an.
»Bitte schon, Eddie! Es kann losgehen; das Spielfeld ist geebnet. Und jetzt tritt ihm in seinen selbstgerechten, heuchlerischen Arsch!«
Onkel James sah auf seine leere Pistolenhand, als ob er es nicht ganz glauben konnte, und dann sah er mich an. Ich lachelte, und unvermittelt tat er das auch. Das alte, vertraute Den-Letzten-bei?en-die-Hunde-Lacheln.
»Na schon, Eddie. Auf geht's! Zeig mir, wie viel du gelernt hast!«
»Du hattest schon von jeher einen Hang zum Melodramatischen, Onkel James«, entgegnete ich.
Wir rusteten hoch, und binnen eines Moments umschloss uns das lebende goldene Metall. Sofort verschwanden die entsetzlichen Schmerzen in meiner linken Seite, und erst als sie nicht mehr da waren, merkte ich, wie schlimm sie geworden waren. Die goldene Rustung machte mich wieder stark und machtig. Mein toter Bruder machte mich stark … aber daruber konnte ich jetzt nicht nachdenken. Ich musste alles, was ich hatte, auf Onkel James konzentrieren, oder er wurde mich toten. Schlie?lich war er der erfahrenste und todlichste Frontagent, den die Familie je hervorgebracht hatte.
Aber er hatte noch nie jemandem wie mir gegenubertreten mussen. Einem Halb-Vogelfreien, der seine besten Tricks au?erhalb der Familie gelernt hatte. Gehartet in den Feuern zweier furchterlicher Tage, starker gemacht denn je durch das, was ich tun musste, um zu uberleben. Und Onkel James hatte nicht meine Emporung, meine Wut, meine gerechte Sache. Nein - einem Drood wie mir war er noch nie begegnet.
Wir umkreisten einander langsam, wachsam, golden und prachtig schimmernd im gedampften Licht der alten Bibliothek. Ich wusste nicht, welche Waffen er vielleicht unter seiner Rustung haben mochte, aber ich konnte davon ausgehen, dass er es nicht wagen wurde, sie zu benutzen, aus Angst, die alte Bibliothek zu beschadigen. Nur ein paar Funken an der falschen Stelle konnten einen schrecklichen Brand verursachen … Und alles, was ich noch hatte, war der Repetiercolt, dessen gewohnliche Kugeln nutzlos gegen seine Rustung waren. Also lief alles auf ihn gegen mich hinaus, einer gegen einen, Mann gegen Mann.
Ich lie? schwere Stacheln auf den Knocheln meiner goldenen Hande wachsen. Onkel James lie? lange, schlanke Klingen aus seinen goldenen Handen wachsen. Die Schneiden sahen sehr scharf aus. Ich hatte vorher noch nie einen Drood gekannt, der das mit seiner Rustung machen konnte, aber der Graue Fuchs war schon immer der Beste von uns gewesen. Unbestrittener Sieger unzahliger Kampfe gegen die Machte des Bosen. Er kannte Tricks, die sonst niemand kannte, die er in drei?ig Jahren dreckiger geheimer Kriege auf die harte Tour gelernt hatte. Tief im Innern … wusste ich, dass ich ihn nicht besiegen konnte. Aber ich musste es versuchen. Und sei es nur deshalb, um Molly die Chance zu erkaufen, zu entkommen und die Wahrheit mit sich zu nehmen. Onkel James stand zwischen uns und dem einzigen Ausgang: dem Rahmen des Gemaldes, der zuruck in die Hauptbibliothek fuhrte. Also musste ich ihn zurucktreiben, ihn forttreiben, ihn zum Stehen bringen - und selbst im Stehen sterben, wenn es das war, womit ich Molly ihre Chance erkaufen konnte.
Mein einer Vorteil gegenuber dem Grauen Fuchs: Ich starb bereits. Deshalb hatte ich nichts zu verlieren.
Ich sturmte vorwarts, getrieben von der ganzen ubernaturlichen Kraft und Schnelligkeit, die meine Rustung hergab, und trotzdem war Onkel James bereit fur mich. Er vollfuhrte einen eleganten Seitschritt, seine Schwertrechte kam herumgefegt, und die ubernaturlich scharfe Schneide durchschnitt ohne Weiteres die Rustung uber meiner rechten Seite. Meine Rustung heilte sich sofort selbst und verschloss den Schnitt, aber ich hatte weniger Gluck. Schmerz flammte uber meine Rippen, und ich fuhlte, wie mir unter der Rustung dickflussiges Blut an der rechten Seite herablief. Das hatte ich vorher noch nie gefuhlt. Immer wieder griff ich Onkel James an, wissend, dass meine einzige Chance darin bestand, an ihn heranzukommen und ihn zu packen, und jedes Mal wich er mir aus wie ein Torero dem Stier, und immer wieder durchdrangen seine unglaublich scharfen Klingen meine goldene Rustung, schnitten mich, taten mir weh, verlangsamten mich durch zunehmenden Schock und Blutverlust. Der Graue Fuchs umkreiste mich, vermied es dabei sorgfaltig, in meine Reichweite zu kommen, und wartete auf das erste Anzeichen von Schwache, damit er zum Todessto? vorpreschen konnte.
