Kuhlbehalter fur Erfrischungsgetranke. Mochtest du eins?«
»Im Moment nicht«, lehnte ich dankend ab.
»Gut, denn im Moment bin ich gerade ein bisschen knapp dran damit. Ich muss eine neue Bestellung aufgeben. Ja. Ich habe sehr gute Leute, die alle moglichen Sachen fur mich hier runterschmuggeln, gegen Entgelt, aber es ist naturlich nicht leicht, Sachen geliefert zu bekommen. Nein. Nein. Ich muss … umsichtig sein. Bei allem. Ich bin hier sicher, geschutzt, und ich habe vor, sicher zu bleiben. Abgeschnitten von der Welt. Es ist ja schlie?lich nicht nur die Familie, die meinen Tod will. O nein!«
»Tatsachlich?«, fragte ich. »Wer ist sonst noch hinter dir her?«
»So ziemlich jeder«, meinte der Maulwurf traurig. »Wei?t du, ich kenne so viele Geheimnisse. So viele Sachen, von denen manche Leute nicht wollen, dass andere Leute sie erfahren. Oh, die Sachen, die ich wei?! Du wurdest dich wundern! Wirklich. Ja.«
»Wo nimmst du den Strom fur die ganzen Gerate her?«, fragte ich mit echter Neugier.
Der Maulwurf zuckte mit den Achseln. »Alle Energie, die ich brauche, zapfe ich von der U-Bahn ab. Und von der Stadt. Sie merken es nicht. Ich habe Strom, Gas und Wasser hier unten, und ich habe noch nie eine Rechnung bezahlt. Obwohl ich konnte, wenn ich wollte. Ich bin wirklich ganz erstaunlich wohlhabend. Oh, ja. So, Edwin; du bist also der neue Vogelfreie! Lass dich anschauen … Ich kenne dich naturlich vom Horensagen. Der einzige Frontagent, der es geschafft hat, sich die Familie beinah zehn Jahre lang vom Leib zu halten. Unerhort! Ich wusste immer, dass es nicht von Dauer sein wurde … Die Familie traut niemandem oder nichts, was sie nicht kontrollieren kann. Ich war ubrigens fruher Malcolm Drood.«
Er sagte diesen Namen, als ob er erwartete, dass ich ihn wiedererkennen wurde, aber das tat ich nicht. Wir sind eine gro?e Familie. Er betrachtete gespannt mein Gesicht, dann runzelte er die Stirn und zog eine Schnute, als er merkte, dass der Name mir nichts sagte.
»So, ich bin also aus der offiziellen Familiengeschichte geloscht worden. Gestrichen. Das hatte ich mir schon gedacht. Inzwischen bist du bestimmt auch geloscht worden, Edwin. Soweit es die kommenden Generationen der Familie betrifft, wirst du nie existiert haben. Deine ganze Geschichte - weg, o ja. Alles, was du jemals fur die Familie getan hast, all deine Kampfe und Erfolge und Errungenschaften, sie werden aufgeteilt und anderen zugeschrieben werden. Agenten, die sich noch der Familienlinie unterwerfen und vor der Familienautoritat kuschen. Das meiste davon wird vermutlich Matthew zufallen. Er hat schon immer zum harten Kern der Familie gehort, das humorlose kleine Arschloch. Er wird immer ein guter kleiner Soldat sein … Nicht wie wir, was, Edwin? Wir haben unseren eigenen Kopf. Unsere eigene Seele. Ja. Ja!«
»Konnen sie das wirklich machen?«, wollte Molly von mir wissen. »Dich einfach aus der Familiengeschichte herausschreiben, als ob du nie existiert hattest?«
»Na klar!«, bekraftigte der Maulwurf. »So war es schon immer, wie von den hoheren Familienchargen beschlossen. Von denen ich einmal ein geschatztes Mitglied war.«
»Was genau machst du eigentlich hier unten?«, fragte ich ihn freiheraus. »Und was, falls uberhaupt, kannst du tun, um mir zu helfen?«
Er blinzelte und guckte mich eine Weile lang an, nicht gewohnt, in seinem eigenen privaten Konigreich so unverblumt herausgefordert zu werden. Eine Hand ging zu den Fernbedienungen, die in seine Armlehne eingelassen waren, und dann zog er die Hand wieder weg. Er lachelte erst mich nervos an und dann Molly. Sie schenkte ihm ihr bestes freundliches, ermutigendes Lacheln, und er beruhigte sich etwas.
»Ich beobachte die Welt«, erklarte der Maulwurf ein kleines bisschen selbstgefallig. Er drehte sich in seinem Stuhl hin und her und zeigte mit einer fleischigen Hand auf die vielen Bildschirme. »Hier unten kann ich alles sehen, was passiert, oder zumindest alles von Bedeutung. Ihr wurdet nicht glauben, an welchen Orten ich uberall versteckte Kameras habe! Ich spioniere, hore ab, und ich mache Notizen. Wenn ihr wusstet, was Bill Gates als Nachstes vorhat, wurdet ihr euch vor Angst in die Hosen machen. Ja. Ja … Ich lebe vom Internet, wisst ihr? Studiere Verschworungstheorien, suche nach Beweisen fur die Arbeit unserer Familie, und dann gebe ich die Informationen an denjenigen weiter, von dem ich glaube, dass er den besten Gebrauch davon machen wird, wer das auch sein mag. Wo immer sie am nutzlichsten sind - oder am schadlichsten fur die Familie.« Er sah mich sehr ernst an. »Unsere Familie muss aufgehalten werden, Edwin. Zerbrochen, erniedrigt, gesturzt. Fur alles, was dir und mir und allen anderen wie uns angetan wurde! Und ich gehore hundert verschiedenen subversiven Organisationen unter hundert verschiedenen Identitaten an. Oh, ja! Nichts geschieht, nichts wird geplant, ohne dass ich vorher davon erfahre. Ich muss alles wissen, um mir einen Reim darauf machen zu konnen, was in der Welt passiert. Ja … eine schwierige Arbeit. Eine endlose Arbeit … Aber jemand muss sie machen.«
»Gehorst du vielleicht zufallig zu einer Gruppierung, die sich Manifestes Schicksal nennt?«, fragte Molly.
