breiteten sich schnell uber das riesige Spinnennetz aus. Und in diesem neuen, enthullenden Licht konnten Molly und ich schlie?lich sehen, was uns die ganze Zeit gefolgt war: Hinter uns wogte eine Armee von Spinnen, Tausende, soweit das Licht reichte, und jenseits davon wahrscheinlich noch mehr. Und alles waren wirklich gro?e Spinnen. Schwarze, pelzige Korper, so gro? wie mein Kopf, vielgliedrige Beine von einem Meter Lange und mehr, Gruppen von Augen, die wie kostbare Juwelen funkelten. Und schwere Kieferteile, die bosartig gegeneinanderklapperten und von dickem Speichel troffen.
»Rennen!«, sagte ich.
Molly und ich brachen durch die brennenden Uberreste des Netzes und schlugen die Faden, die nach uns zu greifen schienen, zur Seite. Die Spinnen folgten uns wie eine gro?e schwarze Welle, stumm bis auf das Trappeln ihrer vielen Beine auf dem staubigen Steinboden. Aus dieser Nahe konnte ich sie riechen: ein saurer, bitterer Geruch, wie Saure und verdorbenes Fleisch. Noch etwas, was ich mich uber die Jahre hinweg zu vergessen gezwungen hatte … Molly und ich sprinteten durch die Dunkelheit und verlangten uns das Au?erste ab. Furchtbare Schmerzen, die meinen zusammengebissenen Zahnen gequalte Laute entrangen, wuhlten bei jedem Schritt in meiner ganzen linken Seite. So viel Angespanntheit und Bewegung mussten die fremde Materie weiter in meinem Organismus verbreiten. Bei dem Gedanken an die Spinnen hinter mir brachte ich ein kleines Lacheln zuwege.
Ich merkte, wie ich langsamer wurde. Molly lie? mich hinter sich, denn sie behielt ein Tempo bei, dem ich nicht langer gewachsen war. Ich hatte ihr hinterherrufen konnen, tat es aber nicht. Einer von uns musste hier rauskommen. Jetzt sah sie ohnehin zuruck, erkannte, dass der Abstand zwischen uns zu gro? wurde, und lie? sich zuruckfallen, ergriff meinen Arm und trieb mich an. Gott sei Dank ergriff sie meinen guten Arm. Am Ende eines langen, flatternden Fadens kam eine Spinne wie ein gro?er, schwarzer, haariger Ballon durch die Luft auf mich zugesegelt. Ich schlug mit dem Eidbrecher auf sie ein, und der schwere Eisenholzstock traf die Riesenspinne genau zwischen die Augen. Der Korper explodierte in nasse Spritzer fliegender Innereien. Noch mehr Spinnen kamen aus der Dunkelheit herangesegelt. Ich schlug mit dem Eidbrecher um mich und totete alles, was ich traf. Molly warf Hand voll Hexenfeuer hierhin und dorthin, und brennende Spinnenkadaver fielen aus der Luft.
Wir liefen weiter, nicht mehr so schnell wie zuvor, und unsere Fu?e platschten schwer durch breiige Spinnenuberreste auf dem Boden, die manchmal noch zuckten und zitterten. Die Spinnen wimmelten jetzt dicht hinter uns, fast an unseren Fersen. Sehnsuchtig dachte ich an den Repetiercolt in meinem Schulterhalfter, aber bis ich angehalten und ihn muhsam herausgebracht hatte, waren die Spinnen uber mir gewesen. Also bewegte ich mich einfach weiter, inzwischen um Atem ringend, schreiend vor Schmerzen, immer wilder mit dem Eidbrecher um mich schlagend, der mit jedem Schlag schwerer zu werden schien.
Der Ausgang aus dem Zwischenraum war jetzt nicht mehr fern, da war ich mir sicher. Ich war mir fast sicher.
Wir wurden noch langsamer, erschopft von dem langen Tag, und die Spinnen holten auf und fielen in Schwarmen uber uns her, attackierten uns mit Klauen und Giftdrusen. Wir schrien vor Schmerzen und Schrecken und Ekel und taumelten weiter. Ich steckte den Eidbrecher in den Gurtel und zerquetschte die weichen, matschigen Korper mit blo?en Handen. Molly streifte die Spinnen mit ihrer Hand voll Hexenfeuer von sich ab, und die brennenden Korper fielen herunter und huschten wie lodernde Irrlichter auf dem Boden hin und her. Aber es kamen immer mehr, kletterten an uns hoch oder lie?en sich aus der Luft auf uns fallen. Molly wie auch ich brullten jetzt laut, wahrend wir die Dinger wegschlugen. Spinnen huschten um unsere Fu?e herum und krabbelten an unseren Beinen hoch oder versuchten, uns zu Fall zu bringen, aber ungeachtet ihrer Gro?e waren sie zu leicht und zu zerbrechlich gebaut. Wir wankten weiter und zermalmten sie unter unseren Tritten.
Bis ich endlich im flackernden Hexenlicht weiter vorn einen vertrauten Anblick sah: die Ausgangstafelung des Zwischenraums, die zuruck ins Herrenhaus fuhrte. Zuruck zu Licht, Warme und klarem Verstand. Ich konnte sie vor uns sehen, denn das Licht von au?en umschien ihre Rander, hell wie der Tag im endlosen Zwischenraumdunkel.
