Wainright rausperte sich und sagte: „Sie mussen schon entschuldigen, wenn ich mich einmische, Doktor, aber bis jetzt hat noch keine Notwendigkeit bestanden, diesen Raum zu nutzen. Deshalb lagere ich dort Brennstoffzellen. Sie brauchen mir nur zwanzig Minuten Zeit zum Aufraumen zu geben, und schon steht er Ihnen zur Verfugung.“
Wahrend Khone und Conway langsam zur Ruckseite des Gebaudes herumgingen, erklarte er ihr, da? der Raum, wie sie selbst sehen konnte, einen direkten Ausgang ins Freie besa?, der es gefangenen Lebensformen ermoglichte, nach der Freilassung schnell in die eigene Umgebung zuruckzukehren. Wie Conway der Gogleskanerin versicherte, werde man in ihrem Fall naturlich keinerlei Mittel einsetzen, die ihre Bewegungsfreiheit einschranken konnten, und zudem stehe es ihr frei, jede Erorterung oder Untersuchung nach Belieben abzubrechen.
Conways Absicht war es, eine Erklarung fur das Verhalten der Gogleskaner zu finden, und zwar durch eine genaue physiologische Untersuchung der Spezies unter besonderer Berucksichtigung des Schadelbereichs, der fur ihn vollkommen neuartige Merkmale aufwies und der schon deshalb fur die Untersuchung moglicherweise von entscheidender Bedeutung sein konnte. Naturlich hegte er keinesfalls die Absicht, Khone physische oder psychische Schmerzen zuzufugen.
„Auf ein wenig Unbehagen ist man innerlich durchaus eingestellt“, bemerkte die FOKT.
Um Khone noch mehr zu beruhigen, betrat Conway den Raum als erster, und wahrend ihm die Gogleskanerin vom Au?eneingang zusah, bewies er ihr mit Fausten und Fu?en die Widerstandsfahigkeit der Wand. Dann deutete er auf die Decke des Raums und beschrieb dabei kurz den Zweck des in beiden Richtungen arbeitenden Kommunikators und der Projektoren der nichtmateriellen Halte- und Greifvorrichtungen, wobei er Khone versicherte, diese nur mit ihrem ausdrucklichen Einverstandnis einzusetzen. Anschlie?end ging er durch die Tur, die wei? umrandet war, damit man sie in der vollig unsichtbaren Wand sehen konnte, und gab dann der Gogleskanerin Zeit, sich an den Raum zu gewohnen.
Inzwischen hatte Wainright die Brennstoffzellen bereits aus der fur den Beobachter bestimmten Halfte des Raums entfernt und sie durch einen 3-D-Projektor und Conways gesamte medizinische Ausrustung ersetzt. Au?erdem hatte er die Aufnahmen vom Vortag bereitgelegt sowie einige Videoaufzeichnungen mit grundlegenden Informationen, wie sie beim Erstkontakt mit fremden Spezies benutzt wurden.
„Ich werde das Ganze vom Kommunikationszentrum nebenan uberwachen und aufnehmen“, sagte Wainright und blieb einen Moment im Inneneingang stehen. „Khone hat die Informationsvideos zwar schon gesehen, aber ich dachte, Sie wollen Ihr vielleicht noch einmal die funfminutige Sequenz uber das Orbit Hospital vorspielen. Falls Sie sonst noch etwas brauchen sollten, lassen Sie es mich wissen, Doktor.“
Nur durch eine dunne, durchsichtige Wand und einen Zwischenraum von etwa drei Metern — was eigentlich viel zuviel war — voneinander getrennt, blieben Khone und Conway allein im Raum zuruck.
Auf Hufthohe legte Conway die Handflache gegen die transparente Wand und sagte: „Bitte kommen Sie so nah wie moglich heran, und versuchen Sie, eins Ihrer Greiforgane von Ihrer Seite aus dort auf die durchsichtige Wand zu legen, wo sich meine Hand befindet. Es eilt nicht. Der Zweck des Ganzen ist, Sie an die unmittelbare Nahe zu mir zu gewohnen, ohne wirklich Korperkontakt herzustellen.“
Wahrend er weiterhin beruhigend auf Khone einredete, kam diese langsam immer naher, und nach mehreren Versuchen, die stets mit einem uberhasteten Zuruckweichen endeten, legte sie schlie?lich ihre Fingerbuschel von der anderen Seite der Wand gegen Conways Hand. Jetzt waren sie weniger als einen Zentimeter voneinander entfernt. Mit der freien Hand holte Conway vorsichtig den Scanner hervor und druckte ihn auf gleicher Hohe mit dem Schadel der FOKT ebenfalls an die Wand. Ohne erst gebeten werden zu mussen, pre?te die Gogleskanerin ihren Kopf mit der Seite gegen die durchsichtige Oberflache.
„Ausgezeichnet!“ rief Conway und stellte die Abtasttiefe des Scanners neu ein. „Obwohl die Physiologie der Gogleskaner Elemente aufweist, die mir vollig fremd sind, gleicht die Lebensform im gro?en und ganzen den ubrigen warmblutigen und Sauerstoffatmenden Spezies“, erklarte er. „Die Unterschiede konzentrieren sich auf den Kopfbereich, und diese Tatsache bedarf der Untersuchung, bei der man womoglich auf eine Erklarung sto?t, die eventuell keine rein physische Grundlage hat.
