Conway seufzte. Khone war ihm einen Schritt voraus, denn genau danach hatte er sich als nachstes erkundigt. Statt dessen fragte er: „Hat meine Spezies denn irgendeine Ahnlichkeit mit diesem Hirngespinst aus ihrer Jugend?“
„Nein“, antwortete Khone. „Aber Ihre unmittelbare Nahe und insbesondere der Korperkontakt mit einem Gogleskaner erschienen gestern als Bedrohung. Die Ursache fur die Reaktion und den Aussto? des Notrufs war vollig instinktiv und nicht logisch bedingt.“
„Wenn wir ganz genau wu?ten, was fur diese eindeutige Panikreaktion, die sich auf die gesamte Spezies erstreckt hat, verantwortlich war, konnten wir versuchen, sie abzustellen. Aber was genau ist dieses Schreckgespenst eigentlich?“
Das lange Schweigen, das nun folgte, wurde von dem sich rauspernden Lieutenant unterbrochen. „Konnte es sich angesichts der ungenauen Beschreibung sowie des schnellen und lautlosen Auftauchens dieser mysteriosen Gestalt und aufgrund der Tatsache, da? das Tier seine Beute in Stucke rei?t und verschlingt, nicht um einen gro?en, einheimischen Raubvogel aus Vorzeiten gehandelt haben?“ fragte er zogernd.
Wahrend Conway mit dem Scanner die Nervenverbindungen zwischen den dunnen, glanzenden Fuhlern inmitten der groberen Kopfbehaarung und dem mineralienreichen Lappen am Gehirnstamm, wo sie entsprangen, abtastete, dachte er daruber nach. „Gibt es denn fur ein derartiges Tier fossile Belege?“ fragte er. „Und wenn die Erinnerung daran bis in die Zeit zuruckreicht, als die FOKTs noch keine Intelligenz besa?en und im Meer lebten, ware es dann nicht moglich, da? der Lebensraum des Raubtiers nicht die Luft, sondern ebenfalls das Wasser gewesen ist?“
Einen Augenblick blieb der Kommunikator stumm; dann entgegnete Wainright: „An den wenigen Stellen, die ich untersucht habe, habe ich keinen Beweis fur die Existenz gro?er Vogel gefunden, Doktor. Aber wenn wir ganz weit zuruckgehen, und zwar bis zu der Zeit, als noch samtliches Leben in den gogleskanischen Meeren war, dann hat es allerdings einige wirklich sehr gro?e Tiere gegeben. Etwa drei?ig Kilometer sudlich von hier gibt es eine Flache auf dem Meeresgrund, die — nach geologischen Ma?staben — erst vor ziemlich kurzer Zeit nach oben gedruckt worden ist. Wann immer ich ein paar Stunden dafur erubrigen konnte, habe ich einen Abschnitt davon, der reich an Versteinerungen ist und einst ein weit unter dem Meeresspiegel liegendes Tal gebildet hat, bis in die tiefen Schichten untersucht, um davon eine Computerrekonstruktion zu erstellen. Daraus hat sich ein au?erst verwirrendes Bild ergeben, weil ein betrachtlicher Teil der Fossilien beschadigt oder unvollstandig ist.“
„Eine auf seismische Aktivitaten zuruckzufuhrende Verzerrung meinen Sie?“ fragte Conway.
„Moglicherweise“, antwortete der Lieutenant skeptisch. „Aber nach meiner Vermutung wurde die Verzerrung erst durch eine Aktivitat in unserer Zeit hervorgerufen. Das Band liegt auf meinem Zimmer, Doktor. Soll ich es holen? Ich meine, dann konnten wir feststellen, ob diese Bilder, so verwirrend sie auch fur mich sind, dem Gedachtnis unserer Freundin auf die Sprunge helfen.“
„Ja, bitte“, stimmte Conway zu, und an Khone gewandt fuhr er fort: „Konnen Sie mir vielleicht sagen, falls die Erinnerung daran nicht zu schmerzhaft sein sollte, wie oft Sie sich schon mit anderen Erwachsenen als Antwort auf eine wirkliche oder eingebildete Bedrohung zusammengeschlossen haben? Und sind Sie in der Lage, die korperliche, geistige und emotionale Verfassung vor, wahrend und nach einem Zusammenschlu? zu beschreiben? Ich mochte Ihnen keine Schmerzen bereiten, aber wenn eine Losung fur das Problem gefunden werden soll, ist es wichtig, den Vorgang zu untersuchen und zu verstehen.“
Da? Khone die Erinnerung Unbehagen bereitete, war offensichtlich, doch genauso klar war, da? die Arztin nach besten Kraften mitarbeiten wollte. Vor dem gestrigen Tag, teilte sie Conway mit, habe es drei Zusammenschlusse gegeben. Die Reihenfolge der Ereignisse sei folgende: zuerst der Unfall oder die plotzliche Uberraschung oder die Gefahr fur Leib und Leben, der oder die das bedrohte Wesen veranla?te, ein akustisches Notsignal auszusto?en, das samtliche, in Horweite befindlichen Mitglieder der eigenen Spezies anzog und daruber hinaus in den gleichen Gefuhlszustand versetzte. War ein Gogleskaner bedroht, dann war jeder andere, der sich in Horweite befand, auch bedroht und stand unter demselben Zwang, sofort zu reagieren, sich mit den anderen zusammenzuschlie?en und die Bedrohung zu uberwinden. Khone deutete auf das Organ, von dem das Signal erzeugt wurde, eine Membran, die unabhangig vom Atmungssystem zum Schwingen gebracht werden konnte.
