Uberschwemmung, Hexerei und Ludditen. (Ein paar unserer Alarme sind schon ziemlich alt.) Im gesamten Herrenhaus gingen Klingeln und Sirenen los, lauteten und heulten und schallten in einer furchterlichen Kakophonie von Larm. Lichter flammten auf und blinkten, Schutzturen schlugen zu, Stahlgitter krachten herunter und Familienmitglieder rannten hektisch hierhin und dorthin, verruckt gemacht von den kreischenden Alarmen. Ich hab ja schon immer gesagt, dass wir mehr Notfallubungen brauchen.

Ich ging mit Molly an meiner Seite dreist durch die Gange und Korridore. Leute sturzten schreiend und gestikulierend an uns vorbei, aber keiner beachtete mich im Geringsten. Fur sie war ich nur ein anderer Drood, anonym in meiner Rustung. Und wenn Molly bei mir war, konnte es sich bei ihr nur um einen autorisierten Besucher handeln. In einem Notfall haben Menschen nur Zeit, das zu sehen, was sie zu sehen erwarten.

Ich fuhrte Molly tiefer ins Herrenhaus hinein, und sie oohte und aahte, als sie das luxuriose Mobiliar, die Portrats und Gemalde, die Statuen und Kunstwerke und die ganzen anderen Beutestucke, die sich meine Familie uber die Jahrhunderte hinweg zugelegt hat, zu Gesicht bekam. Ich war mit all dem aufgewachsen, deshalb nahm ich es immer noch gro?tenteils als selbstverstandlich hin und musste lacheln, wenn Molly uber dieses oder jenes seltene Stuck in Begeisterung und Verzuckung geriet. Von ein paar Sachen, die sie sich naher ansehen wollte, musste ich sie sogar wegziehen. Wir mussten weiter; die Zeit war nicht auf unserer Seite. Molly zog eine widerspenstige Schnute, aber sie verstand.

»Betrachte mich als schwer beeindruckt!«, sagte sie. »Ich habe ja schon Geschichten uber diesen Ort gehort, aber … ich hatte ja keine Ahnung! Hier gibt es Dinge, die man nicht mal in Museen findet! Gemalde bedeutender Kunstler, die in keinem Katalog aufgefuhrt sind! So viele schone Sachen … und dich lasst das vermutlich vollig kalt, du Banause! Kein Wunder, dass Sebastian einen so exzellenten Geschmack hatte! … Ich werde nicht hier weggehen, ohne mir ein paar Sachen in eine Tasche zu stopfen!«

»Spater!«, sagte ich. »Wir mussen in die Waffenkammer!«

»Wieso?«

»Weil dort etwas ist, das ich brauche. Etwas, mit dessen Hilfe ich das Haus zu Fall bringen kann.«

* * *

Die Waffenkammer hatte eigentlich geschlossen sein mussen, abgesperrt, hermetisch verriegelt und bewacht; so jedenfalls sahen es die Notfallprotokolle vor. Ich hatte halb damit gerechnet, mir den Weg durch bewaffnete Wachen kampfen und die explosionssicheren Turen mit meiner gepanzerten Starke aufbrechen zu mussen. Oder auf Mollys Zauberkraft zuruckgreifen zu mussen. Aber am Ende standen die schweren Turen sperrangelweit offen, vollig unbewacht, was … noch nie da gewesen war! Ich ruckte langsam bis an die explosionssicheren Turen vor und spahte vorsichtig hinein: Alles deutete darauf hin, dass die Waffenkammer verlassen war. Ich bestand darauf, als Erster hineinzugehen, und indem Molly sich dicht hinter mich drangte und mir fast auf die Fersen trat, lie? sie keinen Zweifel an ihrem Missfallen diesbezuglich aufkommen.

Die Keller lagen wie ausgestorben da, alle Arbeitsplatzcomputer waren ausgeschaltet. Die Stille war unheimlich. Keine der ublichen Brande oder Detonationen oder plotzlichen uberraschten Fluche. Ein einzelner Mann erwartete uns; er sa? bequem in seinem Lieblingssessel direkt in der Mitte von allem. Mit gequaltem Lacheln sah er zu, wie Molly und ich uns ihm vorsichtig naherten. Ein hochgewachsener Mann mittleren Alters mit Glatze und buschigen wei?en Augenbrauen, der einen fleckigen wei?en Laborkittel uber einem T-Shirt mit dem Aufdruck Gewehre toten keine Menschen - wenn man nicht richtig damit zielt trug. Der Waffenschmied. Mein Onkel Jack. Ich hatte wissen mussen, dass er die Stellung halten wurde, wo alle anderen geflohen waren.

»Hallo, Eddie«, sagte er ruhig. »Ich habe dich erwartet.«

Er hielt etwas in seiner rechten Hand hoch. Ein einfacher Knipser in der Form eines kleinen, grunen Froschs. Er klickte einmal damit, und meine Rustung ging in meinen Torques zuruck, einfach so. Sprachlos vor Erschutterung glotzte ich den Waffenschmied an, und er lachte leise.

