Molly und mir Ausschau halten.«

»Aber sicher gibt es noch einen anderen Weg hinaus!«, bestatigte der Maulwurf. »Du glaubst doch nicht etwa, ich wurde zulassen, dass ich irgendwo in der Falle sitze, oder? Nicht mal in meiner eigenen Hohle! Ich mag paranoid, agoraphobisch und krankhaft eBay-suchtig sein, aber blod bin ich nicht. Nein. Ich bin mir seit jeher daruber im Klaren, dass meine vielen Feinde mich eines Tages aufspuren werden und ich dann mein gemutliches kleines Schlupfloch verlassen muss. Wahrscheinlich rennend. Ja. So, wenn du dir jetzt die Muhe machst, dich in den hinteren Teil des Raums zu begeben, moglichst ohne gegen meine sehr empfindliche Ausrustung zu sto?en oder sie gar umzurennen, wirst du einen Aufzug fur den Notfall finden, der bereit und willens ist, dich direkt an die Oberflache zu befordern.«

»Wohin an die Oberflache?«, wollte Molly wissen.

»Uberallhin an die Oberflache«, antwortete der Maulwurf selbstgefallig. »Sagt einfach dem Aufzug, wo ihr hinwollt, und er wird euch dort absetzen.«

»Egal wo in London?«, fragte Molly.

»Egal wo auf der Welt«, entgegnete der Maulwurf. »Du hast schon immer zu klein gedacht, Molly.«

»Ein Aufzug uberallhin auf der Welt?«, wunderte ich mich. »Wie ist das denn uberhaupt moglich?«

Der Maulwurf schenkte mir ein mitleidiges Lacheln. »Du wurdest es selbst dann nicht verstehen, wenn ich es dir erklarte. Sagen wir einfach, die Quantenunscharfe ist eine wunderbare Sache, und belassen es dabei. Es war schon, dir endlich einmal zu begegnen, Molly. Und dir, Edwin. Aber kommt nicht wieder! Euch in der Nahe zu haben, ist einfach zu gefahrlich. Tschuss! Sichere Reise! Wieso seid ihr noch hier?«

Molly und ich verstanden den Wink, nickten ihm zum Abschied zu und steuerten den hinteren Teil der Kaverne an. Wo tatsachlich eine vollig normale Aufzugstur bundig in den schwarzen Basalt der Kavernenwand eingelassen war. Die Tur bestand aus glanzendem Stahl, und daneben war ein gro?er roter Knopf, auf dem AUFWARTS stand. Ich sah Molly an.

»Weiter zum nachsten Vogelfreien, nehme ich an. In Ermangelung einer besseren Idee. Du wei?t doch noch von einem anderen Vogelfreien?«

»Na klar. Sebastian Drood. Er hat eine nette kleine Wohnung in Knightsbridge, nur ein paar Hauser weiter von dir.«

Kann sein, dass ich ein paarmal erstaunt geblinzelt habe. »Das wusste ich ja gar nicht!«

»Es gibt eine Menge Dinge, die du nicht wei?t, aber ich schon«, klarte Molly mich auf. »Du wurdest dich wundern! Sebastian gibt es schon seit Ewigkeiten, auch wenn er sich nicht die Muhe macht, viel in Erscheinung zu treten. Er hat es gern, wenn man von ihm als Gentleman-Dieb denkt, aber in Wahrheit ist er nur ein professioneller Einbrecher mit Gro?enwahn.«

»Kann nicht behaupten, dass ich den Namen kenne«, sagte ich. »Vermutlich ist er aus der Familiengeschichte gestrichen worden, wie der Maulwurf. Und ich.«

»Sebastian ist viel alter als du«, fuhr Molly fort. »Und obwohl er einer gelegentlichen Verschworung oder Intrige nicht abgeneigt ist, hat er schon immer lieber hinter den Kulissen agiert. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte, das ist seine Devise. Er macht keinen Finger krumm, wenn nicht irgendwas fur ihn dabei herausspringt. Aber moglicherweise hilft er dir … nur um es der Familie heimzuzahlen, die es gewagt hat, ihn zu achten. Sebastian war immer gro? darin, einen Groll zu hegen.«

Sie druckte den AUFWARTS-Knopf und verkundete den Namen einer Stra?e im exklusivsten Teil von Knightsbridge, und die Aufzugstur offnete sich zischend. Im Inneren sah es aus wie in jedem anderen Aufzug auch. Wir traten ein, und die Tur schloss sich schnell hinter uns. Es gab kein Bedienungsfeld und keine Wahrnehmung einer Aufwartsbewegung, aber nur einen Moment spater offnete sich die Tur wieder und gab den Blick auf eine Stra?e frei, die ich als eine erkannte, die nur ein paar Minuten zu Fu? von dort entfernt war, wo ich fruher gewohnt hatte. Ich trat hinaus und blickte mich vorsichtig um: keine Spur von irgendwelchen Drood-Agenten. Was es an Uberwachung gab, konzentrierte sich wahrscheinlich auf die Gegend unmittelbar um meine alte Wohnung herum, fur den Fall, dass ich so dumm sein sollte, dorthin zuruckzukehren.

Die Sonne stand hoch am Himmel. Ein halber Tag war verstrichen, und wir hatten noch nicht das Geringste vorzuweisen. Unter dem standigen Druck fiel es mir schwer, richtig nachzudenken oder einen Plan zu fassen. Ich drehte mich zu Molly um und stellte ohne Uberraschung fest, dass die Aufzugstur hinter ihr verschwunden war.

