Sie zogen an meinen goldenen Beinen und versuchten mich umzukippen und bedrangten mich von allen Seiten, aber ich stand sicher und wollte nicht fallen. Ich riss sie in Stucke, Glied um Glied, und zu keinem Moment floss Blut, nur noch mehr Stroh stand aus ausgefransten Gelenkpfannen heraus. Ich zerfetzte ihre hohlen Korper und schleuderte die Stucke hierhin und dorthin. Kopfe rollten ubers Gras, die Augen noch lebendig, immer noch leidend und hassend.

Wenn das hier vorbei war, wurde die Familie sie einfach wieder zusammensetzen. Keine Ruhe fur diejenigen, die es gewagt hatten, bose zu uns zu sein.

Molly lie? sich beim Kampf gegen die Vogelscheuchen nicht lumpen. Sie schlug mit den vier Elementen auf sie ein, mit allen zugleich. Wirbelsturme zogen aus dem Nichts auf, ergriffen die Vogelscheuchen, schleuderten sie hoch in den Himmel und lie?en sie wieder auf die Erde krachen. Plotzliche Platzregen wahlten sich einzelne Vogelscheuchen zum Ziel und durchtrankten sie so heftig, dass sie sich kaum noch bewegen konnten. Andere gingen in Flammen auf, die so wild brannten, dass die strohgefullten Korper in Sekundenschnelle von ihnen verzehrt wurden. Und schlie?lich tat die Erde selbst sich auf, verschluckte alle Vogelscheuchen, die noch standen, und schlug uber ihnen wieder zu und sperrte sie in ihrem Innern ein. Molly blickte sich um und nickte einmal befriedigt.

»Verdammt, wir sind gut!«

»Ja«, stimmte ich ihr zu, »das sind wir.«

Ich hatte das Confusulum benutzen konnen, um die Krafte zu verwirren, die die Vogelscheuchen am Laufen hielten. Ich hatte es benutzen konnen, um die gefangenen Geister aus ihren

Vogelscheuchenkorpern zu erlosen. Doch ich tat es nicht. Denn sie hatten meine Familie dort angegriffen, wo wir leben, und das vergeben wir niemals.

* * *

Wir hatten das Herrenhaus fast erreicht, als eine Stimme in meinem Ohr plotzlich sagte: Sorry! Das war's! Die Geschafte rufen und ich muss fort! Hat Spa? gemacht; das mussen wir irgendwann mal wiederholen! Ich blickte nach unten, und das Abzeichen an meinem Revers war weg. Einfach so hatte das Confusulum mich verlassen. Kurz davor, das Zentrum der Macht meiner Familie zu betreten, waren Molly und ich auf uns allein gestellt. Was … einfach typisch fur die Art war, in der mein Leben in letzter Zeit gelaufen war. Ich beschloss, Molly nichts davon zu sagen; sie wurde sich nur unnotig aufregen.

Mit gro?en Schritten ging ich zum Hauptvordereingang, stie? mit einer schwungvollen Gebarde die Tur auf und marschierte in die Eingangshalle hinein. Molly konnte es nicht erwarten hereinzukommen und schob sich in ihrem Eifer sogar an mir vorbei. Ich schloss die Tur sorgfaltig hinter uns, und der Hintergrundlarm von meiner Familie, die gegen den Drachen kampfte, erstarb augenblicklich. Im Hausinneren war alles ruhig und friedlich, genau wie immer. Das langsame Ticken alter Uhren; der Geruch nach Bienenwachs und Mobelpolitur und Staub. Und dann trat der Seneschall aus seinem Sicherheitsalkoven, um sich vor mich zu stellen, und mir fiel wieder ein, weshalb ich damals uberhaupt so froh gewesen war, dem Herrenhaus den Rucken zu kehren. Gewichtig stand er vor mir und versperrte mir den Weg, steif und formlich wie immer in seiner altmodischen Butleraufmachung. Der Mann, der immer sehr viel mehr gewesen war als blo? ein Butler. Ich blieb ganz ruhig stehen. Ich trug immer noch meine Rustung. Ich sah wie jeder andere Drood aus. Es bestand die Moglichkeit …

»Ich wei?, dass du es bist, Edwin«, sagte der Seneschall. »Ich erkenne dich an der Art, wie du dich bewegst. Du warst schon immer schlampig, undiszipliniert. Als die Verteidigungsanlagen des Grundstucks nichts mehr erfassen konnten, wusste ich, dass du es sein musst. Immer der Querdenker, der Leisetreter, der sich in den Schatten herumdruckt. Und deine Begleiterin ist die beruchtigte Molly Metcalf? Hast nicht lange gebraucht, um in schlechte Gesellschaft zu geraten. Ich wusste schon immer, dass du nichts taugst, Edwin. Schon als du noch ein kleiner Junge warst.«

Ich rustete herunter, um ihn anzusehen. Ich wollte, dass er mein Gesicht sehen konnte. »Ich bin schon lange kein kleiner Junge mehr, Seneschall. Ich habe keine Angst mehr vor dir. Siehst du diesen Mann, Molly? Er hat mir das Leben zur Qual gemacht, als ich ein Kind war. Er hat allen das Leben zur Qual gemacht. Nichts, was wir als Kinder taten, war jemals gut genug fur ihn. Wei?t du, alle erwachsenen Familienmitglieder konnen sich uber die Halsreifen der Kinder hinwegsetzen. So konnen sie uns disziplinieren, uns kontrollieren … Uns bestrafen. Wir sind eine sehr alte Familie, sehr altmodisch, und wir haben nie daran geglaubt, die Rute zu schonen. Und dieser Mann hier … liebte es, Kinder zu bestrafen. Fur alles und nichts. Einfach, weil er es konnte. Als Kinder lebten wir alle in Furcht vor dem Seneschall.«