»Blo? ein kleines Spielzeug, das ich schon vor langer Zeit zusammengebaut und bis jetzt fur mich behalten habe. Schlie?lich wei? man nie, ob es sich nicht mal als nutzlich erweist … Als ich samtliche Alarme auf einmal losgehen horte, wusste ich, dass du es sein musstest, Eddie. Du hattest immer einen Sinn furs Dramatische. Warum bist du zuruckgekommen? Du wei?t, dass es den Tod fur dich bedeutet, hier zu sein, jetzt wo du vogelfrei bist. Und warum hast du einen deiner altesten Feinde in den geheimsten Teil des Herrenhauses mitgebracht?«

»Ich bin nicht mehr sicher, wer wirklich der Feind ist, Onkel Jack«, sagte ich. »Du kennst Molly Metcalf?«

»Naturlich wei? ich, wer sie ist, Junge. Ich kenne alle Namen von Bedeutung. Ich war zwanzig Jahre lang Agent an der Front, und ich blattere immer noch alle Berichte durch. Woher sollte ich sonst wissen, was ich fur die heutigen Agenten entwerfen soll? Was macht die beruchtigte Molly Metcalf hier, Eddie?«

»Warum benutzen alle standig dieses Wort?«, fragte Molly. »Ich bin nicht beruchtigt!«

»Sie ist mit mir zusammen«, sagte ich.

Der Waffenschmied lachelte unvermittelt. »Oh, so sieht's aus, tatsachlich? Naja, wurde ja auch langsam Zeit.« Er grinste Molly charmant an. »Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, meine Liebe. Ich furchte, ich kenne Sie nur vom Horensagen, und was man da so hort und sagt, ist recht furchteinflo?end.«

»Ich habe mir meinen Ruf redlich verdient«, entgegnete Molly. »Obwohl ich mich selbst immer lieber als lustige Person gesehen habe.«

»Haben Sie wirklich die ganze Berkshire-Jagdgesellschaft fur achtundvierzig Stunden in Fuchse verwandelt?«

»Aber ja doch«, sagte Molly. »Ich dachte, es konnte ihnen ein wenig Einsicht verschaffen.«

»Gut fur Sie, Madchen«, sagte der Waffenschmied. »Habe die Fuchsjagd nie gebilligt. Barbarischer Sport, den heutzutage hauptsachlich durch Inzucht gezeugte Aristokraten und neureiche Arriviertenarsche ausuben. So, Eddie … hast du endlich eine Freundin mit nach Hause gebracht, um sie der Familie vorzustellen! Ich hatte schon angefangen, mir um dich Sorgen zu machen.«

»Sie ist nicht meine … na ja …«, sagte ich. »Wir arbeiten noch daran, was wir sind.«

»Genau«, stimmte Molly mir zu. »Es ist … kompliziert.«

»Was empfindest du fur ihn, Molly?«, fragte der Waffenschmied und beugte sich vor.

»Ich mag ihn«, antwortete sie nachdenklich. »Wie einen gro?en, zottigen Hund, den niemand haben will, der aus dem Regen reingekommen ist, und man bringt es nicht ubers Herz, ihn wieder rauszujagen.«

Der Waffenschmied zwinkerte mir zu. »Sie ist verruckt nach dir, Junge.«

»Wau, wau!«, sagte ich.

»Also, Bursche«, wandte sich der Waffenschmied energisch wieder dem Geschaft zu, »was zum Teufel machst du hier? Und was ist in dich gefahren, vorher hier anzurufen? Die Matriarchin ist stinksauer! Sie ist au?er sich und hat Anweisung gegeben, dich beim ersten Anblick zu erschie?en. Nur indem ich so wie jetzt mit dir rede, begehe ich schon Verrat an der Familie.« Er schnaubte verachtlich. »Als ob mich das davon abhalten wurde! Ich habe nie jemand anderes gebraucht, um mir zu sagen, was im Interesse der Familie ist. Wenn du mich fragst, ist Mutter dieser Tage gar nicht da. Aber selbst dann kannst du nicht von mir erwarten, dass ich dir tatsachlich bei dem helfe, weswegen du hergekommen bist - was das auch sein mag. Du hattest nie zuruckkommen durfen, Eddie! Was um Gottes willen hast du hier zu finden geglaubt?«

»Waffenschmied«, sagte ich, »ich bin hierhergekommen, um nach der Wahrheit zu suchen. Genau, wie du es mich immer gelehrt hast, Onkel Jack.«

Er seufzte schwer und klickte noch einmal mit seinem grunen Frosch. »Ach, na schon; hier hast du deine Rustung wieder. Ich wei? genau, dass ich das bereuen werde … Ich war schon immer weichherziger, als gut fur mich war. Weshalb bist du hier runtergekommen, Eddie? Was willst du von mir?«

»Ich muss den wahren Grund herausfinden, weshalb man mich zum Vogelfreien gemacht hat«, sagte ich langsam. »Ich war nie ein Verrater an der Familie, Onkel Jack. Das wei?t du.«

»Ja«, raumte der Waffenschmied ein, »das wei? ich. Bei jedem anderen hatte ich es vielleicht geglaubt, aber bei dir nicht, Eddie. Du warst immer so ehrlich und offen bezuglich deiner Zweifel … Ich konnte es nicht glauben, als sie es mir sagten. Wollte es nicht glauben, bis sie mir sagten, ich solle die Klappe halten und tun, was man mir sagt. Etwas geht in der Familie vor, Eddie, das ich nicht verstehe. Splittergruppen, interne Kampfe, tiefe Uneinigkeiten wegen Debatten, denen ich nicht einmal folgen kann … Und jetzt haben verschiedene Teile der Familie sogar Geheimnisse voreinander! Ich werde auch absichtlich nicht mehr auf dem Laufenden gehalten, und das hat es vorher noch nie gegeben. Mutter hatte das nie zugelassen … Sie hat meinem Urteilsvermogen immer

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