In der Mitte des Bildschirms erschien ein schmales, verschwommenes Dreieck, das scharfer wurde, als Haslam die Brennweite richtig einstellte.
„Halten Sie sich fur maximalen Schub in zehn Minuten bereit“, fuhr Haslam fort. „Schwerkraftkompensatoren auf drei Ge eingestellt. Wir mu?ten das Schiff in weniger als zwei Stunden erreicht haben.“
Cha Thrat und Khone betrachteten den Bildschirm zusammen mit dem medizinischen Team, dessen gro?e Ungeduld Prilicla zum Zittern brachte. Sie hatten alles so weit vorbereitet, wie es unter diesen Umstanden moglich war; die mehr ins Detail gehenden Vorkehrungen mu?ten warten, bis man eine ungefahre Vorstellung von der physiologischen Klassifikation der Aliens hatte, die womoglich demnachst gerettet werden konnten. Doch dem Captain des Schiffs war es bereits jetzt moglich, erste Schlu?folgerungen zu ziehen, selbst aus dieser gro?er Entfernung.
„Unserem Astronavigationscomputer zufolge liegt die nachste Sonne elf Lichtjahre entfernt, und die hat keine Planeten, also kann das Schiff nicht von dort gekommen sein“, folgerte Fletcher. „Trotz seiner Gro?e ist es viel zu klein, um ein Generationsschiff zu sein, von daher benutzt es hochstwahrscheinlich eine Hyperantriebsart, die unserer gleicht. Ansonsten weist es aber keinerlei Ahnlichkeit mit irgendeinem der au?er oder in Betrieb genommenen oder noch im Bau befindlichen Schiffe im Flottenverzeichnis der Foderation auf.
Trotz der enormen Gro?e besitzt es die aerodynamisch gunstige Dreiecksform, die typisch fur ein Schiff ist, das in einer Planetenatmosphare manovrieren mu?“, fuhr der Captain fort. „Die meisten uns bekannten Spezies, die durch den Raum reisen konnen, ziehen es aber aus technischen und wirtschaftlichen Grunden vor, ihre gleicherma?en fur den Atmosphare- als auch fur den Raumflug konstruierten Schiffe moglichst klein zu halten. Die gro?eren Schiffe, die nicht zum Landen vorgesehen sind, werden im Orbit gebaut, wo die stromlinienformige Gestaltung uberflussig ist. Bei den zwei Ausnahmen, von denen ich wei?, handelt es sich um Lebensformen, die ihre kombinierten Raum-Atmosphareschiffe gro? anlegen mussen, weil die zum Flug benotigte Besatzung selbst in riesigen Korpern steckt.“
„Na prima!“ freute sich Naydrad. „Also retten wir einen Haufen Riesen!“
„Das ist im Augenblick pure Spekulation“, gab der Captain zu bedenken. „Auf Ihrem Schirm ist das zwar nicht zu sehen, aber wir sind gerade dabei, ein paar Einzelheiten der Konstruktion zu analysieren. Dieses Schiff ist nicht gerade von Uhrmachern zusammengesetzt worden. Die Konstruktionsphilosophie scheint allgemein eher auf Einfachheit und Stabilitat ausgerichtet gewesen zu sein als auf Raffiniertheit. Wir konnen jetzt langsam kleine Einstiegs- und Inspektionsluken sowie zwei sehr gro?e Umrisse ausmachen, bei denen es sich um Einla?schleusen handeln mu?. Obwohl das naturlich auch Frachtschleusen sein konnen, die nur nebenbei korperlich kleinen Besatzungsmitgliedern zum Einsteigen dienen. Dennoch ist es wahrscheinlicher, da? die Insassen zu einer sehr gro?en und massiven Lebensform gehoren.“
„Haben Sie keine Angst, Freundin Khone“, warf Prilicla schnell ein. „Selbst ein verruckt gewordener Hudlarer konnte die Trennwand, die Cha Thrat um Sie herumgestellt hat, nicht durchbrechen, und die Unfallopfer werden sowieso bewu?tlos sein. Sie und Ihr Kind sind vollig sicher.“
„Das ist wirklich sehr beruhigend“, entgegnete die Gogleskanerin. Mit sichtlicher Uberwindung fugte sie personlicher hinzu: „Ich danke Ihnen.“
„Freund Fletcher“, wandte sich der Empath an den Captain, „konnen Sie noch weitere Vermutungen uber diese Lebensform anstellen, au?er da? sie gro? ist und wahrscheinlich keine besonders ausgepragte Fingerfertigkeit besitzt?“
„Das hatte ich ja gerade vor“, grummelte der Captain ungehalten. „Nach der Analyse der entwichenen Innenatmosphare zu urteilen, ist.“
„Dann hat der Rumpf Locher bekommen!“ rief Cha Thrat aufgeregt dazwischen. „Von innen oder au?en?“
„Technikerin Cha Thrat!“ zischte der Captain und hielt ihr allein mit dieser Anrede ihre Anma?ung vor Augen. „Nur zu Ihrer Information: Es ist au?erst schwierig, kostspielig und vollkommen uberflussig, ein gro?es Raumschiff absolut luftdicht zu machen. Es ist viel praktischer, den Innendruck auf dem Sollwert zu halten und die geringfugige Menge entweichender Luft zu ersetzen. Hatten wir im gegenwartigen Fall keine austretende Luft entdeckt, hatte das fast mit Sicherheit bedeutet, da? das Schiff ganz und gar aufgerissen und luftleer ist.
