man nach dem Preis fragen muss. Molly guckte mir uber Schulter, schnaubte geringschatzig beim Anblick des Plunders und druckte dann auf die Klingel neben der diskreten Seitentur. Neben der Klingel befand sich ein Namensschildchen, aber keins, das auf einen Sebastian Drood hatte schlie?en lassen. Nach einer sehr langen Pause, in der uns Sebastian irgendwie auf unauffallige und wahrscheinlich hoch geheimnisvolle Weise uberprufte, schwang die Seitentur vor uns auf. Dahinter befand sich eine schmale Treppe, die nach oben fuhrte. Schmal genug, um sicherzustellen, dass etwaige Besucher in Sebastians Unterschlupf sie nur im Gansemarsch erklimmen konnten. Gutes Defensivdenken. Molly ging vor und ich folgte ihr, wobei ich spottisch die schrecklich veralteten Kupferstiche mit Jagdszenen an der Wand belachelte.

Die Stufen endeten vor einer weiteren Tur; massive Eiche, verriegelt mit Kalteisen und Silber. Sie offnete sich von selbst, als Molly und ich uns naherten, und einer nach dem anderen betraten wir die prachtvoll eingerichtete Wohnung dahinter. Sebastian erwartete uns; er stand, elegant und selbstsicher, in der Mitte eines hellen, geraumigen Wohnzimmers und wartete darauf, dass wir zu ihm kamen. Sebastian war gro?, gut aussehend und sehr etepetete. Das konnte man erkennen. Er hatte viel Muhe darauf verwandt, dass man es erkennen konnte. Er musste Ende sechzig sein, aber sein Haar war noch pechschwarz und sein Gesicht hatte ein gewisses straffes Aussehen, das von haufigen Liftings und regelma?igen Botoxinjektionen erzahlte. Er hatte kalte, blaue Augen und ein Lacheln, das so schnell kam und ging, dass es uberhaupt nichts bedeutete. Er trug einen wei?en Rollkragenpullover uber einer lassig teuren Freizeithose und der Art von handgearbeiteten Schuhen, fur deren Kauf man eine zweite Hypothek aufnehmen muss. Der Rollkragen verhullte den Goldreif um seinen Hals, aber ich konnte erkennen, dass er da war.

»Molly! Eddie!«, sagte er mit der tiefen, sonoren Stimme, die man nur durch Ubung bekommt, vermutlich vor dem Spiegel. »Tretet ein! Ich bin hocherfreut, euch beide zu sehen!«

Er druckte uns beiden fest die Hand, setzte sich jedoch nicht und bot auch uns keinen Platz an. Anscheinend wurde nicht erwartet, dass wir lange blieben. Sebastian nahm eine antike, silberne Schnupftabakdose aus der Hosentasche und offnete sie geziert. Ein versteckter Mechanismus spielte eine klingelnde Version von The British Grenadiers, wahrend Sebastian sich zwei kleine Hugel aus dunklem, pulvrigem Tabak auf den Handrucken klopfte und sie nacheinander in beide Nasenlocher schnupfte. Anschlie?end nieste er explosionsartig in ein Seidentaschentuch, ehe er dieses und die Schnupftabakdose wieder wegsteckte. Es war eine Vorstellung, die dazu vorgesehen war, das Publikum zu beeindrucken. Hatte jemand anders sie gegeben, ich hatte applaudiert.

»Dieses Zeug ist schlimmer als Koks«, sagte Molly. »Du wirst schon sehen; eines Tages wird dir das ganze Naseninnere einfach herausfallen.«

»Ich mag meine Laster altmodisch«, erwiderte Sebastian ganzlich unbesorgt. »Ich finde die Qualitaten der Vergangenheit so viel befriedigender als die der Gegenwart. Wie ihr sehen konnt …«

Mit einer graziosen Geste einer langfingrigen Hand deutete er auf den Inhalt seiner Wohnung. Sie war luxurios ausgestattet, jedes Objekt von hochster Qualitat. Auf dem auf Hochglanz gebohnerten blanken Bretterboden stand antikes Mobiliar aus einem Dutzend verschiedener Perioden, mit Bedacht so angeordnet und prasentiert, dass die unterschiedlichen Stile nicht disharmonierten. Originalgemalde an den Wanden, jedes sorgfaltig beleuchtet von verborgenen Schienensystemen. Dazu eine Hand voll viktorianischer Federzeichnungs- Erotika, die von frohlich-vulgar bis zu echt furchterlich reichten. Es hing sogar ein Luster aus Glas und Diamanten an der Decke. Und trotz all der Muhe, die er in das Ganze investiert hatte, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass Sebastians Wohnzimmer mehr nach einem Schaukasten als nach einem Raum aussah, in dem wirklich jemand wohnte.

»Sehr hubsch«, sagte Molly. »Sehr … du. Gehort der Antiquitatenladen unten auch dir?«

»Oh, selbstverstandlich! Er leistet hervorragende Dienste als Tarnung, wenn ich etwas Neues hereinbringen will, das ich gerade … erworben habe. Ich habe diese entzuckende junge Dame, die den Laden fur mich fuhrt. Bezaubernde wilde Hummel! In Wirklichkeit ist sie blo? ein Golem mit einem kaschierenden Glamourzauber, aber den Kunden scheint nie etwas aufzufallen. Nun denn, Eddie; lass uns ubers Geschaft reden!«

