Braithwaite verlie? die Kantine, bevor die anderen mit dem Essen fertig waren, und entschuldigte sich damit, da? O'Mara seine Gedarme als Strumpfhalter verwenden wurde, falls er zwei Tage hintereinander zu spat vom Mittagessen zuruckkame. Uber O'Mara wu?te Cha Thrat nicht mehr, als da? er so etwas wie ein au?erordentlich geachteter und gefurchteter Herrscher war, aber diese Strafe fur Unpunktlichkeit klang doch ein wenig ubertrieben. Danalta sagte ihr, sie solle sich daruber aber keine Gedanken machen, da Terrestrier haufig solche unglaublich ubertriebenen Erklarungen abgaben. Es handle sich dabei um eine Art Sprachcode, den man untereinander verwende und der einen losen Zusammenhang mit dem assoziativen Denkproze? habe, den man Humor nenne.

„Ich verstehe“, entgegnete Cha Thrat.

„Ich nicht“, fugte Danalta hinzu.

Der Herrscher des Schiffs Chiang bellte leise vor sich hin, sagte aber nichts.

Da sich Braithwaite davongemacht hatte, war der Gestaltwandler ihr einziger Fuhrer auf dem noch langeren und komplizierteren Weg zu jener Station, auf der sich Chiang untersuchen lassen sollte — dabei handelte es sich nach Cha Thrats Information um eine der kombinierten Unfallaufnahme- und Beobachtungsstationen, die der Behandlung von warmblutigen Sauerstoffatmern vorbehalten waren. Danalta hatte wieder seine eigene Gestalt einer dunkelgrunen und ungleichma?igen Riesenkugel angenommen und bewegte sich auf den Korridoren und Gangen mit uberraschender Geschwindigkeit und Gewandtheit durch das Gedrange fahrender und gehender Aliens. Cha Thrat fragte sich, ob es ihm lediglich zu gro?e Muhe machte, die sommaradvanische Gestalt beizubehalten, oder ob er spurte, da? sie solche psychologischen Krucken jetzt nicht mehr brauchte.

Zwar war der Raum uberraschend gro?, doch blieb durch die vielen verschiedenen Untersuchungstische und die dazugehorenden Gerate, die den Boden und die Wande fast vollig verdeckten, nur wenig von ihm ubrig. Es gab eine Zuschauergalerie fur Besucher und Auszubildende, und Danalta schlug Cha Thrat vor, dort in dem fur sie am wenigsten unbequemen Stuhl Platz zu nehmen, wahrend sie warteten. Eins der Wesen mit silbernem Fell hatte Chiang bereits zur Vorbereitung auf die Untersuchung weggebracht.

„Hier oben konnen wir alles, was da unten vor sich geht, sehen und horen“, erklarte Danalta. „Aber man kann uns nicht horen. Es sei denn, Sie drucken die Sprechtaste hier an der Seite des Stuhls. Falls man Ihnen irgendwelche Fragen stellt, mussen Sie die benutzen.“

Ein zweites Wesen mit silbernem Fell — moglicherweise war es auch dasselbe wie vorhin — bewegte sich wellenformig in den Saal, nahm ein paar anscheinend sinnlose Handgriffe an einem bislang unbegreiflichen Gerat vor und blickte beim Hinausgehen kurz zu ihnen herauf.

„Und jetzt warten wir am besten einfach ab, was passiert“, fuhr Danalta fort. „Aber Ihnen mussen doch einige Fragen regelrecht auf der Zunge brennen, Cha Thrat. Uns bleibt bestimmt noch genugend Zeit, um ein paar davon zu behandeln.“

Der Gestaltwandler hatte die klumpige Form einer grunen Halbkugel beibehalten, die bis auf ein knollenformiges Auge und einen dunnen fleischigen Auswuchs, der die Aufgaben des Horens und Sprechens zu verbinden schien, keine besonderen Merkmale aufwies. Im Laufe der Zeit gewohnt man sich an alles, dachte Cha Thrat — allerdings nicht an die mangelnde Disziplin dieser Wesen und auch nicht an deren Abneigung, ihren Verantwortungsbereich und die Grenzen ihrer Befugnis genau zu bestimmen.

„Bisher wei? ich noch zu wenig und bin von all den neuen Eindrucken zu verwirrt, um die richtigen Fragen zu stellen“, entgegnete sie in sorgfaltig gewahlten Worten. „Aber darf ich vielleicht mit der Bitte um eine ausfuhrliche Darlegung Ihres personlichen Aufgaben- und Verantwortungsbereichs sowie der Klasse von Patienten, die Sie behandeln, beginnen?“

Die Antwort darauf verwirrte sie jedoch noch mehr als alles andere zuvor.

„Ich behandle keine Patienten“, antwortete Danalta, „und wenn es keinen schwerwiegenden Notfall gibt, der eine chirurgische Behandlung erfordert, werde ich auch nicht darum gebeten. Was meinen Dienst angeht, bin ich Mitglied des medizinischen Teams der Rhabwar. Das ist das speziell fur die Belange des Hospitals ausgerustete Ambulanzschiff, auf dem eine technische Crew aus Offizieren des Monitorkorps zusammen mit einem Arzteteam arbeitet, das den Oberbefehl ubernimmt, sobald das Ambulanzschiff die Position des verungluckten Schiffs oder, je nachdem, den Schauplatz der Katastrophe erreicht hat.

