noch andere Gegenstande in unserer Wohnung eine Verschonerung notig hatten. Ich fand und lackierte zwei schabig gewordene Turklinken, einen tropfenden Wasserhahn und drei Aluminiumkochtopfe, die nachher wie neu aussahen; ferner einen Kaktustopf samt Kaktus, den Kuchentisch, zwei Fu?schemel, einen Aschenbecher, einen Schuhloffel und andere Kleinigkeiten. Dann wollte ich aufhoren, denn ich hatte das Gefuhl, ein wenig zu weit zu gehen. Aber da fiel mein Blick zufallig auf den abgeblatterten Lack meines Motorrads -und binnen kurzem erglanzte das Rad in neuer Pracht. Jetzt gab es fur mich kein Halten mehr. Ich verlor jede Selbstbeherrschung und erfullte mir den lang gehegten Wunsch, das abscheuliche Linienmuster unseres Kachelfu?bodens durch reizvoll unregelma?ige Karos zu ersetzen. Es wurde immer schlimmer. Schon kniete ich aufs neue vor dem Ofen und verpa?te ihm einen weiteren, vierten Silberbelag. Jetzt merkte ich, wie scheu?lich es war, nur zwei silberne Turklinken zu haben, und versilberte alle ubrigen und die Fenstergriffe dazu. Wahrend ich den Radioapparat lackierte, fiel mir auf, da? meine Schuhe mit silbernen Punktchen gesprenkelt waren, was nicht hubsch aussah; ich bedeckte sie zur Ganze mit Silber. Wie schon sie doch glanzten! Es ist zum Staunen, da? noch niemand auf den Einfall gekommen ist, Aluminiumschuhe herzustellen. Sie wurden zum dunklen Anzug hervorragend passen. Nachdem ich die achtzehn Bande unseres Lexikons in Silber getaucht hatte, machte ich aber wirklich Schlu? und lie? nur noch einigen Stehlampen die Verschonerung zukommen, auf die sie mir Anspruch zu haben schienen. Dazu mu?te ich eine Leiter ersteigen. Seltsam: nachher hatte ich schworen mogen, es ware eine Aluminiumleiter, obwohl ich doch ganz genau wu?te, da? es eine gewohnliche holzerne Leiter war. Wahrend ich oben stand, verschuttete ich ein wenig Lack auf unseren Teppich. Zu meiner Freude entdeckte ich jedoch, da? der Teppich eine au?ergewohnliche Saugfahigkeit fur Silberlack besa?. Als mein Vorhaben, unseren Petroleumofen zu lackieren, bis zu diesem Punkt gediehen war, erledigte ich noch rasch die Regale in unserer Kuche, die Handtaschen meiner Frau sowie meine eigenen Krawatten und verwandelte den Kaninchenpelz meiner Schwiegermutter in einen Silberfuchs. Jetzt litt es mich nicht langer im Haus. Vor Seligkeit taumelnd, begab ich mich in den Garten, wo ich ein paar jungen
Baumen tauschende Ahnlichkeit mit kleinen Silberpappeln verlieh und die ersten Silbernelken zuchtete. Beim Versilbern unserer Fensterladen uberraschte mich der Brieftrager, dem ich durch einen leichten Silberbelag auf den Schlafen zu feinerem Aussehen verhelfen wollte. Aber der arme Kerl begriff das nicht, und er entfloh unter heiseren Schreckenslauten, wobei er eine Menge Briefe auf unserem Silberrasen verstreute.
Ich war gerade dabei, die Wande unserer Wohnung auf den allgemeinen Charakter des Hauses abzustimmen, als die Ture sich offnete und meine Frau auf der Schwelle stand. „Entschuldigen Sie', sagte sie hoflich. „Ich mu? mich in der Ture geirrt haben. ' Und sie wollte wieder weggehen. Mit knapper Not konnte ich sie zuruckhalten, um sie nach und nach davon zu uberzeugen, da? sie sich tatsachlich in unserem Heim befinde und da? ich ihr mit diesen kleinen Verschonerungen nur eine frohe Uberraschung hatte bereiten wollen. Sie war uberrascht, nicht aber froh und lie? mich wissen, da? sie in ein Hotel ziehen wurde. Zum Gluck konnte sie ihre Sachen nicht packen, weil alle Koffer mit frischem Silberlack bedeckt waren und sich nicht offnen lie?en. Wahrend sie zusammenbrach und haltlos vor sich hinschluchzte, fand ich noch ein wenig Silberlack fur ihre Nagel. Dann war die Dose leer.