Aber es gibt keinerlei Anzeichen fur einen Zusammensto? oder Rumpfschaden, und nach den Sensordaten und der Analyse der ausgetretenen Atmosphare zu schlie?en, besteht die Besatzung aus warmblutigen Sauerstoffatmern, die eine ahnliche Umgebungstemperatur und annahernd den gleichen Druck brauchen wie wir.“
„Danke, Freund Fletcher“, sagte Prilicla und gesellte sich zu den anderen, die schweigend den Repeaterschirm betrachteten.
Das Bild des langsam schlingernden und rotierenden Schiffs war allmahlich immer gro?er geworden, bis es den Bildschirmrand beruhrte, als Murchison sagte: „Das Schiff ist unbeschadigt und fuhrerlos. Zudem tritt den Sensoren zufolge keine uberma?ige Strahlung aus dem Hauptreaktor aus. Das Problem der Besatzung besteht demnach wahrscheinlich eher in einer Krankheit als in Verletzungen, die durch einen Unfall hervorgerufen worden sind. Vermutlich handelt es sich dabei um ein Leiden, von dem die gesamte Crew befallen worden ist und das sie arbeitsunfahig gemacht oder gar getotet hat. Darunter verstehe ich auch das Einatmen giftiger Gase, die durch einen technischen Defekt freigesetzt worden sind, beispielsweise aus dem.“
„Nein, Murchison“, widersprach Fletcher, der die Sprechverbindung zwischen Unfalldeck und Kontrollraum aufrechterhalten hatte. „Eine derart starke Verseuchung durch giftige Gase im Luftversorgungssystem ware durch unsere Analysen nachgewiesen worden. Mit der Luft ist auf dem Schiff alles in Ordnung.“
„Dann hat vielleicht eine giftige Substanz die Getranke- oder Lebensmittelvorrate verseucht und ist auf diesem Wege aufgenommen worden“, fuhr Murchison unbeirrt fort. „So oder so, womoglich gibt es keine Uberlebenden, und uns bleibt hier nichts zu tun, als Nachuntersuchungen anzustellen, die Physiologie einer neuen Lebensform aufzuzeichnen und dem Monitorkorps den Rest zu uberlassen.“
Der Rest wurde, wie Cha Thrat wu?te, bedeuten, eine eingehende Untersuchung der Energie, der Lebenserhaltung und der Navigationssysteme des Schiffes mit dem Ziel durchzufuhren, den technischen Entwicklungsstand der Spezies zu beurteilen. Daraus konnten sich die Informationen ergeben, die man brauchte, um die einzelnen Abschnitte der Flugbahn des Schiffs vor dem Unfall zu berechnen und den Kurs zum Herkunftsplaneten zuruckzuverfolgen. Gleichzeitig wurde man eine noch sorgfaltigere Bewertung der nichttechnischen Ausstattung des Schiffs — der Besatzungsunterkunfte und deren Einrichtung, der Kunst- und Dekorationsgegenstande, der personlichen Habseligkeiten, der Bucher,
Bander und der Gerate zum personlichen Zeitvertreib — vornehmen, damit man nach gegluckter Entdeckung des Heimatplaneten, die letzten Endes nicht ausbleiben kann, wu?te, mit welchen Lebewesen man es zu tun bekommen wurde.
Und zu guter Letzt wurde dieser Planet von den Kontaktspezialisten des Monitorkorps aufgesucht werden und, genau wie Sommaradva, nie wieder so sein wie vorher.
„Wenn es auf dem Schiff keine Uberlebenden gibt, Murchison, dann ist das hier keine Aufgabe fur die Rhabwar“, meinte Fletcher mit Bedauern. „Aber das konnen wir nur herausfinden, wenn wir uns aufs Schiff begeben und nachsehen. Prilicla, mochten Sie irgendein Mitglied Ihres Teams mit mir mitschicken? Obwohl, zu diesem Zeitpunkt ist es eher ein mechanisches als ein medizinisches Problem, sich Zugang zum Schiff zu verschaffen. Lieutenant Chen und Technikerin Cha Thrat, Sie werden mir helfen hineinzukommen. Moment mal! Mit dem Schiff geht irgend etwas vor!“
Cha Thrat war vollig uberrascht, da? sie Fletcher bei einer derart wichtigen Aufgabe helfen sollte, au?erst beunruhigt, weil sie vielleicht nicht imstande sein wurde, seine Erwartungen zu erfullen, und mehr als ein bi?chen angstlich, wenn sie daran dachte, was sie moglicherweise erwartete, nachdem sie in das verungluckte Schiff eingedrungen waren. Doch diese Gefuhle wurden einstweilen durch den Anblick der Vorgange auf dem Bildschirm verdrangt.
Wahrend alle wie gebannt auf den Schirm starrten, erhohte sich die Geschwindigkeit, mit der das Schiff schlingerte und rotierte, und der vordere und hintere Teil des Rumpfs und die Spitzen der breiten dreieckigen Flugel wurden durch unregelma?ige Dampfstrahle in Nebel eingehullt. Einen Moment lang glaubte Cha Thrat, die Ubelkeit eines jeden Wesens, das sich gerade auf diesem Schiff befand und bei Bewu?tsein war, gut nachempfinden zu konnen, dann meldete sich erneut Fletcher.
„Das sind die Steuerungsdusen!“ rief er aufgeregt. „Offenbar versucht jemand, die Drehung zu stoppen, macht aber alles nur noch schlimmer! Vielleicht geht es dem Uberlebenden korperlich nicht gut, oder er ist verletzt
