sind einige dieser Taschendimensionen schon so lange in der Gegend, dass sie sich ihre eigenen Bewohner zugelegt haben. Wesen, die hineingewandert und … mutiert sind. Oder sich weiterentwickelt haben.«
»Was genau bewohnt denn diesen speziellen Zwischenraum?«, wollte Molly wissen.
»Spinnen«, sagte ich unglucklich. »Gro?e Spinnen. Und damit meine ich echt gro?e Spinnen; Dinger von der Gro?e deines Kopfs! Dazu ein ganzer Haufen anderer, wirklich ekelhafter Krabbeltiere, von denen die Spinnen sich ernahren.«
»Spinnen storen mich nicht!«, erklarte Molly. »Das ist mehr eine Jungensache. Nacktschnecken machen mich wahnsinnig. Uberhaupt alle Schnecken. Wei?t du, wie Schnecken Sex haben?«
»Diese Spinnen werden dich storen!«, versicherte ich ihr, indem ich mich weigerte, mich ablenken zu lassen. »Ich kann nur hoffen, dass sie nicht wirklich so gro? und widerwartig wie in meinen Kindheitserinnerungen sind, denn es gibt keine Moglichkeit, ihnen auszuweichen. Ihre Netze sind uberall! Manchmal habe ich immer noch Albtraume, so oft haben sie mich durch den Zwischenraum gejagt … mit ihren trippelnden Beinen und gluhenden Augen …«
»Und warum hast du dann immer wieder diese spezielle Abkurzung benutzt?«, fragte Molly.
»Weil ich mich nie von irgendetwas davon abhalten lasse, zu machen, was ich machen muss«, entgegnete ich. »Nicht einmal von meiner eigenen Angst. Vielleicht davon ganz besonders nicht.«
»Und es gibt keine andere Moglichkeit, in die Bibliothek zu kommen?«
»Keine sichere.«
Molly prustete. »Du hast echt merkwurdige Vorstellungen davon, was sicher ist und was nicht, Drood!«
Ich fuhrte sie durch einen schattigen Seitenkorridor, vorbei an einer langen Reihe hoher Bodenvasen aus der Mingdynastie und anschlie?end vorbei an einer Vitrine voll exquisitem venezianischem Glas, bis wir an eine vertafelte Wand kamen, die sich von uns weg in die Ferne erstreckte. Ich musste Molly hinter mir herziehen, denn so viel Reichtum, bequem in Reichweite, lenkte sie ab. Ich zahlte die Holztafeln ab, bis ich zu einem eigentumlichen, geschnitzten Rosenmotiv kam, und drehte dieses dann vorsichtig die korrekte Anzahl von Malen linksherum und rechtsherum, bis das primitive Zahlenschloss widerstrebend einrastete. Die Rose klickte vernehmlich, und eine Tafel in der Wand glitt ruckweise auf. Der alte Mechanismus litt offenbar unter Abnutzungserscheinungen. Hinter der Tafel und in der Wand war nur Dunkelheit.
Die Offnung, die mehr als hinreichend fur ein Kind gewesen war, war nur so gro?, dass Molly und ich uns gerade noch durchzwangen konnten. Wir kauerten uns davor nieder und spahten in die Finsternis. Eine schwache, kalte Brise, die einen trockenen, staubigen Geruch mit sich fuhrte, kam aus dem Dunkel. Molly rumpfte die Nase, sagte aber nichts. Dicke Spinnfaden hingen im Inneren der Offnung und schwangen trage im Luftzug. Nichts deutete darauf hin, dass in den vergangenen paar Jahren jemand in diesem Zwischenraum gewesen war. Ich lauschte still nach Gerauschen und bedeutete Molly mit einer scharfen Handbewegung, sich ruhig zu verhalten, als sie herumzappelte. Ich konnte nichts horen - im Augenblick. Ich holte tief Luft, nahm meinen Mut zusammen und zwangte mich schnell durch die enge Offnung, ehe ich es mir anders uberlegen konnte. Molly folgte mir hinein und drangte sich dicht hinter mich, und die Holztafel glitt ruckweise wieder an Ort und Stelle.
Die Dunkelheit war absolut. Rasch beschwor Molly eine Hand voll ihres patentierten Hexenfeuers, und das schimmernde silberne Licht zeigte uns einen schmalen Steintunnel, dessen raue graue Wande fast vollig unter Schichten von farbkodierter Verdrahtung, Kabeln und Kupfer- und Messingrohrleitungen begraben waren. Dicke Spinnwebmatten zogen sich uber beide Wande. Ich achtete sorgfaltig darauf, nichts davon zu beruhren oder zu storen, trotzdem verzog ich unwillkurlich das Gesicht. Mollys Hexenlicht zeigte uns zwar den Tunnel, der sich vor uns erstreckte, aber falls es eine Decke gab, so reichte das Licht nicht hoch genug, um sie zu finden. Ein dicker Streifen Gewebe wurde von einer Wand fortgeweht, getragen von einem heftigen Luftzug, und ich schreckte davor zuruck.
»Du gro?es Baby!«, sagte Molly mit breitem Grinsen.
»Ist das da nicht eine Nacktschnecke neben deinem Fu??«, fragte ich und grinste, als Molly laut vor Ekel quiekte.
