…?«

»Ich habe Kameras uberall, schon vergessen?«, entgegnete der Maulwurf mit stolzem Blinzeln. »Ich kann jede CCTV-Erfassung anzapfen, jedes beliebige Sicherheitssystem, obendrein haben meine Leute noch einen ganzen Haufen verschiedenartiger Uberwachungstechnologie an unauffalligen Stellen platziert. Ich habe Augen und Ohren in jeder gro?eren Stadt auf der Welt. Au?erdem in all den kleineren Orten, von deren Wichtigkeit die Welt nichts ahnt. Wenngleich ich immer noch Schwierigkeiten habe, in Area 53 zu kommen … Aber in London passiert nichts, wovon ich nicht fruher oder spater erfahre. O nein … Ich wusste, dass ihr hierherkommen wurdet, um nach mir zu suchen, noch bevor ihr es wusstet. O ja! Ich hatte jede Menge Zeit, daruber nachzudenken, ob ich dich hier reinlassen sollte, Edwin. Es hat dir geholfen, dass du Molly mitgebracht hast. Ein Doppelagent hatte sich nie im Leben mit der beruchtigten Molly Metcalf zusammengetan.«

Von Mollys emporter Miene nahm er keine Notiz, denn seine Augen waren gespannt auf das Chaos auf dem gro?en Bildschirm gerichtet. Die Soldaten des Manifesten Schicksals waren in vollem Ruckzug begriffen und wurden von den drei Frontagenten verfolgt. Der Maulwurf kicherte.

»Gut, dass ich das hier aufzeichne! Ich kenne Leute, die eine ganze Menge Geld dafur bezahlen, Frontagenten der Droods in Aktion zu sehen. Und andere, die sogar noch mehr bezahlen werden, um zu sehen, wie dem Manifesten Schicksal so uberzeugend in den Arsch getreten wird! Oh, dabei fallt mir ein! Entschuldigt mich einen Augenblick; ich will mich nur schnell vergewissern, dass die Apparate all meine Seifenopern ordentlich aufzeichnen. Ich hasse es, wenn ich eine Folge verpasse, weil die Gerate wieder mal das falsche Programm aufgenommen haben.«

Er widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Herumfuhrwerken an seinen Fernbedienungen, dieweil Molly und ich die Gelegenheit nutzten, ein paar Schritte von ihm wegzugehen und leise miteinander zu sprechen. Ich sprach wirklich leise; ich traute es dem Maulwurf durchaus zu, seine eigene Hohle zu verwanzen, nur fur alle Falle.

»Was meinst du?«, murmelte ich. »Konnen wir ihm trauen? Um ehrlich zu sein, ich werde das Gefuhl nicht los, dass er nicht ganz dicht ist.«

»Was hast du erwartet?«, sagte Molly genauso leise. »Er lebt seit Gott wei? wie vielen Jahren zuruckgezogen hier unten, und seine einzige Verbindung zur Au?enwelt ist das, was er auf seinen Bildschirmen sieht und im Internet erfahrt. Wie beim Seltsamen John: Wenn er nicht schon verruckt war, als er hierhergekommen ist, dann ist er es jetzt fast sicher.«

»Aber er sagt, dass er einige Dinge wei?.«

»Oh, ganz sicher! Aber ob sie stimmen oder ob sie nutzlich sind … Es liegt an dir, Eddie, ihn dazu zu bringen, dir zu erzahlen, was du wissen musst. Ich meine, der Maulwurf ist ein Schatz, aber er lebt buchstablich nicht mehr in derselben Welt wie der Rest von uns.«

»Warum hast du mich dann uberhaupt hierhergebracht?«, fragte ich ein bisschen gereizt.

»Weil der Maulwurf tatsachlich ein paar Dinge wei?, die sonst niemand wei?.«

»Flustern zeugt von sehr schlechten Manieren«, sagte der Maulwurf laut. »Und wir sind hier nicht zu Hause bei Herrn Ungezogen!«

»Entschuldigung«, sagte ich. »Wir wollten dich nicht storen. Ich hatte gehofft, du konntest ein paar Sachen wissen, die ich erfahren muss.«

»Stelle mich auf die Probe!«, meinte der Maulwurf wurdevoll. »Ich bin weise und wei? viele Dinge. Ja. Einschlie?lich einer ganzen Menge, die ich gar nicht wissen sollte.«

»Wei?t du, weshalb man mich fur vogelfrei erklart hat?«, fragte ich rundheraus. »Weshalb die Matriarchin so dringend meinen Tod will?«

»Ach so«, sagte der Maulwurf mit offensichtlicher Enttauschung. Er faltete die fleischigen Hande uber seinem hervorquellenden Bauch. »Ich bin nicht eingeweiht in die inneren Vorgange in unserer Familie. Nicht mehr. Nein. Ich konnte dir nicht mal sagen, warum ich zum Vogelfreien gemacht wurde.« Er blinzelte mich durch seine schweren Glaser traurig an und seufzte wehmutig. »Damals war ich ein geachteter Familiengelehrter. War nie in der Welt drau?en, wollte nie. Ich arbeitete an einer offiziell sanktionierten Historie der Familie. Unbeschrankter Zugang zur Bibliothek, Zugang zu allen Dokumenten, Interviews mit jedem, den ich wollte. Jede Menge faszinierende Geschichten … ehe ich mich's versehe, bin ich auf der Flucht, und die bellende Meute heftet sich an meine Fersen. Zum Gluck war ich schon damals so etwas wie ein Voyeur.« Er kicherte. »Nichts Boswilliges. Nicht wirklich. Ich mochte es einfach, Sachen zu wissen … Es zahlte sich allerdings aus; ich war schon aus dem Herrenhaus raus, in meinem Rucksack so viele Wertsachen, wie ich hineinstopfen konnte, ehe die offizielle Anweisung kam, mich aufzuhalten. Oh, ja … Ich tauchte hier unter. Ich wusste von diesem Ort. Ich bin nicht der erste Maulwurf unter London, musst ihr wissen. Es gab andere vor mir, aus verschiedenen Grunden. Ich habe nur weitergebaut, was sie begonnen haben.

