Tor hinein. Es ist ein bezauberndes Spiel, und Amir fand an der Sache sofort Gefallen. Anfangs machte er mir den Eindruck einer gewissen Ungeschicktheit, aber es stellte sich bald heraus, da? er fur das Mini-Fu?ballspiel uberhaupt keine Begabung besa?. Nun, was soll's. Er kann sehr hubsch zeichnen und sehr gut kopfrechnen, also macht's nicht viel, da? er mit den Handen nicht so geschickt ist. Nicht, als ware er au?erstande, die Handgriffe an den Querstangen zu betatigen. Er betatigt sie. Nur gerat der Ball bei ihm niemals in die Richtung des fremden Tors. Ich mache mir deshalb keine uberma?igen Sorgen. Der Junge ist ansonsten recht gescheit und lebhaft.

Am lebhaftesten ist sein Ehrgeiz entwickelt. Amir will unbedingt Sieger bleiben. Wann immer er ein Tischfu?ballspiel gegen einen seiner Klassenkameraden verliert, wird sein Gesicht so rot wie seine Haare, und dicke Tranen rinnen ihm uber die Wangen. Obendrein ist er, um das Ungluck voll zu machen, ein leidenschaftlicher Tischfu?ballspieler. Er traumt von nichts anderem als von diesem Spiel; und naturlich davon, da? er gewinnt. Er hat den Holzpuppen, die seine Mannschaft bilden, sogar Namen gegeben. Die Sturmer hei?en samt und sonders Pele, der Tormann hei?t Sepp Maier, und alle ubrigen hei?en Bloch, nach dem besten Fu?ballspieler seiner Klasse. Infolge der zahlreichen Niederlagen, die er von seinen Freunden erdulden mu?te, will Amir neuerdings nur noch gegen mich antreten. Dabei wirft er mir stumme Blicke zu, als wollte er mich beschworen: „Verlier, Papi! Bitte verlier!'

Ich mu? gestehen, da? ich das als unfair empfinde. Warum soll ich verlieren? Auch ich gewinne lieber wie jeder normale Mensch. Wenn er siegen will, dann soll er eben besser spielen. Ich versuchte, ihm meine Haltung zu erklaren: „Pa? auf, Amir. Ich bin gro?, und du bist klein, stimmt das?' „Ja. «

„Was wurdest du von einem Papi halten, der sich von seinem kleinen Sohn besiegen la?t? Ware ein solcher Papi in deinen Augen etwas wert?' „Nein. '

„Warum machst du dann so ein Theater, wenn du verlierst?' „Weil ich gewinnen will!' Und er begann heftig zu schluchzen. An dieser Stelle griff seine Mutter ein: „La? ihn doch nur ein einziges Mal gewinnen, um Himmels willen', flusterte sie mir zu. „Du mu? Rucksicht nehmen. Wer wei?, was fur seelischen Schaden du ihm zufugst, wenn du immer gewinnst... '

Ich unternahm eine ubermenschliche Anstrengung, um Rucksicht zu nehmen. Immer wenn einer seiner Peles den Ball gegen mein Tor trieb, holte ich meinen Tormann hoflich aus dem Weg, nur um Amir eine Chance zu geben, mir wenigstens einmal ein Tor zu schie?en. Aber woher denn. Er kann sehr gut kopfrechnen, aber er wird wohl nie imstande sein, einen holzernen Ball selbst in ein Tor zu treiben. Angesichts solcher Unfahigkeit verfiel ich auf den verzweifelten Ausweg, mir ein Eigentor zu schie?en. Ich drehte die Kurbel meines Mittelsturmers... der Ball sprang an die Querstange... sprang zuruck... und rollte langsam und unaufhaltsam in Amirs Tor. Neuerliches Geheul war die Folge und wurde von einem hemmungslosen Wutausbruch abgelost. Amir packte das Tischfu?ballspiel, schleuderte es zu Boden, mitsamt allen Querstangen, Spielern und dem Holzball.

„Du willst mich nicht gewinnen lassen!' brullte er. „Das machst du mit Absicht!'

Ich hob das verwustete Spielfeld auf und baute es behutsam wieder zusammen. Dabei bemerkte ich, da? drei meiner Spieler ihre Kopfe verloren hatten und nur noch halb so gro? waren wie zuvor. „Jetzt hast du mir die Mannschaft zerbrochen', sagte ich. „Wie soll ich mit diesen Sturmern weiterspielen? Sie kippen ja um und konnen den Ball nicht weitertreiben. ' „Macht nichts. ' Amir blieb ungeruhrt. „Spielen wir trotzdem weiter. '

Und in der Tat: Kaum hatten wir das Match wieder aufgenommen, druckte Amir aufs Tempo und gewann allmahlich die Oberhand. Ich mochte meine verkurzten Spieler drehen und wenden, wie ich wollte - sie konnten den Ball einfach nicht mehr treffen. Auf Amirs Seite hingegen wanderte der Ball unbehindert von Bloch zu Pele, von Pele I zu Pele n - und endlich - endlich - ich ---' hob sicherheitshalber das eine Ende des Tisches ein wenig hoch -endlich landete der Ball in meinem Tor. „Hoho!' Amirs Siegesrufklang voller Triumph. „Tor! Tor! l: 0 fur mich! Ich hab' dich geschlagen! Hoho! Ich bin der Sieger... ' Am nachsten Tag waren alle meine Spieler kopflos. Ich hatte sie gekopft. Damit mein Sohn gewinnt, ist mir nichts zu teuer. '