Ich ging voran, den Tunnel hinunter; mein Stolz lie? mir keine andere Wahl. Auf dem Boden lag eine dicke, unberuhrte Staubschicht. Schon die kleinsten Gerausche, die wir machten, schienen unaufhorlich widerzuhallen - die einzigen Laute in dieser unendlichen, schaurigen Stille. Der Tunnel verbreiterte sich stetig, bis er so gro? wie ein Zimmer schien, dann wie ein Saal, und dann wurde er plotzlich noch breiter, bis ich nicht mehr sagen konnte, wie gro? der Raum war, in dem wir uns bewegten. Ich hielt mich dicht an der rechten Wand, deren vertraute, von Menschenhand geschaffene Kabel und Rohrleitungen mir Trost spendeten. Bis die Spinnweben sie so tief begruben, dass ich sie nicht mehr deutlich sehen konnte.
Molly verstarkte ihr Hexenfeuer so sehr wie moglich, aber das Licht pflanzte sich nicht weit fort - ab einem gewissen Punkt schien die Dunkelheit es einfach aufzusaugen. Es lag ein Gefuhl von naher Zukunft in der Luft … das sich von uns weg erstreckte, endlos. Wir gingen und gingen, und der Weg war genauso schlimm, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Vielleicht sogar noch schlimmer: Immer wieder stie? ich auf plotzlich vertraute Einzelheiten, die ich aus meiner Erinnerung verdrangt hatte. Wie beispielsweise die leeren Hullen wirklich gro?er Kafer und anderer Insekten, die uberall auf dem Boden herumlagen und deren Inneres herausgekaut worden war. Und die dicken Strange von Spinnengewebe, die von irgendwo hoch uber uns herabhingen und zitterten und sich drehten, obwohl die Brise nicht mehr wehte. Es wunderte mich, dass ich damals, als ich noch ein Kind war, den Mut gefunden hatte, diesen Weg zu gehen. Aber der Gedanke an die Bestrafungen des Seneschalls hatte es mir wohl leicht gemacht. Vor ihm hatte ich viel mehr Angst gehabt als je in meinem Leben vor Riesenspinnen. Auch wenn ich mir ziemlich sicher war, dass er mich nicht tatsachlich umgebracht hatte.
Aus dem Dunkel drangen Gerausche zu uns. Huschende, trippelnde Gerausche. Molly und ich blieben abrupt stehen und blickten um uns. Molly hielt ihre Hand voll Licht ganz hoch, aber es half nichts. Leise, nasse Laute kamen von hinten und oben, zusammen mit langsamen, scharrenden Gerauschen, wie von Klauen auf Stein.
»Okay«, sagte Molly, »jetzt krieg ich aber richtig Gansehaut.«
»Bist du sicher, dass du nicht mehr Licht machen kannst?«, vergewisserte ich mich. »Ich glaube nicht, dass sie Licht mogen.«
»Ich lege schon alles hinein, was ich habe!«, fuhr Molly mich an und klang ein bisschen gestresst. »Etwas in dieser deiner Taschendimension mag kein Licht; alles, was ich tun kann, ist aufrechtzuerhalten, was ich habe. Wie weit noch bis zur Bibliothek?«
»Ist noch ein Stuck«, antwortete ich. »Falls ich mich richtig erinnere. Folge mir, mach so schnell du kannst, aber renn nicht! Sie jagen alles, was rennt; das habe ich am eigenen Leib erfahren.«
Wir bewegten uns mit raschen, gro?en Schritten weiter durch die Dunkelheit. Die Spinnfaden, die von oben herabhingen, wurden dichter, schwerer, wie Vorhange aus dreckigem Gaze. Ich duckte mich daran vorbei und achtete sorgfaltig darauf, nicht damit in Beruhrung zu kommen. Sie waren jetzt alle in ruheloser Bewegung, zuckten, als ob sie aus einem langen Schlaf aufgeschreckt worden waren. Und standig waren da die Gerausche im Dunkel, die sich langsam, aber stetig an uns heranarbeiteten. Molly und ich bewegten uns so schnell wir konnten, ohne dabei zu rennen. Wir atmeten beide schwer.
Fast waren wir geradewegs in das machtige Netz gelaufen, das uns den Weg versperrte und dessen silbergraue Faden erst im allerletzten Moment im Hexenlicht auftauchten. Es hing frei vor uns in der Luft, gewaltig und komplex, und erstreckte sich strahlenformig uber die Grenzen des Hexenlichts hinaus. Es brauchte eine Spinne von der Gro?e eines Busses, um ein solches Netz zu spinnen - oder wahnsinnig viele kleine Spinnen, die zusammenarbeiteten. Ich war mir nicht sicher, welche dieser Vorstellungen beunruhigender war. Dieses Netz war bei meinem letzten Besuch definitiv noch nicht da gewesen.
»Das … ist ein gro?es Netz!«, bemerkte Molly. »Trotzdem, ich habe eine Schere und du einen saugro?en Stock. Sollen wir uns durchboxen?«
»Ich werde das Gefuhl nicht los, dass das keine gute Idee ist«, antwortete ich, »aber uns bleibt keine andere Wahl. Wir mussen weiter …«
»Hor zu«, meinte Molly, »wenn du dir wirklich solche Sorgen machst, dann ruste hoch.«
»Kann ich nicht«, erklarte ich ihr. »Die Gesetze der Realitat funktionieren hier anders. Das habe ich auch am eigenen Leib erfahren.«
»Das sagt er mir jetzt!«, beschwerte sich Molly. »Na schon, es ist Zeit, einen rauszuquetschen oder vom Topf zu gehen! Zuruck konnen wir nicht, also … brenne, Baby, brenne!«
Sie stie? ihre Hand voll Hexenfeuer in den nachsten Fadenklumpen, der augenblicklich Feuer fing und mit einem grellen blauen Licht brannte. Die Flammen schossen empor und an den zitternden Faden entlang und
