»Du hast einen weiten Weg zuruckgelegt, Eddie«, sagte Molly. »Ich wunschte … ich konnte etwas tun, um dir zu helfen. Um dich vor dem zu retten, was in dir ist. Die ganzen Jahre, die ich mit dem Versuch verbracht habe, dich umzubringen, und jetzt kommt etwas anderes mir zuvor … Ich wurde dich retten, Eddie, wenn ich konnte. Wei?t du das?«

»Ich wei?«, antwortete ich. »Aber … In diesen letzten paar Tagen mit dir habe ich mehr gelebt als in den ganzen Jahren davor allein.«

»Ach, holt euch doch ein Zimmer, ihr beiden!«, sagte Janitscharen-Jane. »Ich verdruck mich, bevor ihr anfangt, Lieblingsgedichte auszutauschen.«

»Wir haben nichts miteinander!«, verwahrte sich Molly.

»Ganz bestimmt nicht!«, versicherte ich feierlich.

»Ja, ja, schon gut«, meinte Janitscharen-Jane. »Ich nehme jetzt den schwarzen Wagen und statte der hiesigen Niederlassung meiner Gewerkschaft einen Besuch ab. Mal sehen, ob ich eine direkte Aktion gegen das Manifeste Schicksal organisieren kann, weil sie Archie Leech gestattet haben, mich als Waffe in ihrem Kampf zu benutzen. Die Soldnergilde kummert sich um die ihren, und Amateuren, die unlauteren Wettbewerb betreiben, sind wir schon immer ganz schon aufs Dach gestiegen. Wenn Geheimgesellschaften sich ihre eigenen Privatarmeen aufbauen wollen, dann sollen sie zu uns kommen. Und den festgesetzten Preis zahlen. Also dann … Eddie, Molly. Dies ist der Abschied. Viel Gluck, ihr beiden; ihr werdet es brauchen. Und Eddie … danke. Dafur, dass du mich von Leech errettet hast. Du hattest auch einfach meinen Korper zerstoren und ihn auf diese Weise loswerden konnen. So hatten es die meisten gemacht.«

»Ich bin nicht die meisten«, sagte ich.

»Das kann man nicht leugnen«, meinte Molly.

Wir lachten alle ein bisschen, und dann drehte sich Janitscharen-Jane um und ging fort, ohne noch einmal zuruckzublicken. Sie war schon immer eine von der sentimentalen Sorte gewesen - fur eine Soldnerin. Molly und ich beobachteten, wie sie in dem gro?en schwarzen Wagen wegfuhr, und dann standen wir zusammen auf dem Burgersteig vor dem Spirituosenladen und sahen einander an. Ich wusste wirklich nicht, was ich zu ihr sagen sollte. Hatten wir eine Beziehung? Waren wir … ein Paar? Das war alles neu fur mich. Unbekanntes Gelande. Ich bewunderte Molly. Mochte sie, respektierte sie, genoss ihre Gesellschaft … und riskierte mein Leben, um ihres zu retten, ohne auch nur daruber nachzudenken. Konnte das Liebe sein, die mir spat im Leben und unerwartet begegnet war? Die Familie erlaubt ihren Agenten, Freunde zu haben, auch Liebhaber, aber niemals zu lieben. Ehen werden von der Familie beschlossen. Das ist nur eine weitere Methode, um uns zu kontrollieren. Die Liebe kommt nach der Hochzeit, wenn man Gluck hat; Pflicht und Familie mussen immer an erster Stelle stehen.

Denn wir beschutzen die Welt. Fur diese Luge wurde ich sie alle toten.

Und weil gerade ich wei?, dass meine Familie nicht dazu geeignet ist, die Welt zu beherrschen. Sie mussten aufgehalten werden, gesturzt und gedemutigt werden. Solange ich noch stark genug war, es zu tun. Ich wurde mich vielleicht nicht selbst retten konnen, aber ich konnte trotzdem die Welt retten. Ein letztes Mal.

»Ich wei?, was dir durch den Kopf geht«, sagte Molly.

»Das bezweifle ich eher«, erwiderte ich.

»Lass uns einfach sagen, ich tappe ebenso sehr im Dunkeln wie du«, sagte Molly und legte sanft ihre Hand auf meinen rechten Arm. »Du bist ein guter Mensch, Eddie. Ich glaube, ich konnte dich sehr lieb gewinnen - mit der Zeit. Aber wir haben nicht viel Zeit, nicht wahr? Also lass uns einfach tun, was getan werden muss, und uns spater Gedanken uber andere Sachen machen. Falls es ein Spater gibt.« Unvermittelt lachelte sie. »Teufel auch, deine Familie wird uns wahrscheinlich sowieso beide umbringen! Also lass uns uns einfach auf das konzentrieren, was wir als Nachstes machen wollen!«

»Ja«, stimmte ich ihr zu, »lass uns das tun!«

»Fangen wir mal mit dem Ding an deinem Revers an«, sagte Molly und beugte sich vor, um das Abzeichen besser betrachten zu konnen. »Das Confusulum. Irgendeine Vorstellung, wie man es bedient?«

Ich runzelte die Stirn und guckte auf das Abzeichen herunter. »Der Blaue Elf hat nichts gesagt. Und es gab auch nicht direkt eine Gelegenheit, nach einer Bedienungsanleitung zu fragen.« Ich tippte das Abzeichen mit der Fingerspitze an. »Hallo? Ist irgendwer da drin?«

