Die anderen Droods lachten kurz und gingen weiter. Nur ein weiteres Labormissgeschick, hier gibt es nichts zu sehen, bitte weitergehen. Molly und ich zogen unsere Schau weiter ab, bis wir sicher um die nachste Ecke waren, und da war die Bibliothek, direkt vor uns. Niemand sonst war in der Nahe. Ich probierte die Turen, aber wie erwartet waren sie abgesperrt. Wache stand allerdings immer noch keiner; anscheinend waren alle nach drau?en gerannt, um einen Blick auf den Drachen zu erhaschen. Ausgesprochen schlampige Sicherheitsma?nahmen, ganz und gar schlechte und unprofessionelle Disziplin. Wo sollte das nur hinfuhren? Ohne Zweifel wurde der Seneschall ein oder zwei Sachen dazu zu sagen haben, wenn er irgendwann wieder aufwachte. Ich benutzte den Schlussel, den der Waffenschmied mir gegeben hatte, und bei der ersten Beruhrung schwangen die Turen auf. Ich fuhrte Molly hinein, schloss die Turen hinter uns schnell wieder und sperrte ab. Ich wollte nicht gestort werden. Ich wusste nicht, wie lange das hier dauern wurde.

Die Bibliothek schien vollig ausgestorben zu sein. Ich rief ein paarmal, aber niemand kam hinter den hoch aufragenden Regalen hervor, um mich zur Ruhe zu ermahnen. Molly gaffte mit aufgerissenem Mund um sich. Ich nickte verstandnisvoll: Die schiere Gro?e der Bibliothek trifft neue Besucher immer hart.

»Willkommen in der droodschen Familienbibliothek!«, sagte ich ein klein wenig gro?spurig. »Kein Schreien, kein Rennen zwischen den Regalen, kein Pinkeln ins flache Ende! Und nein, sie ist nicht so gro?, wie sie aussieht; sie ist gro?er. Nimmt das gesamte untere Stockwerk dieses Flugels ein. Die ganze Welt ist hier drin, irgendwo - wenn man sie finden kann.«

»Sie ist … gewaltig!«, sagte Molly endlich. »Wie findet man hier drin uberhaupt irgendwas?«

»Meistens tun wir das nicht«, gab ich zu. »William war der letzte Bibliothekar, der den Versuch unternommen hat, ein offizielles Verzeichnis zusammenzustellen, und die meisten seiner Unterlagen sind mit ihm verschwunden. Wir fugen standig Bucher hinzu, verlieren welche und stellen sie falsch ab. Immerhin sind die Abteilungen deutlich gekennzeichnet.«

»Du suchst nach Familiengeschichte«, bestimmte Molly, indem sie sich zusammenriss und ihre effizienteste Art nach au?en kehrte, »und ich werde mich durch die medizinische Abteilung arbeiten. Es muss hier etwas geben, womit ich dir helfen kann. Und wenn ich nur das Vordringen der fremden Materie verlangsame, bis wir dich zu jemandem schaffen konnen, der dir helfen kann.«

»Molly …«

»Nein, Eddie. Ich will's nicht horen. Ich werde nicht aufgeben, und du solltest das auch nicht. Ich werde dich nicht sterben lassen - nicht, wo du dein Leben riskiert hast, um meins zu retten! Ich kann nicht … Es muss da drau?en jemanden geben, der dich wieder gesund machen kann. Teufel auch, wenn alles andere fehlschlagt, kenne ich immer noch ein halbes Dutzend Leute, die dich als Zombie von den Toten zuruckholen konnen!«

»Danke fur deine Fursorge«, sagte ich. »Die medizinische Abteilung ist da unten; zwanzig Regale weiter, die dritte rechts, dann folgst du der -«

»Ach, zum Teufel!«, unterbrach Molly mich. »Wegbeschreibungen waren noch nie meine Starke. Ich sollte besser einen Leitzauber benutzen, sonst hangen wir hier die ganze Nacht rum.« Sie zog ein Pendel an einem Silberdraht aus einer versteckten Tasche und versetzte es in Rotation. Das Pendel blieb jah stehen und zeigte genau auf mich. Molly runzelte die Stirn. »Das ist … interessant. Es zeigt eine Kraftquelle an dir an, und es ist nicht der Eidbrecher. Genau genommen bekomme ich sogar ziemlich viel nicht entladene Energie rein, die noch an dem Schlussel hangt, den der Waffenschmied dir gegeben hat.«

Sie steckte das Pendel weg, wahrend ich den Schlussel herausnahm und ihn betrachtete. Der Waffenschmied hatte Wert darauf gelegt, mir den Schlussel zu geben, obwohl er gewusst haben musste, dass ich einfach hatte hochrusten und die Turen eintreten konnen. War der Schlussel irgendein Hinweis? Auf irgendein Geheimnis, von dem er mir aus einem bestimmten Grund selbst nicht erzahlen wollte? Ich untersuchte den Schlussel mit meinem Blick, und da war ein zweiter Zauberspruch so deutlich darauf geschrieben, dass sogar ich sagen konnte, worum es sich handelte: ein Spruch, um ein verborgenes Schloss zu bedienen und eine Geheimtur zu offnen. Hier, in der Bibliothek? Es hatte nie auch nur das Gerucht von einer Geheimtur in der Bibliothek gegeben …

Ich drehte den Schlussel hin und her, und als ich ihn in eine bestimmte Richtung hielt, flackerte der Spruch kurz auf. Ich folgte dem Schlussel durch die Regale, und Molly trottete neben mir her. Bis wir schlie?lich zu dem alten Bild an der sudwestlichen Wand kamen.