Zum medizinischen Team“, fuhr er fort, ohne Cha Thrats Verwirrung zu beachten, „das von dem cinrusskischen Empathen Prilicla geleitet wird, gehoren au?erdem Murchison, eine Terrestrierin, Oberschwester Naydrad, eine in der Bergung im All erfahrene Kelgianerin, und ich. Meine Aufgabe ist es, die Fahigkeit des Gestaltenwechsels einzusetzen, um zu Verungluckten vorzudringen, die moglicherweise noch in Bereichen eingeschlossen sind, die fur Wesen mit begrenzter korperlicher Anpassungsfahigkeit unzuganglich sind. Dort leiste ich Erste Hilfe und tue alles mir Mogliche zur Unterstutzung der Verletzten, bis die Bergungsmannschaft in der Lage ist, sie zu befreien und aufs Ambulanzschiff zu bringen, um sie dann so schnell wie moglich zum Hospital weiterzutransportieren. Sie werden verstehen, da? man durch das Ausstulpen von Gliedma?en und Fuhlern in jeder erforderlichen Form in den sehr beengten Verhaltnissen im Innern eines stark beschadigten Raumschiffs nutzliche Arbeit verrichten kann, und zuweilen gelingt es mir sogar, einen wirklich wertvollen Beitrag zur Rettung von Uberlebenden zu leisten. Aber wenn ich ehrlich bin, mu? ich gestehen, da? die eigentliche Arbeit fast immer vom Hospital erledigt wird.

Das ist also mein Platz in diesem medizinischen Tollhaus“, beendete Danalta seine Ausfuhrungen.

Cha Thrats Verwirrung war mit jedem Wort gestiegen. Zweifellos besa? dieser Alien gewisse korperliche Fahigkeiten und geistige Begabungen, aber war er wirklich blo? ein Diener? Falls Danalta ihre Verwirrung spurte, verkannte er jedenfalls deren Ursache.

„Naturlich habe ich auch noch andere Aufgaben“, fuhr er fort und stie? mit seinem unterrestrischen Mund ein hochst terrestrisches Bellen aus. „Als ich noch relativ neu im Hospital war, hat man mich zum Empfang von Neuankommlingen wie Ihnen geschickt, weil man annahm, ich wurde denen helfen, wenn sie. Achtung, Cha Thrat! Gerade wird Ihr ehemaliger Patient hereingebracht.“

Zwei der Wesen mit silbernem Fell, die Danalta als kelgianische Operationsschwestern bezeichnete, brachten Chiang auf einer Elektrotrage herein, obwohl der Herrscher des Schiffs durchaus gehfahig war und er diese Tatsache den beiden Schwestern auch standig in Erinnerung rief. Der terrestrische Leib war in ein grunes Tuch gehullt, so da? nur noch der Kopf sichtbar war. Wahrend die zwei Schwestern ihn zum Untersuchungstisch transportierten, hielten Chiangs Proteste an, bis ihn eine der beiden Kelgianerinnen in einer Art und Weise, die jeden einem Herrscher gebuhrenden Respekt vermissen lie?, daran erinnerte, da? er schlie?lich ein erwachsenes Wesen mit einer gewissen Reife sei und endlich aufhoren solle, sich wie ein Kleinkind zu benehmen.

Bevor die Schwester ihre Ermahnung beendet hatte, kam ein sechsbeiniger Alien mit Ektoskelett und einem hohen, uppig gezeichneten Ruckenpanzer herein und naherte sich dem Untersuchungstisch. Schweigend streckte er seine Greifzangen aus und wartete, bis die Substanz, mit der eine der Schwestern diese bespruht hatte, zu einem dunnen, transparenten Film getrocknet war.

„Das ist Chefarzt Edanelt“, sagte Danalta. „Er ist Melfaner und gehort zur physiologischen Klassifikation ELNT, deren Ruf in der Chirurgie.“

„Sie mussen meine Unwissenheit schon entschuldigen“, unterbrach ihn Cha Thrat, „aber abgesehen davon, da? ich eine DCNF bin, die Terrestrier zu den DBDGs gehoren und der Melfarier ein ELNT ist, wei? ich nichts uber Ihr Klassifikationssystem.“

„Das werden Sie schon noch lernen“, beruhigte sie der Gestaltwandler. „Vorlaufig schauen Sie am besten einfach nur zu und halten sich fur etwaige Fragen bereit.“

Aber es wurden keine Fragen gestellt. Edanelt sprach im Verlauf der Untersuchung kein Wort, und die Schwestern und der Patient lie?en ebenfalls nichts verlauten. Cha Thrat lernte den Verwendungszweck von einem der Gerate kennen, einem Tiefenscanner, der in den kleinsten Einzelheiten das unter der Haut liegende Blutversorgungsnetz, die Muskulatur, den Knochenbau und sogar die Bewegungen der tiefsten inneren Organe zeigte. Die Bilder wurden auf den Bildschirm der Zuschauergalerie ubertragen. Dazu erschienen eine Menge physiologischer Daten, die zwar in graphischer Form dargestellt wurden, Cha Thrat aber dennoch vollkommen unverstandlich blieben.

„Das ist auch noch etwas, das Sie im Laufe der Zeit lernen werden“, merkte Danalta an.

Cha Thrat hatte den Schirm scharf beobachtet und war von Edanelts peinlich genauem Aufzeichnen der chirurgischen Arbeit, die sie auf Sommaradva an Chiang geleistet hatte, derart gefesselt, da? ihr nicht bewu?t war, die ganze Zeit uber laut gedacht zu haben. Sie schaute aber noch rechtzeitig auf, um Zeuge der Ankunft

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