Kurz gesagt, wir untersuchen hier eine ziemlich normale Lebensform, die sich lediglich hin und wieder anomal verhalt“, fa?te er zusammen. „Wenn wir davon ausgehen, da? Verhaltensmuster durch Umwelt- und Evolutionseinflusse gepragt werden, sollten wir mit der Untersuchung Ihrer Vergangenheit beginnen.“
Er lie? Khone einen Moment lang Zeit zum Nachdenken und fuhr dann fort: „Nach Aussage von Lieutenant Wainright, der von sich selbst mit Recht behaupten kann, ein recht guter Freizeitarchaologe zu sein, ist Ihr Planet seit der Entwicklung Ihrer noch nicht intelligenten Vorfahren beachtlich stabil gewesen. Es hat keine Veranderungen der Umlaufbahn gegeben, keine gro?eren seismischen Storungen und keine Eiszeiten oder irgendwelche merklichen Klimaveranderungen. All das deutet darauf hin, da? sich Ihr spezielles Verhaltensmuster, das gegenwartig den Fortschritt Ihrer Zivilisation hemmt, als Reaktion auf eine sehr fruhe Bedrohung durch naturliche Feinde entwickelt hat. Was fur Feinde sind beziehungsweise waren das?“
„Wir haben keine naturlichen Feinde“, antwortete Khone prompt. „Auf Goglesk gibt es nichts, was fur uns eine Bedrohung darstellt — au?er uns selbst.“
Das konnte Conway nur schwerlich glauben. Er fuhrte den Scanner zu einer der Stellen, wo ein teilweise von der Kopfbehaarung verdeckter Stachel lag, und verfolgte dann dessen Verbindung zur Giftdruse, wahrend ein vergro?ertes Bild der Abtastung fur Khone auf den Bildschirm ubertragen wurde. „Das ist eine wirksame naturliche Waffe“, stellte er fest. „Dabei ist es ganz egal, ob sie zum Angriff oder zur Verteidigung gebraucht wurde, und ohne jeden Grund hatte sie sich bestimmt nicht entwickelt. Gibt es irgendwelche Erinnerungen, schriftliche oder mundliche Zeugnisse oder fossile Uberreste von einer Lebensform, die derart furchtbar war, da? sie der Grund fur die Entwicklung eines solch todlichen Schutzes gewesen sein konnte?“
Wiederum lautete die Antwort nein, doch Conway mu?te Wainrights Hilfe in Anspruch nehmen, um der Gogleskanerin zu erklaren, was Fossilien waren. Es stellte sich heraus, da? Khone durchaus von Zeit zu Zeit Versteinerungen gesehen hatte, aber sich nicht im klaren gewesen war, worum es sich dabei handelte, oder sie nicht fur wichtig gehalten hatte. Als Wissenschaft war Archaologie ihrem Volk unbekannt. Doch jetzt, wo sie wu?te, was die eigenartig geformten Zeichen und Gegenstande in bestimmten Steinen bedeuteten, schien es fast wahrscheinlich, da? die Arztin eine neue Wissenschaft auf Goglesk ins Leben rufen wurde.
„Haben Sie jemals irgendwelche Traume oder Alptraume von einem derartigen Ungeheuer gehabt?“ fragte Conway, ohne von seinem Scanner aufzusehen.
„Blo? die Hirngespinste der Kindheit“, antwortete Khone rasch, wodurch sie bei Conway den Eindruck erweckte, da? sie das Thema lieber wechseln wollte. „Den Kopfen von Erwachsenen machen solche Dinge nur selten zu schaffen.“
„Aber wenn Sie hin und wieder solche Traume haben“, hakte Conway nach, „ist es dann moglich, sich an sie zu erinnern und die Kreatur oder die Kreaturen zu beschreiben?“
Fast eine volle Minute verging, bis die Gogleskanerin darauf antwortete, und in dieser Zeit war auf Conways Scanner ein merkliches Anschwellen der Muskeln rings um die Giftblase und an den Wurzeln der Stacheln zu beobachten. Ganz offensichtlich war er in einen au?erst sensiblen Bereich vorgedrungen, und die ausstehende Antwort wurde von gro?er Bedeutung sein.
Doch die von Khone erteilte Auskunft sollte enttauschend ausfallen und nur weitere Fragen aufwerfen.
„Es handelt sich dabei nicht um ein Lebewesen mit einer bestimmten Korperform“, sagte die FOKT. „In den Traumen herrscht ein Gefuhl gro?er Gefahr, einer gestaltlosen Bedrohung durch eine sehr flinke wilde Bestie vor, die bei?t, zerrei?t und verschlingt. Das ist eine Wahnvorstellung, die die Kinder angstigt, und der Gedanke daran beunruhigt die Erwachsenen. Die Kinder konnen ihren Angsten freien Lauf lassen und sich zusammenschlie?en, damit sie sich wohler fuhlen, weil sie noch nicht die korperliche Kraft besitzen, um in ihrer Umgebung gro?ere Schaden zu verursachen. Aber Erwachsene mussen solche destruktiven Gemutsverfassungen vermeiden und sich sowohl korperlich als auch seelisch von anderen absondern.“
„Wollen Sie damit sagen, da? sich junge Gogleskaner nach Belieben zusammenschlie?en konnen, die erwachsenen aber nicht?“ erkundigte sich Conway verdutzt.
„Die Kinder daran zu hindern ist schwierig“, antwortete Khone. „Aber man versucht die Zusammenschlusse einzuschranken, damit sie nicht zu einer Angewohnheit werden, die im Erwachsenenalter zu schwer abzulegen ware. Mir ist klar, da? Sie darauf brennen, einen Zusammenschlu? zu beobachten, bei dem kein Schaden angerichtet wird, doch einen Zusammenschlu? von Kindern aus der Nahe zu verfolgen, ohne den betreffenden Eltern psychische Qualen zu bereiten, wodurch man wiederum einen ungewollten Zusammenschlu? von Erwachsenen hervorrufen wurde, ware unmoglich.“
