»Die Familie … ist nicht mehr das, was sie einmal war, Eddie. Ein Teil von mir … wunscht, ich konnte mit dir gehen, wenn du weggehst. Aber jemand muss bleiben und fur die Seele der Familie kampfen. Um der Droods willen - und um der Welt willen.«

Kapitel Zwanzig

Spinnentiere und Leseratten

»Oh, oh!«, sagte Molly, als wir die Labore wieder betraten.

Ich sah sie an. »Das werden keine gute Nachrichten, stimmt's?«

»Der Drachentalisman ist gerade wieder an meinem Kettchen erschienen. Das bedeutet, jemand in deiner Familie hat endlich zwei Gehirnzellen zusammengebracht, erkannt, dass ein so gro?er Drache unmoglich real sein kann und einen einfachen Dispersionszauber uber ihn verhangt. Mein kleines Ablenkungsmanover ist jetzt offiziell zu Ende.«

»Sie werden alle schnurstracks wieder ins Herrenhaus kommen«, grubelte ich stirnrunzelnd, »um herauszufinden, wovon der Drache sie ablenken sollte. Also wird es jetzt jeden Moment hier vor wirklich stinksauren Droods wimmeln, die nach jemanden suchen, an dem sie ihre Wut auslassen konnen … Zeit fur uns zu gehen, Molly. Es war schon, dich wiederzusehen, Onkel Jack.«

»Wie weit ist es bis zur Bibliothek?«, fragte Molly, praktisch denkend wie immer.

»Zu weit«, antwortete der Waffenschmied. »Ihr seid nicht mal im richtigen Flugel.«

»Kein Problem«, meinte Molly. »Dann rufe ich einfach ein Raumportal her, das uns direkt hinbringt.«

»Nein, das werden Sie nicht«, sagte der Waffenschmied mit ausdrucksloser Stimme. »Die inneren Verteidigungssysteme des Herrenhauses lassen keine Teleportationen zu, weder magische noch wissenschaftliche, aus Sicherheitsgrunden. Nicht einmal ich konnte etwas erzeugen, das wirkungsvoll genug ist, um die Verteidigungen des Herrenhauses zu durchbrechen.« Er unterbrach sich und blickte nachdenklich drein. »Es sei denn, ich kann den Rat uberzeugen, meine Forschungen uber schwarze Locher doch noch zu finanzieren …«

»Wenn wir bitte beim Thema bleiben konnten«, rief ich ihn in die Gegenwart zuruck.

»Es muss doch einen Weg geben, wie wir in die Bibliothek gelangen konnen, ohne bemerkt zu werden!«, sagte Molly. »Wie sieht's mit einem Illusionszauber aus? Ich konnte etwas Einfaches auf die Beine stellen, was uns wie jemand anders aussehen lasst. Oder einen Aversionszauber: lasst jeden uberall hinschauen, nur nicht auf uns.«

»Wurde nicht funktionieren«, sagte ich. »Unsere Torques warnen uns automatisch vor dieser Art von Zaubern. Sie wurden einfach ihren Blick anwerfen und sie durchschauen.«

»Im Zweifelsfall sollte man es einfach halten«, sagte der Waffenschmied ein bisschen blasiert. Er nahm zwei arg in Mitleidenschaft gezogene alte Laborkittel aus einem Spind in der Nahe und streckte sie uns entgegen. »Zieht die an! Jeder, der euch begegnet, wird auf die Kittel schauen, nicht in die Gesichter. Die Familie ist daran gewohnt, dass meine Laborassistenten uberall aufkreuzen und ihnen zwischen die Fu?e geraten. Haltet einfach die Kopfe unten und geht weiter, und es wird euch nichts passieren. Verdammt, ich bin gut …«

Molly und ich schlupften in die Laborkittel. Sie waren beide mit einer Sammlung ganz furchterlicher Flecken uberzogen, ganz zu schweigen von den Rissen, Schnitten und, in meinem Fall, einer echt gefahrlich aussehenden Bissspur. Mollys Kittel reichte ihr bis an die Knochel, aber ich hatte genug Verstand, um nicht zu grinsen.

»Mein Kittel riecht komisch«, sagte sie und funkelte mich aufsassig an.

»Sei dankbar«, erwiderte ich. »Meiner stinkt geradezu widerlich.«

Ich drehte mich zum Waffenschmied um, und ein bisschen verlegen schuttelten wir einander die Hand. In der Regel machten wir das nicht, aber wir wussten beide, dass es vielleicht keine weitere Gelegenheit mehr dazu geben wurde.

»Auf Wiedersehen, Eddie«, sagte der Waffenschmied und blickte mir direkt in die Augen. »Ich wunschte … es gabe mehr, was ich fur dich tun konnte.«

»Du hast bereits weit mehr getan, als ich erwarten durfte«, entgegnete ich. »Auf Wiedersehen, Onkel Jack.«

Er lachelte Molly an und gab auch ihr die Hand. »Ich bin froh, dass Eddies Frauengeschmack sich endlich verbessert hat. Es war mir ein Vergnugen, Sie kennenzulernen, Molly. Und jetzt schafft euch hier raus und macht ihnen die Holle hei?!«

»Aber sowas von«, sagte Molly.