Und einfach so stellte ich eine Verbindung mit etwas her. Nicht mittels meines Verstandes; eher mit meiner Seele. Ich konnte etwas in meinem Kopf und in meinem Herzen spuren; nicht menschlich, nicht in irgendeiner Weise menschlich, aber gro? und lachend, verspielt und neugierig. Das Confusulum fand alles unglaublich lustig, von dieser faszinierenden neuen Welt, in der es war, bis hin zu seiner eigenen Form und Natur. Es war lebendig und nicht lebendig, mehr als lebendig … So sehr eine Kraft und ein Zweck wie eine Person. Diese Welt und alle Menschen darin waren blo? etwas faszinierend Neues fur das Confusulum, etwas, woran es sich erfreuen und womit es spielen konnte, eine Zeit lang. Bis ihm langweilig wurde. Das Confusulum wurde mir dienen, solange es belustigt blieb, und dann wurde es irgendwo anders hingehen und etwas anderes machen. Es versuchte mir zu zeigen was, aber ich konnte nichts davon begreifen oder beurteilen. Das Confusulum lachte noch einmal, wie ein Kind, das mit einem brandneuen Spielzeug spielt, und brach den Kontakt ab. Ich schaute Molly an.

»Nun?«, fragte sie.

»Ich denke, es wird tun, was immer wir wollen«, sagte ich vorsichtig. »Es ist sehr … fremdartig. Ich wei? nicht, ob es unsere Feinde verwirren wird, aber mich bringt es vollig durcheinander.«

Molly rumpfte die Nase. »Hattest es mir geben sollen! Ich hatte ihm schnell beigebracht, Mannchen zu machen. Ich bin den Umgang mit magischen Gegenstanden, die ihren eigenen Kopf haben, gewohnt. Man muss ihnen zeigen, wer der Herr im Haus ist!«

»Oh, ich bin ziemlich sicher, dass es wei?, wer der Herr im Haus ist«, entgegnete ich.

»Hor zu, kann es uns bei unserem dringlichsten Problem helfen? Namlich wie wir ins Herrenhaus kommen sollen? Alle ublichen und unublichen Wege aus London heraus werden inzwischen bestimmt streng uberwacht, entweder von deiner Familie oder vom Manifesten Schicksal, und ich habe nicht annahernd genug Energie mehr in mir, um ein Raumportal zu beschworen. Hatte ich doch nur nicht die Manxkatze zertrummern mussen, um dir das Leben zu retten! Aus dieser Statue hatte ich viel Kraft schopfen konnen.«

»Dann ist das Ganze also meine Schuld?«

»Alles ist deine Schuld, Drood, solange nicht das Gegenteil bewiesen wird.«

»In Ordnung«, sagte ich geduldig. »Lass uns also damit beginnen. Confusulum, kannst du Molly helfen, ihre Kraft zuruckzubekommen?«

Oh, klar!, sagte eine erfreute Stimme in meinem Ohr. Null Problemo!

Das Abzeichen an meinem Revers pulsierte mit einem andersweltlichen Licht, und die Welt um uns herum wurde plotzlich ungewiss. Das Confusulum gebrauchte seine einzigartige Natur und brachte die Sache so durcheinander, dass das Universum selbst sich nicht mehr sicher war, ob Molly ihre Kraft noch hatte oder nicht. Es war, als ob jemand dem Universum einen Stups in die Rippen gegeben hatte, damit es einen Taktschlag ubersprang, und einfach so … war die Welt fast unmerklich anders. In der Luft rings um Molly spruhte und knisterte Magie, als Kraft sie durchwogte und sie vor lauter Ubermut laut lachte. Sie fuhr mit ihren Handen hin und her und schimmernde Energiespuren folgten ihnen. Mollys Gesicht war vor einer fast sexuellen Erregung gerotet, und sie sah unglaublich lebendig aus, zum Bersten voll von allen Energien der wilden Walder.

Ich fand, sie hatte nie schoner ausgesehen.

(Die Veranderung hatte Nebenwirkungen. Plakate in den Schaufenstern hatten plotzlich andere Farben oder bewarben andere Produkte. Rote Rosen bluhten in den Rinnsteinen. Und ein Schaf ging ernst ruckwarts die Stra?e hinunter.)

»Verdammt!«, sagte Molly und grinste von einem Ohr zum anderen. »Das ist … erstaunlich! Ich komme mir vor, als ob ich es mit der ganzen Welt aufnehmen und sie wie ein Baby zum Weinen bringen konnte! Du willst ein Raumportal, Eddie? Ich fuhle mich, als konnte ich diese ganze Stra?e von einem Ende des Landes zur anderen transportieren!«

»Das konnte augenblicklich ein bisschen auffallig sein, schatze ich«, erwiderte ich mit einer Stimme, von der ich hoffte, dass sie ruhig, vernunftig und sehr besanftigend war. »Und uberhaupt, wir konnen es nicht riskieren, ein Raumportal zu benutzen, um zum Herrenhaus zu gelangen. Die Verteidigungsanlagen meiner Familie wurden das entdecken. Nein, unsere einzige Chance besteht darin, uns hineinzuschleichen und meine Familie zu uberrumpeln.«

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