Ich hob eine Maschinenpistole auf, die nicht weit von der Leiche herrenlos auf dem Boden lag, und untersuchte sie grundlich. »Sieht nicht so aus, als ob sie dazu gekommen ware, einen Schuss abzugeben. Aber … wo sind die ubrigen Waffen? Ich kann nicht glauben, dass irgendein Kopfgeldjager mit nur einem Gewehr auf Trolljagd geht!«
Wir schauten uns um, aber es war sonst weder etwas bei der Leiche noch in ihrer Nahe. Molly und ich blickten einander an.
»Sie konnen sie nicht mitgenommen haben«, sagte Molly.
»Warum nicht?«
»Trolle sind nur Tiere! Sie benutzen keine Werkzeuge oder Waffen.«
»Tiere entwickeln sich. Besonders unter dem Druck von au?eren Kraften. Trolle, die gelernt haben, Waffen zu benutzen - also, das ist echt gruselig!«
»Wir mussen weiter!«, drangte Molly, indem sie aufstand und sich noch einmal schnell umschaute. »Wir mussen rein, dem Maulwurf einen Besuch abstatten und wieder raus, bevor die Trolle schwarmen.«
»Entspann dich«, sagte ich. »Sie konnen uns nichts anhaben. Ich habe meine Rustung, und du hast deine Zauberei.«
»Deine Rustung mag dich vielleicht vor direkten Angriffen schutzen, aber eine ganze Horde Trolle konnte dich auf den Arsch werfen, dich in ihre tiefen Speisekammern tragen und dich dort einfach festhalten, bis du aus deiner Rustung rauskommen musst. Und dann …« Wir blickten beide auf die halb aufgefressene Kopfgeldjagerin. »Es gibt eine Grenze fur das, was ich momentan mit meiner Zauberei machen kann«, fuhr Molly widerstrebend fort. »Die meisten meiner gespeicherten Ressourcen habe ich aufgebraucht; etwas Gro?es wurde mich wegputzen.«
»Das hattest du nicht vielleicht erwahnen konnen, bevor wir hier runtergegangen sind?«, fragte ich.
Unvermittelt blickten wir uns beide um: In der Dunkelheit um uns herum waren Gerausche. Molly schwenkte ihr Hexenfeuer hin und her und beleuchtete die dunklen Munder von Tunneloffnungen vor und hinter uns. Von nicht weit weg drang schrilles Jaulen und Heulen zu uns und das langsame, durchdringende Gerausch von Klauen und Krallen, die uber Stein kratzten. Wir sahen rasch den Gang auf und ab, aber die vielen uberlappenden Echos machten es unmoglich zu sagen, aus welcher Richtung ein Gerausch kam. Molly und ich standen Rucken an Rucken und atmeten schwer. Und dann, von hinter uns, von dort, wo wir hergekommen waren, erscholl das lauter werdende Gerausch von schweren Fu?en in Bewegung, von schweren Korpern, die durch den Tunnel auf uns zugepoltert kamen. Molly spurtete los in die Dunkelheit vor uns, und ich war direkt hinter ihr.
Je tiefer wir kamen, desto verwahrloster wurden die Tunnels. Die alten Backsteinwande fingen an rissig zu werden und auseinanderzufallen. Pilze und Moos fanden hervorragende Bedingungen und verdeckten menschliches Wirken unter runden, organischen Formen. Tunneloffnungen wechselten mit zerklufteten Lochern ab, die durch das alte Mauerwerk geschlagen worden waren, finstere Risse wie offene Wunden. Wesen bewegten sich in der Dunkelheit und zischten uns an, wenn wir voruberkamen. Molly und ich rannten weiter, verlangten uns das Letzte ab, schauten nicht einmal in die Offnungen hinein, und hinter uns drohnte das stetig naher kommende Poltern der Trolle.
Ich hatte hochrusten konnen und sie binnen eines Moments hinter mir lassen konnen, aber Trolle waren magieempfindlich. Sie hatten meine Rustung muhelos aufspuren konnen, auch in volliger Dunkelheit. Schon die geringe Magie des Hexenfeuers war ein kalkuliertes Risiko.
»Wie weit noch bis zum Maulwurf?«, fragte ich zwischen keuchenden Atemzugen.
»Ich bin … nicht ganz sicher«, antwortete Molly.
»Hey, es ist lange her, dass ich zum letzten Mal hier unten war! Es konnte sein, dass wir ein bisschen … im Kreis gegangen sind.«
Ohne mein Tempo im Geringsten zu verlangsamen, griff ich in meine Jacke und zog den Notfallkompass heraus, den der Waffenschmied mir im Herrenhaus gegeben hatte.
»Ich wei?, wo Norden ist«, sagte Molly, »und es hilft mir wirklich nicht weiter!«
»Dieser spezielle Kompass ist so konstruiert, dass er einem den besten Ausweg aus jeder Notlage zeigt«, erlauterte ich ihr, wahrend ich versuchte, das Ding beim Laufen so ruhig wie moglich zu halten. Die Kompassnadel schnellte hin und her und blieb dann auf Nordost stehen, just als in dieser Richtung eine neue Tunneloffnung auftauchte. Die Nadel bewegte sich und zeigte genau auf die Offnung. »Hier entlang!«, sagte ich.
»Deine Familie hat immer die besten Spielsachen!«, meinte Molly, und ohne langsamer zu machen sturmten wir in den neuen Tunnel.