Conway kam der Gedanke, da? diese Membran unter Wasser wahrscheinlich sogar noch wirkungsvoller war, aber er horte zu eifrig zu, um Khone zu unterbrechen.
Die Gogleskanerin beschrieb nun den Eindruck erhohter Sicherheit, sobald sich die Korperhaare der FOKTs miteinander verwoben, und das angenehme, aufregende Gefuhl gesteigerter Intelligenz und erweiterten Bewu?tseins, wenn sich die ersten paar Gogleskaner zusammenschlossen und geistig miteinander verschmolzen. Doch ab einem gewissen Stadium wich diese Empfindung mit jedem weiteren FOKT, der sich anschlo?, und das Denken wurde zunehmend schwieriger und wirrer, bis es von dem einen, unwiderstehlichen Drang ausgeschaltet wurde, die Gruppe durch den Angriff auf alles und jeden in der Nahe zu schutzen. Als einzelnes Wesen noch irgendwelche zusammenhangenden Gedanken zu fassen war dann vollig unmoglich.
„Sobald die Gefahr beseitigt worden ist oder das Ereignis voruber ist, das zu dem Zusammenschlu? gefuhrt hat, und wenn selbst das getrubte Verstandnis des Gruppenwesens keine Bedrohung mehr empfindet, lost sich die Gruppe langsam auf“, fuhr Khone fort. „Eine Zeitlang ist der einzelne geistig verwirrt korperlich erschopft und schamt sich fur sich selbs und die Zerstorung, die er zusammen mit den anderen angerichtet hat. Um als intelligente Spezies zu uberleben, mu? jeder Gogleskaner nach Einsamkeit streben.“
Conway gab keine Antwort. Sein Verstand mu?te sich erst einmal an die plotzliche Erkenntnis gewohnen, da? die Gogleskaner uber telepathische Krafte verfugten.
8. Kapitel
Die telepathischen Fahigkeiten der Gogleskaner waren eingeschrankt, denn der Notruf, der den Zusammenschlu? ausloste, wurde nicht auf geistigem, sondern auf akustischem Weg ubermittelt. Dann mu?te die telepathische Verbindung durch Beruhrung hergestellt werden. Conway dachte dabei an die feinen, unter dem groben Kopfhaar verborgenen Fuhler, von denen acht vorhanden waren, also mehr als genug, um mit den sich beim Zusammenschlu? dicht aneinanderdrangenden FOKTs telepathischen Kontakt zu schlie?en.
Wieder einmal mu?te er laut gedacht haben, denn Khone stellte in sehr bestimmtem Ton klar, da? solch ein Kontakt mit einem anderen Gogleskaner au?erst schmerzhaft sei und sich die Fuhler zwar direkt neben denen der anderen Gruppenmitglieder befanden, diese aber nicht beruhrten. Offensichtlich handelte es sich bei den Fuhlern um organische Sende- und Empfangsantennen, die durch simple Induktion arbeiteten.
Doch die Schwierigkeit mit telepathischen Lebensformen — von denen es in der galaktischen Foderation mehrere gab — war, da? die Verstandigung nur zwischen Mitgliedern derselben Spezies funktionierte; mit anderen Arten, deren telepathische Organe auf anderen Frequenzen arbeiteten oder die gar nicht uber telepathische Fahigkeiten verfugten, kam uberhaupt keine Verbindung zustande. Conway selbst hatte einige Erlebnisse mit Ubertragungstelepathen gehabt — nach allgemeiner Ansicht besa?en Terrestrier latente telepathische Fahigkeiten, hatten diese aber im Laufe ihrer Entwicklung praktisch vollig abgelegt —, und die Vorstellungen, die er empfangen hatte, waren nur von kurzer Dauer gewesen und hatten bei ihm vorher geistiges Unbehagen hervorgerufen. Au?erdem herrschte die allgemeine Ansicht vor, da? sich Spezies, die sich nicht durch Gedanken, sondern durch eine gesprochene und schriftlich fixierte Sprache verstandigten, in den Naturwissenschaften zumeist schneller und sehr viel weiter fortentwickeln konnten.
Die Gogleskaner konnten beides und waren in ihrer kulturellen Entwicklung aus irgendeinem Grund wie angewurzelt stehengeblieben.
„Kann es als bewiesen gelten“, fragte Conway ganz vorsichtig und in sehr unpersonlichen Worten, weil er etwas Unangenehmes vorschlagen wollte, „da? der instinktive Zusammenschlu? die Hauptursache des gogleskanischen Problems darstellt, da es langst keine ernsthafte Bedrohung mehr gibt und somit auch keine Notwendigkeit dazu besteht? Herrscht weiterhin darin Ubereinstimmung, da? die Fuhler, bei denen es sich fast mit Sicherheit um die Organe handelt, die den Zusammenschlu? einleiten und die Gruppe zu einem Gruppenwesen verbinden, genau und eingehend untersucht werden mussen, wenn das Problem gelost werden soll? Dazu reicht eine blo?e Betrachtung allerdings nicht aus, und es werden vielmehr Untersuchungen notwendig sein, die eine direkte Beruhrung erforderlich machen. Dazu werden Messungen der Leitfahigkeit der Nerven gehoren, die
