Eine so dramatische Reaktion auf einen einzigen Zwischenfall hatte ich nicht erwartet. Vermutlich waren alle noch nervos nach dem Angriff auf das Herz. Vielleicht war es ja auch, weil ich angerufen und mein Kommen angekundigt hatte … Der Gedanke gefiel mir.
»Du musstest ihnen ja unbedingt auf die Nase binden, dass wir kommen!«, sagte Molly.
»Die Anlagenverteidigungen sind alle aktiviert worden«, bemerkte ich, um ihr nicht antworten zu mussen. »Aber solange das Confusulum arbeitet, durften sie uns nicht erfassen konnen.«
»Wieso tragen eigentlich alle Waffen?«, fragte Molly plotzlich. »Ich dachte, ihr Leute verlasst euch gro?tenteils auf eure Rustung!«
»Gro?tenteils, ja. Aber erst vor Kurzem hat es einige ernst zu nehmende, echt hassliche Angriffe aufs Herrenhaus gegeben. Niemandem ist jetzt noch danach, ein Risiko einzugehen.«
»Angriffe?«, fragte Molly. »Von irgendjemandem, den ich kennen konnte?«
»Wir wissen nicht, wer dahintersteckt«, erwiderte ich. »Und wenn meine Familie es nicht wei?, dann wei? es niemand. Aber das ist der Grund, weshalb sie jetzt alle Register ziehen. Genau das hatte ich zu vermeiden gehofft, indem ich mich hereinschleiche. Der verfluchte Alistair und seine bloden selbstgesteuerten Gewehre!«
»Sollten wir weggehen?«, fragte Molly. »Vielleicht ein andermal wiederkommen?«
»Dazu haben wir keine Zeit«, sagte ich. »Wie es auch ausgehen mag, das hier ist die einzige Chance, die wir kriegen werden. Bist du noch dabei?«
»Aber immer!«, antwortete sie und grinste. »Lass uns ein bisschen Unruhe stiften!«
»Guter Vorschlag!«, sagte ich und erwiderte ihr Grinsen.
Wir tatschelten die Greifen ein letztes Mal, schoben sie dann entschlossen von uns weg und sprinteten uber die offenen Rasenflachen aufs Haus zu. In der zunehmenden Abenddammerung sollten wir eigentlich nur wie zwei weitere sich bewegende Gestalten aussehen. Falls die Familie sich auf einen Angriff von der Art von Wesen gefasst machte, die ins Sanktum eingebrochen war, dann wurden sie nicht nach blo? menschlichen Zielen suchen. Ich konnte spuren, wie die Anlagenverteidigungen versuchten, etwas beizusteuern: die versteckten Fallturen und todlichen Waffen, die wissenschaftlichen und magischen Vorrichtungen in ihren unterirdischen Silos, aber keine davon konnte Molly oder mich erfassen, solange wir vom Confusulum beschutzt wurden. Kraftschilde knipsten sich uberall um uns herum an und aus, zauberische Energien manifestierten und zerstreuten sich binnen eines Moments, und nichts davon konnte uns etwas anhaben. Die Verteidigungsanlagen des Grundstucks standen vor einem Ratsel. Aber es waren immer noch viel zu viele Menschen in der Nahe, zu viele Droods zwischen uns und dem Herrenhaus. Es war nur eine Frage der Zeit, bis uns jemand anrief.
»Wir brauchen ein Ablenkungsmanover«, sagte ich zu Molly. »Etwas Gro?es und Dramatisches, um die Leute von der Vorderseite des Hauses wegzulocken.«
»Kein Problem«, versicherte Molly, ein bisschen au?er Atem vom Laufen. »Schau gut zu!«
Sie murmelte und vollfuhrte ein paar abgehackte Gebarden, und plotzlich schwebte ein riesiger Drache uber dem Herrenhaus. Ein gewaltiges Geschopf mit langem, goldgeschupptem Korper, das sich mit kraftvollen Schlagen seiner machtigen, membranosen Schwingen in der Luft hielt. Unter entsetzlichem Kreischen lie? die Bestie sich auf das Herrenhaus herabsinken und reckte ihren scheu?lichen, gehornten Kopf, der dem Ende eines schlangengleichen Halses entsprang. Sie war unglaublich gro?, halb so gro? wie das Herrenhaus, und riss mit beilaufigen Schlagen ihrer klauenbewehrten Fu?e klaffende Locher in die Au?enmauer des Ostflugels. Sie spuckte Feuer uber die Landeplatze auf dem Dach und fegte samtliche dort befindlichen Luftfahrzeuge mit einem einzigen Flammensto? hinweg. Sie stie? einen triumphierenden Schrei aus und krachte mit einer Schulter so heftig gegen das Herrenhaus, dass das ganze Gebaude erbebte.
»Reicht das?«, fragte Molly mich.
