stand auf der zweiten oder dritten Kraftstufe, doch bei Inquisitoren lässt sich so was immer schwer sagen.
Der zweite war ein gewöhnlicher Dunkler aus der Moskauer Tagwache. Der Vampir Kostja.
»Wir suchen eine Hexe«, sagte der Inquisitor. Die Polizisten ignorierten die beiden völlig, denn ihnen war befohlen worden, nichts zu sehen.
»Bei mir ist Arina nicht«, sagte ich. »Leitet Edgar die Razzia?«Der Inquisitor nickte. »Fragen Sie ihn nach mir. Anton Gorodezki, Nachtwache.«
»Ich kenne ihn«, murmelte Kostja, während er sich zum Inquisitor beugte. »Alles in Ordnung. Ein gesetzestreuer Lichter…»
»Fahren Sie weiter.«Der Polizist gab mir meine Papiere zurück.
»Ja, Sie können weiterfahren«, nickte der Inquisitor. »Es kommen noch mehr Straßensperren.«
Ich nickte und fuhr auf die Autobahn. Kostja stand da und sah mir nach. Ich stellte den Ton wieder an.
Dritte Geschichte
Niemandskraft
Prolog
Er träumte selten. Momentan schlief er nicht einmal. Und trotzdem kam ihm das alles fast wie ein Traum vor, eine Phantasie, kurz vor dem Aufwachen…
Eine leichte, reine, nahezu kindliche Phantasie… »Treibstoff… Oxydationsmittel… Start…« Der silbrige Körper einer Rakete in leichtem Nebel. Aus den Düsen herausschlagende Flammen.
Jedes Kind träumt davon, Kosmonaut zu werden, bis es dann zum zehnten Mal gefragt wird: »Was möchtest du werden? Kosmonaut?«
Andere hören auf, vom Kosmos zu träumen, sobald sie Andere werden.
Das
Doch jetzt phantasierte er wieder von einer Rakete - einer alten, plumpen Rakete, die in den Himmel aufstieg. Die Erde zog unter den Füßen oder überm Kopf vorbei. Dicke Fensterscheiben aus Quarzglas. Seltsame Träume für einen Anderen, oder?
Die Erde… der Wolkenschleier… die Lichter in den Städten… die Menschen. Millionen. Milliarden.
Und er, der aus dem Orbit auf sie herunterblickte.
Ein Anderer im Weltall - was könnte es Absurderes geben? Vielleicht ein Anderer im Kampf gegen einen Außerirdischen. Als er einmal einen SF-Film gesehen hatte, war ihm plötzlich der Gedanke gekommen, dass es für die tapfere Ripley allerhöchste Zeit war, ins
Bei dem Gedanken hatte er lachen müssen. Es gab keine Außerirdischen.
Aber es gab den Kosmos. Nur dass früher nicht klar war, wozu. Jetzt hatte er es verstanden.
Mit geschlossenen Augen stand er da und hing seiner Phantasie von der kleinen, sich langsam unter ihm drehenden Erde nach.
Jedes Kind träumt davon, ein Riese zu werden - solange es nicht darüber nachdenkt, wozu das nötig ist. Jetzt wusste er alles.
Die Teile des Puzzles passten zusammen. Sowohl seine Vorherbestimmung als Anderer. Als auch sein alberner Traum vom Kosmos.
Wie auch das schmale Buch, gebunden in Menschenhaut, geschrieben in akkurater Schnörkelschrift.
Er hatte das Buch genommen, das direkt auf dem Holzfußboden lag. Die erste Seite aufgeschlagen.
Dort prangten unversehrt die Buchstaben, die eine leichte, aber zuverlässige Magie schützte.
Schon seit langer Zeit erklang diese Sprache nicht mehr auf der Erde. Einen Indologen hätte sie an Sanskrit erinnert, doch nur wenige wussten, was es mit Paisaci auf sich hatte. Ein Anderer indes versteht selbst eine tote Sprache.
Ihm aus den Händen einer Hexe zugefallen, die vor fast zweitausend Jahren umgekommen war.
Eine herrenlose, verwahrloste, selbst den Anderen verborgene Kraft. Eine Niemandskraft.
Eins
Kurz nach sieben Uhr morgens fuhr ich am Gebäude der Nachtwache vor. Da ist am wenigsten los - es ist die Zeit zwischen den Schichten. Die Fahnder, die nachts durch die Straßen patrouilliert sind, haben bereits ihren Bericht abgeliefert und sind nach Hause gegangen. Die Mitarbeiter aus dem Innendienst tauchen den Moskauer Gewohnheiten gemäß nicht vor neun auf der Bildfläche auf.
Schichtwechsel gab es auch im Raum der Wachleute. Die Kollegen, die Feierabend machten, unterschrieben irgendwelche Papiere, diejenigen, die den Dienst antraten, warfen einen Blick ins Dienstbuch. Ich begrüßte alle mit Handschlag und betrat ohne die vorgeschriebene Kontrolle das Haus. Eigentlich eine Nachlässigkeit der Wachhabenden - auch wenn sie in erster Linie für Menschen zuständig
