„Papi hatte auf dieser Reise sehr viel zu tun, und er hatte keine Zeit, Kaugummi zu kaufen', begann ich.
Amirs Gesicht verfarbte sich. Um zu verhindern, da? er wieder zu brullen anfing, erzahlte ich ihm:
„Aber die Konigin von England hat mir funf Kilo Kaugummi fur dich mitgegeben. Sie stehen im Keller. Gestreifter Kaugummi fur Amir in einem gestreiften Karton. Aber du darfst nicht hinuntergehen, horst du? Sonst kommen Krokodile und fressen dich auf. Krokodile sind ganz verruckt nach Kaugummi. Wenn sie erfahren, da? in unserem Keller so viel Kaugummi liegt, fliegen sie sofort los -moderne Krokodile haben Propeller, wei?t du - und suchen unseren Keller. Dann kommen sie ins Kinderzimmer und schnappen nach dir. Willst du, da? Krokodile in unser Haus kommen?' „Ja!' jauchzte Amir. „Gestreifte Krokodile. Wo sind die Krokodile? Wo?' Mir fiel keine neue Geschichte mehr ein, um Amir zu beruhigen. Zum Gluck kam gerade meine Frau aus dem Nachbarhaus zuruck, wo sie vergebens um Kaugummi gebettelt hatte. Auch alle Geschafte waren bereits geschlossen.
Amir brullt von neuem los, und wir wissen nicht, wie wir ihn beruhigen sollen. Da geht die Gro?mutter in den benachbarten Kaufladen und weckt den Inhaber. Dieser fuhrt aber keinen gestreiften Kaugummi, sondern nur ganz gewohnlichen. Ich verschwinde mit dem gewohnlichen Kaugummi in der Kuche, um mit Wasserfarben die erforderlichen Streifen aufzumalen. Die Wasserfarben halten nicht und laufen vom Kaugummi herunter. In unserer Wohnung herrscht ein heilloses Durcheinander. Die Kinder schreien, im Nebenzimmer explodiert ein Luftballon mit lautem Knall und die Gro?mutter telefoniert bereits mit dem Arzt. Amir erscheint heulend in der Kuche:
„Papi hat Amir Kaugummi versprochen! Kaugummi mit Streifen !' Jetzt habe ich genug. Ich wei? nicht, was plotzlich in mich gefahren ist - aber im nachsten Augenblick werfe ich den Kasten mit den Wasserfarben an die Wand und brulle: „Ich habe keinen gestreiften Kaugummi, und ich werde auch keinen haben! Zum Teufel mit den verdammten Streifen! Noch ein Wort, und ich haue dir ein paar herunter! Hinaus! Schlu? mit dem Theater!' Meine Frau und die Gro?mutter sind in Ohnmacht gefallen. Auch ich selbst bin von meinen eigenen Worten erschrocken. Wird der kleine Amir diesen Schock jemals uberwinden? Es scheint so. Amir hat nach dem angemalten Kaugummi gegriffen, steckt ihn in den Mund und kaut genie?erisch. „Mhm. Schmeckt fein. Guter Kaugummi. Streifen pfui.'
Eines Tages teilte mir die beste Ehefrau von allen mit, da? wir eine neue Waschmaschine brauchten. Die alte war vor kurzem kaputt gegangen.
„Geh hin', sagte ich zu meiner Frau, „geh hin und kaufe eine neue Waschmaschine. Aber kaufe bitte wirklich nur eine einzige und nimm eine, die in Israel hergestellt wurde. ' Die beste Ehefrau von allen ist auch eine der besten Einkauferinnen, die ich kenne. Schon am nachsten Tag stand in unserer Kuche, frohlich summend, eine original hebraische Waschmaschine, blank poliert, mit glanzenden Bedienungsknopfen, einer langen Kabelschnur und einer ausfuhrlichen Gebrauchsanweisung. Unser Zauberwaschmaschinchen besorgte alles von selbst: Schaumen, Waschen, Trocknen. Am Mittag des zweiten Tages betrat die beste Ehefrau von allen mein Arbeitszimmer ohne anzuklopfen. Das ist immer ein schlechtes Zeichen. Sie sagte: »Ephraim, unsere Waschmaschine wandert. '
Ich folgte ihr in die Kuche. Tatsachlich: Der Apparat schleuderte gerade die Wasche und wanderte dabei durch den Raum. Wir konnten den kleinen Ausrei?er gerade noch aufhalten, als er die Schwelle uberschreiten wollte. Durch einen Druck auf den grellroten Alarmknopf blieb. er stehen. Wir uberlegten, was wir tun konnten. Beim nachsten Waschen zeigte es sich, da? die Maschine nur dann ihren Standort veranderte, wenn sich die Trommel der Trockenschleuder schnell zu drehen begann. Zuerst lief ein Zittern durch die ganze Maschine - und gleich darauf begann sie, wie von einem geheimnisvollen inneren Drang getrieben, hopphopp darauflos- zumarschieren.
„Na schon', meinte ich, „warum nicht. Unser Haus ist schlie?lich kein Gefangnis, und wenn das Maschinchen marschieren will, dann soll es. '
In einer der nachsten Nachte weckte uns ein kreischendes Gerausch. Aus Richtung Kuche klang es, als wurde Metall zerdruckt. Wir sturzten hinaus: Das Dreirad unseres Sohnes Amir lag zerschmettert unter der Maschine, die sich in irrem Tempo um ihre eigene Achse drehte. Amir stand heulend daneben und schlug mit beiden Fausten auf den Dreiradmorder ein: „Pfui, schlimmer Jonathan! Pfui!' Erklarend mu? ich hier hinzufugen, da? wir unsere Waschmaschine Jonathan getauft hatten.
