Entnahme von minimalen Gewebeproben, um diese zu analysieren, sowie die Anwendung au?erer Reize, um festzustellen, ob die. Khone! Keine dieser Untersuchungen ist schmerzhaft!“
Trotz dieser hastigen Beschwichtigung waren bei der Gogleskanerin Anzeichen einer wachsenden Panik zu beobachten.
„Ich wei?, da? der Gedanke an jede Art korperlicher Beruhrung beunruhigend ist, weil auf alles und jeden, der oder das bedrohlich wirkt, eine instinktive Reaktion erfolgt“, fuhr Conway rasch fort, nachdem ihm ein neuer Ansatz eingefallen war, der in seiner Einfachheit umwerfend war, sofern man uber die korperlichen Gefahren hinwegsah. „Aber wenn sowohl auf instinktiver als auch intellektueller Ebene bewiesen wurde, da? ich keine Bedrohung darstelle, konnte es Ihnen bestimmt moglich sein, diese unwillkurliche Reaktion zu uberwinden. Deshalb schlage ich folgendes vor.“
Wahrend Conway seinen Vorschlag erlauterte, kehrte Wainright zuruck. Der Lieutenant stand, die Videokassette fest in der Hand umklammert, stumm da und horte zu, bis Conway fertig war. Dann stellte er in erschrockenem Ton fest: „Sie sind verruckt, Doktor.“
Es dauerte viel langer, die Zustimmung des Lieutenant zu erhalten als die von Khone, aber letztlich setzte sich Conway durch. Wie gewunscht, holte Wainright schlie?lich aus den Lagerraumen eine Trage, auf die sich nun Conway legte. Dann wurde er an Fu?en, Beinen, Armen und am Korper festgeschnallt, und zwar mit Riemen, die vom Lieutenant blitzschnell per Fernbedienung geoffnet werden konnten, da Wainright darauf bestanden hatte. Anschlie?end wurde Conway in Khones Halfte des Beobachtungsraums geschoben. Die Trage war fur die Gogleskanerin auf eine bequeme Arbeitshohe eingestellt worden, falls sich Khone uberhaupt zu einer Mitarbeit uberwinden konnte.
Die Idee war folgende: Da Conway keine korperliche Untersuchung an Khone vornehmen konnte, sollte die Gogleskanerin den vollig hilflosen und zu keinem bedrohenden Verhalten fahigen Chefarzt untersuchen. Durch diesen Vorgang konnte sich die Arztin an den Gedanken einer korperlichen Untersuchung und Erforschung gewohnen, bis Conway selbst an der Reihe war. Doch stand schon bald fest, da? dieser Zeitpunkt noch lange nicht gekommen war.
Khone trat ohne allzu gro?es Unbehagen dicht an die Trage heran und ging unter Conways Anleitung mit dem Scanner ziemlich geschickt um. Allerdings traute sich Khone nur, ihn mittels des Gerats zu beruhren. Conway blieb vollkommen reglos auf der Trage liegen und bewegte nur die Augen, um Khones zogernde Bewegungen zu verfolgen oder den Lieutenant zu betrachten, der auf dem Gro?bildschirm das Video laufen lie?.
Plotzlich spurte Conway eine Beruhrung, die so leicht war, da? es eine Feder hatte sein konnen, die auf seinen Handrucken fiel und gleich wieder abglitt. Dann wurde die Beruhrung wiederholt, dieses Mal aber nachdrucklicher.
Er bemuhte sich, nicht einmal die Augen zu bewegen, damit Khone nicht zuruckschreckte, und bemerkte deshalb aus seinem peripheren Blickwinkel ein gro?es Buschel steifen, gogleskanischen Haars und drei von Khones Greiforganen, die sich seitlich an seinem Kopf entlang bewegten und von denen zwei immer noch den Scanner hielten. Im Bereich der Schlafenarterie nahm er eine weitere leichte Beruhrung wahr; dann begann die Spitze eines Greiforgans ganz sanft die Windungen seines Ohrs zu ertasten.
Abrupt zog sich Khone zuruck, und die Membrane vibrierte leicht vor unterdruckter Qual.
Conway dachte daran, welche ungeheuren inneren Kampfe Khone mit sich selbst ausgefochten haben mu?te, nur um ihn das erstemal zu beruhren, und er empfand eine derart starke Bewunderung fur das kleine rundliche Wesen und machte sich um die gogleskanische Spezies insgesamt solch gro?e Sorgen, da? er eine ganze Weile Probleme hatte, uberhaupt einen Ton von sich zu geben.
„Es tut mir aufrichtig leid, da? ich Ihnen derartige psychische Beschwerden bereite“, sagte Conway schlie?lich, „allerdings mu?ten die sich mit der Wiederholung der Beruhrungen verringern. Doch obwohl Sie wu?ten, da? ich Sie weder in Gefahr bringen wollte noch konnte, haben Sie horbare Notsignale erzeugt. Mit Ihrer Zustimmung sollte die Au?entur dieses Raums geschlossen werden, damit kein Mitglied Ihrer Spezies, das sich in Horweite befindet, glaubt, Sie wurden bedroht. Sonst kommt es noch womoglich hier herein, um sich mit Ihnen zusammenzuschlie?en.“
„Das ist verstandlich und akzeptabel“, stimmte Khone dem Vorschlag sofort zu.
