Reihe von Journalisten und anderen interessierten Parteien zu hinterlegen. In gut verschlossenen Kastchen, die so eingestellt sind, dass sie sich im Fall meines Todes automatisch offnen. Nicht einmal unsere Familie konnte sicher sein, allen davon habhaft zu werden, also lie? sie mich in Ruhe. Genau genommen tate sie sogar gut daran, dafur zu sorgen, dass mir nichts zusto?t …«

»Wie uberaus … praktisch«, sagte ich. »Aber du konntest immer noch bei einem Unfall umkommen. Was dann?«

Er zuckte die Schulter. »Wenn ich tot bin, ist es mir egal. Ich bin sicher, die Familie wird sich etwas einfallen lassen. Das tut sie immer.« Er sah mich nachdenklich an. »Ich glaube wirklich nicht, dass ich dir helfen kann, Eddie. Was immer du auch willst, ich kann es dir nicht besorgen. Die Familie ist sehr verargert wegen dir, und ich habe keine Lust, zwischen die Fronten zu geraten. Dieser Tage passe ich nur noch auf mich selbst auf. Und bevor du fragst - nein, ich habe keine Ahnung, weshalb man dich fur vogelfrei erklart hat. Ich habe keinen Kontakt zu irgendjemanden in der Familie; ich spreche nicht einmal mit anderen Vogelfreien. Du verschwendest nur unser beider Zeit, indem du hier bist.«

»Aber warum hast du dich dann bereit erklart, mich zu sehen?«, wollte ich wissen und merkte, wie sich eine allmahliche, hei?e Wut in mir aufbaute. »Ich habe keine Zeit zu verschwenden!«

Er lachelte mich spottisch an. »Ich habe mich immer gefragt, ob du derjenige sein wurdest, den sie schicken, um mich zu toten, falls sie jemals einen Weg finden, meine kleinen Vorsichtsma?nahmen unbrauchbar zu machen. Du hast schlie?lich auch den armen Arnold getotet, und du hast die ganze Zeit uber nur ein paar Hauser weiter gewohnt.«

»Wie hast du den Blutigen Mann getotet, Eddie?«, fragte Molly. »Ich meine, die Rustung macht doch alle Droods unverwundbar, dachte ich?«

»Nur wenn wir sie anhaben«, antwortete ich. »Ich uberwachte ihn, lernte seine Routine kennen und schoss ihm dann aus sicherer Entfernung mit einem Gewehr mit Zielfernrohr durch den Kopf. Er hat nie erfahren, dass ich da war, hatte nie die Chance hochzurusten. Sehr effektiv, wenn auch nicht besonders ehrenhaft. Aber ich war damals viel junger, und er war der Blutige Mann. Bei einem Mann wie ihm geht man kein Risiko ein.«

Sebastian lachelte. »Komisch, dass gerade du das sagst, Edwin.«

Plotzlich stach mir etwas in den Hals, im selben Moment, als ich das Fensterglas neben mir zersplittern horte. Ich fing an, mich umzudrehen. Ich dachte: Ich bin angeschossen worden! Und dann knickten meine Beine unter mir ein, und ich sank sehr langsam auf die Knie. Ich griff mit einer Hand an meinen Hals, und sie schien eine Ewigkeit zu brauchen, bis sie dort war. Der Schall wurde langsamer und meine Sicht verschwamm, als ob ich unter Wasser ware. Meine taub werdenden Finger fanden einen gefiederten Pfeil in der Seite meines Halses, knapp uber dem Torques, und mit letzter Kraft zog ich ihn heraus. Beruhigungsmittelpfeil, dachte ich, und das Wort schien in meinem Kopf hin und her zu echoen. Ich versuchte, meine Rustung hochzurufen, aber meine Gedanken waren schon zu schwerfallig, um sich auf die aktivierenden Worte zu konzentrieren. Ich sackte zusammen, schlug in einem hilflosen Haufen auf dem Boden auf und spurte den Aufprall nicht einmal.

Das alles spielte sich in wenigen Sekunden ab. Molly warf sich neben mich, unter das zersplitterte Fenster, au?er Schusslinie eventueller weiterer Pfeile. Sie legte mir die Hande links und rechts auf die Wangen und murmelte eindringlich etwas. Ich konnte ihre Beruhrung spuren, obwohl ich sonst nichts spuren konnte, und dann fuhlte ich feine Zauberkrafte in mich flie?en und gegen die Wirkung des Beruhigungsmittels ankampfen. Mein Korper war immer noch taub, immer noch hilflos, aber ich bekam allmahlich wieder einen klaren Kopf. Molly starrte wutend zu Sebastian hoch.

»Du Schei?kerl! Du hast uns verkauft!«

»Selbstverstandlich«, sagte er mit sanfter Stimme, wahrend er seine ganze Aufmerksamkeit dem Zurechtrucken eines Armelaufschlags widmete. »Das ist mein Metier. Aber sei versichert, dass ich einen sehr guten Preis bekommen habe. Fur euch beide. Ein gewisser Mr. Truman vom Manifesten Schicksal war hocherfreut zu erfahren, wo und wann genau er euch mit Sicherheit finden kann. Ich rief ihn noch in dem Moment an, als ich mit dir zu reden aufhorte. Und dann brauchte ich euch nur noch zu unterhalten, bis seine Leute in Stellung waren.«

Die Tur sprang auf und ein Dutzend bewaffneter Manner flutete in die Wohnung, alle in der vertrauten schwarzen Uniform. Sie schauten sich rasch um, um Gewissheit zu haben, dass der Ort sicher war, wobei ihre Gewehre unentwegt auf Molly und mich gerichtet waren. Molly verhielt sich sehr still. Ich zuckte unmerklich mit den Fingern. Mollys Zauberkrafte bekampften das Medikament, aber nur sehr langsam. Ich sah auf die Gewehre und fragte mich, warum die Soldaten nicht bereits am Schie?en waren - ich an ihrer Stelle ware es gewesen. Einer der Manner kniete neben mir nieder, fuhlte den tragen Puls in meinem Hals und stand zufrieden wieder auf. Er brullte durch die offene Tur, und seine Einheitsfuhrerin kam hereingeschlendert. Und ware ich nicht ruhiggestellt gewesen, ich hatte vor Schreck und Wut aufgeschrien.

