Schlaf, aber das war alles. Molly blickte auf sie herab.

»Hatte sie dich wirklich mit dem Ding umgebracht?«

»Vermutlich«, sagte ich.

»Willst du, dass ich sie ein bisschen trete, solange sie k.o. ist?«

»Nein. So was mache ich nicht.«

»Weichei!« Sie betrachtete mich nachdenklich. »So, diese Alexandra war also einmal ein alte Flamme von dir?«

»Vor langer Zeit«, sagte ich, »als wir beide viel junger waren. Sie war nicht immer so wie jetzt, musst du wissen. Du bist doch nicht etwa eifersuchtig, oder?«

»Ich? Nein! Wieso sollte ich eifersuchtig sein? Ich hatte viele Freunde in meiner Zeit. Dutzende!«

»Sie wussten dich wahrscheinlich nicht so zu wurdigen, wie ich es tue«, meinte ich.

* * *

Zur zusatzlichen Sicherheit bewahrt die Familie den Armageddon-Kodex in einer Taschendimension auf. Einzig der Waffenschmied und sein designierter Nachfolger konnen sich ihr nahern, geschweige denn Zutritt zu ihr erlangen. Der Kodex enthalt die machtigsten Waffen der Familie, die zu gefahrlich sind, um sie einzusetzen, es sein denn die Realitat selbst ist bedroht. Normalerweise muss man bandeweise Papierkram ausfullen, bevor einem auch nur erlaubt wird, sich der Matriarchin mit einem Ersuchen zu nahern. Der Waffenschmied bewies gro?es Vertrauen in mich, indem er mich den Eidbrecher nehmen lie?. Trotz aller Sympathie wurde er das nicht tun, wenn er nicht bereits uberzeugt ware, dass mit der Familie etwas ernsthaft nicht in Ordnung war.

Um zum Armageddon-Kodex zu gelangen, muss man durch den Rachen des Lowen. Am allerhintersten Ende dessen, was einmal, bevor sie zur gegenwartigen Waffenkammer umfunktioniert worden waren, die alten Weinkeller dargestellt hatte, befindet sich ein riesiges Steinrelief eines Lowenkopfes, komplett mit Mahne. Vollkommen bis ins kleinste Detail, sieben Meter hoch und fast genauso breit, herausgemei?elt aus dem dunklen, blau gemaserten Stein, aus dem die entlegensten Bereiche des Kellers bestehen. Die Augen des Lowen scheinen zu funkeln, das Maul scheint zu fauchen, und das ganze Ding sieht aus wie das Leben selbst, in Stein erstarrt. Als ob er blo? darauf wartete, loszuspringen, konnte er nur den Rest seines Korpers durch die Steinmauer zwangen, die ihn festhielt. Nicht ganz uberraschend verliebte Molly sich auf den ersten Blick darin, lie? ihre Hande uber das detaillierte Relief wandern und gurrte entzuckt.

Der Waffenschmied ging auf den knurrenden Lowenrachen zu und steckte einen langen Messingschlussel in ein Loch darin, das ich nicht einmal sehen konnte. Er drehte den Schlussel zweimal um und sprach dabei innerlich eine ganze Reihe von Worten, dann zog er den Schlussel wieder heraus und trat zackig zuruck, als der Rachen des Lowen sich langsam und knirschend offnete. Die Oberlippe hob sich stetig, betatigt von irgendeinem unsichtbaren Mechanismus, und enthullte gewaltige, schartige Zahne oben und unten. Die Kiefer offneten sich immer weiter, bis das Maul des Lowen weit aufklaffte und einen Tunnel erkennen lie?, der so gro? war, dass man ihn begehen konnte, ohne den Kopf einziehen zu mussen. Der Hals des Lowen, der zum Armageddon-Kodex fuhrte.

»Ist er … lebendig?«, fragte Molly flusternd.

»Wir glauben es nicht, aber niemand wei? es mit Bestimmtheit«, antwortete ich. »Er ist so alt wie das Haus - vielleicht alter. Moglicherweise hat die Familie ihn geschaffen oder auch nur Gebrauch davon gemacht. Die Legende besagt, dass man, wenn man durch den Lowenrachen schreitet, reinen Herzens und edler Absicht sein muss, sonst wird sich der Rachen uber einem schlie?en.«

»Und dann?«, wollte Molly wissen.

»Haben Sie noch nie gesehen, wie jemand von einem Steinkopf gefressen worden ist?«, fragte der Waffenschmied.

»Ich schon, ein Mal«, sagte ich. »Ich war unten in Cornwall -«

»Das war eine rhetorische Frage!«, fuhr mich der Waffenschmied an. »Tut mir leid, Molly, meine Liebe; er hat schon immer alles zu wortlich genommen, schon als Kind.«

»Wollt ihr damit sagen, dass er wirklich Menschen frisst?«, fragte Molly. »Wenn sie nicht … reinen Herzens sind?«

»O ja!«, bekraftigte ich.

»Ich denke, ich werde hier drau?en warten«, meinte Molly.

