Ich rollte die Schriftrolle wieder zusammen, verknotete das Band wieder und legte sie vorsichtig an ihren Platz zuruck. Die Antwort auf meine vorherige Uberlegung war klar: Die einzigen Leute, die die alte Bibliothek so hatten verstecken konnen, waren … der innere Zirkel der Droods. Die Matriarchin, ihr Rat und ihre Gunstlinge. Unsere Geschichte und unsere wahren Anfange waren gar nicht verloren, waren nicht vernichtet; sie wurden absichtlich vor dem Rest von uns geheim gehalten im Interesse der wenigen Auserwahlten. Aber was konnte es hier geben, das so wichtig, so gefahrlich war, dass es versteckt werden musste? Das sie nicht mit uns Ubrigen teilen konnten oder wollten? Ich ging weiter durch die Regale, offnete wahllos Bucher und Schriftrollen, fast trunken durch die Aussicht auf so viele Antworten auf so viele Fragen, die mir alle offenstanden. (
»All das war die ganze Zeit hier!«, sagte ich schlie?lich. »Und ich habe nichts davon gewusst! Das wahre Erbe meiner Familie, uns gestohlen von jenen, denen zu vertrauen und die zu ehren man uns immer gelehrt hat. Das hier hatte uns allen frei zuganglich gemacht werden mussen. Wir haben ein Recht zu wissen, woher wir gekommen sind! Wer unsere Vorfahren waren, was sie taten und warum sie es taten. Ich mochte gern wissen, was der innere Zirkel sonst noch vor uns Ubrigen verheimlicht hat, vorm Fu?volk und all den braven kleinen Soldaten, die hinauszogen, um zu kampfen und fur die Ehre der Familie zu sterben … Wir haben das Ende der Fahrte erreicht, Molly. Die Antwort ist hier; ich wei? es.«
»Die Antwort?«, sagte Molly behutsam. »Welche spezielle Antwort meinst du, Eddie?«
»Die Antwort darauf, wie alles begann! Wo wir herkamen. Wo die Rustung herkam. Wie wir Droods wurden.« Ich blickte Molly an. »Ich habe mich manchmal schon gefragt, ob meine Vorfahren vielleicht irgendeinen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben.«
»Nein!«, erwiderte Molly sofort. »Wenn das der Fall ware, hatte ich davon erfahren.«
Ich entschied mich, nicht zu fragen. Jetzt war nicht die Zeit, sich ablenken zu lassen. Ich schaute mich um und setzte meinen
»Irgendeine Ahnung, was das ist?«
»Die Antwort«, sagte ich.
»Na gut, schon, aber davon abgesehen …«
»Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden«, sagte ich und beruhrte die Wachssiegel, die die Rolle geschlossen hielten, mit dem Eidbrecher. Urplotzlich tauchten die aktivierenden
»Es ist Latein«, sagte Molly, die mir neugierig uber die Schulter guckte. »Sonderbarer Dialekt. Irgendetwas uber eine Abmachung.«
»Du kannst Latein lesen?«, fragte ich und konnte die Verbluffung nicht aus meiner Stimme heraushalten.
Sie funkelte mich an. »Ich mag vielleicht nicht die Vorzuge deiner privaten Ausbildung genossen haben, aber ein oder zwei Sachen wei? auch ich! Ohne ausreichende Kenntnisse des Lateinischen kann man keinen der gro?eren Zauber wirken. Die meisten alten Pakte und Bindungen sind darin abgefasst. Was wir hier vor uns haben … ist ein Zauberspruch. Ein Zauberspruch, um verborgene Wahrheiten zu enthullen … uber die Anfange der Drood-Familie! Du hattest recht, Eddie; es ist die Antwort. Und, wenden wir den Spruch an? Direkt hier und jetzt?«
»Selbstverstandlich!«, sagte ich. »Noch eine Chance dazu bekommen wir vielleicht nicht.«
»Ist das etwas, was du gern allein machen mochtest?«, fragte Molly. »Ich meine, ich konnte es verstehen, wenn du -«
»Nein«, sagte ich sofort. »Wir sind zusammen so weit gekommen; es ist nicht mehr als richtig, wenn wir den letzten Schritt auch noch zusammen gehen.«
Also sprachen wir beide den Spruch unisono, intonierten das alte Lateinisch laut gemeinsam, und die Welt, die wir kannten, wurde von einer Woge ungezugelter Magie fortgerissen, als der Zauber uns einen Blick in vergangene Zeiten bot.