»Ja«, sagte ich. »Lass uns.«

Er musterte mich, als ob ich ein Objekt sei, dessen Kauf er in Betracht zoge, vermutlich wider bessere Einsicht. »So, du bist also der neuste Vogelfreie. Niemand Geringeres als der alte Eddie Saubermann. Die ganze Gegend wimmelt von Familie, die nach dir sucht; ich habe mich kaum noch einen Schritt aus meiner Wohnung herausgetraut. Ich war wirklich ziemlich erschuttert, als ich die Neuigkeiten erfuhr. Da gebe ich mir all die Jahre uber solche Muhe, meine Anwesenheit vor dir geheim zu halten … und jetzt bist du offiziell eine Schande, genau wie ich. Wei?t du, weshalb ich die Familie verlassen habe, Eddie?«

»Nein«, antwortete ich. »Aber ich bin sicher, du wirst es mir gleich erzahlen.«

Molly stie? mir ihren Ellbogen in die Rippen, aber Sebastian bemerkte es nicht. Er hatte eine Geschichte zu erzahlen, und nichts au?er dem Auftauchen des Tods personlich hatte ihn davon abhalten konnen.

»Die Familie schickte mich in die Welt hinaus, um ihr Agent zu sein«, sagte er prahlerisch. »Doch ich entschied, dass ich die Welt viel mehr mochte als die Familie. Nie war in der Familie Raum fur personliche Ambitionen oder Weiterkommen oder den Erwerb schoner Dinge. Also ging ich einfach fort, verschwand hinter den Kulissen und machte mich daran, den Torques fur meine eigenen Zwecke zu gebrauchen. Um mein Leben zu bereichern und so viel angenehmer zu gestalten. Und das habe ich! Ich bin ganz au?erordentlich erfolgreich in meinem gewahlten Beruf geworden, und ich bin einer der am meisten bewunderten professionellen Gentleman- Diebe in London. Es hatte auch die Welt sein konnen, aber ich reise so furchtbar ungern.

Mit Hilfe meiner Rustung kann ich in jedes Geschaft einbrechen und mitnehmen, wonach mir gerade der Sinn steht. Und das mache ich auch. Alarmanlagen und Sicherheitssysteme haben keine Bedeutung fur mich, wenn ich in meiner Rustung stecke. Ich komme und ich gehe und ich nehme mir, was ich will, und niemand merkt etwas davon, bis es viel zu spat ist. Scotland Yard - steht wieder einmal vor einem Ratsel! Ich habe die allerbesten Antikmobel, alles vom Louis-quinze-Stuhl bis hin zum Hepplewhite-Sideboard. Beruhmte Gemalde in ihren Originalrahmen! Was immer meine Aufmerksamkeit erregt; nichts ist vor mir sicher.

Wei?t du, wie ich das alles aufspure? Ich mache es mir einfach zur Aufgabe, regelma?ig die besten Auktionen zu besuchen und mir zu notieren, wer was kauft. Es gibt zwar immer welche, die sich hinter anonymen Geboten verstecken, aber die Sicherheit der Auktionshauser ist ein Witz fur unsereins, Eddie. All die schonen Dinge in dieser Wohnung gehorten ursprunglich jemand anderem, der sie nicht behalten konnte - sie vermutlich ohnehin nicht zu schatzen wusste. Nicht annahernd so sehr wie ich. Ich bin sicher, hier bei mir sind die schonen Dinge alle viel zufriedener!«

»Augenblick mal!« Molly pirschte sich an einen Beistelltisch heran und schnappte sich die stilisierte Statuette einer schwarzen Katze. »Die gehort mir, du Dreckskerl! Ich hab mich immer gefragt, was mit ihr passiert ist … Das hier ist die Manxkatze von Bubastis! Ich bin durch alle moglichen Hollen gegangen, um sie in die Finger zu kriegen, und dann ist sie vor vier Jahren einfach aus meiner alten Wohnung verschwunden!«

»Tatsachlich?«, meinte Sebastian ungezwungen. »Ich erinnere mich ehrlich nicht mehr daran, wo ich dieses spezielle Stuck erworben habe.«

»Es gehort mir!«, wiederholte Molly bedrohlich.

»Es gehort dir nur, wenn du es behalten kannst, Molly-Liebes. Aber wenn du so viel Wirbel darum machen willst …«

»Diese Statuette verlasst mit mir diese Wohnung!«, erklarte Molly und kam gemessenen Schrittes an meine Seite zuruck, die Manxkatze fest im Griff. »Und wenn ich nur ein Wort des Einspruchs von dir hore, Sebastian, dann rei?e ich dir die Nippel ab!«

»Die liebe Molly«, sagte Sebastian. »Freundlich wie immer!«

»Ich dachte, wir wollten hoflich sein«, sagte ich amusiert.

»Sei du hoflich!«, knurrte sie. »Mir wurde er es eh nicht abnehmen. Die Manxkatze besitzt Krafte, die ich schon vor langer Zeit in ihr angelegt habe; sie kann mir viele Energien zuruckgeben, die ich unlangst aufgebraucht habe. Allerdings wird das eine Weile dauern.«

Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Sebastian, den Mollys Aktion nicht im Geringsten aus der Fassung gebracht zu haben schien. »Wie konntest du dich so lange vor der Familie versteckt halten?«, fragte ich ihn. »Teufel auch, wie konntest du dich so lange vor mir versteckt halten?«

»Oh, ich bin ziemlich sicher, dass die Familie immer ungefahr gewusst hat, wo ich mich aufhalte«, sagte er lassig. »Aber selbst sie sind nicht so dumm, die Sache ins Wanken zu bringen. Siehst du, vor einigen Jahren ergriff ich die Vorsichtsma?nahme, uber die ganze Welt verteilt gewisse sehr detaillierte Informationspackchen bei einer

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