Wesen, und dieser Eindruck war so nachhaltig, da? er ihm gehorchen mu?te. Beim Sprechen hatte Conway seine Instrumente in die Hand genommen, um Hossantir auch ohne Worte — damit er die Gefuhle des Chefarzts nicht allzusehr verletzte — zu verstehen zu geben, da? er nicht vorhatte, uber diese Frage zu diskutieren.
„… wurden Sie bitte die Verbindung zum Absorptionsorgan herstellen und dabei den Monitor im Auge behalten?“ bat er abschlie?end den Chefarzt.
Conway teilte sich das Operationsfeld mit dem Tralthaner und arbeitete in dem beschrankten Raum schnell und sorgfaltig. Er klemmte die Arterie an der Verbindung mit dem kunstlichen Herzen ab, machte sie los und verband sie mit dem kurzen Arterienstuck, das aus dem Spenderorgan ragte. Anders als in den ersten schrecklichen Sekunden der vorherigen Blutung schien die Zeit jetzt viel schneller zu verstreichen. Conways Hande und die Instrumente befanden sich ein gutes Stuck au?erhalb des Neutralisatorenfelds unter vierfacher Erdanziehungskraft und schienen deshalb ungeheuer langsam und unbeholfen zu sein. Mehrmals stie?en seine Instrumente laut klirrend mit Hossantirs zusammen. Mit dem Chirurgen, der aus Versehen gegen das Verbindungsschlauchventil gekommen war und die Einstellung verandert hatte, konnte er mitfuhlen, wer immer es gewesen war. Er mu?te sich scharf konzentrieren, um die Instrumente davon abzuhalten, ein Eigenleben zu entwickeln.
Hossantirs Arbeit beobachtete er nicht, denn der Tralthaner beherrschte sein Fach, und fur chirurgische Beobachtungen war keine Zeit.
Er legte Stutznahte an, um die Arterie an beiden Seiten des Verbindungsstucks zu fixieren, das sowohl die Enden der Ader beim Wiedereinsetzen des Blutkreislaufs fest an ihrem Platz halten als auch das korpereigene und neu eingepflanzte Gewebe trennen sollte, um postoperative Absto?ungsprobleme zu vermindern. Zuweilen wunderte sich Conway, weshalb ein hochentwickelter und komplizierter Organismus immunologisch gesehen sein eigener schlimmster Feind sein sollte. Als nachstes stellte er die Verbindung zu dem Gefa? her, das einen der Hauptherzmuskel mit Nahrstoffen aus dem Absorptionsorgan versorgte.
Hossantir war inzwischen mit dem Anschlu? des zweiten Absorptionsorgans fertig und hatte sich dem kleineren Gefa? zugewandt, das die eine Halfte der Gebarmutter versorgte, wenn der Hudlarer gerade dem weiblichen Geschlecht angehorte — das zweite, unbeschadigte Herz hatte seit Operationsbeginn die doppelte Arbeit geleistet. Die Zeit wurde ihnen knapp, wenn auch bisher noch nicht in gefahrlichem Ma?e, als der Tralthaner mit einem freien Tentakel auf den Monitor deutete.
„Herzrhythmusstorungen“, sagte Hossantir. „Alle funf, nein, alle vier Schlage ein normaler. Der Blutdruck sinkt. Den Anzeichen nach wird das Herz zu flattern anfangen und sehr schnell zum Stillstand kommen. Der Defbrillator ist bereit.“
Conway warf einen raschen Blick auf den Bildschirm, auf dem die unregelma?ige Herzfrequenz alle vier Schlage einmal in den normalen Rhythmus verfiel. Aus Erfahrung wu?te er, wie schnell das in ein schnelles, unkontrollierbares Flattern ausarten und durch den sich daraus ergebenden Verlust der Pumpleistung zum Herzversagen fuhren konnte. Zwar wurde der Defibrillator das Herz mit seinen Stromsto?en ganz sicher wieder zum Arbeiten bringen, konnte aber nicht eingesetzt werden, solange noch die Operation am Spenderherz durchgefuhrt wurde. Conway setzte seine Arbeit in verzweifeltem Tempo, aber dennoch sorgfaltig fort. Seine Konzentration war so gro?, da? alle Gehirnpartner wieder miteinbezogen wurden, ihre Sachkenntnis beisteuerten und gleichzeitig ihre Verargerung kundtaten, weil zwei terrestrische Hande die Arbeit vollbrachten und nicht die verschiedenartigen Greiforgane, Zangen und Finger der Alter egos. Als Conway schlie?lich aufsah, stellte er fest, da? Hossantir und er die Herstellung der Verbindungen zur gleichen Zeit abgeschlossen hatten. Doch ein paar Sekunden spater fing das andere Herz zu flattern an und kam kurz darauf zum Stillstand. Nun wurde die Zeit wirklich knapp.
Sie lockerten die Klammern an der Hauptschlagader und den untergeordneten Blutgefa?en, beobachteten, wie sich das schlaffe Spenderherz langsam aufblahte, wahrend es sich mit dem Blut von FROB dreiundvierzig fullte, und uberpruften es mit den Scannern auf die Bildung einer moglichen Luftembolie. Da keine vorhanden waren, setzte Conway die vier kleinen Elektroden an die entsprechenden Stellen, um die Anregung des Spenderherzens vorzubereiten. Anders als die fur das andere Herz benotigte Stromspannung des Defibrillators, die mehr als funfundzwanzig Zentimeter zahe Hudlarerhaut und darunterliegendes Gewebe durchdringen mu?te, wurden die Elektroden direkt auf die Oberflachenmuskulatur des Spenderherzens wirken und deshalb nur mit relativ schwacher Spannung arbeiten.
