schikanieren sie einen armen Elfen zu dieser unchristlichen Stunde? Ich hab mir doch nicht etwa wieder was nach Hause bestellt, oder? Ich hatte schworen konnen, die Begleitagentur hat gesagt, ich bin nicht mehr kreditwurdig, die Mistkerle.«
Er presste die Augen zu, hustete einen halben Lungenflugel aus und stierte mich anschlie?end aus getrubten Augen an. Seine Pupillen weiteten sich kurz, als er mich endlich richtig zu sehen bekam, und dann rutschte er mit abwehrend ausgestreckten Handen uber die zerknitterten Bettlaken von mir weg, bis er gegen das Kopfbrett stie? und nicht weiterkonnte. Er versuchte zu lacheln, bekam es aber nicht uberzeugend hin.
»Eddie! Du bist's! Wenn ich gewusst hatte, dass du kommst, hatte ich ein bisschen aufgeraumt, mir ein bisschen Muhe gegeben … Bedien dich, nimm dir alles, was du mochtest, fuhl dich wie zu Hause … O Gott, Eddie, bring mich nicht um, bitte! Ich stelle keine Bedrohung fur dich dar!«
»Interessant«, sagte ich. »Eigentlich durftest du mich nur als Shaman Bond kennen. Du kennst aber meinen richtigen Namen. Wie kommt das, Blue?«
»Ich kann deinen Torques sehen«, sagte er schnell blinzelnd. »Ich bin Halbelb, musst du wissen. Aber naturlich wei?t du das; ihr Droods wisst ja alles. Und von mir wei? man, dass ich hier und da gelegentliche kleine Arbeiten fur deine Familie ubernehme. Das muss ich; sie geben mir Geld. Bring mich nicht um, Eddie, bitte! Sie haben mich dazu gezwungen!«
»In Ordnung, Eddie, lass gut sein!«, sagte Janitscharen-Jane und kam vor und stellte sich neben mich. »Hallo, Blue! Ich bin's, Jane. Diesmal hast du dich aber richtig in Schwierigkeiten manovriert, was? Aus dem Schlamassel kann vielleicht nicht mal mehr ich dich rausholen. Was genau hast du fur die Droods gemacht, dessen du dich so schamst?«
»Ah, Jane!«, sagte der Blaue Elf und beruhigte sich ein wenig. »Und auch Molly! Wie nett! Willkommen in meiner bescheidenen Behausung! Entschuldigt das Durcheinander, aber ich lebe hier. Und anscheinend kann ich einfach nicht mehr die Begeisterung aufbringen, um mich noch einen Dreck darum zu scheren. Schrecklich lax von mir, ich wei?, aber so ist das Leben dieser Tage. Mein Leben jedenfalls. Trotzdem bin ich froh, dass ihr da seid. Wenn man schon auf entsetzliche Weise sterben muss, dann ist es um eine Spur besser, wenn es in Gesellschaft seiner Freunde passiert. Konntet ihr vielleicht euren Freund uberreden, mich ein paar Kleider anziehen zu lassen? Es ware mir wirklich lieber, wenn ich meinem Schopfer nicht nur in Unterhosen gegenubertreten musste.«
»Zieh dich an!«, sagte ich, wider Willen amusiert. »Ich bin nicht hier, um dich zu toten, Blue; ich will dir nur ein paar Fragen stellen.«
»Warte, bis du die Antworten horst!«, meinte der Blaue Elf.
Wir ruckten alle ein Stuck weit vom Bett weg, und er stemmte sich aus der eingesunkenen Matratze heraus und zog einen arg in Mitleidenschaft gezogenen alten Seidenumhang uber. Er fuhr sich mit den Fingern durchs schuttere Haar, nahm sich eine Zigarette aus dem Packchen neben dem Bett, steckte sie sich mit einer Fingerspitze an und nahm einen tiefen Zug. Daraufhin wurde er von einem erneuten, langen Hustenanfall durchgeschuttelt, der von echt entsetzlichen Gerauschen begleitet wurde, und setzte sich mit grauem und schwei?nassem Gesicht wieder aufs Bett. Er schleppte zu viel Gewicht mit sich herum, wie an seinen Hangebacken und seinem Doppelkinn deutlich zu sehen war. Sein Gesicht hatte einen ungesunden Glanz, die Augen waren besorgniserregend blutunterlaufen. Es hie?, er sei zu seiner Zeit ein ziemlicher Stutzer gewesen, damals in den berauschenden Tagen des Glamrocks, aber das Alter hatte es nicht gut mit ihm gemeint. Der Blaue Elf hatte nicht weise, aber zu gut gelebt, und das sah man ihm an. Er mochte einst eine Personlichkeit gewesen sein, mit der zu rechnen war, aber das war lange her. Dennoch, wenn er auch nur die Halfte der Dinge getan hatte, die man ihm nachsagte, in und au?erhalb des Betts, dann war es ein Wunder, dass er uberhaupt noch da war. Vermutlich waren sogar Halbelben nur sehr schwer umzubringen.
»Gott, du siehst grasslich aus!«, sagte Janitscharen-Jane. »Sogar noch schlimmer als dein Zimmer, und das will was hei?en.«
»Ich wei?, ich wei?«, sagte Blau, zog noch einmal an seiner Zigarette und unterdruckte einen weiteren Hustenanfall durch schiere Willenskraft. »Betrachtet mich als Halbfabrikat. Ich hoffe immer, wenn ich genug trinke oder genug Sachen zu mir nehme, die schlecht fur mich sind, muss ich nicht mehr wieder in diesem schrecklichen Zimmer, in diesem schrecklichen Leben aufwachen. In diesem Loch, das ich fur mich selbst gegraben habe, in diesem Bau, in dem ich mich verkrochen habe … Aber ich werde immer wieder wach. Es ist schwierig, einen Elb zu toten, selbst wenn er nach Kraften kooperiert. Sogar einen Halbelb. Gelobt sei mein alter Herr und seine wuchernden Geschlechtsdrusen!«
»Fur jemand, der so entschlossen ist zu sterben, schienst du sehr besorgt zu sein, dass ich hier sein konnte, um dich zu toten«, sagte ich.