»Es war nur zu eurem Besten«, sagte der Seneschall gelassen. »Ihr musstet lernen. Und du warst immer au?erordentlich begriffsstutzig, Edwin.«

Ich rustete wieder hoch und hob die Faust. Goldene Dornen entsprangen den schweren Knocheln. »Tritt zur Seite, Seneschall! Diesmal werde ich mich nicht aufhalten lassen!«

»Es ist noch nicht zu spat«, sagte der Seneschall. »Noch konntest du dich ergeben. Dich der Familienbestrafung unterwerfen. Fur deine Verbrechen bu?en.«

»Ich habe nie irgendwelche Verbrechen begangen! Nie! Die Familie hingegen schon.«

Der Seneschall seufzte. »Du horst nie zu und du lernst nie dazu. Leg deine Rustung ab, Edwin, oder ich werde deine Gefahrtin leiden lassen!«

Er zog Waffen aus der Luft; sein einmaliges Talent, das ihm gegeben worden war, damit er das Herrenhaus beschutzen konnte. In einer Hand erschien ein Gewehr, ein Flammenwerfer in der anderen. Er richtete beide auf Molly, und ich machte einen Sprung vorwarts, um sie zu beschutzen. Kugeln schlugen gegen meine gepanzerte Brust und prallten ab, aber die Flammen fegten einfach an mir vorbei und gefahrdeten Molly … nur um im letzten Moment abzudrehen, abgelenkt durch Mollys Magie. Sie stie? mit einer Hand nach dem Seneschall, und der unsichtbare Schlag lie? ihn zurucktaumeln. Molly lachte ihn aus.

»Meine Gefahrtin kann fur sich selbst sorgen«, sagte ich zum Seneschall.

»Verdammt richtig!«, bekraftigte Molly.

Der Seneschall setzte dazu an, innerlich die Worte zu sprechen, die seine Rustung hochrufen wurden. Er hatte das in dem Augenblick machen sollen, als er mich erkannte, aber in seinem Stolz sah er in mir immer noch das Kind, das gezuchtigt werden musste. Doch als er zu den Worten ansetzte, lie? Molly einen Rattenregen auf ihn niedergehen. Sie prasselten aus dem Nichts auf ihn herab, Strome von gro?en, schwarzen Ratten, die mit Zahnen und Klauen in Schwarmen uber ihn herfielen. Er schrie vor Schreck und Schmerz auf, schlug nach den Ratten und versuchte sie abzuschutteln, unfahig, sich lang genug zu konzentrieren, um die Worte zu sagen, die seine schutzende Rustung hochgebracht hatten. Er taumelte hin und her und versuchte sich die Ratten mit blo?en Handen vom Korper zu rei?en. Eine schlug die Zahne tief in sein Handgelenk und blieb dort hangen und trat und wand sich, wahrend er sich vergeblich bemuhte, sie abzuschutteln. Eine andere zerrte an seinem Ohr. Blut lief ihm ubers Gesicht, als sie seine Kopfhaut aufrissen.

Ich hatte gern eine Weile einfach nur dagestanden und ihn leiden sehen, aber die Zeit hatte ich nicht. Also trat ich vor und versetzte ihm einen krachenden Schlag. Die Kraft hinter der goldenen Faust riss ihm fast den Kopf ab; er knallte auf den Boden, wo er schwach zuckend liegen blieb. Molly lie? die Ratten mit einer Handbewegung verschwinden. Ich stellte mich uber den Seneschall und blickte auf ihn herab, und es fuhlte sich gut an, so gut, mich endlich fur die Jahre der Verachtung und Schmerzen geracht zu haben. Jetzt sah er nicht mehr annahernd so gro? aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Er war noch bei Bewusstsein - eben so.

»Wie viele Kinder hast du verprugelt, weil sie auf den Gangen herumgerannt sind?«, fragte ich ihn. »Wie viele hast du geschlagen, weil sie zu spat kamen oder nicht dort waren, wo sie sein sollten? Weil sie freche Antworten gaben? Weil sie es wagten, eigene Gedanken und Hoffnungen und Traume zu haben?«

Der Seneschall bewegte sich unter Schmerzen, und als er lachelte, lief ihm das Blut aus dem aufgeplatzten Mundwinkel. »Wir leben in einer erbarmungslosen Welt, Junge. Ich musste euch abharten, damit ihr darin uberleben konntet. Du hast deine Lektionen gut gelernt, Edwin. Bin stolz auf dich, Junge!«

»Wir waren blo? Kinder!«, brauste ich auf, aber er hatte das Bewusstsein verloren und konnte mich nicht mehr horen.

»Deine Familie hat eine echte Schwache fur Psychospielchen, was?«, meinte Molly.

»Nicht jetzt!«, sagte ich. »Bitte!«

Ich trat in den Sicherheitsalkoven des Seneschalls und offnete den Kasten mit den Notalarmen. Er war so eingestellt, dass er sich fur jeden offnete, der einen Torques trug. Ich betrachtete die ganzen Schalter, die sich vor mir ausbreiteten, grinste und legte dann jeden einzelnen davon um. Innenalarme, Au?enalarme, Feuer,

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