Morris. ' Ich versperrte Onkel Morris unauffallig den Weg ins Nebenzimmer und verwickelte ihn in ein anregendes Gesprach. Von nebenan klangen verdachtige Gerausche, schwere Schritte und ein sonderbares Pumpern, als schleppe jemand eine Leiter hinter sich her. Dann lie? ein furchterlicher Krach die Wande erzittern, und die Stimme der besten Ehefrau von allen erklang: „Ihr konnt hereinkommen. ' Wir betraten das Nebenzimmer. Meine Frau lag erschopft auf der Couch und atmete schwer. An der Wand hing, noch leise schaukelnd, Onkelchens Geschenk und verdunkelte das halbe Fenster. Es sah merkwurdig aus, denn es bedeckte noch zwei kleinere Gemalde und die Kuckucksuhr. Zum Gluck waren an dieser Stelle Berge, die sich nun deutlich hervorwolbten. Onkel Morris war freudig uberrascht. Nur den Platz, an dem wir es aufgehangt hatten, fand er ein wenig dunkel. Wir baten ihn, nachstens nicht unangemeldet zu kommen, damit wir uns auf seinen Besuch vorbereiten konnten.

„Papperlapapp', brummte Onkel Morris leutselig. „Fur einen alten Mann wie mich braucht man keine Vorbereitungen. Ein Glas Tee, ein paar belegte Brote, etwas Geback - das ist alles... ' Seit diesem Zwischenfall lebten wir in standiger Bereitschaft. Von Zeit zu Zeit hielten wir uberraschende Alarmubungen ab: Wir stellten uns schlafend - meine Frau rief plotzlich: „Morris!' Ich sprang mit einem Satz auf den Balkon - unterdessen fegte meine Frau alles von den

Wanden des Zimmers herunter - eine Notleiter lag griffbereit unterm Bett - und im Handumdrehen war alles hergerichtet. Nach einer Woche intensiven Ubens bewaltigten wir die ganze Arbeit vom Ausruf „Morris' uber das aufgehangte Bild bis zur Verwischung samtlicher Spuren in knapp zweieinhalb Minuten. An einem Samstag kundigte uns Onkel Morris nun seinen Besuch an. Da er erst am Nachmittag kommen wollte, hatten wir genugend Zeit zur Vorbereitung. Wir beschlossen, das Beste aus der Sache herauszuholen. Ich stellte rechts und links in schragem Winkel zum Gemalde zwei Scheinwerfer auf, die ich mit rotem, grunem und gelbem Cellophanpapier verkleidete. Meine Frau besteckte den Goldrahmen mit erlesenen Blumen und Bluten. Und als wir dann noch das Scheinwerferlicht einschalteten, konnten wir feststellen, da? kein Grauen diesem hier gleichkame. Punktlich um funf Uhr ging die Turglocke. Wahrend meine Frau sich anschickte, Onkel Morris liebevoll zu empfangen, richtete ich den einen Scheinwerfer auf die weidenden Ziegen und den anderen auf die waschenden Mutter. Dann offnete sich die Tur. Dr. Perlmutter, einer der wichtigsten Manner im Ministerium fur Kultur, trat mit seiner Frau ein.

Dr. Perlmutter gehort zur geistigen Elite unseres Landes. Sein Geschmack ist geradezu sprichwortlich. Seine Frau leitet eine bekannte Bildergalerie. Und diese beiden kamen jetzt herein. Einige Sekunden blieb alles still. Dann sah es aus, als wurde Dr. Perlmutter in Ohnmacht fallen. Ich sagte fast tonlos: „Was fur eine freudige Uberraschung, bitte nehmen Sie Platz. ' Dr. Perlmutter, immer noch leise schwankend, hatte seine Brille abgenommen und rieb an den Glasern. Ich dachte mir: Die verdammten Blumen. Wenn wenigstens diese verdammten Blumen nicht auf dem gotischbarocken Goldrahmen waren. „Eine sehr hubsche Wohnung haben Sie', murmelte Frau Dr. Perlmutter. „Und so hubsche... hm... Gemalde... ' Ich fuhlte deutlich, wie die Schuler hinter meinem Rucken Tanze auffuhrten. Im ubrigen vergingen die nachsten Minuten in angespannter Reglosigkeit. Die Augen unserer Gaste waren starr auf das Bild gerichtet. Schlie?lich gelang es meiner tapferen Frau, den einen der beiden Scheinwerfer auszuschalten. Dr. Perlmutter klagte uber Kopfschmerzen und verlangte ein Glas Wasser. Als meine tapfere Frau mit dem Glas Wasser aus der Kuche zuruckkam, schmuggelte sie mir einen kleinen Zettel mit einer Nachricht zu. Der Text lautete: „Ephraim, mach was!' ,

Entschuldigen Sie, da? wir so plotzlich bei Ihnen eindringen', sagte Frau Dr. Perlmutter mit belegter Stimme. „Aber mein Mann wollte mit Ihnen uber eine Vortragsreise sprechen. ' „Ja?' jauchzte ich. „Wann?'

„Keine Eile', sagte Dr. Perlmutter und erhob sich. „Die Angelegenheit ist nicht mehr so dringend. '

Es war klar, da? ich jetzt mit einer Erklarung herausrucken mu?te, sonst wurden uns die Perlmutters und ihre Freunde auf ewig versto?en. Meine kleine tapfere Frau kam mir zu Hilfe: „Sie wundern sich wahrscheinlich, wie dieses Bild hergekommen ist?' flusterte sie. Beide Perlmutters, schon an der Ture, drehten sich um: „Ja?' In diesem Augenblick kam Onkel Morris. Wir stellten ihn unseren Gasten vor und bemerkten mit gro?er Freude, da? sie an ihm Gefallen fanden.