Wir waren nicht dort. Wir sahen und horten alles, aber wir waren nicht anwesend. Dies war die Vergangenheit, und wir hatten keinen Platz darin, au?er als Beobachter.
Vor uns lag das alte Britannien. Die Zinninseln nannten es die Romer, denn Zinn war unser einziger Besitz, der sie interessierte. Das Land der Briten: ein wilder Ort, damals, als wir alle im Wald lebten, in den wilden Waldern, an den dunklen Stellen, wohin die Romer uns nicht zu folgen wagten. Das Bild bewegte und veranderte sich und zeigte uns Ansichten, die mit Sinn und Bedeutung beladen waren. Wir sahen zu und lernten.
Zu dieser Zeit begann die Geschichte der Droods. Wilde Manner in zottigen Fellen, deren zahnefletschende Gesichter mit blauem Farberwaid beschmiert waren, rannten brullend durch die Baume: Meine Vorfahren, die Druiden. So wild, so ungezahmt, dass sie sogar die abgebruhten romischen Legionare in Angst und Schrecken versetzten. Sie kampften; Stamme gegen Heere, Bronze gegen Stahl. Und doch gewannen die Druiden anfangs, drangten die einfallenden Romer bis zu ihren wartenden Schiffen zuruck und schlachteten sie dann in den Untiefen ab, bis sich der ganze Ozean rot von ihrem Blut zu farben schien. Die Uberlebenden segelten weg - aber sie kamen wieder. Die Romer kamen wieder, und wieder, bis sie schlie?lich durch Stahl und Taktik und zahlenma?ige Uberlegenheit triumphierten. Denn sie waren ein Heer, und wir waren nur verstreute Stamme, die sich untereinander oft genauso sehr hassten, wie sie die Invasoren hassten.
Am meisten furchteten die Romer die Druidenpriester. Sie versuchten sie auszurotten, ihr mundlich uberliefertes Wissen und ihre Traditionen zusammen mit ihrer grausamen Religion zu zerstoren. Und es schien ihnen auch zu gelingen … bis das Herz kam und alles sich anderte.
Es fiel nicht aus den Wolken, wie die offizielle Geschichte sagt. Es fiel nicht wie ein Engel vom Himmel oder wie ein Meteor aus dem Weltraum. Es lud sich aus einer anderen Dimension herunter, einer anderen Art von Realitat. Drangte sich unserer Welt auf durch einen Akt reinen Willens. Die Auswirkungen seiner Ankunft toteten alles Leben in der naheren Umgebung und legten im Umkreis von Meilen alle Baume flach. Tagelang bebte die Erde und seltsame helle Lichter und Energien brannten im Himmel. Doch die Druiden, obschon in vernunftigem Rahmen vorsichtig, furchteten sich vor nichts und schickten Abgesandte zum Herzen.
Jene Druiden wurden die allerersten Droods.
Meile um Meile wanderten sie zwischen umgesturzten Baumen, und obwohl sie Wunder und Grauel sahen und Lebewesen, die durch die entsetzlichen Energien, die die Ankunft des Herzens freigesetzt hatte, mutiert waren, blieben sie nicht stehen oder wandten sich ab. Sie waren Schamanen, deren Aufgabe es war, den Stamm vor Bedrohungen von au?en zu schutzen und zu verteidigen. Und schlie?lich gelangten sie zu der gro?en Lichtung verdorrter, toter Erde, auf der das Herz lag. Ein Diamant, so gro? wie ein kleiner Berg, glitzernd und schon - und lebendig. Er sprach zu den Druidenschamanen, die zu ihm gekommen waren, und sie verehrten ihn als ein Zeichen der Gotter oder vielleicht sogar einen der Gotter selbst.
Das Herz war damit durchaus zufrieden; es war verloren und fern der Heimat und geschwacht von seiner langen Reise. Es war auf unsere Welt gekommen auf der Flucht vor etwas anderem. Etwas, wovor das Herz immer noch sehr viel Angst hatte. Also schlug es den Druidenschamanen einen Handel vor. Es wurde sie machtig machen, sie zu Gottern unter ihrer eigenen Art machen, und dafur wurden sie das Herz verehren und gegen alle