Wir liefen weiter, folgten der Nadel von Tunnel zu Tunnel. Das Jaulen und Heulen kam jetzt von allen Seiten. Der letzte Tunnel endete schlie?lich in einem naturlichen Steinraum samt Stalaktiten und Stalagmiten. Seltsame mineralische Linien in den Wanden fingen das Hexenfeuer auf, leuchteten hell und drangten die Dunkelheit zuruck. Die Kompassnadel pendelte hin und her, als sei sie verwirrt, und ich machte stolpernd Halt, um darauf zu warten, dass sie zu einem Entschluss kam. Molly stutzte sich auf mich und schnappte nach Luft; ich selbst war nicht viel besser dran. Mein Arm und meine Schulter brachten mich um.
»Wir stecken in Schwierigkeiten«, stellte Molly fest.
»Nein, wirklich?«, sagte ich. »Jetzt uberraschst du mich aber! Zeig uns den Weg zum Maulwurf, du nutzloses Stuck Schei?e!« Und ich gab dem Kompass ein paar Klapse, um ihm zu zeigen, dass ich es ernst meinte.
»Nein«, sagte Molly. »Ich meine, dass ich diesen Ort uberhaupt nicht kenne. Ich bin auf keinem meiner fruheren Abstecher zum Unterschlupf des Maulwurfs jemals hier gewesen. Bist du sicher, dass auf das Ding Verlass ist?«
»Na klar!«, log ich. Die Kompassnadel entschied sich endlich dazu, geradeaus zu zeigen. Ich sah Molly an. »Bereit, noch ein bisschen zu laufen?«
Sie rang sich ein schnelles Lacheln ab. »Ich stelle fest, dass die unmittelbare Aussicht, bei lebendigem Leib gefressen zu werden, wunderbar dazu beitragt, dass man sich auf eine korperliche Aktivitat konzentrieren kann.«
»Ich liebe es, wenn du dich gewahlt ausdruckst!«, erwiderte ich.
Und in diesem Moment brach eine ganze Masse von Trollen aus einem Seitentunnel direkt hinter uns hervor, die sich in ihrer Begierde, uns zu erreichen, mit Zahnen und Klauen untereinander bekampften. Molly und ich sprinteten wieder los in die Richtung, die uns die Nadel anzeigte, aber keiner von uns war mehr so schnell wie vorher. Ich hatte nur einen fluchtigen Blick auf die Trolle hinter uns erhascht, aber das war genug. Ich hatte fruher schon Trollen gegenubergestanden, und sie hatten sich nicht verandert. Trolle sind gewaltige, gebeugt gehende Kreaturen von gelbwei?er Farbe und langem, hoch aufgeschossenem Korperbau. Gezackte Krallen an knochigen Handen, bosartige Klauen an langen und dunnen Fu?en. Aus ihren Rucken, Armen und Beinen ragen Knochensporne und -stacheln heraus. Ihre Kopfe sind lang, pferdeahnlich, mit Maulern vollgepackt mit dicken, blockartigen Zahnen. Ihre Augen sind gro? und schwarz und reglos. Sie laufen auf allen vieren und stutzen sich dabei wie Menschenaffen auf den Knocheln ab. Sie gaben sich nicht mehr mit Jaulen und Heulen ab, jetzt, wo sie ihre Beute gefunden hatten; stattdessen kamen von hinter uns dunkle, tiefe Hustlaute, drangend und hungrig.
Ich schaute nicht zuruck. Ich wusste, wie schnell sie sich bewegen konnten. Und was sie tun wurden, wenn sie uns fingen.
Sie waren nah, und sie kamen naher. Mein Atem brannte in meiner sich schnell hebenden und senkenden Brust, und mein schlimmer Arm und meine schlimme Schulter schrien vor Schmerz. Neben mir konnte ich Molly nach Luft schnappen horen. Wir wurden langsamer, obwohl wir wussten, dass das unseren Tod bedeutete. Also rustete ich hoch, nahm Molly in meine starken goldenen Arme und spurtete mit ubernaturlicher Geschwindigkeit durch die dunklen Tunnels. Molly hatte keine Luft, um uber ein uberraschtes Quieksen hinaus irgendwelche Einwande zu erheben, und dann klammerte sie sich fest an mich, als ich durch das Tunnellabyrinth raste. Sie hielt das Hexenfeuer vor uns hin, dessen Licht sich strahlend auf meiner goldenen Rustung widerspiegelte.
Die Trolle konnten es zwar nicht mit meinem gesteigerten Tempo aufnehmen, aber sie gaben auch nicht auf. Noch immer konnte ich ihr Poltern hinter uns horen. Rissige Backsteinmauern zuckten an uns vorbei, als ich weiterraste, wahrend ich mich auf die Nadel des Kompasses konzentrierte, der bundig in meiner goldenen Handflache eingebettet lag. Plotzlich schrie Molly auf und zeigte auf eine Stelle vor uns, und ich blieb rutschend stehen. Molly entwand sich ungeduldig meinen Armen, als ich sie absetzte, und rannte zu einer Vertiefung in einer Steinmauer, die fur mich genau wie alle anderen aussah.
»Das ist sie! Das ist die Stelle! Ich erkenne sie wieder … Die Tur ist genau hier, Eddie! Genau hier …