„Sie wollten uns etwas uber dieses... hm... uber dieses Ding erzahlen', mahnte Frau Dr. Perlmutter meine Frau. „Ephraim', sagte diese. „Ephraim. Bitte. '

Ich lie? meinen Blick in die Runde wandern: vom verzweifelten Gesicht meiner Frau und den versteinerten Gesichtern der Perlmutters uber die Kinder im Schatten der Windmuhle bis zu dem stolzgeschwellt strahlenden Onkel Morris.

Es ist ein schones Bild', brachte ich krachzend hervor. „Es hat Atmosphare... einen meisterhaften Pinselstrich... viel Sonne... Wir haben es von unserem Onkel hier geschenkt bekommen. ' , Sie sind Sammler?' fragte Frau Dr. Perlmutter. „Sie sammeln -' „Nein, solche Sachen nicht', unterbrach Onkel Morris sie und lachelte abwehrend. „Aber die Jugend von heute - seid nicht bos, wenn ich offen bin, Kinder -, die Jugend von heute bevorzugt solche monstrosen Dinger. '

„Nicht unbedingt', sagte ich mit einer Stimme, deren plotzliche Harte und Entschlossenheit mich selbst uberraschte. Aber jetzt gab es kein Halten mehr. Schon hatte ich die Schere in meinen Handen. „Wir haben auch fur Bilder kleineren Formats etwas ubrig', meinte ich noch. Dann setzte ich die Schere am linken Flu?ufer an. Dieses, drei Kuhe und ein Stuckchen Himmel waren das erste Opfer. Als nachstes schnitt ich den Kahn und zwei Geiger aus. Dann die Windmuhle. Dann ging es durcheinander. Mit heiserem Gurgeln sturzte ich mich auf das Fischernetz und stulpte es uber den Priester. Die waschenden Mutter mischten sich unter die Kinder. An der Kuste Amerikas herrschte Mondfinsternis.

Als ich von meiner Arbeit aufsah, waren wir allein in der Wohnung. Gut so. Und eine Viertelstunde spater besa?en wir zwei-unddrei?ig Bilder in handlichem Format. Wir werden bald eine Galerie im Zentrum der Stadt eroffnen.

Auf dem Trockenen

An jenem denkwurdigen Montag wachten wir fruh auf, schauten aus dem Fenster und riefen wie aus einem Mund: „Endlich!' Der Himmel erstrahlte in klarem, wolkenlosem Blau. Schnell sprangen die beste Ehefrau von allen und ihre Mutter aus den Betten. Sie sturzten zum Waschekorb, in dem sich die Schmutzwasche vieler Monate angesammelt hatte, vieler verregneter Monate. Die ganze Zeit mu?ten wir die Wasche ungewaschen liegen lassen, da wir sie nicht zum Trocknen aufhangen konnten. Damit war es nun endlich vorbei. Meine Frau und die Schwiegermutter machten sich frohlich singend an die Arbeit. Und schon nach wenigen Stunden konnten wir eine riesige Menge frisch gewaschener Wasche in den Garten bringen, wo wir sie an Leinen, Stricken, Drahten und Kabeln zum Trocknen aufhangten. Als wir gerade damit fertig waren, begann es zu regnen. Wie war das nur moglich? Noch vor wenigen Minuten lie? sich nicht die kleinste Wolke blicken - und jetzt regnete es. Es regnete nicht nur, es go?, es schuttete, und alle dunklen Wolken des Himmels sammelten sich genau uber unserem Haus. Hastig rafften wir die Wasche wieder zusammen, rannten mit den einzelnen Bundeln in die Wohnung und legten sie in die Badewanne. Dort mu?ten wir bald eine Leiter zu Hilfe nehmen, denn der Wascheberg reichte bis zur Decke. Als wir damit fertig waren, griffen wir erschopft nach der Zeitung.

Die Wettervorhersage lautete: „In den Morgenstunden zeitweilig Bewolkung, die sich gegen Mittag aufklart. ' Damit stand fur uns fest, da? Sturm und Regen mindestens drei Tage lang anhalten wurden.

Wir hatten uns nicht getauscht. Drau?en fiel eintonig der Regen weiter, drinnen begann die Wasche in der Badewanne zu garen. Am Abend roch es im ganzen Haus modrig. Da und dort tauchten an den Wanden die ersten grunlichen Schimmelpilze auf. „So geht es nicht weiter' erklarte die beste Ehefrau von allen. „Die Wasche mu? getrocknet werden, bevor sie vollig kaputt geht. ' Wir zogen eine Drahtschnur durch das Wohnzimmer. Sie reichte vom Griff des rechten Fensters die Wand entlang zur Schlafzimmertur, schwang sich von dort zum Kronleuchter, glitt abwarts und uber einige Gemalde zum venezianischen Wandspiegel, umging die Sitzgarnitur, wandte sich scharf nach links und endete am gegenuberliegenden

Fenster. An einigen Stellen hingen die dicht nebeneinander aufgereihten Waschestucke so tief herab, da? wir uns nur noch kriechend fortbewegen konnten. Dabei mu?ten wir sorgfaltig darauf achten, die aufgestellten Hitzespender nicht umzusto?en (Karbidlampen, Spirituskocher auf mittlerer Flamme und so weiter). Diese sollten das Trocknen beschleunigen. Ungefahr um vier Uhr nachmittags wurde das Haus von einem dumpfen Knall erschuttert. Im Wohnzimmer bot sich uns ein chaotisches Bild: Die Drahtschnur war gerissen, und die ganze Wasche lag auf dem Boden. Zum Gluck war sie noch na? genug, um die Lampen und Kocher zu loschen. Die beste

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