Cinrussker.
„Ich verstehe, Doktor, aber da gibt es ein Problem“, gab Fletcher leicht verlegen zu bedenken. „Pathologin Murchison benotigt das gesamte medizinische Team, und fur die Ausdehnung der Hyperraumhulle der Rhabwar, die Nachjustierung der Traktorstrahlen fur den Sprung und die Montage des Bordtunnels sind alle Schiffsoffiziere erforderlich.“
„Bleibe ich als einzige ubrig, die nichts zu tun hat“, schlug Cha Thrat leise vor.
„Was soll also Vorrang haben?“ fragte der Captain, der sie anscheinend nicht gehort hatte. „Die Suche nach dem bewu?tlosen FGHJ oder der schnellstmogliche Transport von ihm und der restlichen Besatzung zum Orbit Hospital?“
„Ich werde das Schiff durchsuchen“, sagte Cha Thrat, dieses Mal lauter.
„Danke, Cha Thrat, ich hatte schon gespurt, da? Sie sich freiwillig melden wollten“, gab Prilicla zu verstehen. „Aber uberlegen Sie es sich ganz genau, bevor Sie sich entscheiden. Der Uberlebende wird, falls Sie ihn finden, zu schwach sein, um Sie zu verletzen, jedoch drohen noch andere Gefahren. Dieses Schiff ist riesig und uns genauso unbekannt wie Ihnen.“
„Ja, Cha Thrat, Prilicla hat vollkommen recht“, mischte sich der Captain ein. „Das hier ist etwas anderes als die Wartungsschachte im Orbit Hospital. Die Farbmarkierungen haben hier, falls uberhaupt vorhanden, eine vollig andere Bedeutung. Bei nichts, was Ihnen vor die Augen kommt, konnen Sie von irgendeiner Ihnen bekannten Voraussetzung ausgehen, und wenn Sie sich aus Versehen in den Steuerungsgestangen oder Kabelstrangen verfangen, dann gute Nacht. Na schon, Sie durfen auf die Suche gehen, aber machen Sie keine Dummheiten!“
Dann blickte Fletcher Prilicla an und fugte wehmutig hinzu: „Also, ich habe bei der immer das Gefuhl, in den Wind zu reden. Spuren Sie das, Doktor?“
17. Kapitel
Mit Hilfe der Ausdrucke der von den Sensoren der Rhabwar ubermittelten Daten, die Aufschlu? uber den Aufbau des Schiffs und insbesondere uber die Gro?e und Lage der Hohlraume gaben, begann Cha Thrat mit einer raschen und systematischen Durchsuchung des fremden Schiffs. Dabei lie? sie nur das Kommandodeck, die Schlafsale mit den Aliens und bestimmte Bereiche in der Nahe des Schiffsreaktors au?er acht, da diese dem Lageplan der Sensordaten zufolge weder von FGHJ-Lebensform noch von irgendeiner anderen Spezies betreten werden konnten, die nicht zu den Strahlungsverwertern gehorte. Sie achtete sehr sorgfaltig darauf, samtliche Hohl- und Innenraume mit Schallsensoren und dem schweren Scanner zu uberprufen, bevor sie irgendeine Tur oder Klappe offnete. Zwar empfand sie keine Angst, aber es gab Momente, in denen ihr wie kleine, eiskalte Fu?e Schauer uber den ganzen Rucken liefen.
Das geschah normalerweise immer dann, wenn ihr zu Bewu?tsein kam, da? sie ein fremdes Raumschiff nach Uberlebenden einer Spezies durchsuchte, deren Vorhandensein sie sich noch vor kurzer Zeit nicht hatte vorstellen konnen — und das auf Anweisung anderer unvorstellbarer Wesen aus einem Krankenhaus, dessen Gro?e, Komplexitat und Insassen ihr wie die Realitat gewordenen Ausgeburten eines gestorten Geistes vorkamen. Doch war das Undenkbare und Unvorstellbare fur sie mittlerweile nicht nur denkbar, sondern auch akzeptabel geworden, und das alles nur, weil eine au?erst unzufriedene und relativ unbeliebte Chirurgin fur Krieger auf Sommaradva eine Gliedma?e und somit ihren fachlichen Ruf aufs Spiel gesetzt hatte, um den verletzten au?erplanetarischen Herrscher eines Schiffs zu behandeln.
Bei dem Gedanken, was ihr die Zukunft gebracht hatte, wenn sie diese Risiko nicht eingegangen ware, bekam sie erneut eine Gansehaut, dieses Mal wirklich aus Angst.
Obwohl die erste Durchsuchung rasch und nur oberflachlich vonstatten gehen sollte, dauerte diese viel langer, als sie es erwartet hatte. Als sie ihren Rundgang endlich beendet hatte, war der Bordtunnel der Rhabwar bereits angebracht worden, und ihre beiden leeren Magen knurrten mittlerweile so laut, da? Cha Thrat sie sowohl spuren als auch horen konnte.
Prilicla wies sie an, sie solle diese Symptome noch vor ihrer Berichterstattung sofort beheben.
Als Cha Thrat auf dem Unfalldeck eintraf, waren Prilicla, Murchison und Danalta mit der Leiche beschaftigt, wahrend ihnen Naydrad und Khone, die ihren behaarten Korper gegen die durchsichtige Trennwand druckte, mit solch brennendem Interesse zusahen, da? lediglich der Cinrussker die Ankunft der Sommaradvanerin bemerkt hatte.
