Abermals dauerte es nicht lange bis zur nachsten Explosion. Sie hob meine Ture aus den Angeln und gab den Blick auf eine in Kampfformation angetretene Truppe frei, die ihre Sprengarbeit mit zwei Tonnen Purimdynamit fortsetzte.

„Gut Purim!' riefen sie, wahrend die Erde noch bebte. „Konserven!' Ich schleppte das ganze Kuchengestell herbei und schuttete seinen Inhalt auf den Boden. Die Konserven waren im Hui verschwunden, ein Armeeoberst und ein Chinese bemachtigten sich des Gestells. „Geld her!' kreischte plotzlich ein einaugiger Pirat, in dem ich trotz der schwarzen Maske den kurzgewachsenen sechsund-drei?igj ahrigen Sohn meines Friseurs erkannte. Noch wahrend ich meine Brieftasche leerte, kam mir der rettende Einfall. Wenn dieses Purimfest mich nicht all meiner Habseligkeiten berauben sollte, mu?te ich mich auf die andere Seite schlagen. Rasch warf ich ein geringeltes Hemd uber, band mir ein kariertes Halstuch vors Gesicht, ergriff ein Messer und drang durch das Kuchenfenster bei Rosenbergs ein. „Chag Hapurim!' quietschte ich im hochsten mir zur Verfugung stehenden Ton. „Heraus mit dem Schmuck!' Um zehn Uhr abends hatte ich die ganze Nachbarschaft abgegrast. Die Beute war betrachtlich.

Allerdings brauchte ich dann den ganzen nachsten Tag, um alles wieder zuruckzubringen, denn die meisten konnten sich nicht recht erinnern, was ihnen gehorte, und ich mu?te ja aufpassen, da? jeder das Seine wiederbekam.Nur meine Vase sah ich nie wieder, aber die hatte mir sowieso noch nie gut gefallen.

Schokolade auf Reisen

Alles ist eine Frage der Einteilung. Deshalb bewahren wir in einem nach Fachern eingeteilten Kasten unbrauchbare Geschenke zur kunftigen Wiederverwendung auf. Wann immer so ein Geschenk kommt, und es kommt oft, wird es registriert, klassifiziert und eingeordnet. Babysachen kommen automatisch in ein Extrafach, Bucher von gro?erem Format als 20 x 25 cm werden in der „Geburtstags'-Abteilung abgelegt, Vasen und Platten unter „Hochzeit', besonders scheu?liche Aschenbecher unter „Neue Wohnung', und so weiter. Eines Tages ist Purim, das Fest der Geschenke, plotzlich wieder da, und plotzlich geschieht folgendes: Es lautet an der Tur. Drau?en steht Benzion Ziegler mit einer Pralinenschachtel unterm Arm. Benzion Ziegler tritt ein und schenkt uns die Schachtel zu Purim. Sie ist in Cellophanpapier verpackt. Auf dem Deckel sieht man eine betorend schone Jungfrau, umringt von allerlei knallbunten Figuren. Wir sind tief geruhrt, und Benzion Ziegler schmunzelt selbstgefallig. So weit, so gut. Die Pralinenschachtel war uns hochwillkommen, denn Pralinenschachteln sind sehr verwendbare Geschenke. Sie eignen sich fur vielerlei Anlasse, fur den Unabhangigkeitstag so gut wie fur Silberne Hochzeiten. Wir legten sie sofort in die Abteilung „Diverser Pofel'

Aber das Schicksal wollte es anders. Mit einem Mal befiel die ganze Familie ein unwiderstehliches Verlangen nach Schokolade, das nur durch Schokolade zu befriedigen war. Zitternd vor Gier rissen wir die Cellophanhulle von der Pralinenschachtel, offneten sie - und prallten zuruck. Die Schachtel enthielt ein paar braunliche Kieselsteine mit leichtem Moosbelag. „Ein Rekord', sagte meine Frau tonlos. „Die alteste Schokolade, die wir jemals gesehen haben.' Mit einem Wutschrei sturzten wir uns auf Benzion Ziegler und schuttelten ihn so lange, bis er uns bleich und bebend gestand, da? er die Pralinenschachtel voriges Jahr von einem guten Freund geschenkt bekommen hatte. Wir riefen den guten Freund an und zogen ihn derb zur Verantwortung. Der gute Freund begann zu stottern: Pralinenschachtel... Pralinenschachtel... ach ja. Ein Geschenk von Ingenieur Gluck, zum Geburtstag... Wir forschten weiter. Ingenieur Gluck hatte die Schachtel vor vier Jahren von seiner Schwagerin bekommen, als ihm Zwillinge geboren wurden.

Die Schwagerin ihrerseits erinnerte sich noch ganz deutlich an den Namen des Spenders: Goldstein, 1953. Goldstein hatte sie von Glaser bekommen, Glaser von Steiner, lind Steiner - man glaubt es nicht - von meiner guten Tante Ilka, 1950.

 Ich wu?te sofort Bescheid: Tante Ilka hatte damals ihre neue Wohnung eingeweiht, und da das betreffende Fach unseres Geschenkkastens gerade leer war, mu?ten wir blutenden Herzens die Pralinenschachtel opfern.