»Ich wurde es vorziehen, mit etwas Wurde zu gehen«, antwortete der Blaue Elf. »Nicht die ganze Zeit uber zu strampeln und zu schreien, wahrend du mich in kleine, blutige Brocken verwandelst. Ich wei?, wie ihr Droods arbeitet.«
»Aber wieso willst du uberhaupt sterben?«, fragte Molly. »Wenn dir dein Leben nicht gefallt, dann andere es doch, kremple es um! Noch ist Zeit.«
Der Blaue Elf lachelte sie nachsichtig an. »Ach, da spricht der Optimismus und die Unschuld der Jugend! Wo das Leben noch voller Verhei?ungen und Moglichkeiten scheint. Aber niemand liebt einen Schwulen, wenn er funfzig ist. Sie wollen ihren Zauber von einem jungeren Stuck Fleisch. Und mein Zauber ist bedauerlicherweise nicht mehr das, was er einmal war. Er ist verblasst, zusammen mit meinem guten Aussehen … die beide gro?artig waren, vor langer Zeit einmal. Wisst ihr, ich wurde auf die allerbesten Partys eingeladen. Ich verkehrte mit den ganzen Promis, mein Gesicht war jede Woche in den Hochglanzmagazinen … Aber ach, wir Halbelben erbluhen fruh und verwelken rasch. Papas teuerste Krafte waren nie dazu vorgesehen, in einer zum gro?ten Teil menschlichen Form enthalten zu sein … Die Kerze, die doppelt so schnell abbrennt, erweist sich am Ende als kein so tolles Geschaft.
Inzwischen sehe ich nicht mehr gut genug aus, um mich an all die hubschen Jungen und hubschen Dinger zu klammern, die allein das Leben lebenswert machen. Su?e junge Dinger kreuzen immer noch in meinem Bett auf, aber nur, wenn ich sie bezahle. Und die Reichtumer, die ich einst besa?, von denen ich glaubte, dass sie ewig halten wurden, sind dahin, langst dahin. Fur dies … und das. Ich habe mir nie Sorgen um Geld gemacht, bis ich keins mehr hatte. Deshalb muss ich dieser Tage auch jede Arbeit annehmen, die ich kriegen kann. Selbst die Jobs, von denen ich wei?, dass sie spater zuruckkommen und mich qualen werden.«
»Was hast du getan, Blue?«, fragte ich ihn.
Er blickte mich flehentlich an. »Mir blieb keine Wahl. Einer eurer Leute tauchte vollig unerwartet hier auf. Ich hatte nicht gedacht, dass die Droods von meiner Existenz uberhaupt noch wussten, geschweige denn, wo ich zu finden war. Aber er hatte Arbeit fur mich, und die Bezahlung war gut. Sehr gut. Und die Drohung, die dahintersteckte, war sehr real. Man sagt nicht nein zu einem Drood. Und weil alles, was er wollte, ein bisschen fremde Materie war … Ich konnte nichts Schlimmes daran finden. Ungewohnliche Objekte aus anderen Dimensionen zu erwerben ist eine der wenigen Sachen, in denen ich noch gut bin. Es liegt in den Genen, wisst ihr. Vor einigen Jahren habe ich einmal etwas fremde Materie fur den Waffenschmied eurer Familie besorgt, und das musste wohl irgendwo in den Akten stehen, denn als sie noch mehr wollten, kamen sie zu mir.«
»Wen haben sie geschickt?«, wollte ich wissen.
»Matthew«, antwortete der Blaue Elf. »Sie schicken immer Matthew, wenn sie nicht bereit sind, ›Scher dich zum Teufel!‹ als Antwort zu akzeptieren.«
»Naturlich!«, sagte ich. »Klar, dass es Matthew war. Er wurde alles fur die Familie tun. Sprich weiter, Blue!«
Der Blaue Elf blinzelte mich nervos an, denn die Kalte in meiner Stimme war ihm nicht entgangen. Er druckte den letzten Zentimeter seiner Zigarette auf dem Nachttisch aus und versuchte, sich gerade hinzusetzen, wobei er die Hande im Scho? verschrankte, damit sie nicht zitterten.
»Naja«, fuhr er fort, »ich ging angeln. Das ist es, was ich mache. Eine Schnur in die anderen Reiche fallen lassen und sehen, was ich fangen kann. Fremde Materie ist nicht leicht zu finden. Ich nenne sie so, weil ich keinen Schimmer habe, was oder wozu sie eigentlich ist. Sie ist organisch, vielleicht lebendig, vielleicht auch nicht, und sie hat einige … ganz einzigartige Eigenschaften. In den Dimensionen zu fischen kann sehr gefahrlich sein, musst ihr wissen. Man kann nie sagen, ob man nicht versehentlich etwas Gro?es und Gefahrliches an den Haken bekommt, und dann kommt es hoch durch die Ebenen, stinksauer und rachgierig … Aber ich beschaffte Matthew, was er wollte, und er bezahlte noch an Ort und Stelle in bar. Gutes Geld. Viel zu viel, fur jemand in meinen beschrankten Verhaltnissen. Das war der Moment, wo ich misstrauisch wurde. Aber ich unternahm nichts. Ich
