Meine Frau protestierte zunachst gegen dieses grausame Instrument. Ich konnte sie aber davon uberzeugen, da? die Mausefalle wahrscheinlich doch nicht funktionieren wurde. Abends stellten wir die Falle in einer dunklen Ecke auf. Wir gingen ins Bett, konnten aber nicht einschlafen. Die Nagegerausche, die aus meiner Schreibtischschublade kamen, storten uns zu sehr. Plotzlich wurde es ganz still. Meine Frau fuhr entsetzt auf, ich sprang mit einem Triumphschrei aus dem Bett. Gleich darauf schrie ich wieder, diesmal vor Schmerzen: Die Falle war zugeschnappt und hatte meine gro?e Zehe eingeklemmt.
Meine Frau machte mir kalte Umschlage. Sie war jedoch erleichtert, da? das Mauschen nicht in die Falle gegangen war. Dann nahm sie vorsichtig die Falle und machte die Stahlfeder unschadlich. Am Morgen wurde ich wieder durch einen Aufschrei meiner Frau geweckt. Das Mauschen hatte sich nachts uber unsere Reisvorrate hergemacht. Der Reis war unbrauchbar geworden. „Trag die Mausefalle zur Reparatur', befahl meine Frau. Da es fur Mausefallen keine Ersatzteile gab, kaufte ich eine neue. Zu Hause stellte ich das Mordinstrument in die Zimmerecke und markierte den Weg dorthin mit kleinen Kasestuckchen. Es wurde eine aufregende Nacht. Das
Mauschen hatte sich in meinem Schreibtisch eingenistet und nagte an meinen Manuskripten. Schweigend horten wir zu. Endlich sagte meine Frau: „Wenn das arme, kleine Ding in deine Falle geht, ist es aus zwischen uns. Was du tust, ist grausam. ' „Aber es la?t uns nicht schlafen', antwortete ich. „Es fri?t unsere Wasche und meine Manuskripte. '
Meine Frau schien mich nicht gehort zu haben, und das Knabbern in der Schreibtischschublade ging munter weiter. Als der Morgen dammerte, schliefen wir endlich ein. Wir erwachten am spaten Vormittag. Es war vollkommen still. In der Zimmerecke aber, dort, wo die Mausefalle stand... dort sahen wir... im Drahtgestell... etwas Kleines... Graues... „Morder!' Das war alles, was meine Frau zu mir sagte. Seither haben wir kein Wort miteinander gesprochen. Und was noch schlimmer ist: Wir haben uns an das vertraute Knabbergerausch so gewohnt, da? wir nicht mehr schlafen konnen. Bekannten gegenuber meinte meine Frau, das sei eine gerechte Strafe fur meine Grausamkeit.
Wir haben Schwierigkeiten mit unseren Nachbarn, den Seligs. Was die mit ihrem Radio machen, ist einfach unertraglich. Jeden Abend um 6 Uhr, wenn Felix Selig mude von der Arbeit nach Hause kommt, fuhrt ihn sein erster Weg zum Radio. Und er stellt es auf volle Lautstarke. Ob Nachrichten, Musik oder Vortrage gesendet werden, ist ihm gleichgultig. Hauptsache, es macht Larm. Und dieser Larm dringt bis in die entlegensten Winkel unserer Wohnung. Wir uberlegten, was wir dagegen tun konnten. Meine Frau, die die Seligs einmal besuchte, meinte, da? das Radio bei uns noch lauter drohnt als in der Wohnung der Seligs. Jedenfalls ist die Trennwand zwischen den beiden Wohnungen so dunn, da? wir abends beim Ausziehen das Licht loschen, um keine lebenden Bilder an die Wand zu werfen. Au?erdem hort man durch diese Wand selbst das leiseste Flustern.
Wir mu?ten also einsehen: Nur ein Wunder konnte uns retten. Und das Wunder geschah. Eines Abends, als Seligs Radio wieder einmal seinen ohrenbetaubenden Larm entfaltete, rasierte ich mich gerade. Kaum hatte ich den Rasierapparat eingeschaltet, begann es in Seligs Radio laut zu knacksen. Ich zog den Stecker heraus - das Knacksen horte auf. Ich steckte ihn wieder ein - es knackste und krachte. Dann horte ich Felix Seligs Stimme: „Erna, was ist mit unserem Radio los? Das Knacksen macht mich verruckt!'
Mir eroffneten sich ungeahnte Moglichkeiten. Als Felix Selig am nachsten Abend um 6 Uhr nach Hause kam, wartete ich bereits, den Rasierapparat in der Hand. Felix ging wie immer sofort zum Radio und drehte es an. Ich wartete eine Minute, dann steckte ich den Stecker ein. Augenblicklich verwandelte sich in der Nachbarwohnung eine wunderschone Klavierpassage in ein lautes Krkrkrk. Felix wartete zunachst ab, offenbar in der Hoffnung, da? die Storung bald vorbei sein wurde. Endlich hatte er genug. „Hor auf, um Himmels willen!' brullte er vollig entnervt den Kasten an. Seine Stimme klang so beschworend, da? ich schnell den Stecker des Rasierapparates aus der Wand zog. Jetzt stellte Felix das Radio ab, rief mit heiserer Stimme nach seiner Frau und sagte, fur uns gut verstandlich: „Erna, es ist etwas sehr Merkwurdiges passiert. Der Apparat hat geknackst, ich habe, Hor auf!' gebrullt - und er hat aufgehort. ' „Felix', antwortete seine Frau, „du bist uberarbeitet, das merke ich schon seit langerer Zeit. Geh heute etwas fruher schlafen!'