* * *

Molly und ich verlie?en die Waffenkammer und schlossen die explosionssicheren Turen sorgfaltig hinter uns. Es war nicht sinnvoll, an die gro?e Glocke zu hangen, dass die Waffenkammer fur zufallige Besucher aufgelassen worden war. Ich durfte nicht zulassen, dass der Waffenschmied zu Schaden kam, blo? weil er mir geholfen hatte. Schon konnte ich meine Familie in den Au?enbereichen des Herrenhauses fluchend nach den Eindringlingen suchen horen. Sie kamen stetig naher und riefen dabei mit lauten und aufgeregten Stimmen Anweisungen und Erkenntnisse und Kommentare hin und her. Es horte sich an, als sei die ganze verdammte Familie mobilisiert worden. Die Matriarchin ging kein Risiko ein. Die Laborkittel wurden uns an ein paar Leuten vorbeibringen, aber nicht an solchen Massen … Es brauchte blo? einen Moment des Erkennens, eine erhobene Stimme …

Glucklicherweise gab es noch eine Alternative. Nur leider keine sehr angenehme.

»Damals, als ich ein Kind war«, sagte ich im Plauderton zu Molly, wahrend wir durch einen leeren Korridor hasteten, »knobelte ich verschiedene Moglichkeiten aus, im Herrenhaus herumzustreifen, ohne gesehen zu werden. Wenn man namlich an einem Ort erwischt wurde, wo man nicht sein sollte, wurde man bestraft. Oftmals hart bestraft. Aber zum Gluck ist das Herrenhaus sehr alt, und im Lauf der Jahre ist das Wissen uber gewisse au?erst nutzliche Geheimturen und -gange verloren gegangen oder in Vergessenheit geraten. Und weil ich viel in der Bibliothek gelesen habe, insbesondere in Bereichen, zu denen ich eigentlich keinen Zugang haben sollte, war ich in der Lage, gewisse alte Bucher zurate zu ziehen, in denen die exakte Lage dieser au?erst nutzlichen Abkurzungen beschrieben ist.

Es gibt Turen, die einen von einem Zimmer ins andere bringen konnen, von einem Flugel in den anderen, ohne dass man dabei den dazwischenliegenden Raum durchqueren muss. Es gibt enge Verbindungsgange mit dicken, hohlen Wanden, die einmal Teil der alten Zentralheizung und der Beluftungsablaufe waren. Es gibt eine Falltur im Kellergeschoss, durch die man im Dachgeschoss landet, und einige Zimmer, die nur an bestimmten Tagen da sind. Ich muss sie wohl alle irgendwann einmal benutzt haben, auf meiner nie enden wollenden Suche nach Dingen, von denen ich eigentlich nichts wissen sollte.«

»Hat deine Familie denn nie Verdacht geschopft?«, wunderte sich Molly.

»Oh, aber sicher! Diese alten Gange zu finden ist fur junge Droods eine Art Ubergangsritus ins Erwachsenenalter; stillschweigend geduldet, wenngleich nicht unterstutzt. Die Familie sieht gern Initiative in ihren Kindern - solange sie den anerkannten Regeln und Traditionen folgen. Aber ich habe einige sehr seltsame Wege gefunden, von deren Existenz nicht einmal jemand getraumt hatte, und ich habe niemandem davon erzahlt. Ich brauchte damals etwas, was mir gehorte und nicht der Familie.«

»Darf ich dem entnehmen, dass du eine Abkurzung in die Bibliothek kennst?«, fragte Molly.

»Genau. Nicht weit von hier gibt es in der Wand eine Offnung zu einem niedrigen Zwischenraum.«

»Und warum hast du das nicht gleich gesagt?«

»Tja …«

»Es gibt schlechte Nachrichten, stimmt's? Irgendwie wei? ich einfach, dass es schlechte Nachrichten gibt!«

»Es ist gefahrlich«, sagte ich.

»Wie gefahrlich?«

»Der Zwischenraum ist … bewohnt. Du musst wissen, dass das Herrenhaus seine Stromkabel und Gasleitungen und so weiter irgendwo au?er Sicht unterbringen muss, aber aus Sicherheitsgrunden konnen sie nicht einfach in den Wanden versteckt werden; sie mussen extra geschutzt werden. Gegen Sabotage und dergleichen. Deshalb befinden sich all unsere Kriechkeller und -speicher und verborgenen Wartungsbereiche in angegliederten Taschendimensionen. Wie der Armageddon-Kodex und der Lowenrachen, aber in einem viel kleineren und weniger dramatischen Ma?stab. Und viel leichter zuganglich fur Leute, logischerweise. Jedenfalls

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