Wie man viele Geschenke bekommt

Der frohlichste judische Feiertag hei?t Purim und gilt der Erinnerung an den Sieg der Konigin Esther uber den bosen Haman. Dieses Ereignis wird von unseren Kindern durch ungeheuren Larm gefeiert, der sich direkt gegen die Ohren der Eltern richtet. Uberhaupt konnen die Kinder zu Purim machen, was sie wollen. Sie verkleiden sich als Erwachsene, benehmen sich auch so, und manchmal gibt es dadurch Arger. Ich erinnere mich nur zu gut an eines dieser Kinderfaschingsfeste, das alle Stra?en uberflutete. Ich freute mich sehr uber die lustige, frohliche Schar. Von Zeit zu Zeit blieb ich stehen, streichelte einem kleinen Sheriff das Haar, plauderte mit einem winzigen Konig oder salutierte vor einem Piloten im Daumlingsformat Ganz besonders gefiel mir ein kleiner Polizist, der in seiner blauen, ganz genau nachgemachten Uniform an einer Kreuzung seinen erwachsenen Kollegen bei der Verkehrsregelung half. Minutenlang stand ich da und betrachtete ihn begeistert. Endlich wandte er sich an mich:

„Gehen Sie weiter, Herr, gehen Sie weiter', sagte er mit todernstem Gesicht.

„Warum denn? Mir gefallt's hier sehr gut!' Ich zwinkerte ihm lachelnd zu.

„Widersprechen Sie mir nicht!'

„Jetzt machst du mir aber wirklich Angst Willst mich wohl einsperren, was?'

Der kleine Polizist errotete vor Arger bis uber die Ohren: „Ihre Ausweiskarte, Ihre Ausweiskarte!' piepste er. „Da hast du, Liebling. Bedien dich!' Damit reichte ich ihm zwei Kinokarten, die ich in meiner lasche gefunden hatte. „Was soll ich damit, zum Teufel?' brullte er mich an. Jetzt konnte ich nicht langer an mich halten, nahm ihn auf meine Arme und fragte ihn, wo seine Eltern wohnten, damit ich ihn am Abend nach Hause bringen konnte. Aber mein kleiner Freund war beleidigt Nicht einmal der Kaugummi, den ich ihm schnell kaufte, versohnte ihn. Und als ich ihn gar noch in die rosigen Backen kniff, zog er eine Trillerpfeife heraus und setzte sie schrill in Betrieb.

Bald daraufkam mit heulenden Sirenen das Uberfallkommando angesaust. Ich wurde verhaftet und auf die nachste Polizeistation gebracht, wo man mich wegen ungehorigen Benehmens gegen ein diensttuendes Amtsorgan ins Gefangnis sperrte. Der Kleine war ein echter Polizist. An dem Purimtag, von dem ich jetzt erzahlen will, war ich vor- sichtiger. Ich hangte eine Tafel mit der Aufschrift „Achtung, bissiger Hund!' vor meine Ture, zog mich zuruck und schlief. Gegen drei Uhr nachmittags traumte ich von einem Expre?zug, der unter furchterlichem Getose uber eine Eisenbrucke fuhr. Allmahlich merkte ich, da? es sich hier gar nicht um einen Traum handelte: von drau?en wurde krachend gegen meine Ture ange-tobt. Ich reagierte nicht, in der Hoffnung, da? die Zeit fur mich arbeiten wurde. Aber sie stand auf Seiten des Angreifers. Nach einer Viertelstunde gab ich es auf, erhob mich und offnete. Ein spindelbeiniger mexikanischer Postrauber von etwa neunzig Zentimetern Hohe empfing mich mit gezucktem Revolver. „Chaxameach!' sagte der Mexikaner. „Schlachmones!' Das sollte wohl hei?en: Frohliches Purimfest und Geschenke her. Er sprach noch weiter, aber ich verstand ihn nicht mehr, weil er gleichzeitig aus seinem Revolver zu feuern begann und damit mein Horvermogen fur geraume Zeit au?er Kraft setzte. Als ich ihn seine

Schu?waffe von neuem laden sah, ergriff ich eilig eine Blumenvase vom nachsten Tisch und handigte sie ihm aus. Der Mexikaner prufte den Wert des Geschenkes, gab mir durch eine Handbewegung zu verstehen, da? die Angelegenheit ritterlich ausgetragen sei und wandte sich der Ture meines Nachbarn zu, auf die er mit Fu?en und Fausten losdrosch. In etwas besserer Laune zog ich mich wieder zuruck.

Meine Niederlage schien sich sehr rasch herumgesprochen zu haben, denn funf Minuten spater schlug ein schwerer Gegen- stand dumpf gegen meine Ture und gleich darauf erfolgte eine Reihe von Explosionen, da? die Mauern zitterten und gro?ere Brocken Mortel sich von der\and losten. Ich sauste hinaus und stand einem Kommando gegenuber, das aus zehn Kindern bestand, einen Rammbock mit sich fuhrte und hochexplosive Knallfrosche in meine Wohnung schleuderte. Der Fuhrer des kleinen, aber hervorragend organisierten Sto?trupps war ein dicklicher, als Tod kostumierter Knabe. „Chag Hapurim!' schnarrte er mich an. „Blumenvasen!' Entschuldigend brachte ich vor, da? ich keine Blumenvasen auf Lager hatte. Der Tod erklarte sich bereit, auch Su?igkeiten entgegenzunehmen. Ich verteilte meinen gesamten Vorrat an Schokolade, aber die Nachfrage uberstieg das Angebot. „Noch Schokolade!' brullte ein brasilianischer Kaffeepflanzer. „Es ist Purim!'

Ich beteuerte, da? ich wirklich keine Schokolade mehr versteckt hatte.

Vergebens. Platzpatronen knallten und Kracher explodierten. Von Panik erfa?t, rannte ich in die Kuche, raffte den Arm voll Konservendosen und ubergab sie den Belagerern, die sich laut schimpfend entfernten.

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