»Schnell!«, sagte der Blaue Elf mit vor Konzentration verzerrter Miene. »Ich habe es fur dich hergeholt, Eddie, deshalb liegt es an dir, ihm eine Gestalt in dieser Dimension zu geben. Lege ihm eine einzige Natur auf, damit es hier uberleben kann. Die Verbindung, die du herstellst, wird zur Folge haben, dass es dir und nur dir dient. Aber mach schnell, bevor es zu etwas wird, dessen Anblick wir mit unseren menschlichen Augen nicht ertragen konnen!«

Ich konzentrierte mich auf das erste Bild, das mir in den Sinn kam. Es tauchte plotzlich in meinem Kopf auf: ein einfaches, kreisrundes Abzeichen, das ich vor Jahren in einem alten Headshop in der Denmark Street gesehen hatte, ein wei?es Abzeichen mit dem Aufdruck Go Lemmings Go. Und einfach so war das sich windende, entnervende Ding am Haken verschwunden, und auf meinem Handteller lag das Abzeichen. Es sah ganz normal aus und fuhlte sich auch so an, ganz unschuldig. Ich steckte es vorsichtig ans Revers meiner Jacke.

»All die Dinge, die du hattest wahlen konnen!«, sagte Molly. »Alles von Excalibur bis hin zur Heiligen Handgranate von Antiochia, und du musstest dir das da aussuchen! Die Funktionsweise deines Verstands bleibt mir ein volliges Ratsel, Eddie.«

»Das ist das Netteste, was du mir je gesagt hast«, antwortete ich, und wir lachelten beide.

»Seid ihr beide etwa zufallig miteinander verbandelt?«, fragte Janitscharen-Jane plotzlich.

»Wir haben uns noch nicht entschieden«, sagte ich.

»Wir arbeiten noch daran«, sagte Molly.

»Wir sind … Partner, bei dieser speziellen Unternehmung.«

»Komplizen.«

»Oder moglicherweise ein Selbstmordpakt.«

»Ihr zwei verdient einander«, stellte Janitscharen-Jane kopfschuttelnd fest.

Keinem von uns war aufgefallen, dass dem Blauen Elfen versehentlich die Angelschnur wieder in den Tumpel gefallen war. Er schrie jah auf, als etwas von unten den Haken packte und heftig an der Schnur zerrte. Der Blaue Elf wurde fast nach vorn gezogen, und die Schnur surrte uber die Rolle, bis sie sich ganz abgespult hatte. Wieder drohte der Blaue Elf mit einem Ruck nach vorn gezerrt zu werden, aber er hielt verbissen fest.

»Was hast du erwischt?«, fragte ich. »Worauf hattest du dich konzentriert?«

»Ich hatte an gar nichts gedacht! Ich hab das nicht gefangen; es hat mich gefangen!«

Ich druckte auf den Knopf meiner Umkehruhr, und nichts passierte. Ich druckte nochmal auf den Knopf, und immer noch nichts. Ich schuttelte die Armbanduhr energisch.

»Oh, Schei?e!«, sagte ich.

»Es klingt so viel hilfloser, wenn er das sagt«, bemerkte Janitscharen-Jane.

»Er hat in letzter Zeit viel Ubung gehabt«, meinte Molly. »Was ist los, Eddie?«

»Anscheinend habe ich die Umkehruhr kaputt gemacht«, antwortete ich. »Oder ihre Batterien aufgebraucht, oder womit zum Teufel das verdammte Ding auch immer lauft. Ich nehme an, ich habe ihr zu viel abverlangt, als ich sie gezwungen habe, dich zu retten.«

»Dann ist es also meine Schuld?«, fragte Molly.

»Immer«, erwiderte ich lachelnd.

Wir alle sahen zu, wie der Blaue Elf mit der Angelrute kampfte und die straff gespannte Schnur uber den Tumpel hin und her ruckte. Plotzlich zerriss sie, und der Blaue Elf taumelte zuruck. Und etwas Gewaltiges und Langes und unmenschlich Starkes brach aus dem goldenen Tumpel und griff nach ihm. Es war ein einzelnes Tentakel von dunkelvioletter Farbe, bestuckt mit Reihen von Saugnapfen voller knirschender Zahne. Immer mehr davon brach aus dem Tumpel und schnellte hin und her.