Ich machte Molly darauf aufmerksam, und wir brachten ein paar letzte Funkchen Kraft auf, um uns anzutreiben. Die Tafel glitt ruckweise auf, als wir uns ihr naherten, aktiviert durch unsere Anwesenheit, und blieb dann auf halber Strecke stecken, gerade so lange, dass der Gedanke, der alte Mechanismus konnte den Geist aufgegeben haben, mich in Panik versetzte. Und dann setzte sie sich langsam wieder in Bewegung und verstromte schmerzlich helles Licht in die Finsternis.
Ich schob Molly durch die enge Lucke und zwangte mich selbst direkt hinter ihr durch. Ich wirbelte herum und drehte die geschnitzte Holzrose an der Wand herum, und die Tafelung schloss sich mit einer Reihe von schwerfalligen, langsamen Sto?en. Eine letzte Riesenspinne quetschte sich hinter uns noch durch und baumte sich auf, nur um zusammenzubrechen und auf dem Boden mit schwach scharrenden, vielgliedrigen langen Beinen ihr Leben auszuhauchen: Die ubergro?e Kreatur konnte in unserer Realitat nicht existieren. Die Spinnen, die noch an Molly und mir hingen, fielen nach und nach ab. Sie huschten sterbend uber den gewachsten und polierten Fu?boden und versuchten, ins sichere Dunkel zuruckzukommen, aber Molly und ich zertrampelten und zermatschten sie unter unseren Fu?en. Sie waren sowieso gestorben, aber wir hatten das Bedurfnis, sie zu toten.
Einige Spinnen hingen, obwohl sie tot waren, immer noch an Molly und mir, denn ihre klauenbewehrten und mit Widerhaken versehenen Beine hatten sich in unsere zerrissene und blutige Kleidung und unser Fleisch eingegraben. Molly und ich nahmen einander abwechselnd die widerlichen Viecher ab und zuckten bei jeder Beruhrung zusammen, bis es vorbei war. Wir waren beide todmude, und unser Atem ging so sto?weise, dass es wehtat; unsere Herzen hammerten in Brustkorben, die von hundert Schnitten und Bissen schmerzten und bluteten. Wir wankten von den toten Spinnen fort, und dann hielten wir einander einfach fest, zitternd und bebend und leise, erschreckte Tone von uns gebend. Wir klammerten uns wie Kinder aneinander, die frisch aus einem schlechten Traum erwacht waren, und es ware schwer zu sagen gewesen, wer wen trostete. Schlie?lich lie?en wir einander los und traten zuruck - eine Weile lang zu verlegen, um einander anzusehen, teils weil es keiner von uns gewohnt war, schwach zu sein, aber hauptsachlich wegen der unerwarteten Tiefe unserer Gefuhle.
»Also schon«, sagte Molly irgendwann mit fast normaler Stimme. »Ich geb's zu: Das waren wirklich gro?e Spinnen.«
»Beharrliche kleine Drecksbiester, was?«, entgegnete ich und versuchte, das Ganze zu verharmlosen, scheiterte jedoch knapp.
»Du bist verletzt«, stellte Molly fest.
»Du auch.«
Irgendwie brachte sie die Kraft fur einen schnellen Heilzauber auf, gerade so viel, um unsere Bisse zu heilen und die Kratzer zu schlie?en. Ich kann nicht sagen, dass ich mich danach besser fuhlte, aber ich benahm mich so. Sie brauchte nichts von den sich ausbreitenden Schmerzen in meiner linken Seite zu wissen. Drei Tage, vielleicht vier? Ich glaubte nicht mehr daran.
»Ich wei?, wo wir sind«, sagte ich. »Die Bibliothek ist nur ein paar Minuten von hier weg.«
»Dann lass uns gehen!«, sagte Molly. »Aber diese deine Bibliothek sollte den Ausflug besser wert sein, Drood!«
Ich musste lacheln.
Wir zogen los, den Korridor entlang, froh, wieder in unserer eigenen, behaglichen Welt zu sein. Das Licht war hell und warm und das Herrenhaus voll menschlicher Anblicke und Geruche. Zum ersten Mal seit langer Zeit war ich froh, zu Hause zu sein. Ich hatte das Gefuhl, Jahre im Zwischenraumdunkel verbracht zu haben. Wie hatte ich das als Kind blo? ertragen konnen? Vielleicht konnte ich damals schneller rennen.
Molly und ich bogen um eine Ecke, und ein halbes Dutzend Mitglieder meiner Familie kamen durch den Gang auf uns zugeschlendert und schwatzten wahrenddessen angeregt uber den Angriff des falschen Drachen. Alle moglichen Namen wurden als infrage kommende Verdachtige gehandelt, aber ich wurde dabei nicht mal erwahnt. Ich wusste nicht, ob ich mich erleichtert oder beleidigt fuhlen sollte. Sie blickten kurz in unsere Richtung, und dann, genau wie der Waffenschmied gesagt hatte, sahen sie wieder weg, als sie unserer Laborkittel ansichtig wurden. Nur um auf der sicheren Seite zu sein, hatte ich das Gesicht bereits in den Handen verborgen, als ob ich verletzt sei. Molly kapierte sofort und stutzte mich ab, als wir an den Droods vorbeikamen.
»Bist selber Schuld!«, tadelte sie mich laut. »Ich habe kein Mitleid mit dir! Wie kann denn einer Schwarzpulver mit Schnupftabak verwechseln?«
»Meine Nase!«, stohnte ich. »Hat jemand meine Nase gefunden?«
