„Falls diese Untersuchung Schmerzen bereiten sollte, welche Gegenma?nahme ware dann angezeigt?“ erkundigte sie sich auf ihre zuruckhaltende Weise. „Und ware es unter den gegebenen Umstanden nicht vorzuziehen, sich die Blutprobe selbst zu entnehmen?“
Ein sehr hilfsbereites, aber auch au?erst achtsames Wesen diese Khone, dachte Conway und bemuhte sich, nicht zu lachen, als er antwortete: „Wenn bei einem Eingriff mit Beschwerden zu rechnen ist, wird eine gewisse Menge der Flussigkeit, die sich in einer der mit gelben und schwarzen Schragstreifen versehenen Phiolen befindet in die Spritze gesogen und in die entsprechende Stelle injiziert. Dabei hangt die benotigte Menge von der Zeitdauer und der zu erwartenden Starke der Beschwerden ab.
Bei der besagten Flussigkeit handelt es sich sowohl um ein schmerzstillendes Mittel fur meine Spezies als auch um ein Muskelrelaxans“, fuhr er fort. „Doch in meinem Fall wird es bestimmt nicht benotigt.“
Wahrend er weitere Anleitungen zur Entnahme der Blutprobe gab, erklarte er Khone, da? ein solcher Eingriff viel leichter an jemand anderem durchzufuhren sei als an sich selbst. Zu diesem Zeitpunkt erwahnte er noch nicht, da? er, falls er Khone eine Blutprobe entnehmen sollte, als erstes herausfinden wollte, ob sich das gelb-schwarz markierte Medikament oder eins der ahnlichen Praparate in seiner Ausrustung fur den gogleskanischen Metabolismus uberhaupt eignete. Sollte dies der Fall sein und sich eine Gelegenheit ergeben, das entsprechende Praparat zu injizieren konnte er Khone in einen derart schmerzfreien, entspannten und ruhigen Zustand versetzen, da? nachfolgende und weit vielversprechendere Untersuchungen uberhaupt kein Problem mehr darstellen wurden.
Durch chemische Substanzen konnen sich Muskeln einerseits entspannen, andererseits aber auch verkrampfen dachte Conway, nachdem er seinen Blick wieder au Wainrights Bildschirm konzentriert hatte.
Dem gro?en Gegenstand in der Bildmitte fehlte sowohl die Symmetrie als auch der sich wiederholende Aufbau einer Pflanze — er sah eher wie ein Blatt Papier aus, das zu einer lockeren, verdrehten Kugel zusammengeknullt war. Aber falls dieser Gedanke tatsachlich zutraf, mu?te sich das Raubtier selbst in diese Form gewunden haben. Unwillkurlich schauderte es Conway.
Das Gift der Gogleskaner war eine au?erst wirksame Substanz.
Aufgeregt sagte er zu Wainright: „Wie klingt das? Bei den versteinerten FOKTs handelt es sich um diejenigen, die den ersten Angriff des Raubtiers nicht uberlebt haben. Einige von ihnen sind miteinander verbunden, was darauf hindeutet, da? sie Teil einer gro?eren Gruppe gewesen sind. Dieses Gruppenwesen hat das Raubtier mit allen verfugbaren Stacheln angegriffen oder sich dagegen verteidigt. Die dabei in den Korper injizierte Menge Gift mu? zu vielfachen Muskelkrampfen bei der Bestie gefuhrt haben, die sich im Todeskampf buchstablich selbst verknotet hat. Konnen Sie diesen Knoten vom Computer entwirren lassen?“
Wainright nickte, und schon bald war die verdrehte, gewundene Form in der Bildmitte von einer schwacheren Darstellung umgeben, die sich langsam entfaltete. Das mu?te die Auflosung der seltsamen Form sein, dachte Conway, denn alles andere ergab keinen Sinn. Hin und wieder bat er um vergro?erte Ausschnitte vom Knochenbau des gewaltigen Fossils, und jedesmal wurde seine Theorie bestatigt. Doch der Lieutenant war mehrmals gezwungen, die Gro?e der sich ausbreitenden Darstellung zu verringern, da sie immer wieder uber den Bildschirmrand hinauswuchs.
„Allmahlich sieht das wie ein Vogel aus“, stellte Wainright fest. „Bestimmte Teile des Flugels wirken sehr zerbrechlich. Im Grunde scheint die gesamte Darstellung ausschlie?lich aus Flugeln zu bestehen.“
„Das kommt daher, weil die Versteinerung lediglich aus dem Skelett und der Haut besteht“, entgegnete Conway. „Die Muskeln und das Zellgewebe an den Knochen mussen vollstandig verlorengegangen sein. An den Stellen, wo Sie gerade auf den Flugel zeigen. jetzt, wo Sie mich darauf gebracht haben, mir das Gebilde als Vogel vorzustellen. mu?te die Flugeldicke um das Funf- oder Sechsfache gesteigert werden. Aber bei dem Knochenbau konnen die Flugel unmoglich steif gewesen sein. Ich wurde sagen, der Vogel hat mit den Flugeln nicht geschlagen, sondern eher wellenformige Bewegungen gemacht und sich auf diese Weise mit gro?er Geschwindigkeit fortbewegt. Und sehr interessant ist dieser seitliche Spalt an den vorderen Flugelkanten. Die erinnern mich an die Ansaugoffnungen bei den alten Dusenflugzeugen, nur da? diese Offnungen hier Zahne haben.“
Er sprach nicht weiter, weil Khone zogernd mit der Spritze in seinen Handrucken stach. Zum erstenmal konnte Conway nachvollziehen, was Patienten durchzustehen hatten, die sich in den Handen eines auszubildenden medizinisch-technischen Assistenten befanden.