Es war das einzige Gemalde in der Bibliothek. Ein gewaltiges Stuck, gut zweieinhalb Meter hoch und anderthalb Meter breit, eingefasst in einen stabilen Stahlrahmen. Es war Jahrhunderte alt, alter als das Herrenhaus selbst, sagten manche; Kunstler unbekannt. Das Bild stellte eine andere Bibliothek dar, deren zahlreiche Regale vollgestopft waren mit machtigen, ledergebundenen Banden und Pergamentrollen, die mit farbenprachtigen Bandern verschnurt waren. Auf dem Gemalde waren keine Leute, keine symbolischen Objekte, keine offensichtliche Anordnung wichtiger Gegenstande. Keine Bedeutung, keine Botschaft; nur die alte Bibliothek. Molly und ich standen vor dem Bild und betrachteten es.

»Ich bin ja keine Expertin«, meinte Molly, »aber das … ist ein echt langweiliges Gemalde. Ist es fur die Familie von Bedeutung?«

»In gewisser Weise schon«, antwortete ich. »Dieses Bild zeigt die alte Bibliothek, die ursprungliche Quelle des Drood-Wissens. In dieser ersten Bibliothek war die ganze Fruhgeschichte der Droods untergebracht, moglicherweise sogar Wissen uber unsere wahren Anfange, das seit Langem fur uns verloren ist. Du musst wissen, dass die alte Bibliothek bei einem Brand zerstort wurde, der von unseren Feinden gelegt worden war. Unsere gro?te Katastrophe. Das ganze Haus mitsamt der Bibliothek brannte nieder, weshalb die Familie auch hierherzog, zu Zeiten Konig Heinrichs V. Dieses Bild ist alles, was aus dieser Zeit noch ubrig ist, und soll uns daran erinnern, was wir verloren haben.«

»An diesem Gemalde ist etwas Sonderbares«, sagte Molly langsam. »Ich kann Magie darin spuren. Im Rahmen und in der Leinwand, in der Farbe und sogar in den Pinselstrichen. Spurst du es auch?«

Ich untersuchte das Bild grundlich mit meinem Blick, wobei ich den Schlussel fest in der Hand hielt, und das ganze Gemalde schien mit einem inneren Licht zu strahlen. Und endlich bemerkte ich etwas, was ich vorher nie gesehen hatte: In dem Silberrahmen befand sich ein kleines, sorgfaltig getarntes Schlusselloch, das in einer Schneckenverzierung versteckt war. Ich machte Molly darauf aufmerksam, dann steckte ich vorsichtig den Schlussel des Waffenschmieds hinein. Er passte perfekt. Ich drehte ihn herum, und einfach so wurde das ganze Gemalde lebendig. Ich betrachtete kein Bild mehr, sondern eine Szene aus dem Leben, einen Durchlass zu einem anderen Ort. Einen Eingang zur alten Bibliothek. Ich nahm Molly bei der Hand, und gemeinsam traten wir hindurch.

Die alte Bibliothek war gar nicht verloren, war nicht verschwunden, sondern nur vor aller Augen versteckt. Hing die ganzen Jahre lang vor unserer Nase. Die alte Bibliothek, real und unversehrt, die ganze Fruhgeschichte und das ganze Wissen letzten Endes doch erhalten! (Erhalten fur wen? Nein - daruber denken wir spater nach.) Ich blieb ganz still genau im Eingang stehen und blickte mich um. Die alte Bibliothek erstreckte sich in alle Richtungen, endlose Bucherborde und turmhohe Regale, vollgestopft mit Buchern und Handschriften und Schriftrollen, so weit das Auge reichte. Ich schaute hinter mich, und jenseits des offenen Raums der Turoffnung konnte ich weitere Regale, weitere Bucherborde sehen.

Langsam schritt ich durch den Gang vor mir, vor Erschutterung wie betaubt. Die gro?te Katastrophe in der Geschichte meiner Familie war eine Luge! Nach allem, was ich bisher in Erfahrung gebracht hatte, hatte mich das eigentlich nicht uberraschen durfen, aber absichtlich so viel Wissen, so viel Weisheit geheim zu halten … war eine fast unbegreifliche Sunde. Ganz behutsam nahm ich einige der ubergro?en Bucher herunter und schlug sie auf. Die Ledereinbande quietschten laut und die Seiten schienen Staub und uralte Geruche zu verstromen. Es waren bebilderte Handschriften, die Sorte, an denen Monche jahrelang muhsam gearbeitet hatten. Gro?tenteils lateinisch, ein paar altgriechisch. Andere Sprachen, in gleichem Ma?e alt oder obskur. Es gab Palimpseste und Pergamente und Stapel von Schriftrollen, von denen manche so zerbrechlich aussahen, dass ich in ihrer Nahe nicht einmal zu tief zu atmen wagte.

»Hier drin arbeitet irgendeine Art von Magieunterdruckungsfeld!«, sagte Molly auf einmal. »Ich kann es spuren.«

»Das uberrascht mich nicht«, meinte ich geistesabwesend, vertieft in eine Schriftrolle, in der es um Konig Harold und die Seele Albions ging. »Muss eine Sicherheitsma?nahme sein, um die Inhalte zu schutzen.«

»Ich konnte notfalls wahrscheinlich ein paar kleinere Zauber durchzwangen«, fuhr Molly fort, »falls wir uns verteidigen mussen.«

»Wurdest du dich bitte mal entspannen?«, sagte ich. »Wir sind die Einzigen hier drin.«

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