Ich kannte die Einheitsfuhrerin. Sie trug alte, abgenutzte Militarklamotten, die steif von getrocknetem, schwarzem Blut waren, das von Kampfen in einer Hollendimension stammte. Sie trug ihr schwarzes Haar kurz geschnitten, damit Feinde es in einem Nahkampf nicht greifen konnten. Ihr narbiges Gesicht war nicht mehr hubsch und auch ihre nackten, muskulosen Arme waren von Narben uberzogen. Ich wusste all diese Dinge uber sie, weil ich sie kannte: Es war Janitscharen-Jane, eine alte Freundin und Kollegin von Molly und mir. Nur dass es nicht sie war. Nicht wirklich. Um den Hals trug sie an einer Kette ein kandarianisches Amulett, und das bedeutete, dass dies in Wahrheit mein alter Widersacher Archie Leech war.

Archie Leech, Korperusurpator und Serienseelenschander, der einen weiteren gestohlenen Korper in Besitz genommen hatte. Nur hatte er diesmal jemanden genommen, der mir etwas bedeutete, zweifellos als Rache dafur, was ich ihm in jener Eingangshalle in der Harley Street angetan hatte. Archie/Jane stolzierte in Sebastians Wohnung hinein und grinste auf mich herab, wobei sie stolz das Gewehr schwenkte, mit dem sie auf mich geschossen hatte. Und dann schoss sie Sebastian auch einen Beruhigungspfeil in den Hals. Sebastian sturzte zu Boden, zappelte einen Moment lang unbeholfen rum und war dann still, auf seinem Gesicht ein fast komischer Ausdruck des Schreckens. Ich hatte gelacht, wenn ich gekonnt hatte: Der Verrater verraten! Archie spazierte mit ubertrieben maskulinen Bewegungen zu ihm hin, die in Janes Korper vollig fehl am Platz wirkten.

»Das hattest du aber wirklich kommen sehen mussen, Sebastian! Allein zu leben hat dich verweichlicht. Immer den Gentleman-Dieb zu spielen. Bist gro?spurig geworden, hast geglaubt, keiner konnte dir etwas anhaben. Dir hatte doch klar sein mussen, dass zwei Droods immer mehr wert sein wurden als einer.« Sie drehte sich abrupt wieder um, sah auf mich herab und lachelte zufrieden. »Wie findest du meinen neuen Korper, Eddie? Ich dachte, ich schlupfe mal in was Bequemeres. Wei?t du … ich hasse es, wenn du meine Korper zerstorst, bevor ich mit ihnen fertig bin. Bevor ich das letzte bisschen Spa? aus ihnen herausgequetscht habe. Also nahm ich diesmal gro?e Muhen auf mich und nahm eine Freundin von dir, nur um zu beweisen, dass ich dir immer sehr viel mehr wehtun kann als du mir.«

Sie trat mir ein paarmal in die Rippen, blo? um seinen Standpunkt zu unterstreichen. Die Wucht der Tritte reichte aus, um mich vom Boden abheben zu lassen, aber ich spurte sie kaum. Meine Hande und Fu?e kribbelten und mein Gesicht war nicht mehr so gefuhllos, aber das war auch schon alles. Mollys Magie wirkte. Mein Kopf wurde zuerst klar. Ich hatte wahrscheinlich hochrusten konnen, aber ich wollte es nicht riskieren, nicht jetzt schon. Nicht mit so vielen Gewehren, die ebenso auf Molly wie auf mich gerichtet waren. Also lag ich still, beobachtete und horte zu und wartete den rechten Augenblick ab. Molly blieb unten neben mir und verhielt sich auch ganz still, um Archie keinen Grund zu geben, sie gleichfalls zu sedieren.

»Was passiert jetzt?«, fragte sie mit ausgesucht ruhiger und nicht bedrohlicher Stimme.

»Ich ubergebe euch drei Mr. Truman«, antwortete Archie, »meinem augenblicklichen und sehr gro?zugigen Arbeitgeber. Er brennt darauf, zwei Droods und ihre Torques in die Finger zu kriegen. Soviel ich wei?, steht ein ganzes Chirurgenteam Skalpell bei Fu?, um seine zwei neuen Errungenschaften Stuck fur Stuck auseinanderzunehmen, bis sie herausfinden, was das so Besondere an einem Drood und seinem Torques ist. Ein sehr langsamer, sehr schmerzhafter Prozess, denke ich mir … Vielleicht lasst Mr. Truman mich ja zuschauen, wenn ich ihn nett frage. Offensichtlich war er sehr beeindruckt davon, was drei gepanzerte Agenten mit der teuren und hervorragend ausgebildeten Armee, die er ihnen entgegenwarf, anstellen konnten. Er kann es kaum erwarten, bis er jedem Soldaten des Manifesten Schicksals einen Torques um den Hals legen und sie dann auf die Welt loslassen kann. Wie ich einen Mann mit Ehrgeiz doch bewundere …«

»Durch eine Vivisektion wird er gar nichts in Erfahrung bringen«, sagte Molly mit ausdrucksloser Stimme. »Hochstens wird ihm wieder einfallen, was mit dem Huhn passierte, das goldene Eier legte.«

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