„Was ist los, meine Freundin?“ fragte der Empath. „Irgend etwas auf dem Schiff hat sie beunruhigt, das habe ich sogar noch hier gespurt.“
„Das hier“, entgegnete sie und hielt eine der Fu?fesseln hoch, die Murchison der Leiche vor dem Transport zur Rhabwar abgenommen und liegengelassen hatte. „Die Kette ist nicht mit einem Schlo? oder ahnlichem an der Beinmanschette befestigt, sondern nur mit einem einfachen Sprungfederbolzen, der leicht ausgeklinkt werden kann, wenn man genau hier drauf druckt.“
Sie zeigte es kurz und fuhr dann fort: „Als ich den Kommandodeckbereich abgesucht habe, habe ich einen Blick auf das an die Liege gekettete Besatzungsmitglied geworfen, ohne selbst gesehen zu werden, und festgestellt, da? die Ketten an seinen vier Beinmanschetten mit den gleichen Schnappverschlussen befestigt sind. Der Alien und auch die Leiche hier hatten sich einfach durch das Offnen der Verschlusse, die fur die Hande bequem erreichbar sind, befreien konnen. Der tote FGHJ hatte die Ketten nicht aufsprengen mussen, und das mu? auch der an die Steuerungsliege gekettete Alien nicht, der sich trotzdem weiterhin heftig gegen die Fesseln straubt, die er sich so leicht abnehmen konnte. Das alles ist au?erst ratselhaft, trotzdem glaube ich, da? wir die Theorie, diese Aliens seien angekettete Gefangene, vergessen konnen.“
Wahrend sie ihre Ausfuhrungen fortsetzte, sahen sie die anderen alle aufmerksam an. „Aber wovon sind sie befallen? Was versetzt ein Besatzungsmitglied, das normalerweise ein verantwortungsbewu?tes und umfassend ausgebildetes Individuum ist und als solches befahigt ist, ein Raumschiff zu bedienen, in einen derartigen Zustand, da? es nicht einmal die Gurte seiner Liege offnen kann? Was hat den ubrigen Besatzungsmitgliedern die Fahigkeit geraubt, die Turen der eigenen Schlafsale zu offnen oder sich selbst mit Nahrung zu versorgen? Warum ist ihr Verhalten auf das Niveau unvernunftiger Tiere herabgesunken? Konnten dafur Nahrungsmittel oder das Fehlen bestimmter Nahrungsmittel verantwortlich sein? Und bevor ich mich von Ihnen getrennt habe und Sie auf die Rhabwar zuruckgekehrt sind, hatte der Chefarzt angedeutet, da? die Gehirnzellen womoglich von einem fremden Organismus befallen worden sind. Vielleicht ist ja ein.“
„Wenn Sie mal kurz aufhoren wurden, standig Fragen zu stellen, hatte ich auch die Chance, wenigstens ein paar davon zu beantworten“, unterbrach Murchison verargert Cha Thrats Redeschwall. „Nein, Nahrung ist reichlich vorhanden, und in den Lebensmitteln ist nichts enthalten, was fur die Aliens giftig ware. Ich habe verschiedene auf dem Schiff transportierte Nahrstoffe analysiert und identifiziert, deshalb konnen Sie den Aliens etwas zu essen geben, sobald Sie wieder auf deren Schiff zuruckkehren. Was die Gehirnzellen betrifft, gibt es keine Anzeichen fur Schadigungen, und ich habe auch keine Hinweise auf eine Beeintrachtigung des Blutkreislaufs, eine Infektion oder irgendeine pathologische Anomalie gefunden.
Ich bin bei der Leiche auf geringe Mengen einer komplexen chemischen Verbindung gesto?en, die im Metabolismus dieser Lebensform wie ein starkes Beruhigungsmittel wirken mu?te. Die im Korper nachweisbaren Ruckstande lassen darauf schlie?en, da? vor moglicherweise drei oder vier Tagen eine starke Dosis eingenommen worden ist, deren Wirkung inzwischen nachgelassen hat. Eine gro?e Menge dieses Beruhigungsmittels fand sich in den Beuteln am Harnisch der Leiche. Anscheinend haben die Aliens also das Beruhigungsmittel eingenommen und sich dann selbst an die Steuerungsliege gefesselt beziehungsweise in die Schlafsale eingesperrt.“
Es trat eine langes Schweigen ein, das erst von Khone unterbrochen wurde, die ihren Sohn hochhielt, damit das durre kleine Geschopf all die seltsamen Wesen auf der anderen Seite der durchsichtigen Trennwand sehen konnte. Cha Thrat fragte sich, ob die Gogleskanerin auf diese Weise versuchte, die geistig-seelische Ausrichtung des Jungen schon jetzt, im zarten Alter von zwei Tagen, abzuschwachen.
„Hoffentlich wird durch diese Unterbrechung der Patientin nicht die kostbare Zeit der uber mehr Intelligenz und Erfahrung verfugenden Arzte vergeudet“, sagte sie in unpersonlichen Worten, „aber auf Goglesk ist allgemein anerkannt, da? sich ansonsten vernunftige und zivilisierte Lebewesen unter bestimmten Umstanden und gegen ihren eigenen Willen wie bosartige, zerstorerische Tiere verhalten. Vielleicht haben die Aliens auf dem fremden