Also lieferte ich ihm ein Anzeichen. Ich gab vor zu straucheln und ging fast auf ein Knie herunter, und er kam herangeglitten fur den Schlussakt, so elegant wie nur irgendein Tanzer - nur um feststellen zu mussen, dass ich ihn erwartete. Ich machte einen Satz nach vorn, zwang ihn zuruck und brachte ihn damit aus dem Gleichgewicht. Er fing sich schnell wieder und richtete sich auf, aber bis dahin hatte ich meine Hande um seinen Hals gelegt und druckte mit meinen goldenen Fingern auf seine goldene Kehle. Ich konzentrierte mich und lie? spitze Widerhaken auf den Innenseiten meiner Finger wachsen, die sich tief in das lebende Metall um seinen Hals gruben. Und Onkel James konnte mich nicht bei den Handgelenken packen, um meine Hande wegzubiegen, ohne seine Schwerter aufzugeben.
Er zog den rechten Arm zuruck und lie? sein rechtes Schwert mit der ganzen Kraft seiner Rustung dahinter vorschnellen. Die goldene Klinge bohrte sich durch die Rustung uber meiner linken Seite und durch mich und trat an meinem Rucken wieder aus. Der Schmerz war entsetzlich. Ich schrie auf, und es war Blut in meinem Mund. Es lief mir am Kinn hinunter, unter meiner goldenen Maske. Fast verlor ich das Bewusstsein. Wahrscheinlich hatte ich es verloren, wenn ich nicht so wutend gewesen ware.
Ich klammerte mich mit beiden Handen an seinem Hals fest und suchte unterdessen verzweifelt nach irgendeinem letzten Trick, den ich gegen ihn anwenden konnte - und in dem Moment erinnerte ich mich daran, wie ich meine beiden goldenen Hande miteinander verschmolzen hatte, um Archie Leechs kandarianisches Amulett zu umfassen und abzuschotten. Wenn ich meine Rustung verschmelzen konnte, wieso dann nicht auch meine und Onkel James'? Nur fur einen Augenblick. Nur gerade so lange, um zu tun, was ich tun musste. Ich konzentrierte mich, bundelte all meine Willenskraft, wahrend mir der Schwei? unter meiner Maske ubers Gesicht stromte, und das lebende Metall um seinen Hals gab meinem starkeren Willen nach, meinem gro?eren Zorn: Seine Rustung verschmolz mit meiner, und plotzlich lagen meine blo?en Hande um seinen nackten Hals, und ich druckte fest zu.
Er wehrte sich heftig, wenngleich er nicht verstand, was vor sich ging, warf mich mit brutaler und nackter Gewalt hierhin und dahin, aber ich lie? nicht los. Er zog seine rechte Hand zuruck und riss die Schwertklinge aus mir heraus, und wieder schrie ich auf, als ich in mir drin Dinge zerrei?en und kaputtgehen spurte, aber ich lie? immer noch nicht los. Nicht einmal, als er mich wieder durchbohrte, und wieder, und die Klinge tief in meinen Eingeweiden versenkte und hin und her drehte.
Er wurde schnell schwacher, aber ich auch, und Gott allein wei?, was geschehen ware, wenn Molly nicht gewesen ware.
Wir waren so in unseren Kampf vertieft gewesen, in unser Ringen von Angesicht zu goldenem Angesicht, dass wir beide Molly Metcalf aus den Augen verloren hatten. Sie tauchte hinter Onkel James in seinem toten Winkel auf, und in den Handen hielt sie den Torquesschneider. Sie presste ihm die hassliche Schere in den Nacken, schrie die aktivierenden
Molly hockte sich neben mich und legte den Arm um meine Schulter. »Ich musste es tun«, sagte sie. »Er hatte immer noch gewinnen konnen. Und er hatte dich getotet, Eddie.«
»Naturlich hatte er das«, sagte ich. »Er war der Graue Fuchs. Er war der Beste. Er wusste, dass die Mission immer an erster Stelle kommt.«
»Ich habe ihn getotet«, fuhr Molly fort, »damit du ihn nicht toten musstest.«
»Ich wei?«, antwortete ich. »Das war lieb von dir. Aber … er war mein Papa, in jeder Hinsicht, auf die es ankam. Der eine Drood, den ich immer liebte und bewunderte. Der Mann, der ich am meisten sein wollte.«
Und dann weinte ich, und Molly tat ihr Bestes, um mich zu trosten. Nach einer Weile holte sie den Eidbrecher von dort, wo ich ihn hingelegt hatte, und half mir auf die Fu?e hoch, sodass sie mich halb aus der alten Bibliothek fuhren, halb daraus tragen konnte, zuruck durch das Gemalde und wieder hinein in die Hauptbibliothek. Bei jeder Bewegung stromte mir das Blut uber die Seiten, mein Gesicht glanzte vor Schwei? und meine Hande
