Feinde schutzen. In dieser Welt … und au?erhalb.
Das Herz gab den Druiden ihre lebende Rustung, und sie wurden mehr als Menschen.
Ursprunglich benutzten die Schamanen die Rustung nur, um die Stamme gegen die dunklen Krafte und Machte des Bosen zu schutzen, die sich in jenen Tagen noch offener in der Welt bewegten. Aber die Rustung machte diese Droods sehr machtig, und jede Macht verleitet … Die gro?te Bedrohung fur die Stamme waren die einmarschierenden Romer, aber die Schamanen waren klug genug, um zu wissen, dass nicht einmal die goldene Rustung die romischen Heere fur immer aufhalten konnte. Also gingen sie zu den Romern und schlossen einen Handel: Rom sollte herrschen … durch die Droods, und so waren die Stamme vor der argsten Macht Roms geschutzt. Als funf Jahrhunderte spater das Romische Reich endgultig niederging und zerfiel und die romische Amtsgewalt Britannien verlie?, machten die Droods einfach weiter. Operierten im Geheimen, um die Stamme vor allen Bedrohungen zu schutzen, von au?en … und von innen.
Aber was war die Rustung, dieses wunderbare, goldene, lebende Metall? Wo kam sie her? Und welchen Preis forderte das Herz dafur, jene ersten paar Droods zu so viel mehr als Menschen zu machen?
Ein Drood stand vor dem Herzen und bot dem machtigen Diamanten ein Zwillingssauglingsparchen dar. Eins der Babys wurde dem Drood von einer unsichtbaren Kraft aus den Armen gerissen und hing in der Luft vor dem Herzen, strampelnd und schreiend. Und dann wurde es plotzlich in die strahlende Oberflache des Herzens gesaugt und verschwand im Inneren. Seine Schreie brachen abrupt ab. Und um den Hals des Sauglings, den der Drood noch hielt, erschien ein glanzender goldener Halsreif. Das Bild zeigte andere Opfer, andere Anblicke, uber viele Jahre hinweg, bis das Geheimnis der Familie offenbar war.
Alle Druiden, die den Energien des Herzens ausgesetzt waren, machten vorherbestimmte genetische Veranderungen durch, und von dem Punkt an wurden alle Drood-Kinder als eineiige Zwillinge geboren. Sehr bald nach der Geburt wurde ein Kind dem Herzen gegeben, das seinen Korper und seine Seele absorbierte, auf dass der uberlebende Zwilling die goldene Rustung tragen und der Familie dienen mochte. Wenn ich das lebende Metall trug, umgab ich mich mit allem, was von meinem geopferten Zwilling noch ubrig war. Dem Bruder, den ich nie gekannt hatte. Jedes Mal, wenn ich hochrustete, trug ich meinen Bruder wie eine zweite Haut.
Wie viele Zwillinge, wie viele Leben waren dem Herzen geopfert worden, uber die langen Jahrhunderte hinweg? Wie vielen unschuldigen Kindern war die Chance aufs Leben verwehrt worden, damit die Droods mehr als Menschen sein konnten?
Das Bild zeigte uns mehr. Es wurde schlimmer.
Wahrend mehr und mehr Babys dem Herzen gegeben wurden, wurde das Wesen aus einer anderen Dimension heller, starker. Die Seelen der geopferten Kinder wurden im Herzen eingeschlossen und festgehalten, gefangen gehalten, um die Kraft zu erzeugen, die unsere Rustung erschuf, die unsere Zaubereien und unsere Wissenschaften antrieb, die unsere Familie stark machte.
Mir war schlecht. Ich kam mir besudelt vor. Ich war dazu erzogen worden, das Herz in seinem Sanktum zu verehren und zu schutzen, ohne jemals zu wissen, was es wirklich war: ein Seelenfresser. Genau wie jene ekelhaften Wesen, die Absto?enden Abscheulichen, aber in einem viel gro?eren Umfang. All diese Babys … all diese Generationen gefangener Seelen, denen ein spateres Leben verweigert wurde, die zu einem nie endenden Dasein im Inneren des Herzen verdammt wurden, um es machtig zu machen! Wussten sie es? Hatten sie Bewusstsein da drin? Litten sie unaufhorlich? Schrien sie die ganze Zeit, hinter den schimmernden Facetten dieses gewaltigen Diamanten?
Das Bild erlosch, und Molly und ich wichen in unsere Korper zuruck. Wir sahen einander an, vor Erschutterung sprachlos. In meinem ganzen Leben war ich noch nie so wutend gewesen. Sehr vorsichtig rollte ich die Schriftrolle zusammen, verschnurte die Bander wieder und legte sie ins Regal zuruck. Ich durfte nicht riskieren, dass sie beschadigt wurde: Sie war Beweis eines Verbrechens. Kalt brannte der Zorn in mir, und noch nie hatte ich mich so zielgerichtet, so entschlossen gefuhlt. Molly streckte die Hand nach mir aus und hielt im letzten Moment inne, als ob sie sich an mir die Finger verbrennen konnte. Ich glaube nicht, dass ihr gefiel, was sie in meinem Gesicht, in meinen Augen sah.