»Wo zum Teufel hast du einen Drachen von dieser Gro?e herbekommen?«, staunte ich. »Ich bin offiziell beeindruckt, Molly! Ehrlich. Aber dies ist mein Zuhause, und ich fande es nicht schlecht, wenn am Ende des Tages noch etwas davon ubrig ware! Sagt dir der Begriff Overkill etwas? Bist du sicher, dass du ihn uberhaupt kontrollieren kannst?«
»Selbstverstandlich!«, erwiderte Molly, »Ich hab mal einen Dorn aus seiner Pfote entfernt. Entspann dich, Eddie, es ist kein echter Drache; nur ein weiterer Zauber von meinem Kettchen.«
»Dann ist der Schaden, den er am Herrenhaus anrichtet, also auch nicht echt?«
Molly runzelte die Stirn. »Nun, ja und nein.«
»Lass uns schnell reingehen«, sagte ich, »bevor die Familie herausfindet, was los ist.«
Der Gro?teil der Familie war inzwischen um den ruckwartigen Teil des Hauses herumgegangen, um sich mit der offensichtlichsten Bedrohung zu befassen, wodurch die Vorderseite des Herrenhauses unverteidigt war. Nur offene Rasenflachen zwischen mir und dem Vordereingang. Und dann tauchten aus dem Nichts die Vogelscheuchen auf, von einem Augenblick auf den anderen, und stellten sich mir in den Weg. Erst eine, dann zwei und zum Schluss ein rundes Dutzend. Ich packte Molly am Arm, und rutschend kamen wir ein gutes Stuck vor ihnen zum Stehen. Mit steifen Bewegungen nahmen sie Verteidigungspositionen zwischen uns und dem Vordereingang ein, und ihre behandschuhten Hande waren starr wie Krallen. Unnaturlich still, unglaublich stark. Zwolf Vogelscheuchen, die von ihren Kreuzen herabgestiegen waren und arg in Mitleidenschaft gezogene Kleider aus unterschiedlichen Zeitaltern bis zuruck in siebzehnte Jahrhundert trugen. Die gehasstesten Feinde der Drood- Familie, zu Vogelscheuchen umgeandert, um das Herrenhaus zu bewachen, das sie einst bedroht hatten. Einfach weil wir es konnten. Die Gesichter der Vogelscheuchen waren verwittert, straff, braun wie Pergament und genauso sprode. Strohbuschel ragten aus ihren Ohren und Mundern, aber ihre Augen waren noch lebendig und lie?en ihr endloses Leiden erahnen.
»Sind das die …?«, fragte Molly.
»Jawohl«, antwortete ich. »Jemand im Herrenhaus ist in Panik geraten und hat die Vogelscheuchen losgelassen. Unsere erbittertsten Feinde, besiegt und benutzt. Die Korper ausgehohlt und mit Stroh gefullt, wahrend sie noch am Leben waren, und dann durch unbrechbare Pakte verpflichtet, das Herrenhaus zu verteidigen, notigenfalls bis zu ihrer eigenen Vernichtung. Keiner von ihnen ist tot - sie konnten nicht mehr leiden, wenn wir sie sterben lie?en. Wenn man die richtige ubernaturliche Frequenz abhort, kann man sie schreien horen.«
»O mein Gott!«, sagte Molly. »Das da ist Lore Ley, der Wasserelementargeist, die Attentaterin, die sie einst die Liquidatorin nannten! Und da ist Mad Frankie Phantasma! Ich habe mich immer gefragt, was aus ihnen geworden ist.«
»Niemand greift die Familie in ihren eigenen Mauern an und kommt ungestraft davon«, erklarte ich. »Wir nehmen das personlich. Und ein Spritzer Ironie bei unserer Rache hat uns schon immer gefallen. Jetzt wei?t du also, was uns erwartet, wenn wir das hier vermasseln.«
»Warum kummert sich das Confusulum nicht um sie?«, wollte Molly wissen.
»Gute Frage. Ich denke … weil die Vogelscheuchen auf der Grenze zwischen Leben und Tod existieren und weder in dem einen noch in dem anderen Zustand sind. Ihre Natur ist bereits so verwirrt, dass das Confusulum es nicht schlimmer machen konnte, selbst wenn es es versuchte.«
»Stecken wir da etwa in Schwierigkeiten?«, fragte Molly vorsichtig.
»Definitiv!«, antwortete ich. »Wegen dem, was sie sind und was ihnen angetan wurde, konnen die Vogelscheuchen weder verletzt noch aufgehalten noch abgewendet werden.«
»Und was machen wir jetzt?«
»Wir nehmen sie gnadenlos auseinander«, sagte ich. »Denn schlie?lich sind sie nur Vogelscheuchen, wohingegen wir Eddie Drood und Molly Metcalf sind!«
»Verdammt richtig!«, sagte Molly.
Ich rustete hoch, und das lebende Metall glitt uber mich, und ich ging, um den Vogelscheuchen entgegenzutreten, wahrend sie vorwartstorkelten. Die goldene Rustung machte mich wieder stark, trotz der Schmerzen, die jetzt meine ganze linke Seite durchwuhlten. Ich knallte gegen die erste Vogelscheuche und nahm sie mit roher gepanzerter Gewalt auseinander. Ich riss ihr die Arme ab, zerschmetterte ihren Brustkorb und riss ihr dann den Kopf geradewegs von den Schultern und schleuderte ihn fort. Die anderen Vogelscheuchen drangten sich um mich und schlugen mit ihren steinharten Fausten nach mir und zerrten an meinen Schultern, aber selbst ihre unnaturliche Kraft war meiner Rustung nicht gewachsen.
(Es war nie beabsichtigt gewesen, dass sie in der Lage sein sollten, einen Drood auseinanderzunehmen. Wir gehen niemals das Risiko ein, dass unsere eigenen Waffen gegen uns eingesetzt werden konnten.)
