irgendwo …«
Sie beugte sich dicht heran und fuhr mit den Handen uber die raue Steinoberflache. Ich konnte keine Tur erkennen. Ich drehte mich um und schaute den Weg zuruck, den wir gekommen waren. Ich konnte keine Trolle sehen, aber ich konnte horen, wie sie aus der Dunkelheit auf uns zukamen. Sie horten sich echt wutend an. Molly schrie erneut auf, und ich drehte mich wieder um und sah, wie sie die Umrisse einer Tur in dem dunklen, schmutzigen Stein nachzog.
»Das ist eindeutig die Tur! Fuhrt direkt zum Maulwurf!«
»Dann mochtest du sie vielleicht offnen?«, schlug ich vor. »Die Trolle werden jeden Moment hier sein.«
»Die kann ich nicht offnen! Nur der Maulwurf kann sie offnen!«
»Tritt zur Seite!«, forderte ich sie auf. »Ich werde sie einschlagen.«
»O nein, das wirst du verdammt noch mal nicht!«, sagte Molly, hielt mich an einem goldenen Arm fest und starrte direkt in meine Maske. »Der Maulwurf schatzt seine Ungestortheit, und du kannst einen Batzen Geld darauf wetten, dass diese Tur durch Sicherheitsma?nahmen geschutzt ist, die alles andere als von Pappe sind! Du brauchst sie nur komisch anzugucken, und sie konnte diesen ganzen Abschnitt in die Luft jagen! Lass mich mit dem Maulwurf reden. Hier gibt es irgendwo eine Sprechanlage …«
Sie ging wieder zur Mauer. »Maulwurf! Hier ist Molly Metcalf; kennst du mich noch? Ich habe den kompletten Satz der
Es gab eine besorgniserregend lange Pause. Die Trolle kamen naher. Ich konnte die Vibrationen ihrer wuchtigen Schritte durch den Steinboden spuren. Ich schloss den Kompass in meiner Rustung weg und griff nach dem Repetiercolt. Die Trolle brachen aus der Tunneloffnung hinter uns hervor und griffen mit langen, stachelbewehrten Armen nach uns. Molly schrie mir zu, die Augen zuzumachen, und ich druckte sie zu, gerade noch rechtzeitig, denn sie warf den Trollen den gleichen strahlenden Lichtschein entgegen, den sie auch im Bahnhof Paddington benutzt hatte. Die Trolle blieben schlagartig stehen und fielen ubereinander, wahrend sie in unertraglichen Schmerzen nach ihren geblendeten, lichtempfindlichen Augen griffen. Ich trat vor und totete das erste halbe Dutzend mit meinen goldenen Fausten, indem ich ihnen die schweren Schadel mit meinen gepanzerten Handen zerschmetterte. Ich schob die Leichen zuruck in die Tunneloffnung und errichtete eine Barrikade damit, um die anderen Trolle aufzuhalten. Die Ubrigen druckten heftig von der anderen Seite, und ich und meine goldene Rustung hatten alle Hande voll zu tun, sie zuruckzuhalten.
»Eddie! Die Tur ist auf!
Ich drehte mich um und rannte auf die schmale, dunkle Offnung in der Mauer zu. Molly war schon drin; sie zog mich hinein und schlug dann den Trollen die Tur vor der Nase zu, direkt hinter mir. Die Tur machte au?erlich nicht viel her, aber sie hielt stand, ungeachtet des Hammerns wuchtiger Fauste von au?en. Die Trolle jaulten und heulten und schlugen in frustrierter Wut gegen die geschlossene Tur.
»Sollten wir uns auf eine Explosion gefasst machen?«, fragte ich Molly.
»Der Maulwurf wei? jetzt, was los ist«, antwortete sie au?er Atem. »Er erwartet uns. Eddie, sei nett zu ihm! Er ist keine Besucher gewohnt.«
Ich folgte Molly durch den engen Tunnel, der von nackten elektrischen Gluhbirnen erleuchtet wurde, die in regelma?igen Abstanden von der Decke hingen. Widerwillig rustete ich ab. Da er selbst ein Vogelfreier war, wurde der Maulwurf wohl als Allerletztes einen Drood in voller Rustung direkt auf sich zukommen sehen wollen. Es war ein gutes Gefuhl, nicht mehr zu rennen und wieder zu Atem zu kommen. Ich massierte meinen schmerzenden linken Arm. Aber es half nichts, also schob ich den Schmerz so weit weg, wie ich konnte. Ich hatte an Wichtigeres zu denken. Wenn der Maulwurf genauso verruckt wie der Seltsame John war, dann wurde man behutsam mit ihm umgehen mussen.
Die Tunnelwande waren mit uberlappenden Schichten mehrfarbiger Elektrokabel behangen, die mit Verteilerkasten und einem ganzen Haufen Technologie durchsetzt waren, die mich vor ein volliges Ratsel stellte. Schwenkbare Uberwachungskameras behielten Molly und mich im Auge, als wir den Tunnel hinuntergingen, und ich gab mir alle Muhe, freundlich und auf eindeutig nicht bedrohliche Art hineinzulacheln.