Jetzt hielten wir die historische Schachtel wieder in Handen. Ein Gefuhl der Ehrfurcht durchrieselte uns. Was hatte diese Schokolade nicht alles erlebt! Geburtstagsfeiern, Siegesfeiern, Grundsteinlegungen, neue Wohnungen, Zwillinge... wahrhaftig ein Stuck Geschichte, diese Pralinenschachtel. Hiermit geben wir allen bekannt, da? die Reise der Geschenkpralinenschachtel zu Ende ist. Irgend jemand wird eine neue kaufen mussen.

Ein Hund springt in die Kuche

Von einem Tag zum anderen interessierte sich Franzi, unsere Hundin, plotzlich fur ihre mannlichen Kollegen. Sie sprang am Fenster hoch, wenn drau?en einer vorbeiging, wedelte hingebungsvoll mit dem Schwanz und manchmal winselte sie sogar. Und siehe da: Drau?en vor dem Fenster versammelten sich nach und nach samtliche mannlichen Hunde der Umgebung, wedelnd und winselnd. Und Zulu, der riesige Schaferhund, der am andern Ende der Stra?e lebt, sprang sogar eines Tages durch das offene Kuchenfenster ins Haus. Wir mu?ten ihn mit Gewalt vertreiben. Verzweifelt wandten wir uns an Dragomir, den international bekannten Hundetrainer aus Jugoslawien. Er klarte uns auf: „Warum Sie aufgeregt? Hundin ist laufig. ' „Hundin ist was?' fragte ahnungslos die beste Ehefrau von allen. „Wohin will sie laufen?'

„Ganz einfach', meinte Dragomir. „Zu Hund. Hundin braucht Mann. ' Nun wu?ten wir also Bescheid. Die Zahl von Franzis Verehrern vor unserem Haus wuchs standig. Wenn wir auf die Stra?e wollten, konnten wir uns nur noch mit dem Besen einen Weg bahnen. „Papi', sagte mein Sohn Amir, „warum la?t du sie nicht hinaus?' „Franzi ist noch viel zu jung' antwortete ich ihm. Wahrenddessen stand Franzi am Fenster, wedelte mit dem Schwanz und schaute sehnsuchtig zu der Hundeschar hinunter. Sie fra? nicht mehr, sie trank nicht mehr, sie schlief nicht mehr. Da beschlossen wir, Franzi zu retten. Wahrscheinlich lag es an ihrem wunderschonen, silbergrauen, langhaarigen Fell, da? die Hunde wie verruckt nach ihr waren. Wir mu?ten sie scheren lassen.

Am nachsten Tag kamen zwei Manner, kampften sich durch die Hundehorden, die unseren Garten besetzt hielten, hindurch und nahmen Franzi mit sich. Franzi wehrte sich wie eine Mini-Lowin. Ihre Verehrer bellten und tobten und rannten noch kilometerweit hinter dem Wagen her, in dem Franzi sa?. Am Tag darauf brachte man uns Franzi wieder. Aber das war nicht mehr unsere Franzi. Sie hatte fast keine Haare mehr und sah aus wie eine nackte, rosafarbene Maus. Franzi selbst war hochst unzufrieden mit sich. Sie sprach kein Wort mit uns, sie wedelte nicht, sie starrte reglos zum Fenster hinaus. Mit Franzi kamen auch die Hundescharen zuruck. Das Gebelle und Gejaule war schlimmer als zuvor. Es waren jetzt nicht mehr nur die Hunde unseres Wohnviertels, alle Hunde kamen. Sogar zwei Eskimohunde waren darunter; sie mu?ten sich von ihrem Schlitten losgerissen haben und waren direkt vom Nordpol herbeigeeilt.

Einer der wildesten Verehrer ri? mit seiner machtigen Tatze unsere Turklinke ab. Da riefen wir die Polizei an. Aber wir bekamen keine Verbindung.

Rafi, mein altester Sohn, schlug vor, die Straucher im Garten anzuzunden. Vielleicht wurden die Hunde dann weglaufen. Aber um das zu tun, hatten wir das Haus verlassen mussen, und das trauten wir uns nicht.

Plotzlich stand Zulu mitten in der Kuche. Er mu?te den Weg uber das Dach genommen haben. Wahrend ich versuchte ihn mit Gewalt aus unserer Kuche zu vertreiben, suchte meine Familie Deckung hinter den umgesturzten Mobeln. Endlich hatte ich es geschafft. Zulu verschwand.

Und mit einemmal horte auch das Bellen auf. Alle Hunde waren verschwunden.

Vorsichtig steckte ich den Kopf zur Ture hinaus. Alles blieb ruhig. Allem Anschein nach war ein Wunder passiert. Jetzt ist alles wieder beim alten. Aus Franzi, der rosafarbenen Maus, ist wieder eine Hundin mit wei?em Fell geworden, die sich nur fur Menschen interessiert. Fur die Hunde der Nachbarschaft hat sie kein Auge mehr.

Woher allerdings die kleinen Schnauzer-Babies kommen, die Franzi gestern geworfen hat, wissen wir auch nicht.

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