„Ich nehme an, das hat irgendwann einmal irgendein weiser sommaradvanischer Philosoph gesagt“, entgegnete Murchison trocken. „Entschuldigen Sie, Cha Thrat. Was wollten Sie sagen?“

„Das hat ein terrestrischer Lieutenant namens Timmins gesagt“, korrigierte sie die Pathologin. „Ich wollte eigentlich nur noch mal das Problem zusammenfassen: Wir stehen einer Schiffsbesatzung gegenuber, die anscheinend an einer Krankheit leidet, die sich nicht auf die korperliche Gesundheit auswirkt, dafur aber den Verstand beeintrachtigt. Die Aliens sind nicht nur au?erstande, ihr unbeschadigtes und vollkommen funktionstuchtiges Schiff zu fliegen, sondern erinnern sich auch nicht einmal daran, wie die Beinfesseln, Turen oder Essensbehalter zu offnen sind. Also sind auf das Niveau gesunder Tiere gesunken.“

„Jetzt haben Sie das Problem zwar noch einmal dargestellt, aber in denselben Worten wie zuvor“, hielt ihr Murchison in ruhigem Ton entgegen.

„Die Wohnquartiere sind kahl und trostlos, weshalb wir zuerst geglaubt hatten, das hier sei ein Gefangenenschiff“, fuhr Cha Thrat fort. „Aber womoglich wissen die Besatzungsmitglieder, aus Grunden, die vielleicht psychischer Natur sind und mit Raumflugen zusammenhangen oder mit einer Krankheit, die sie auf Raumreisen befallt, da? fur sie korperliche Bequemlichkeit, angenehme Umgebungen und von ihnen geschatzte personliche Habseligkeiten auf dem Flug vollkommen uberflussig sind, weil sie damit rechnen, zu Tieren zu werden. Normalerweise ist das vielleicht nur ein kurzer, episodenhafter und vorubergehender Zustand, aber diesmal ist irgend etwas schiefgegangen und das Ganze zu einem Dauerzustand geworden.“

„Jetzt haben Sie das Problem wirklich mit anderen Worten formuliert“, stellte Murchison fest, wobei sie merkwurdig rollende und zuckende Bewegungen mit den Schultern und ein Hohlkreuz machte, als liefe ihr das, was Terrestrier wohl „Gansehaut“ nannten, uber den Rucken. „Aber falls Ihnen das irgendwie weiterhilft, unter den Proben, die Naydrad mir zur Analyse gebracht hat, befanden sich sowohl ein Medikament als auch Nahrungsmittel. Bei dem Medikament handelt es sich nur um eine Sorte, namlich um das Beruhigungsmittel, dessen Ruckstande ich in der Leiche gefunden habe, und zwar in Form von Kapseln, die geschluckt werden mussen. Sie konnten also damit recht haben, da? die Aliens den Zustand vorhergesehen und Vorkehrungen getroffen haben, um das Risiko zu verringern, sich in der vernunftlosen Phase selbst zu verletzen. Allerdings ist es schon merkwurdig, da? Naydrad, die nach solchen Dingen immer sehr grundlich sucht, nur diesen einen Arzneityp gefunden hat, aber keine Spur von Untersuchungs—, Diagnose- und Operationsinstrumenten. Selbst wenn diese Aliens vor dem Start von ihrer Erkrankung gewu?t haben, sieht es ganz so aus, als wurde kein Arzt zur Besatzung gehoren.“

„Wenn uberhaupt, dann macht diese neue Erkenntnis das Problem nur noch schwieriger“, merkte Cha Thrat an.

Murchison lachte, aber die Blasse ihres normalerweise rosafarbenen Gesichts verriet, da? sie an der Situation nichts komisch fand. „Bei dem Alien, den ich untersucht habe, konnte ich bis auf die versehentlich zugezogene Kopfverletzung, an der er gestorben ist, nichts entdecken, was nicht in Ordnung gewesen ware, und auch bei den ubrigen Besatzungsmitgliedern kann ich keine medizinischen Makel feststellen. Aber irgend etwas mu? die hoheren Zentren des Verstands zerstort haben, ohne eine Spur zu hinterlassen, und mu? dabei samtliche Erinnerungen, in der Ausbildung erworbene Kenntnisse und Erfahrungen aus ihrem Gehirn geloscht haben, so da? nichts anderes als die Instinkte und Verhaltensmuster von Tieren ubriggeblieben sind.

Was fur ein Organismus oder Organ konnte eine derart selektive Zerstorung hervorrufen?“ schlo? sie, und ihr schauderte erneut bei diesem Gedanken.

Cha Thrat spurte plotzlich den Drang, die Pathologin in die Mittelgliedma?en zu nehmen und zu trosten, und wurde von einem Gefuhl ergriffen, mit dem kein Sommaradvaner, ob mannlich oder weiblich, einen Terrestrier betrachten sollte. Mit Muhe brachte sie ihre Emotionen unter Kontrolle und entgegnete freundlich: „Vielleicht liefert Ihnen das Betaubungsmittel die Antwort. Im Moment haben wir ja nur Patienten, bei denen die Krankheit oder was auch immer ihren Lauf genommen hat. Wenn die Aliens narkotisiert sind und wir den fehlenden Uberlebenden gefunden haben, ware es dann nicht moglich, da? die Krankheit bei diesem FGHJ nicht fortgeschritten ist oder er eine naturliche Widerstandskraft gegen sie besitzt? Indem Sie die Krankheit und den widerstandsfahigen Patienten genau untersuchen, finden Sie vielleicht die richtige Behandlung fur alle heraus.“

„Ach ja, das Betaubungsmittel“, sagte Murchison und lachelte. „Ihre taktvolle Art, eine geistesabwesende Pathologin an ihre eigentlichen Pflichten zu erinnern, wurde selbst Prilicla alle Ehre machen. Ich vergeude hier nur meine Zeit.“

Sie wandte sich zum Gehen, hielt dann aber inne. Ihr Gesicht war immer noch sehr bla?.