„Die Flugelgelenke am Korper deuten darauf hin, da? die Mauler an den Flugelvorderkanten beim Schwimmen auf- und zugemacht worden sind und dabei alles verschlungen haben, was ihnen in den Weg gekommen ist. Die aufgenommene Nahrung ist dann durch zwei Speiserohren in den Magen gelangt, der sich in dem zylindrischen Wulst entlang der Mittellinie befunden hat“, fuhr Conway fort, als die Gogleskanerin endlich die richtige Vene gefunden hatte. „Die Vorderkanten der Flugel waren durch eine dickere Haut geschutzt, die wahrscheinlich nicht von Stacheln durchstochen werden konnte, und der Magen war vermutlich imstande, das Gift der FOKTs zu verarbeiten, obwohl es todlich ist, wenn es durch weichere Hautbereiche direkt in die Blutbahn gespritzt wird.
Die einzige Gegenwehr, die die FOKTs leisten konnten, bestand darin, sich miteinander zu verbinden und sich dem Vogel als festgefugter Wall in den Weg zu stellen“, fuhr er aufgeregt fort. „Ziemlich viele von ihnen mu?ten sterben, bevor sich das Gruppenwesen um das Raubtier zusammenzog und es zu Tode stach. Das la?t sich aus der unvollstandigen Versteinerung entnehmen. Aber wie der Raubvogel als Ganzes auf die Gruppenmitglieder gewirkt haben mu?, wahrend sie geistig mit ihren sterbenden Freunden verbunden waren, daran mochte ich lieber gar nicht erst denken.“
Innerlich schauderte ihm bei der Vorstellung, wie die FOKTs alle gelitten haben und jedesmal fast gestorben sein mu?ten, wenn einer aus der Gruppe umgekommen war. Und falls die Angriffe dieses Raubtiers regelma?ig vorgekommen waren, hatten sie das viele Male durchgemacht. Noch schlimmer war, da? sie durch die Erinnerung fruherer Uberlebender bereits alle wu?ten, was ihnen bei einem Angriff bevorstand — all die Angst und die Qualen und das standig miterlebte Sterben anderer.
Zuletzt begriff Conway auch die Schwere der Rassenpsychose, von der die gesamte gogleskanische Spezies ergriffen worden war. Als Individuen furchteten und ha?ten die FOKTs den Zusammenschlu? und jede unmittelbare korperliche oder geistige Beruhrung oder Zusammenarbeit, die zu einer moglichen Verbindung zur Gruppe fuhrte. Sich unterbewu?t zusammenzuschlie?en bedeutete, erinnerte Qualen erneut durchleben zu mussen, Qualen, die nur durch blinde Zerstorungswut gelindert werden konnten, die wiederum die Fahigkeit, zu denken oder die eigenen Handlungen zu kontrollieren, ausloschten. Die Angst der FOKTs vor dieser bestimmten Raubtierart mu?te ungeheuer gewesen sein, und obwohl ihr alter Feind entweder ausgestorben war oder immer noch im Meer lebte, waren sie nicht in der Lage gewesen, ihn zu vergessen oder eine weniger unsinnige Methode der Selbstverteidigung zu entwickeln.
Das Hauptproblem bestand nun darin, da? der Schutzmechanismus selbst Jahrtausende nach dem Zeitpunkt, als er zwingend notwendig gewesen war, heute noch immer so uberempfindlich reagierte, da? er nicht nur durch eine tatsachliche, sondern auch durch eine eingebildete oder eventuelle Bedrohung ausgelost werden konnte.
Endlich war Khone mit der Entnahme der Blutprobe fertig. Conways Handrucken fuhlte sich zwar wie ein Nadelkissen an, doch sagte er uber den ersten chirurgischen Eingriff der gogleskanischen Arztin an einem Au?erplanetarier nur au?erst Schmeichelhaftes, wobei er jedes einzelne Wort durchaus ernst meinte. Wahrend Khone den Inhalt der Spritze vorsichtig in eine sterile Phiole fullte, blickte Conway erneut auf den Bildschirm.
Das Raubtier war jetzt vollstandig ausgebreitet, und der Lieutenant hatte die Vergro?erung wiederum reduziert, damit die Darstellung in den Bildschirmrahmen pa?te. Au?erdem hatte Wainright samtliche verfugbaren Daten und Theorien uber die Farbung, die wahrscheinliche Fortbewegungsart und die mit den Flugelschlagen ubereinstimmenden Bewegungen des Munds und der Zahne aufgelistet. Langsam drangte sich dann etwas in die Mitte des Gro?bildschirms: eine gewaltige und schreckliche dunkelgraue Gestalt von mehr als acht Metern Durchmesser, die wie ein gigantischer terrestrischer Stachelrochen schwerfallig mit den Flugeln schlug und alles, was sich in ihrem Weg befand, verschlang, zerri? und auffra?.
Das also war der Alptraum der Gogleskaner aus ihrer vorgeschichtlichen Vergangenheit, und die Korper der rekonstruierten versteinerten FOKTs stellten sich jetzt nur noch als winzige Farbtupfer am unteren Bildschirmrand dar.
„Wainright!“ rief Conway in eindringlichem Ton. „Schalten Sie sofort das Bild ab!“
Doch es war bereits zu spat. Khone hatte sich nach beendeter Arbeit sofort dem Bildschirm zugewandt — und war nun mit der dreidimensionalen Darstellung einer sich bewegenden und scheinbar lebendigen Kreatur konfrontiert worden, die bis dahin nur in ihrem Unterbewu?tsein existiert hatte. In der beschrankten Gro?e des
