und Beine waren abgerissen und die abgenagten Knochen lagen verstreut auf dem Boden herum. Das Gesicht war bis auf die Knochen weggefressen; aus leeren Augenhohlen und mit blutverschmierten Zahnen grinste uns der Schadel an.
»Irgendeine Idee, wer das gewesen sein konnte?«, fragte ich. Der Zustand der Leiche storte mich nicht; ich habe schon viele Leichen gesehen.
»Nein«, sagte Molly stirnrunzelnd. »Die einzige Kopfgeldjagerin, die ich kenne, ist Janitscharen-Jane, und das hier ist nicht ihre Rustung.«
»Du kennst Jane?«, fragte ich uberrascht.
»Wir haben zusammen an ein paar Fallen gearbeitet. Ich kann mich nur wiederholen, Eddie: Die Welt ist nicht so fein sauberlich in Schwarz und Wei? getrennt, wie deine Familie dich immer glauben machen wollte.«