Aber warum ich geachtet worden bin, wei? ich immer noch nicht. Nach all den Jahren des Wuhlens und Aushorchens und Lauschens an elektronischen Schlussellochern bin ich nicht schlauer als zu Anfang. Nein. Ich kann nur Vermutungen anstellen … Ich muss kurz davor gestanden haben, etwas wirklich Wichtiges zu entdecken, irgendein unergrundliches, dunkles Familiengeheimnis, dass die Droods um jeden Preis verborgen halten mussen … Ich wunschte nur, ich wusste, was es war. Ich wurde es allen verkaufen, nur um die Familie fur das bezahlen zu lassen, was sie mir angetan hat!«

Wieder eine Sackgasse. Mit finsterer Miene dachte ich nach. »Das erinnert mich stark an das, was dem alten Bibliothekar widerfahren ist«, sagte ich schlie?lich.

»Ah, ja«, meinte der Maulwurf. »Armer alter William! Du wei?t, was aus ihm geworden ist?«

»Ja«, sagte ich. »Molly und ich haben ihn heute Morgen besucht. Er konnte uns nicht viel sagen.«

»Ich bin uberrascht, dass er euch uberhaupt etwas gesagt hat«, meinte der Maulwurf. »Ich schicke schon seit Jahren Leute zu ihm, die mit ihm reden sollen, ohne Erfolg. Du musst mir unbedingt alles erzahlen, was er dir gesagt hat, bevor du gehst, damit ich es aufzeichnen kann! Alles, jedes einzelne Wort! Ja. Ich werde die Aufzeichnungen spater studieren, um zu sehen, ob ich Verweise auf irgendwelche brauchbaren Zusammenhange finden kann.«

»Wei?t du, was er herausgefunden hat?«, fragte ich. »Was es war, das ihn in den Wahnsinn getrieben hat? Er erwahnte das Sanktum und das Herz …«

»Tatsachlich? Hat er das? Das ist interessant … Sagt mir allerdings nichts. Nein. Daruber muss ich nachdenken. Ja. Trotzdem kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass wir wahrscheinlich besser dran waren, wenn wir nichts wussten. Schau dir doch an, was dieses Wissen aus einem brillanten Kopf wie ihm gemacht hat …« Der Maulwurf blinzelte ein paarmal schnell und wechselte dann bewusst das Thema. »Wei?t du, ich arbeite immer noch an einer Geschichte der Drood-Familie. Aus sicherer Entfernung. Du warst uberrascht, wie viele Informationen uber die Droods es drau?en in der Welt gibt, wo sie sie nicht unterdrucken konnen. O ja. Standig finde ich alle moglichen schrecklichen Dinge heraus, die unsere Familie gemacht hat, Edwin, uber die Jahrhunderte hinweg. Oh, ein paar der Sachen, fur die wir verantwortlich sind … Furchtbare, furchtbare Sachen! Ja. Erst neulich habe ich mich auf die wahren Grunde hinter gewissen wichtigen und wohlbekannten Operationen konzentriert. Zum Beispiel, Edwin, wei?t du, wieso unsere Familie so entschlossen ist, die Absto?enden Abscheulichen auszuloschen?«

»Nun, ja«, antwortete ich, »sie essen Seelen.«

»Davon einmal abgesehen«, meinte der Maulwurf. »Die Familie muss sie zum Schweigen bringen, damit niemand anderes herausfindet, dass wir diejenigen waren, die ursprunglich die Dimensionentur geoffnet und die Absto?enden Abscheulichen in unsere Realitat hereingelassen haben. Wir haben sie hierhergebracht, um im Zweiten Weltkrieg als Fu?soldaten gegen die Vril-Gesellschaft zu dienen. Die Vrils waren unter Hitler so machtig geworden, dass sie eine echte Bedrohung fur die Familie darstellten. Hatten ihre eigene Armee und alles. O ja, hinter und unter dem tatsachlichen Konflikt gingen viele geheime Kriege vor sich, von denen die Welt nie erfuhr. Wie dem auch sei, die Absto?enden Abscheulichen machten ihre Arbeit gut, aber als die Zeit fur sie gekommen war, in ihre eigene Dimension zuruckzukehren, so wie es vereinbart war, hielten sich die Abscheulichen nicht an die Abmachung und weigerten sich zu gehen. Es gefiel ihnen hier: Die Futterbedingungen waren einfach so gut … Seitdem hat die Familie versucht, sie auszurotten, damit niemand je erfahrt, dass wir dafur verantwortlich sind, sie der Welt aufgeburdet zu haben.«

»Guter Gott!«, sagte ich.

»Oh, das ist noch gar nichts!«, fuhr der Maulwurf fort und beugte sich eifrig in seinem Stuhl nach vorn. »Gar nichts, verglichen mit manchen Sachen, die ich herausgefunden habe! Die Familiengeschichte, mit der du und ich

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