„Wirst du kommen, Papi? Bestimmt?' „Ja, mein Sonn. Bestimmt. ' Seit sechs Monaten fragt mich Amir das zweimal taglich, einmal beim Fruhstuck und einmal vor dem Schlafengehen. Nadiwa, die Lehrerin, hatte dem Kind eine fuhrende Rolle in dem Theaterstuck gegeben, das am Ende des Schuljahrs aufgefuhrt werden sollte, und von diesem Augenblick an beschaftigte sich Amir ausschlie?lich damit, in der Abgeschlossenheit seines Zimmers den Text auswendig zu lernen, unermudlich, immer wieder, immer dieselben Worte, als ware eine Schallplatte steckengeblieben:
„Haschen klein... Glaschen Wein... sitzt allein' erklang es unablassig. „Kleiner Hase... rote Nase... ach, wie fein... mu? das sein.. '
Selbst auf dem Schulweg murmelte er diesen lappisch gereimten Unfug vor sich hin, selbst auf die erzurnten Rufe der Auto- fahrer, die ihn nicht uberfahren wollten, reagierte er mit Worten wie: „Haschen spring... klingeling... komm und sing.. ' Als der gro?e Tag da war, platzte das Klassenzimmer aus allen Nahten, und viele Besucher drangten herzu, um teils ihre Kinder und teils die von eben diesen angefertigten Buntstiftzeichnungen israelischer Landschaften zu bestaunen. Mit knapper Not gelang es mir, ein Platzchen zwischen dem See Genezareth und einem Tisch mit Backwerk zu ergattern. Im Raum brutete die Hitze und eine unabsehbare Schar erwartungsvoller Eltern. Unter solchen Umstanden hat ein so normaler Papi wie ich die fyahl zwischen zwei Ubeln: er kann sich hinsetzen und nichts sehen als die Kopfe der vor ihm Sitzenden, oder er kann stehen und sieht seinen Sohn. Ich entschied mich fur einen Kompromi? und lie? mich auf einer Stuhllehne nieder, unmittelbar hinter einer Mutti mit einem Kleinkind auf dem Rucken, das sich von Zeit zu Zeit nach mir umdrehte, um mich dummlich anzuglotzen.
„Papi', hatte mein Sohn Amir beim Aufbruch gefragt, „wirst du auch ganz bestimmt bis zum Schlu? bleiben?' „Ja, mein Sohn. Ich bleibe ' Jetzt sa? Amir bereits auf der Buhne, in der dritten Reihe der fur spatere Auftritte versammelten Schuler, und beteiligte sich mit allen anderen am Absingen des Gemeinschaftsliedes unserer Schule. Auch die Eltern sangen mit, jedenfalls dann immer, wenn ein Lehrer einen von ihnen ansah.
65 Die letzten Mi?tone waren verklungen. Ein sommersprossiger Knabe trat vor und wandte sich wie folgt an die Eltern: „Nach Jerusalem wollen wir gehen, Jerusalem, wie bist du schon, unsere Eltern kampften um dich, infolgedessen auch fur mich und fur uns alle, wie wir da sind, Jerusalem, ich bin dein Kind und bleibe es mein Leben lang, liebe Eltern, habet Dank!' Ich, wie gesagt, sa? weit von der Buhne entfernt.
Soeben erzahlte ein dicklicher Junge etwas uber die Schonheiten unseres Landes, ich horte kein Wort davon, aber ich merkte auch so, worum es geht: Wenn er hinaufschaut, meint er offensichtlich den Berg Hermon, wenn er die Arme ausbreitet, die fruchtbaren Ebenen Galilaas oder moglicherweise die Wuste Negev, und wenn er mit seinen Patschhanden wellenformige Bewegungen vollfuhrt, kann es sich nur um das Meer handeln. Zwischendurch mu? ich die angstlich forschenden Blicke meines Sohnes erwidern und mich nicht um die des Kleinkindes vor mir kummern.
Sturmischer Applaus. Ist das Programm schon zu Ende? Ein geschniegelter Musterschuler tritt an die Rampe: „Das Flotenorchester der vierten Klasse spielt jetzt einen Landler. ' Ich liebe Flotenmusik, aber ich liebe sie in der Landschaft drau?en, nicht in einem knallvollen Saal mit Stadtern. Wie aus lern Programm hervorgeht, besitzt die vierte Klasse au?er einem

Flotenorchester auch vier Solisten, so da? uns auch vier Soli bevorstehen, damit sich keiner krankt: l Haydn, l Nardi, l Schonberg, l Dvorak...
An den Fenstern wimmelt es von zeitungslesenden Vatern. Und sie genieren sich nicht einmal, sie tun es ganz offen. Das ist nicht schon von ihnen. Ich borge mir eine Sportbeilage aus. Das Konzert ist voruber. Wir applaudieren vorsichtig, wenn auch nicht vorsichtig genug. Es erfolgt eine Zugabe. Die Sportbeilage ist reichhaltig, aber auch sie hat einmal ein Ende. Was nun?
Da! Mein Sohn Amir steht auf und bewegt sich gegen den Vordergrund der Buhne. Mit einem Stuhl in der Hand. -Er ist, wie sich zeigt, nur als Requisiteur tatig. Seine Augen suchen mich. „Bist du hier, mein Wer?' fragt sein stummer Blick. Ich wackle mit den Ohren: „Hier bin ich, mein Sohn. '
Einer seiner Mitschuler erklimmt den Stuhl, den er, Amir, mein eigener Sohn, herangeschafft hat, und gibt sich der Menge als „Schleime der Traumer' zu erkennen.
Es beruhigte mich ein wenig, da? auch viele andere Vater mit unbewegten Gesichtern dasitzen, die Hand ans Ohr legen, sich angestrengt vorbeugen und sonstige Anzeichen ungestillten Interesses von sich geben.
Eine Stunde ist vergangen. Die Mutter mit dem Kleinkind auf dem Rucken sackt lautlos zusammen, mitten in