Der Defibrillator erzielte keinen Erfolg. Fur ein paar Augenblicke flatterten beide Herzen unregelma?ig und blieben dann stehen.
„Noch mal!“ rief Conway.
„Das Herz des Embryos ist zum Stillstand gekommen“, meldete Hossantir plotzlich.
„Das hatte ich erwartet“, entgegnete Conway, der zwar nicht allwissend klingen wollte, aber auch keine Zeit fur Erklarungen hatte.
Jetzt wu?te er, warum er die Verbindungen zum Spenderherzen nach dem Notfall mit der Pumpe so schnell hatte herstellen wollen. Es war keine Ahnung gewesen, sondern eine Erinnerung aus der Vergangenheit, als er Assistenzarzt gewesen war, und diese Erinnerung stammte von ihm selbst.
Es war wahrend des ersten Vertrags uber FROBs geschehen, den er besucht hatte und der vom leitenden Diagnostiker der Pathologie, Thornnastor, gehalten worden war. Conway hatte die Bemerkung gemacht, da? sich die hudlarische Spezies glucklich preisen konne, weil sie uber ein Ersatzherz verfugte, falls eins versagen sollte. Das hatte er als Witz gemeint, aber Thornnastor war — figurlich gesprochen — mit allen sechs Beinen uber ihn hergefallen, weil Conway eine derartige Bemerkung von sich gegeben hatte, ohne vorher die Physiologie der Hudlarer in allen Einzelheiten studiert zu haben. Danach hatte der Pathologe die Nachteile beschrieben, die zwei Herzen mit sich brachten, besonders, wenn es sich bei dem Betreffenden um eine schwangere, gerade dem weiblichen Geschlecht angehorende Hudlarerin handelte, und Conway uber das Nervengeflecht ins Bild gesetzt, das die unwillkurliche Muskulatur steuerte und das empfindliche Gleichgewicht zwischen den Impulsen zu vier Herzen, den beiden der Mutter und den beiden des Embryos, aufrechterhielt. Gerade in einem solchen Stadium konnte das Versagen eines Herzens ganz schnell zum Stillstand der ubrigen drei fuhren.
„Und noch mal!“ rief Conway beunruhigt. Damals war der Zwischenfall beim Vortrag nicht der Erinnerung wert gewesen, weil man eine allumfassende Chirurgie bei FROBs in jenen Tagen fur unmoglich gehalten hatte. Er fragte sich bereits, ob die Hudlarerin jetzt keine Uberlebenschancen mehr hatte, als plotzlich beide Herzen zuckten, noch einmal zogerten, und dann kraftig und gleichma?ig zu schlagen begannen.
„Die Herzen des Fotus arbeiten auch wieder!“ jubelte Hossantir und fugte wenige Sekunden spater hinzu: „Pulsschlag optimal.“
Die auf dem Sensorendisplay angezeigten Gehirnstrome waren fur eine tief bewu?tlose Hudlarerin normal und lie?en erkennen, da? es durch das mehrminutige Aussetzen des Blutkreislaufs zu keinen Gehirnschaden gekommen war. Allmahlich entspannte sich Conway. Seltsamerweise wurden jedoch jetzt, nachdem der Notfall vorbei war, seine ubrigen Gehirnpartner unangenehm aufdringlich. Es war, als ob sie ebenfalls erleichtert waren und mit viel zuviel Begeisterung auf die Umstande reagierten. Verargert schuttelte Conway den Kopf und hielt sich noch einmal vor Augen, da? es sich blo? um Gedachtnisaufzeichnungen handelte, um simple, gespeicherte Massen an Informationen und Erfahrungen, die seinem Gehirn zur Verfugung standen, um benutzt oder ignoriert zu werden, ganz so, wie er es fur angebracht hielt. Doch dann kam ihm der unbehagliche Gedanke, da? auch sein eigener Verstand aus nichts weiter als einer Ansammlung von Kenntnissen, Eindrucken und Erfahrungen bestand, und was machte dieses im Gehirn gespeicherte Wissen soviel wichtiger und bedeutender als das der anderen?
Diesen plotzlich erschreckenden Gedanken versuchte er zu verdrangen, indem er sich daran erinnerte, da? er immer noch lebte und in der Lage war, neue Eindrucke zu empfangen und durch sie standig seine gesamte Erfahrung zu verandern, wahrend das Material auf dem Band bei der Aufnahme in seinem damaligen Zustand eingefroren worden war. Auf jeden Fall waren die Urheber schon lange tot oder weit vom Orbit Hospital entfernt. Trotzdem hatte Conway das beklemmende Gefuhl, als zweifelte sein Verstand allmahlich die eigene Autoritat an, und auf einmal furchtete er um seine geistige Gesundheit.
Wenn O'Mara gewu?t hatte, da? Conway derartigen Gedanken nachhing, ware er fuchsteufelswild geworden. Nach Ansicht des Chefpsychologen war ein Arzt sowohl physisch als auch psychisch fur seine Arbeit und die Mittel verantwortlich, die ihm das Verrichten dieser Arbeit ermoglichten. Konnte der Arzt seine Aufgabe nicht zur vollen Zufriedenheit erfullen, dann sollte sich der Betreffende eine Beschaftigung suchen, die weniger hohe Anforderungen stellte.