Auf dem Gro?bildschirm zeigte der Lieutenant das Video, in dem die von Tiefensonden enthullte dichte Ansammlung von Versteinerungen zu sehen war. Dann veranderte er durch Drehen des Bildes den Blickwinkel und legte ein Ma?stabgitter daruber, um das wirkliche Verhaltnis von Formen und Gro?en sichtbar zu machen. Khone schenkte dem Bildschirm nur wenig Beachtung, weil, wie sich Conway klarmachte, eine Spezies mit einer derart primitiven Technologie nicht sofort die greifbare Realitat begriff, wie sie von ein paar dunnen Linien auf einem dunklen Bildschirm reprasentiert wurde. Viel gro?eres Interesse bewies die Gogleskanerin hingegen fur den dreidimensionalen und real existierenden Chefarzt, denn sie naherte sich ihm erneut.
Conway wiederum war brennend an den Darstellungen auf dem Bildschirm interessiert.
Wahrend ihm Khone mit zwei Greiforganen sanft das Haar auf dem Scheitel teilte, behielt er den Bildschirm unentwegt im Auge. „Diese unvollstandigen Versteinerungen sehen aus, als ob sie auseinandergerissen worden waren“, sagte er zum Lieutenant. „Wenn Sie den Computer eine diese Versteinerungen unter Verwendung der Daten, die uns uber Khones Physiologie zur Verfugung stehen, rekonstruieren lassen, wurde ich fast wetten, da? Sie einen deutlich erkennbaren FOKT vor der Entwicklung von Intelligenz erhalten werden. Aber was ist das da zwischen den Fossilien fur eine. ubergro?e Pflanze?“
Wainright lachte. „Ich hatte gehofft, da? Sie mich das fragen werden, Doktor. Sie sieht wie eine entstellte Rose ohne Stiel aus, der an den Randern einiger Blutenblatter so etwas wie Dornen oder Zahne wachsen, und riesengro? ist sie wirklich.“
„Die Form ergibt keinen Sinn“, sagte Conway leise, wahrend die Gogleskanerin ihre Aufmerksamkeit auf eine seiner Hande richtete. „Als Meeresbewohner mu?te das Tier eher Flossen als Glieder haben, aber es gibt keinerlei Anzeichen fur eine in seiner Bewegungsrichtung verlaufende Stromlinienform oder auch nur fur eine elementare Symmetrie rings um die.“
Er brach mitten im Satz ab, um eine Frage von Khone uber das Haar auf seinem Handgelenk zu beantworten, und nahm die Gelegenheit wahr, die Gogleskanerin in ihrem tapferen Handeln noch mehr zu ermutigen, indem er ihr vorschlug, an ihm einen einfachen operativen Eingriff vorzunehmen. Dazu sollte das Entfernen eines kleinen Stucks Kopfhaut gehoren sowie der Einsatz einer feinen Nadel in Verbindung mit dem Scanner, um aus einer unbedeutenden Vene in Conways Handrucken etwas Blut zu entnehmen. Er versicherte Khone, da? ihm der Eingriff keinerlei Schmerzen bereiten werde und ihm selbst eine etwas ungenau angesetzte Nadel keinerlei Schaden zufugen konne.
Bei diesem Eingriff, so erklarte er daruber hinaus, handele es sich um die Art Untersuchung, die am Orbit Hospital jeden Tag unzahlige Male an vielen verschiedenen Patienten durchgefuhrt werde. Die spatere Analyse der entnommenen Proben sage namlich eine ganze Menge uber den Gesundheitszustand der betreffenden Patienten aus, und in vielen Fallen trugen die erhaltenen Daten zur Heilung bei.
Bei der Probenentnahme konne es kaum zu einer direkten Korperberuhrung kommen, weil Khone den Scanner, Tupfer, eine Schere und eine Spritze benutzen werde. Ermutigend fugte er fast beilaufig hinzu, da? es genauso selten zu einer Korperberuhrung kommen werde, sobald er ahnliche Untersuchungen an der Gogleskanerin vornahme.
Einen Moment lang glaubte Conway, er habe die Sache zu sehr ubereilt, da Khone zuruckgewichen war, bis sie direkt an der Innenseite der geschlossenen Au?entur stand. Dort blieb sie, und ihr Haar zuckte, wahrend sie offensichtlich erneut heftige innere Kampfe ausfocht, doch dann kehrte sie langsam zur Trage zuruck. Wahrend er auf eine Antwort von ihr wartete, warf Conway einen raschen Blick auf das erstaunlich lebensechte Bild, das auf Wainrights Bildschirm allmahlich Gestalt annahm.
In die Darstellung hatte der Lieutenant sowohl samtliche Daten uber die FOKTs als auch die Informationen aufgenommen, die er schon vorher uber die prahistorische Vegetation auf dem Meeresboden gesammelt hatte. Die Versteinerungen, die der Computer als nur etwas kleinere Ebenbilder der heutigen Gogleskaner rekonstruiert hatte, befanden sich einzeln oder zu kleinen Gruppen zusammengeschlossen zwischen den sanft wogenden Meerespflanzen und wurden von hellem grunlichgelben Sonnenlicht bestrahlt, das durch die von Wellen gekrauselte Wasseroberflache uber ihnen hindurchdrang. Nur bei dem riesigen, rosenahnlichen Gegenstand in der Bildmitte mangelte es noch an Details. In Conways Hinterkopf nahm dazu langsam eine Idee Gestalt an, doch bevor sie sich entwickeln konnte, wurde er von Khone durch eine Frage abgelenkt.
Die Gogleskanerin interessierte sich immer noch nicht fur den Bildschirm.