„Jetzt reicht es aber', meinte meine Frau, „ich werde Jonathan fesseln. ' Sie holte einen Strick und band das eine Ende um die Wasserleitung, das andere wand sie mehrmals um Jonathan. Ich hatte dabei ein schlechtes Gefuhl, hutete mich jedoch, etwas zu sagen. Jonathan gehorte zum Arbeitsbereich meiner Frau, und ich konnte ihr das Recht, ihn anzubinden, nicht streitig machen. Dabei will ich aber nicht verbergen, da? es mich am nachsten Tag mit Schadenfreude erfullte, als wir Jonathan an der gegenuberliegenden Wand stehen sahen. Er hatte offenbar alle seine Krafte angespannt, um den Strick zu zerrei?en. Seine Vorgesetzte fesselte ihn zahneknirschend von neuem. Diesmal nahm sie einen langeren und dickeren Strick, dessen Ende sie um den Hei?wasserspeicher band. Das ohrenbetaubende Splittern, das wir bald daraufhorten, werde ich nie vergessen.
„Er zieht den Speicher hinter sich her!' flusterte die entsetzte Kuchenchef in, als wir am Tatort angelangt waren. Das ausstromende Gas veranla?te uns, auf kunftige Fesselungen zu verzichten... Jonathans Abneigung gegen Stricke war offensichtlich, und wir lie?en ihn deshalb in Zukunft ohne Behinderung seinen Waschgeschaften nachgehen. Irgendwie leuchtete es uns ein, da? er uber einen unbandigen Freiheitswillen verfugte. An einem Samstagabend dann, an dem uns Freunde zum Essen besuchten, drang Jonathan ins Speisezimmer ein. „Hinaus mit dir!' rief meine Frau ihm zu. „Marsch hinaus! Du wei?t doch, wo du hingehorst!' Das war naturlich lacherlich, so weit reichte Jonathans Verstand wieder nicht. Jedenfalls schien es mir sicherer, ihn durch einen raschen Druck auf den Alarmknopf zum Stehen zu bringen. Als unsere Gaste gegangen waren, startete ich Jonathan, um ihn auf seinen Platz zuruckzufuhren. Aber er schien uns die schlechte Behandlung von vorhin ubel zu nehmen und weigerte sich. Wir mu?ten ihn erst mit einigen Waschestucken futtern, ehe er sich auf den Weg machte...
Amir hatte sein kaputtes Dreirad vergessen und allmahlich Freundschaft mit Jonathan geschlossen. Bei jedem Waschen stieg er auf ihn und ritt unter frohlichen „Hu-hott'-Rufen durch die Kuche. Wir waren alle zufrieden. Jonathans Waschqualitaten blieben die alten, wir konnten uns nicht beklagen. Einmal aber bekam ich einen argen Schrecken, als ich eines Abends, bei meiner Heimkehr, Jonathan mit gewaltigen Drehsprungen auf mich zukommen sah. Ein paar Minuten spater, und er hatte die Stra?e erreicht. Ich beschlo?, einen Fachmann um Rat zu fragen. Er war uber meinen Bericht in keiner Weise erstaunt. „Ja, das kennen wir', sagte er. „Wenn sie schleudern, kommen sie gern ins Laufen. Meistens geschieht das, weil sie zu wenig Wasche in der Trommel haben. Geben Sie Jonathan mindestens vier Kilo Wasche, und er wird brav an seinem Platz stehen bleiben. ' Meine Frau wartete im Garten auf mich. Als ich ihr erklarte, da? es der Mangel an Schmutzwasche war, der Jonathan zu seinen Wanderungen trieb, erbleichte sie: „Gro?er Gott! Gerade habe ich ihm zwei Kilo Wasche gegeben. Das ist um die Halfte zu wenig!'
Wir sausten in die Kuche und blieben wie angewurzelt stehen: Jonathan war verschwunden. Mitsamt dem Kabel. Als wir zur Stra?e hinaussturzten, riefen wir, so laut wir konnten, seinen Namen: „Jonathan! Jonathan!' Keine Spur von Jonathan. Ich rannte von Haus zu Haus und fragte unsere Nachbarn, ob sie nicht vielleicht eine Waschmaschine gesehen hatten. Alle antworteten mit bedauerndem Kopfschutteln.
Nach langer, vergeblicher Suche machte ich mich niedergeschlagen auf den Heimweg. Wer wei?, vielleicht hatte in der Zwischenzeit ein Autobus den armen Kleinen uberfahren... „Er ist hier!' Mit diesem Jubelruf begru?te mich die beste Ehefrau von allen. „Er ist zuruckgekommen!'
Das war naturlich wieder einmal leicht ubertrieben, denn die Sache war so passiert: In einem unbewachten Augenblick war der kleine Dummkopf in den Korridor hinausgehoppelt und auf die Keller-ture zu. Dort ware er unweigerlich zu Fall gekommen, ware nicht im letzten Augenblick der Stecker aus dem Kontakt gerissen. „Wir durfen ihn nie mehr vernachlassigen!' entschied meine Frau. „Zieh sofort deine Unterwasche aus! Alles!' Seit diesem Tag wird Jonathan so lange mit Wasche vollgestopft, bis er mindestens viereinhalb Kilo in sich hat. Und damit kann er naturlich keine Ausfluge mehr machen. Er kann kaum noch atmen, und es kostet ihn ziemlich viel Muhe, seine zum Platzen gefullte Trommel in Bewegung zu setzen. Armer Kerl. Es ist eine Schande, was man ihm antut.