»Selbstverstandlich! Paranoid, fremdenfeindlich und definitiv Sklaven des Personlichkeitskults - und ausgesprochen schlampig, wenn es um Operationen an der Front geht … Aber ursprunglich hatte ich gro?e Hoffnungen in sie. Ich meine, ja, sie waren und sind in vielerlei Hinsicht vollige und ausgesprochene Schei?kerle, aber immerhin haben sie eine Organisation, die dazu fahig scheint, es mit den Droods aufzunehmen. Ich unterstutze sie aus der Ferne und versuche sie zu mehr praktischer Betatigung zu ermutigen, weil ich finde, dass jeder, der sich der Familie widersetzt, Unterstutzung verdient. Ja. Mochtet ihr den Kampf sehen, der gerade in den Stra?en uber uns zwischen ihren Leuten und den Drood-Frontagenten stattfindet?«
»Der lauft immer noch?«, staunte Molly.
»O ja. Das Manifeste Schicksal wirft den Drood-Agenten alles, was es hat, entgegen. Die armen Narren! Durch direkten Konflikt wird man die Familie niemals sturzen. Nein. Nein …«
»Zeig es mir!«, sagte ich.
Der Maulwurf betatigte die Fernbedienungen in seiner Armlehne, und der gro?te Plasmabildschirm vor uns zeigte plotzlich ein neues Bild: Truppen des Manifesten Schicksals, die unter freiem Himmel drei golden gerustete Gestalten angriffen. Die Tiefe und Auflosung des Bilds samt Raumklang waren hervorragend; es war, wie selbst im dichtesten Kampfgetummel zu stehen. Ich konnte das Blut und den Rauch beinah riechen. Truman musste eine halbe Armee ausgeschickt haben, um die Drood-Frontagenten zu erlegen, die ihm zu trotzen wagten; viel genutzt hatte es ihm nicht. Panzerkampfwagen, mechanisierte Infanterie, Kampfhubschrauber, die Feuer von oben herabregnen lie?en … Die Stra?e war voll dichtem, schwarzem Qualm, der von brennenden Gebauden und ausgebrannten Panzerfahrzeugen stammte, doch die drei goldenen Gestalten bewegten sich ungeruhrt mitten hindurch.
Sie preschten mit ubernaturlich schnellen Bewegungen durch die vorruckenden Soldaten, toteten mit einer Beruhrung und gingen weiter. Uberall auf der Stra?e stapelten sich die Toten und die Sterbenden. Mit einem einzigen Ruck warfen die goldenen Gestalten Autos um, wahrend sie unversehrt durch einen Hagel von Geschossen und Explosionen schritten. Ein schwarzer Hubschrauber griff im Tiefflug mit Bordwaffen an, und eine goldene Gestalt sprang senkrecht in die Luft, angetrieben durch die Kraft in ihren goldenen Beinen, klammerte sich an die Seite des Hubschraubers, riss mit einer Hand die Tur ab und verschwand in seinem Inneren. Einer nach dem anderen wurde die Besatzung herausgeworfen und sturzte schreiend in den Tod. Der Agent blieb gerade lang genug an Bord, um den absturzenden Hubschrauber auf ein Panzerfahrzeug zu lenken, und sprang im letzten Moment ab; er landete muhelos und elegant, wahrend seine gepanzerten Beine den Aufprall schluckten. Das Manifeste Schicksal hatte allen Vorteil moderner Kriegsfuhrung auf seiner Seite, aber es nutzte ihm nicht das Geringste gegen drei Drood-Frontagenten.
So wenige gegen so viele standhalten zu sehen, machte mich fast stolz, ein Drood zu sein. Fast.
»Der Letzte muss Matthew gewesen sein«, meinte der Maulwurf. »War schon immer ein Angeber.«
»Wie zum Teufel wollen sie das vertuschen?«, fragte Molly, die fasziniert auf das Gemetzel starrte. »So viel Tod und Zerstorung, ein Kriegsgebiet mitten in London?«
»Siehst du irgendwelche Medienleute?«, fragte der Maulwurf. »Irgendwelche Fernsehteams oder Pressefotografen? Auch nur Paparazzi? Siehst du nicht. Wenn es heutzutage nicht im Fernsehen kommt oder in der Boulevardpresse steht, dann ist es nicht passiert. Samtlichen Zeugen in der Zivilbevolkerung wird man die Erinnerung verandern, alle CCTV-Aufnahmen werden verschwinden, und den Schaden wird man denjenigen Terroristen unterschieben, die gerade die Buhmanner sind. Vielleicht wird auch eine Gasexplosion dafur verantwortlich gemacht. Oder ein Flugzeug, das vom Himmel gefallen ist. Wofur die Familie sich eben entscheidet. Ja. Oh, Geschichten werden nach au?en dringen, das tun sie immer. Das Internet liebt seine modernen Legenden so sehr! Aber die Wahrheit wird niemand je erfahren. Die Familie hat viel Ubung darin, die Wahrheit zu begraben. O ja.«
»Wie kommt es, dass wir es sehen?«, wollte ich wissen. »Wenn da drau?en keine Kamerateams sind