»Schafft euch hier raus!«, brullte der Blaue Elf. »Ich erledige das!«

»Sei kein verdammter Idiot!«, brullte Janitscharen-Jane zuruck. »Damit kannst du nicht allein fertig werden!«

»Es ist durch mein Blut gekommen«, sagte der Blaue Elf grimmig. »Deshalb kann nur ich es wieder nach unten schicken. Geht! Ihr habt etwas zu tun. Etwas Wichtiges. Das hier … ist meine Angelegenheit. Kein verfluchtes Wesen aus den unermesslichen Tiefen wird mich in meinem eigenen Zuhause besiegen! Wenn ihr jetzt bitte alle verdammt noch mal euren Hintern hier rausbewegen wurdet, damit ich mich konzentrieren kann? Und Eddie - lass deine Familie bezahlen! Fur das, was sie dir angetan haben, und fur das, was sie mir angetan haben!«

Unaufhorlich drangte sich das Tentakel ins Zimmer hinein, Meter um Meter, und druckte gegen die Rander des Tumpels, der es einschloss. Der Blaue Elf warf seine Angelrute zur Seite und zeichnete mit tanzenden Handen uralte Symbole und astrologische Zeichen in die Luft, die helle, leuchtende Schweife hinterlie?en. Er sang etwas in einer so alten Form von Elbisch, dass ich nicht einem Wort von zehn folgen konnte. Rings um ihn spruhte und knisterte Magie, und zum ersten Mal sah ich ein Lacheln auf seinen Zugen. Ein kaltes, unmenschliches Lacheln.

Molly, Janitscharen-Jane und ich lie?en ihn dort am Rand des goldenen Tumpels stehen, wo er dem monstrosen Wesen trotzte, das nach ihm angeln gekommen war. Ich lie? ihn dort, weil ich wichtige Dinge zu tun hatte und weil … es das einzige Geschenk war, das ich ihm fur seine Hilfe machen konnte. Eine Chance, allein gegen einen furchteinflo?enden Feind zu stehen und entweder seinen Stolz zuruckzugewinnen … oder den schonen Tod zu erlangen, nach dem er sich so sehnte. Ich blickte noch ein letztes Mal zu ihm zuruck, bevor ich die Tur schloss: Gro? und stolz und machtig stand er da in seiner Magie, und zum ersten Mal war es uberhaupt nicht schwer, den Elb in ihm zu sehen.

Kapitel Neunzehn

Du kannst wieder nach Hause gehen

(vorausgesetzt du hast einen echt gro?en Stock bei dir)

Molly, Janitscharen-Jane und ich standen auf der Stra?e vor dem Spirituosenladen und schauten zum Fenster des Blauen Elfen hoch. Die intensiven Lichtblitze hatten sich gelegt, und alles war sehr ruhig geworden. Leute gingen voruber und beachteten uns nicht. Sie dachten, dies sei ein ganz gewohnlicher Tag, nicht anders als jeder andere. Sie wussten nicht, dass es noch eine Welt gab, eine gefahrlichere Welt, die sie sahen, wenn sie nur stehen blieben und schauten. Molly, Janitscharen-Jane und ich blickten schweigend hoch zu dem stillen, leeren Fenster und wandten uns schlie?lich ab.

»Sollten wir …?«, fragte Molly.

»Nein«, antwortete Janitscharen-Jane. »So oder so, es ist vorbei. Zu Ende.«

»Es ist Zeit, nach Hause zu gehen«, sagte ich. »Denn ich hab noch mein Teil zu tun und weit zu wandern bis zum Ruh'n.«

»Ich liebe es, wenn du literarisch redest!«, sagte Molly.

»Eddie …«, begann Janitscharen-Jane. »Es tut mir leid, aber ich werde nicht mit euch gehen. Ich kenne meine Grenzen. In Hollendimensionen gegen Damonen zu kampfen ist eine Sache; sich mit deiner Familie im Sitz ihrer Macht anzulegen … das ist weit au?erhalb meiner Liga. Ich wurde dir nur im Weg stehen. Deshalb … Ich denke, ich werde diesen Tanz auslassen, wenn das fur dich in Ordnung ist.«

»Es ist in Ordnung, Jane«, antwortete ich. »Ich verstehe das. Glaub mir, wenn ich das hier nicht tun musste, wurde ich es auch nicht tun.« Ich blickte Molly an. »Du musst das hier nicht tun, Molly. Meine Familie wei? wahrscheinlich gar nicht mal, dass du in der Sache mit drinsteckst. Du konntest immer noch weggehen. Ich wurde es verstehen.«

»Zum Teufel damit!«, meinte Molly vergnugt. »Ich traume seit Jahren davon, es den Droods an dem Ort zu besorgen, wo sie leben. Au?erdem wurdest du keine zehn Minuten ohne meine Unterstutzung uberleben, und das wei?t du!«

»Danke, Molly«, sagte ich. »Das bedeutet mir viel.«

»Versprich mir nur eins!«, sagte sie. Sie blickte mir fest in die Augen, grimmig und fordernd. »Versprich mir, dass wir zuruckgehen, um den Ort in Trummer zu legen! Versprich mir, dass du nicht weich werden und sie anbetteln wirst, dich wieder aufzunehmen!«

»Eher friert die Holle zu«, versicherte ich ihr, ohne ihrem Blick auszuweichen. »Es geht hier nicht mehr darum, was meine Familie mir angetan hat; es geht darum, was sie allen angetan hat.«

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