„Du glaubst mir nicht?' brauste Felix auf. „Hore selbst!' Und er drehte das Radio an. Meine Frau und ich konnten uns gut vorstellen, wie die beiden vor dem Kasten standen und auf das Knacksen warteten. „Ganz wie ich sagte', meinte Frau Selig. „Du redest dummes Zeug. Wo bleibt das Knacksen?'
„Wenn ich es dir vorfuhren will, kommt naturlich nichts' fauchte der enttauschte Felix. Dann wandte er sich herausfordernd an das Radio: „Also, willst du nun knacksen, was?' Ich schaltete den Rasierapparat ein. Krkrkrk. „Tatsachlich' flusterte Erna, Jetzt knackst er. Es ist wirklich unheimlich. Ich habe Angst. Sag ihm, da? er aufhoren soll. ' „Hor auf, sagte Felix mit gepre?ter Stimme, „bitte hor sofort auf...' Ich zog den Stecker heraus.
Am nachsten Tag traf ich Felix im Treppenhaus. Er sah angegriffen aus, ging ein wenig schlotternd, und unter seinen verquollenen Augen hatte er gro?e dunkle Ringe. Wir sprachen zuerst uber das schone Wetter - dann fa?te mich Felix plotzlich am Arm und fragte: „Glauben Sie an ubernaturliche Krafte?' „Selbstverstandlich nicht. Warum?' „Ich frage nur. ' „Mein Gro?vater, der ein sehr gescheiter Mann war' sagte ich sinnend, „glaubte an derartige Dinge. ' „An Geister?'
„Nicht gerade an Geister. Aber er war uberzeugt, da? tote Gegenstande - es klingt ein wenig lacherlich, entschuldigen Sie - also, da? Dinge wie ein Tisch, eine Schreibmaschine, ein Plattenspieler ihre eigene Seele haben. Was ist los mit Ihnen, mein Lieber?' „Nichts... danke... '
„Mein Gro?vater schwor, da? sein Plattenspieler ihn ha?te. Was sagen Sie zu diesem Unsinn?' „Er ha?te ihn?' fragte Felix zitternd. „So behauptete er jedenfalls. Und eines Nachts - aber das hat naturlich nichts damit zu tun - fanden wir ihn. Er lag neben dem Plattenspieler und war tot. Die Platte lief noch. ' „Entschuldigen Sie', sagte mein Nachbar. „Mir ist ein wenig ubel. ' Schnell lief ich die Treppe hinauf, sauste in meine Wohnung und legte den Rasierapparat bereit. Ich konnte horen, wie Felix Selig in der Nebenwohnung mehrere Glaser Cognac trank, bevor er das Radio anstellte.
„Du ha?t mich' rief der aufgeregte Mann, „ich wei?, da? du mich ha?t. '
Krkrkrk. Ich schaltete fur etwa zwei Minuten meinen Rasierapparat ein.
„Was haben wir dir getan?' erklang Frau Seligs flehende Stimme. „Haben wir dich schlecht behandelt?'
Jetzt war es soweit. Unser Plan konnte beginnen. Meine Frau ging hinuber zu den Seligs.
Schmunzelnd horte ich mit an, wie die Seligs meiner Frau erzahlten, da? ihr Radio ubernaturliche Krafte hatte. Nach einigem Nachdenken ruckte meine Frau mit dem Vorschlag heraus, das Radio zu beschworen.
Geht das denn?' riefen die zwei Seligs. „Konnen Sie das? Dann tun Sie es bitte!' Das Radio wurde wieder angedreht. Der gro?e Augenblick war da.
Geist im Radio', rief die beste Ehefrau von allen. „Wenn du mich horst, gib uns ein Zeichen!' Rasierapparat einstellen. - Krkrkrk. „Ich danke dir. ' Rasierapparat abstellen.
„Geist', rief meine Frau, „gib uns ein Zeichen, ob dieses Radio in Betrieb bleiben soll?' Rasierapparat bleibt abgestellt. „Willst du vielleicht, da? es lauter spielen soll?' Rasierapparat bleibt abgestellt. „Dann willst du vielleicht, da? die Seligs ihr Radio uberhaupt nicht mehr benutzen sollen?' Rasierapparat einschalten. Rasierapparat einschalten! Einschalten!!! Um Himmels willen, warum hort man nichts... kein Knacksen, kein Krkrkrk, nichts... Der Rasierapparat streikte. Die Batterie war ausgebrannt, oder sonstwas. Jahrelang war er tadellos gegangen, und gerade jetzt... „Geist, horst du mich?' Meine Frau hob die Stimme. „Ich frage:
Willst du, da? die Seligs aufhoren, diesen entsetzlichen Kasten zu verwenden? Gib uns ein Zeichen! Antworte!!' Verzweifelt stie? ich den Stecker in den Kontakt, wieder und wieder - es half nichts. Nicht das leiseste Krkrkrk erklang. „Warum knackst du nicht?' rief meine Frau, nun schon ein wenig schrill. „Gib uns ein Zeichen, du Idiot! Sag den Seligs, da? sie nie wieder ihr Radio spielen sollen! Ephraim!!'
Jetzt war sie etwas zu weit gegangen. Ich glaubte zu sehen, wie die Seligs sich mit einem vielsagenden Blick zu ihr umwandten... Am nachsten Tag lie? ich den Rasierapparat reparieren. „Die Batterie war ausgebrannt', sagte mir der Elektriker. „Ich habe eine neue hineingetan. Jetzt wird es auch in Ihrem Radio keine Storungen mehr