„Was auch immer diese Aliens befallen hat, liegt au?erhalb meiner medizinischen Erfahrung und vielleicht auch der des Hospitals“, sagte sie grimmig. „Aber fur uns durfte keine Gefahr bestehen. Wie Sie aus Ihren medizinischen Vorlesungen bereits wissen, konnen die Krankheitserreger fremder Spezies nur Lebensformen mit der gleichen planetarischen und evolutionaren Entwicklungsgeschichte angreifen, haben aber keinen Einflu? auf au?erplanetarische Organismen. Doch es gibt Momente, in denen wir uns trotz all unseres gegenteiligen Wissens fragen mussen, ob wir nicht eines Tages auf die Ausnahme sto?en, die die Regel bestatigt, auf eine Krankheit oder medizinische Beschwerden also, die diese Barriere zwischen den Spezies uberwinden konnen.

Die blo?e Moglichkeit, da? wir es hier mit dieser Ausnahme zu tun haben, erschreckt mich zu Tode“, fuhr sie in sehr ernstem Ton fort. „Falls diese Krankheit unser bakteriologisches Schreckgespenst sein sollte, mussen wir uns in Erinnerung rufen, da? sie anscheinend keine Auswirkungen auf den Korper hat. Der Ausbruch und die Symptomatologie des Leidens sind wahrscheinlich eher psychischer als physischer Natur. Daruber werde ich mich mal mit Prilicla unterhalten, und bei Ihnen sollten wir auf deutliche Veranderungen in Ihrem Verhalten achten, so, wie Sie selbst Ihre Denkvorgange auf untypische Gedanken oder Empfindungen hin beobachten mussen.“

Ganz offensichtlich uber sich selbst verargert, schuttelte die Pathologin den Kopf. „Hier kann Ihnen jedenfalls nichts passieren, dessen bin ich mir so sicher, wie ich es nur sein kann. Aber, Cha Thrat, seien Sie bitte trotzdem ganz vorsichtig.“

18. Kapitel

Cha Thrat hatte keine Ahnung, wie lange sie damit verbracht hatte, den wie irrsinnig auf der Liege zappelnden FGHJ und dessen kraftige Hande mit den Stummelfingern, die das gro?e Schiff auf dem Flug durch den Raum gesteuert hatten, zu betrachten, bevor sie das Kommandodeck deprimiert und verargert uber die eigene Unfahigkeit, einen einzigen, konstruktiven Gedanken zu fassen, verlie?, um Nahrungsmittel fur die ubrigen, immer noch hungrigen Besatzungsmitglieder zusammenzusammeln. Doch als sie ein paar Minuten spater den nachstgelegenen Lebensmittelvorratsraum betrat, stellte sie verblufft fest, da? Prilicla bereits dort war.

„Meine Freundin, wir haben den Plan geandert.“, begru?te sie der Empath.

Das Betaubungsmittel, das Murchison gerade herstellte, sollte zunachst am FGHJ auf dem Kommandodeck in winzigen, aber allmahlich steigenden Dosen getestet werden. Erst nach dem Abschlu? dieser Testreihe, die bis zu drei Tage dauern konnte, ware die Pathologin in der Lage, die Anwendung des Mittels fur unbedenklich zu erklaren. Jedoch war sich Prilicla sicher, da? der noch nicht gefundene Alien keine drei Tage mehr zu leben habe, und deshalb musse man eine andere Methode, die Besatzungsmitglieder ruhigzustellen, ausprobieren; eine, die nicht so wirksam wie Narkotika sei. Das eigene Beruhigungsmittel der Besatzung stunde in ausreichender Menge zur Verfugung und wurde den Speisen und Getranken der Aliens in hohen Dosen beigemengt werden, da man hoffe, die Intensitat der emotionalen Ausstrahlung der stark beruhigten und gesattigten Aliens auf diese Weise auf ein Niveau zu reduzieren, bei dem der Empath den fehlenden und schwerkranken oder verletzten Uberlebenden wahrnehmen und lokalisieren konne.

„Ich mochte so schnell wie moglich samtliche Besatzungsmitglieder mit Essen und Beruhigungsmitteln versorgt haben“, fuhr Prilicla fort. „Die Art der emotionalen Ausstrahlung unseres Freunds deutet im Gegensatz zu den ubrigen Besatzungsmitgliedern eher auf einen Verstand mit hoher Intelligenz hin, die im Moment allerdings durch Schmerzen beeintrachtigt wird. Doch die Ausstrahlung wird immer schwacher. Ich furchte um sein Leben.“

Auf Priliclas Anweisung hin mischte Cha Thrat hohe Dosen Beruhigungsmittel in die flussige Nahrung und das Wasser und verteilte das Ganze schnell auf die Schlafsale, wahrend der Cinrussker von Deck zu Deck flog und sich anstrengte, mit seinen empathischen Fahigkeiten auch eine schwache und weit entfernte Ausstrahlung wahrzunehmen. Durch die vollen Magen und benommenen Kopfe drang die emotionale Ausstrahlung der

Вы читаете Notfall Code Blau
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату