stulpte vor Cha Thrats Augen eine eigene, dickere Gliedma?e mit Saugnapf hervor und heftete sich damit wie eine wachsame, fremdartige Pflanze an die Wand.

Rasch hangte Murchison ihre Instrumententasche mit Hilfe von Magnetscheiben an die Wand und befestigte mit gro?eren Magneten und Gurten die Leiche. „Unser Freund hier hat Pech gehabt, aber so hilft er wenigstens noch den anderen“, sagte die Pathologin. „Mit ihm kann ich Sachen anstellen, an die ich bei lebenden Unfallopfern gar nicht zu denken wagen wurde, und das, ohne wertvolle Zeit mit.“ „Verdammt, das ist doch geradezu lachhaft!“ fluchte plotzlich eine Stimme in samtlichen Kopfhorern, die vor Uberraschung und Unglaubigkeit so entstellt war, da? sie zunachst von niemandem als die des Captains identifiziert werden konnte. „Wir befinden uns jetzt auf dem Kommandodeck und haben ein zweites, diesmal lebendes Besatzungsmitglied entdeckt, das offensichtlich unverletzt ist und einen der funf Kommandoplatze einnimmt. Die ubrigen vier Platze sind leer. Aber der Uberlebende tragt an allen vier Beinen Fesseln und ist an seine Steuerungsliege festgekettet!“

Cha Thrat wandte sich von der Leiche ab und entfernte sich ohne ein Wort. Der Captain hatte ihr aufgetragen, Chen und ihm gleich nach der Ankunft des medizinischen Teams zu folgen, und genau das wollte sie jetzt tun, bevor Fletcher eine Chance haben wurde, den fruheren Befehl zu widerrufen. Ihre Neugier auf diesen eigentumlichen angeketteten Schiffsoffizier war so unertraglich, da? sie ihr beinahe physische Schmerzen bereitete.

Erst als sie schon zwei Decks weiter oben war, bemerkte sie, da? ihr Prilicla leise folgte.

„Ich habe versucht, mich mit dem Allen per Translator und durch die gebrauchlichen freundschaftlichen Handzeichen zu verstandigen“, berichtete Fletcher gerade. „Der Ubersetzungscomputer der Rhabwar ist imstande, einfache Mitteilungen in jede erdenkliche Sprache zu ubertragen, die auf einem Lautsystem basiert. Der Allen knurrt und bellt mich zwar an, aber diese Laute werden nicht ubersetzt. Sobald ich mich ihm nahere, benimmt er sich, als wolle er mir den Kopf abrei?en. Ein anderes Mal vollfuhrt er dann wieder ziellose und unkoordinierte Bewegungen mit dem Korper und den Gliedern, obwohl unser Freund ganz scharf darauf zu sein scheint, die Fu?fesseln loszuwerden.“

In diesem Moment trafen Prilicla und Cha Thrat ein, und der Captain fugte hinzu: „Sehen Sie selbst.“

Der Cinrussker hatte an der Decke direkt uber dem Eingang Stellung bezogen, weit entfernt von den wild fuchtelnden Armen des Besatzungsmitglieds, und sagte: „Freund Fletcher, die emotionale Ausstrahlung beunruhigt mich. Ich nehme Wut, Angst, Hunger und blinde, bedenkenlose Feindschaft wahr. Diese Gefuhle sind von solch einer Grobschlachtigkeit und Intensitat, wie man sie normalerweise nicht bei Wesen vorfindet, die uber hohere Intelligenz verfugen.“

„Der Meinung bin ich auch, Doktor“, stimmte der Captain zu und sprang instinktiv zuruck, als der Alien mit den gestutzten Krallen an den Handen nach seinem Gesicht stie?. „Aber die Liegen sind speziell fur diese Lebensform konstruiert worden, und auch die Bedienungselemente, Schalter und Turgriffe, die wir bisher gesehen haben, sind auf genau diese Hande abgestimmt. Im Moment beachtet der Alien das Steuerpult allerdings uberhaupt nicht, und die plotzliche Verstarkung der Schiffsdrehung, die wir bei unserem Anflug beobachtet haben, ist wahrscheinlich zufallig durch einen versehentlichen Schlag auf die entsprechenden Knopfe verursacht worden.

Die Liege dieses Aliens ist, wie die anderen vier, auf Laufschienen befestigt und bis zum hinteren Anschlag zuruckgeschoben“, fuhr Fletcher fort. „Dadurch ist es fur den Alien sehr schwierig, mit der Hand die Steuerpulte zu erreichen. Doktor Prilicla, haben Sie irgendwelche Ideen? Mir fallt dazu namlich nichts mehr ein.“

„Nein, mein Freund“, antwortete der Empath. „Aber wir sollten lieber auf ein tieferes Deck gehen, wo uns der Alien nicht horen und vor allem nicht sehen kann.“

Ein paar Minuten spater fuhr er fort: „Die Angst, der Zorn und die feindschaftlichen Gefuhle des Aliens haben sich jetzt verringert; der Hunger ist gleich stark geblieben. Aus Grunden, die ich im Moment nicht durchschaue, verhalt sich das Besatzungsmitglied unlogisch und befindet sich in einem Wechselbad der Gefuhle. Aber dort, wo der Alien jetzt ist, schwebt er nicht in unmittelbarer Gefahr und hat auch keinerlei Schmerzen. Freundin Murchison?“

„Ja?“

„Wenn Sie die Leiche untersuchen, achten Sie besonders auf den Kopf“, riet der Empath. „Mir ist der Gedanke gekommen, da? der Schadelbruch vielleicht doch nicht durch einen Unfall hervorgerufen wurde, sondern sich von dem Toten als Reaktion auf heftige und anhaltende Kopfschmerzen womoglich selbst beigebracht worden ist. Sie sollten nach Anzeichen einer Infektion oder Gewebsentartung der Gehirnzellen suchen, die die hoher entwickelten Denkzentren und den Bereich der Gefuhlsbeherrschung in Mitleidenschaft gezogen oder zerstort haben konnte.

Freund Fletcher“, fuhr Prilicla fort, ohne eine Antwort abzuwarten, „wir mussen schleunigst die restlichen Uberlebenden aufspuren und ihren Zustand uberprufen. Aber vorsichtig, falls sie sich genauso verhalten wie unser Freund auf dem Kommandodeck.“

Unter der Fuhrung von Priliclas empathischen Fahigkeiten machten sie rasch die drei gro?en Schlafsale mit den ubrigen Uberlebenden ausfindig, die allesamt bei Bewu?tsein waren und von denen sich funf in dem einen Raum und je vier in den beiden anderen aufhielten. Den Aliens war es nicht gelungen herauszukommen, obwohl die Turen nicht verriegelt waren und sie einfach nur die Klinken hatten herunterdrucken mussen, um sie von innen zu offnen. Das kunstliche Schwerkraftsystem war in Betrieb, und der kurze Blick, den Prilicla und seine Begleiter erhaschen konnten, bevor die FGHJs sie entdeckten und angriffen, zeigte ihnen schmucklose Metallwande und einen von unordentlich hingeworfenem Bettzeug und zerschlagenen sanitaren Anlagen ubersaten Boden. Die Luft stank derart, da? man sie mit dem Messer hatte schneiden konnen.

„Freund Fletcher“, sagte Prilicla, als sie den letzten Schlafsaal verlie?en, „samtliche Besatzungsmitglieder sind korperlich aktiv und schmerzfrei. Ware da nicht die Tatsache, da? sie ganz offensichtlich nicht mehr in der Lage sind, ihr Schiff zu fuhren, wurde ich sagen, sie sind kerngesund. Solange Freundin Murchison keine medizinische Ursache fur ihr abnormes Verhalten gefunden hat, konnen wir nichts fur sie tun.

Ich bin mir bewu?t, da? ich sowohl feige als auch selbstsuchtig bin“, fuhr er fort, „aber ich mochte nicht die Ausrustung unseres Unfalldecks gefahrden und Freundin Khone in Angst und Schrecken versetzen, indem ich fast zwanzig riesige, hyperaktive und momentan nicht gerade mit Intelligenz brillierende Aliens aufs Schiff schaffe, die.“

„Der Meinung bin ich allerdings auch“, pflichtete ihm Fletcher in entschiedenem Ton bei. „Wenn dieser Haufen ausbrechen wurde, konnten die nicht nur das Unfalldeck, sondern mein ganzes Schiff zerstoren. Die Alternative ist, sie hierzubehalten, die Hyperraumhulle der Rhabwar auszudehnen und mit beiden Schiffen zum Orbit Hospital zu springen.“

„Das war auch mein Gedanke, Freund Fletcher“, stimmte Prilicla ihm in seltener Einigkeit zu. „Zudem schlage ich vor, Sie bringen den Bordtunnel an, damit wir schneller zu den Uberlebenden gelangen konnen, und wir entnehmen aus allen Paketen und Containern, die wahrscheinlich die Nahrung oder ein Nahrungskonzentrat fur diese Lebensform enthalten, Proben. Das einzige Symptom, das die Aliens zeigen, ist gro?er Hunger, und den wurde ich gerne so bald wie moglich stillen, damit sie sich nicht noch gegenseitig auffressen.“

„Und ich soll bestimmt die Proben analysieren, damit ich Ihnen sagen kann, in welchen Containern sich Farbe und in welchen sich Suppe befindet, richtig?“ meldete sich die Pathologin zu Wort.

„Das ware sehr angebracht, meine Freundin“, bedankte sich der Empath. „Wurden Sie neben der Untersuchung des Schadels auch den allgemeinen Stoffwechsel der Leiche unter die Lupe nehmen, um ein sicheres Betaubungsmittel fur die Aliens zu entwickeln, etwas Schnellwirkendes, das wir aus sicherer Entfernung auf sie abschie?en konnen? Die Aliens mussen alle schleunigst narkotisiert werden, weil ich.“

„Fur eine derart schnelle Arbeit brauche ich das Labor auf der Rhabwar, nicht einen tragbaren Analysator wie diesen hier“, unterbrach ihn Murchison. „Au?erdem benotige ich die Hilfe des gesamten medizinischen Teams.“

„.weil ich das Gefuhl habe“, fuhr Prilicla in ruhigem Ton fort, „da? noch ein weiterer Uberlebender an Bord ist, der gar nicht gesund, aktiv und hungrig ist. Dessen emotionale Ausstrahlung ist allerdings au?erst schwach und ganz typisch fur jemanden, der in tiefer Bewu?tlosigkeit und vielleicht sogar im Sterben liegt. Aber wegen der starkeren, sich in den Vordergrund drangenden Gefuhle der wachen Uberlebenden kann ich sie nicht lokalisieren. Aus diesem Grund mochte ich, da?, sobald die Proben fur Freundin Murchison entnommen worden sind, jedes Schlupfloch, jeder Winkel und jeder Raum, in dem von der Gro?e her ein FGHJ stecken konnte, durchsucht wird.

Das mu? sehr schnell geschehen, weil die emotionale Ausstrahlung wirklich au?erst schwach ist“, schlo? der

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