»Entspannen Sie sich!«, sagte der Waffenschmied. »Es ist nur eine Geschichte, die wir den Kindern erzahlen, um sie davon abzuhalten, beim Rachen herumzustreunen. Die raffinierten kleinen Kerle treiben sich namlich immer dort herum, wo sie nicht sollen. Vertrauen Sie mir, Molly: Solange Sie bei uns sind, werden Sie vollkommen sicher sein. Schon gut, ehrlich! Ich bin nicht mehr reinen Herzens gewesen, seit ich mit zehn meine erste Erektion gehabt habe.«

Er wackelte sie mit seinen buschigen Brauen an, und Molly lachelte pflichtbewusst. Trotzdem blieb sie sehr dicht bei mir, als wir dem Waffenschmied durch den Lowenrachen und seinen Hals hinab in den Armageddon- Kodex folgten. Der sich als blo? eine weitere Steinhohle herausstellte, jedoch mit furchtbaren Waffen, die in Reihen an den Steinwanden hingen wie Dekorationsstucke der Holle. Manche hingen an Platten; andere standen in speziellen Nischen, die aus dem nackten Stein herausgehauen worden waren. Keine davon war namentlich gekennzeichnet; entweder man wusste, was man vor sich hatte, oder man hatte kein Recht, sie zu beruhren. Einige der Waffen kannte ich vom Sehen und vom Horensagen, dank der zahllosen Stunden, die ich mit Lesen in der Bibliothek verbracht hatte.

Da war der Sonnenzerstorer, mit dem man nacheinander die Sterne ausloschen konnte. Daneben der Moloch-Arbeitsanzug. Und dort - der Zeithammer, um die Vergangenheit durch nackte Gewalt zu verandern.

Der Waffenschmied bemerkte, dass ich den Hammer musterte, und nickte rasch. »Bei seiner Untersuchung kam mir die Idee fur die Umkehruhr, die ich dir gegeben habe, Eddie. Da steckt eine Menge Gehirnschmalz drin. Ich hoffe, du passt gut auf sie auf!«

Geistesabwesend nickte ich, immer noch fasziniert von den schrecklichen Waffen, die sich vor mir ausbreiteten, Objekte, von denen ich nie geglaubt hatte, dass ich sie einmal in natura zu sehen bekommen wurde. Da war Winterleid, eine schlichte Kristallkugel voller wirbelnder Schneeflocken. Sie mochte einmal ein Briefbeschwerer oder ein Kinderspielzeug gewesen sein. Aber man brauchte blo? das Kristall zu zerbrechen, und es wurde den Fimbulwinter entfesseln: eine endlose Jahreszeit von Kalte und Eis uber der ganzen Welt, fur immer und ewig und ewig. Molly streckte die Hand aus, um die Kugel zu beruhren, und sagte: »Oh, wie su?!« Und der Waffenschmied und ich brullten sie beide an und zerrten sie weg. Wir schickten sie zuruck und sagten ihr, sie solle am Eingang stehen bleiben, und schmollend gehorchte sie. Und dann, endlich, war da der Eidbrecher.

Er machte au?erlich nicht viel her. Nur ein langer Stock aus Eisenholz, in den tiefe vormenschliche Symbole geschnitzt waren. Eine uralte Waffe, alter als der Torquesschneider, alter als die Familiengeschichte. Alter als die Familie wahrscheinlich. Wir haben keine Ahnung, wer sie erschaffen hat oder warum. Vielleicht hatten sie sie benutzt und es gab deshalb nirgends Aufzeichnungen uber sie. Schlie?lich streckte der Waffenschmied eine ruhige Hand aus und nahm den Stock herunter. Er verzog das Gesicht, als ob allein die Beruhrung beunruhigend fur ihn sei. Er wog ihn einmal in der Hand, dann drehte er sich abrupt um und gab ihn mir. Ich nahm ihn ganz behutsam entgegen. Er fuhlte sich … schwer an, beladen mehr mit spirituellem Gewicht als mit materiellem. Eine Last fur den Korper und fur die Seele.

Wegen dem, was er war und was er tun konnte.

»Aber … das ist ja blo? ein Stock!«, sagte Molly. Sie hatte sich herangeschlichen, um wieder bei uns zu sein. »Das ist es? Ich meine, ist das das ganze Teil? Verwandelt er sich in etwas anderes, wenn man damit auf den Boden schlagt? Oder hast du nur vor, den Leuten damit auf den Kopf zu hauen?«

»Dies ist der Eidbrecher«, erklarte ich. Mein Mund war ganz trocken, gleichzeitig schwitzten meine Hande. »Er macht alle Vereinbarungen ruckgangig, alle Bindungen. Bis ganz hinunter auf die atomare Ebene, wenn notig.«

»Na schon«, sagte Molly, »jetzt machst du mir Angst!«

»Gut!«, sagte ich. »Denn mir jagt er eine Heidenangst ein. Waffenschmied, gib Molly den Torquesschneider! Nur fur alle Falle.«

»Geh in die Bibliothek«, sagte der Waffenschmied. »Und bring in Erfahrung, was du wissen musst. Ich werde ein Auge auf Alexandra haben. Aber lass dir nicht zu lange Zeit, Eddie! Der Larm und das Getummel, die du ausgelost hast, werden die Leute nicht lang zum Narren halten.«

»Ich wei?, Onkel Jack.«

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