»Wie kommt es, dass du Sebastian kennst?«, fragte ich. »Hast du mit ihm auch schon gearbeitet?«

»Du machst wohl Witze!«, sagte Molly und schurzte verachtlich die Lippen. »Den Mann wurde ich nicht mal mit 'ner desinfizierten Bei?zange anfassen! Er arbeitet allein, weil ihm sonst niemand traut. Er ist ein doppelzungiger, hinterhaltiger kleiner Schei?kerl, der schon so ziemlich jeden irgendwann mal ubers Ohr gehauen hat. Allerdings … er kann der Mann sein, zu dem man geht, wenn man unbedingt einen bestimmten Gegenstand braucht, den einem sonst keiner besorgen kann, legal oder illegal. Fur den richtigen Preis kann Sebastian dir alles beschaffen, solange vollig klar ist, dass es keinen Herkunftsnachweis geben wird. Oder irgendeinen Schutz, falls der ursprungliche Eigentumer herausbekommt, dass du der neue Besitzer bist. Du kannst auch vollig sicher sein, dass es keine Ruckzahlung geben wird, wenn sich herausstellt, dass der fragliche Gegenstand nicht ganz genau das ist, was du erwartet hast. Es bleibt dir uberlassen, dir Sicherheit zu verschaffen, bevor du irgendwelche Zahlungen leistest. Der Kaufer moge sich huten - und einen verdammt gro?en Stock bei sich tragen.«

»Und das ist der Mann, von dem du glaubst, er konne mir helfen?«, vergewisserte ich mich.

»Ich sollte vorher besser anrufen«, meinte Molly und nahm ein leuchtend rosa Telefon mit einem Hello- Kitty-Gesicht darauf heraus. »Um sicherzugehen, dass er da ist und bereit, uns zu empfangen.«

»Es konnte unklug sein, meinen Namen uber ein Standardtelefon mit ungeschutzter Leitung zu erwahnen«, gab ich zu bedenken. »Meine Familie hat Leute, die alles abhoren.«

»Da will das Ei wieder kluger sein als die Henne!«, sagte Molly. »Ich habe schon seit Jahren nicht mehr uber eine ungeschutzte Leitung gesprochen. Die Engel selbst konnten keins meiner Telefonate ohne die Hilfe Gottes abhoren.«

Sie entfernte sich ein paar Schritte, wahrend sie die Nummer eintippte. Ich lehnte mich gegen eine dekorative Steinmauer und uberdachte meine Lage. Die beiden Vogelfreien, mit denen Molly mich bisher bekannt gemacht hatte, hatten mich nicht beeindruckt. Der Seltsame John war wahnsinnig geworden, und der Maulwurf war vollauf in dieselbe Richtung unterwegs. Beide steckten in Gefangnissen fest, die sie sich selbst geschaffen hatten. Und dieser Sebastian horte sich nach einem richtigen Drecksack an. Wie konnte ich mich auf irgendetwas verlassen, was so ein Mann mir sagen mochte, falls ich ihn uberhaupt dazu uberreden konnte, sich mit mir abzugeben? Aber die Zeit drangte, und von irgendwoher musste ich Antworten bekommen. Wenigstens war ich mir ziemlich sicher, die Wahrheit irgendwie zu erkennen, wenn ich sie erst einmal horte. Mein linker Arm tat hollisch weh, obwohl ich die Hand in den Gurtel gesteckt hatte, damit dieser etwas vom Gewicht trug. Ich massierte die Muskeln mit der anderen Hand, aber es half nichts. Der Schmerz zog sich ubelkeiterregend von meiner Schulter hinab in meine Brust. Die fremde Materie breitete sich unerbittlich in meinem Organismus aus. Drei Tage, hatte Molly gesagt. Vielleicht vier. Vielleicht auch nicht. Ich musste meine Antworten bald bekommen, solange sie mir noch etwas nutzten.

Die Zeit arbeitete gegen mich …

Molly schaltete ihr Telefon aus und steckte es weg. »Er sagt, er empfangt uns, aber nur, wenn wir sofort kommen. Es sind von hier aus nur ein paar Minuten Fu?weg. Aber Eddie … versuch, nett zu sein zu Sebastian. Er kann einem echt auf die Eier gehen, aber … er wei? tatsachlich Dinge, die sonst niemand wei?. Gibt es vielleicht irgendein Wissen, das du ihm im Gegenzug anbieten konntest? Ein Familiengeheimnis vielleicht aus der Zeit nach ihm? Sebastian liebt Geheimnisse! Er kann sie nicht schnell genug weiterverkaufen.«

»Ich bin klug«, erwiderte ich, »und wei? viele Dinge. Und ich werde Sebastian gegenuber die Hoflichkeit in Person sein. Genau bis zu dem Punkt, wo er sich weigert, mir etwas zu erzahlen, was ich wissen muss, und dann werde ich ihn gegen die nachste Wand klatschen, bis seine Augen die Farbe wechseln. Ich habe wirklich Lust, jemand Widerlichen windelweich zu schlagen; so ein Tag war das heute. Stellt irgendwas davon ein Problem fur dich dar?«

»Machst du Witze?«, meinte Molly. »Ich halte ihm die Arme fest, wahrend du ihn schlagst!«

* * *

Es stellte sich heraus, dass Sebastian eine prachtig ausgestattete Wohnung im ersten Stock uber einem sehr feinen und exklusiven Antiquitatengeschaft namens »Vergangene Zeiten« hatte. Ich riskierte einen schnellen Blick durchs Fenster: Der Laden war voll von jenen feinen Sachen, die man sich bestimmt nicht leisten kann, wenn

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