»Eddie …«
»Schon gut«, sagte ich, doch etwas in meiner Stimme lie? sie zusammenzucken. »Ich wusste schon immer, dass meine Familie mit allen Fasern ihres Herzens verkommen ist.«
Ich horte nichts, ich sah nichts, aber plotzlich wusste ich einfach, dass er da war, hinter mir stand. Und weil es sich ganz und gar nicht leicht an mich heranschleichen lasst, wusste ich, wer es war, wer es sein musste. Langsam drehte ich mich um, und da war er und hielt eine Pistole auf mich gerichtet. Molly drehte sich ebenfalls um und ruckte dann instinktiv etwas naher an mich heran. Die Matriarchin hatte den gro?ten Frontagenten von allen geschickt, um sich mit mir zu befassen.
»Hallo, Onkel James«, sagte ich.
Er nickte, ohne zu lacheln, gro? und gut aussehend wie immer, vollendet elegant in einem Smoking, und die Waffe in seiner Hand wirkte beinah deplatziert, wie sie Molly und mich in Schach hielt. Durchaus moglich, dass er gerade von einer Cocktailparty oder vom Ball eines Botschafters kam. Irgendeinem wichtigen Anlass, wo die Hohen und Machtigen zusammenkamen, um all die bedeutenden Angelegenheiten zu bereden. Onkel James war immer in den allerbesten Kreisen zu Hause, wenn er nicht gerade den Abschaum der Erde durch Hinterhofspelunken oder entlegene Verstecke, den Regenwald des Amazonas oder die dunkelsten Schluchten stadtischer Dschungel jagte.
»Hallo, Eddie«, sagte er, und seine Stimme klang uberhaupt nicht angespannt. »Du hast noch nie gemacht, was man dir sagte, schon als Kind nicht. Ich hatte dir gesagt, du sollst nicht hierher zuruckkommen. Ich hatte dir gesagt, dass ich dich toten muss, wenn wir uns je wieder begegnen. Und trotzdem bist du hier, und ich bin hier. Also … Willst du mich nicht wenigstens deiner kleinen Freundin vorstellen?«
»Du lieber Himmel!«, sagte ich. »Aber selbstverstandlich; wo war ich blo? mit meinen Gedanken? Onkel James, dies ist Molly Metcalf, die Hexe der wilden Walder. Molly, dies ist mein Onkel James. In anruchigen Kreisen besser bekannt als der Graue Fuchs.«
»Wirklich?«, fragte Molly und wirkte zum ersten Mal, seit ich sie kannte, ehrlich beeindruckt.
»Mit den letzten nicht«, sagte Onkel James huldvoll. »Die Mordmystiker hat mein Bruder Jack auseinandergenommen. Ihm ist nie das hohe Ansehen zuteilgeworden, das er verdiente.«
»Du hast eine Pistole«, sagte ich. »Du hattest mir in dem Moment, als du hereingekommen bist, in den Rucken schie?en konnen, bevor ich uberhaupt gewusst hatte, dass du mich gefunden hast. Ehe ich hatte hochrusten konnen - das ware vernunftig gewesen.«
»Ja«, entgegnete er lassig. »Ich hatte dich und deine kleine Freundin toten konnen, aber ich habe es nicht gemacht. Ich musste zuerst mit dir reden, Eddie. Ich wei?, dass du die Schriftrolle geoffnet hast, die
»Ich habe den Eidbrecher«, antwortete ich und zeigte ihm den Eisenholzstock.
»Tatsachlich. Dann hast du also Jack einen Besuch abgestattet, nicht wahr? Naturlich hast du das! Er war immer von der weichherzigen Sorte. Ich werde spater ein paar Worte mit ihm wechseln mussen. Leg den Stock runter auf den Boden, Eddie. Ganz vorsichtig.«
Ich buckte mich, legte den Stock auf den Boden und richtete mich wieder auf, ohne dabei Onkel James aus den Augen zu lassen.
»Wer hat dich geschickt?«, fragte ich ihn. »Der Rat oder die Matriarchin? Wie tief reicht die Faulnis?«
»Der Rat und die Matriarchin«, sagte Onkel James. »Du hast so ziemlich jeden stocksauer auf dich gemacht, Eddie.«
»Kennst du das Geheimnis der Schriftrolle?«, fragte ich. »Die Wahrheit hinter der Rustung und dem Herzen?«
»Naturlich kenne ich das. Es ist das Erste, was sie einem erzahlen, wenn man Ratsmitglied wird.«
Ich hob eine Augenbraue. »Es war mir nicht bewusst, dass es Frontagenten erlaubt ist, im Rat zu