»Du bist doch schon mal hier gewesen«, sagte ich zu Molly. »Wie sieht es bei ihm zu Hause denn so aus?«
»Tja«, antwortete sie, wobei sie meinen Blick geflissentlich mied. »Eigentlich bin ich noch nie hier gewesen. Nicht personlich, hei?t das. Tatsachlich kenne ich niemanden, der schon mal hier gewesen ware. Du solltest dich sehr geschmeichelt fuhlen, dass er uns hereingelassen hat; normalerweise duldet der Maulwurf keine Besucher. Genau genommen neigt er dazu, sie abzuschrecken, indem er jeden umbringt, der hier aufkreuzt.«
»Jetzt mach aber mal halblang!«, sagte ich. »Willst du damit sagen, dass ein echtes Risiko bestand, dass er diese Tur fur uns nicht aufmacht? Dass es durchaus hatte sein konnen, dass er uns da drau?en verrecken lasst?«
»Na ja, moglich ware das schon gewesen. Aber ich war mir ziemlich sicher, dass er so neugierig auf dich ware, dass er uns hereinlasst. Au?erdem mag er mich irgendwie.«
»Er mag dich!«
»Nein, ich meine, er
»Wie, wenn du noch nie hier warst?«
»Oh, ich war schon viele Male in seinem Unterschlupf, nur nicht leibhaftig. Ich bin ein Dutzend Mal hierher traumgewandert - astrales Reisen. Daher habe ich auch den Weg gekannt. Und wir telefonieren viel miteinander. Er kann sehr redselig sein, solange man die gebuhrende Distanz wahrt. Ich war mir wirklich ziemlich sicher, dass er uns reinlassen wurde.«
»Weil er dich mag.«
»Genau. Ich erweise ihm Gefalligkeiten …«
»Fast habe ich Angst zu fragen: Welche Art von Gefalligkeiten?«
»Ich suche fur ihn diese fragwurdigen Pornosites im Internet …«
»Ich hatte recht. Ich wollte es gar nicht wissen.«
Unvermittelt offnete sich der Tunnel in eine riesige Hohle, die aus dem Gestein tief unter London gehauen worden war. Sie war gewaltig, beinah uberwaltigend in ihren Ausma?en, aber der Maulwurf hatte offenbar viel Zeit gehabt, es sich gemutlich zu machen. Die gro?e, offene Bodenflache war vollgestopft mit jedem modernen Haushaltsgerat, jedem erdenklichen Luxus und Komfort, dazu Berge von Computerausrustung. Riesige Plasmabildschirme bedeckten die Wande und zeigten bei abgestelltem Ton funfzig verschiedene Ansichten gleichzeitig. Und in jedem Zwischenraum und an jeder freien Stelle waren Computermonitore, die Dutzende verschiedener Sites auf einmal zeigten. Molly fuhrte mich durch das Apparaturengewirr ins Zentrum der Hohle des Maulwurfs, und dort, genau im Herzen des Labyrinths, sa? der Maulwurf personlich in einem gro?en, leuchtend roten Lederdrehstuhl. Bis zum allerletzten Moment hielt er uns den Rucken zugewandt, und dann lie? er den Stuhl widerstrebend herumschwingen und starrte uns an. Er hob eine Hand und bedeutete uns, nicht naher zu kommen, und wir blieben in gut drei Meter Entfernung stehen. Er musterte uns von Kopf bis Fu? und machte keinerlei Anstalten, sich von seinem Stuhl zu erheben und uns zu begru?en.
Ich hatte erwartet, einen untersetzten kleinen Kerl mit blinzelnden Augen hinter einer riesigen Brille anzutreffen, und genau das war der Maulwurf. Er war sehr blass, mit langen, lose fallenden Haaren um ein dickliches Gesicht, in dem es ziemlich viel blinzelte und zuckte. Er trug Bermudashorts, schmuddelige Trainingsschuhe und ein T-Shirt mit dem Aufdruck
»Hallo, meine Liebe. Es ist so schon, dich wiederzusehen! Und endlich in Person! Ja. Aber bitte, alle beide, kommt nicht naher! Ich bin nicht mehr an Gesellschaft gewohnt. Nein. Nein. Hallo, Edwin. Mit-Drood, Mit- Vogelfreier. Ja. Normalerweise dulde ich keine Besucher; sie regen mich zu sehr auf. Aber wenn ich einem Mit- Vogelfreien nicht trauen kann … Also, willkommen in meiner Hohle, Edwin, Molly!
Ja.«
»Hubscher Stuhl«, sagte ich, weil mir nichts anderes Hofliches und Nichtbedrohliches einfiel.
»Ja, das ist er, nicht wahr?«, sagte der Maulwurf, und sein Gesicht erhellte sich ein bisschen. »Habe ihn extra bestellt. Durch eine ganze Reihe von Sicherungen. Ich muss sehr vorsichtig sein! In den Armlehnen sind
