„Seien Sie nicht zu streng mit ihr, Prilicla“, bat Murchison. „Ich finde, sie hat sehr gute Arbeit geleistet, auch wenn sie manchmal dazu neigt zu vergessen, wer die eigentliche Verantwortung dafur tragt. Ich meine. na ja, sagen wir einfach, da? Cha Thrats unfreiwilliger Wechsel fur den Wartungsdienst ein Gewinn und fur das medizinische Team ein Verlust ist.“
Als sich Murchison abrupt abwandte, um dem Transporter hinterherzulaufen, blickte ihr Cha Thrat aus drei unterschiedlichen und verwirrenden Blickwinkeln und mit drei Arten von gemischten Gefuhlen hinterher: Nach ihrem sommaradvanischen Geschmack war Murchison ein kleines, farbloses, absto?endes DBDG-Weibchen. In ihren gogleskanischen Augen war sie blo? ein au?erplanetarisches Ungeheuer, zwar freundlich, aber furchteinflo?end. Doch vom terrestrischen Standpunkt aus gesehen handelte es sich um ein vollig anderes Wesen, eins, das Cha Thrat schon seit vielen Jahren als hochintelligente, von der beruflichen Position her nur Thornnastor unterstellte, freundliche, verstandnisvolle, gerechte, schone und sexuell begehrenswerte Frau kannte. Einige dieser Seiten ihrer Personlichkeit hatte Murchison eben gezeigt, aber die plotzliche korperliche Anziehungskraft, die sie auf Cha Thrat ausubte, und die Bilder von schrecklichen, fremdartigen Umklammerungen und Intimitaten, die an Cha Thrats geistigem Auge vorbeizogen, machten der Sommaradvanerin so furchtbare Angst, da? der gogleskanische Teil ihres Gehirns am liebsten einen Ruf nach Zusammenschlu? ausgesto?en hatte.
Murchison war eine Terrestrierin und sie selbst eine Sommaradvanerin. Sie mu?te einfach aufhoren, sich auf so alberne Weise zu einem Mitglied einer fremden Spezies hingezogen zu fuhlen, das noch nicht einmal mannlichen Geschlechts war, denn dieser Weg fuhrte ganz sicher in den Wahnsinn. Sie dachte an das Gesprach, das sie mit dem Zauberer O'Mara uber Schulungsbander gefuhrt hatte, und an ihre eigene Erfahrung, die sie mit Bandern von Kelgianern, Tralthanern, Melfanern und vielen anderen bereits gemacht hatte.
Aber die Erfahrung hatte sie gar nicht selbst gemacht, wie sie sich plotzlich vor Augen hielt. Sie war und blieb Cha Thrat. Die Gogleskanerin und der Terrestrier, die scheinbar von ihrem Gehirn Besitz ergriffen hatten, waren nur Gaste, von denen einer besonders lastig war, was die Gedanken uber Murchison betraf, aber sie sollten keinesfalls ihre personlichen Gefuhle beeinflussen durfen. Etwas anderes zu denken oder zu fuhlen als eine Sommaradvanerin war albern.
Als die storende Gestalt Murchisons in der Ferne verschwunden war und sich Cha Thrat wieder eher wie sie selbst und nicht wie zwei andere Wesen fuhlte, sagte sie zu Prilicla: „Und jetzt, nehme ich an, bekommt die uberhebliche und au?erst ungehorsame Technikerin mit Hang zu medizinischem Gro?enwahn endlich den Kopf gewaschen, nicht wahr?“
Prilicla hatte sich auf dem Dach uber Khones Tur niedergelassen, damit sich seine Augen auf gleicher Hohe mit Cha Thrats befanden. „Ihre Gefuhlsbeherrschung ist ausgezeichnet, Cha Thrat“, erwiderte er freundlich. „Mein Kompliment. Aber Ihre Annahme ist falsch. Ihr offenbares Verstandnis der terrestrischen Redewendung, die Sie gerade gebraucht haben, und Ihr Verhalten vorhin in einer sehr heiklen klinischen Situation veranlassen mich, daruber zu spekulieren, was moglicherweise mit Ihnen geschehen sein konnte.
Wissen Sie, ich denke einfach mal laut vor mich hin“, fuhr er fort. „Dazu brauche ich Sie gar nicht, ja, ich verbiete es Ihnen sogar ausdrucklich, mir zu sagen, ob meine Vermutungen zutreffen oder nicht. In diesem Fall ziehe ich es vor, offiziell von nichts zu wissen.“
Schon aus den ersten paar Worten des Empathen wurde klar, da? er ganz genau wu?te, was mit Cha Thrat passiert war, auch wenn er seine Gewi?heit nur als Vermutung bezeichnete. Er nahm an, da? Cha Thrat mit Khone eine geistige Vereinigung gehabt habe, der Verstand der Gogleskanerin vorher mit dem vom Conway verschmolzen gewesen sei und vor und wahrend der Geburt von Khones Kind die Fachkenntnisse und Entschlu?kraft des Diagnostikers die fuhrende Rolle ubernommen hatten. Aus diesem Grund fuhlte sich der Cinrussker durch den Vorfall nicht gekrankt — schlie?lich stand ein Chefarzt weit unter einem Diagnostiker, selbst wenn sich dieser nur vorubergehend im Gehirn eines Untergebenen aufhielt. Auch die ubrigen Teammitglieder waren nicht beleidigt, wenn sie die Wahrheit erfahren wurden.
Aber nach seiner Auffassung mu?ten sie diese ja nicht erfahren, zumindest nicht, bis sich Cha Thrat wieder im Schutz der Wartungsschachte des Orbit Hospitals verloren hatte.
„Ihrer jungsten emotionalen Ausstrahlung entnehme ich“, fuhr Prilicla fort, „da? Sie gegenuber Freundin Murchison in sexueller Hinsicht sehr starke, wenn auch verworrene Gefuhle empfunden haben, die fur Ihr sommaradvanisches Ich nicht angenehm waren. Aber denken Sie daran, in welch gro?e Verlegenheit Murchison geriete, wenn sie ahnen wurde, da? Sie, ein Lebewesen einer vollig anderen physiologischen Klassifikation, das durch die Umstande gezwungen ist, ganz eng mit ihr zusammenzuarbeiten, sie mit den Augen und den gleichen starken Gefuhlen wie ihr Lebensgefahrte betrachten.“
„Ich verstehe“, sagte Cha Thrat.
„Pathologin Murchison ist hochintelligent“, erklarte der Cinrussker weiter, „und mit der Zeit wird sie dahinterkommen, was geschehen ist, falls sie es nicht schon vorher von Khone erfahrt. Deshalb mochte ich, da? Sie Khone bei der erstbesten Gelegenheit diese heikle Geschichte klarmachen und sie in dieser Angelegenheit um Stillschweigen bitten.
Freundin Khone verfugt jetzt nicht nur uber Conways Erinnerungen und Gefuhle, sondern auch uber die Cha Thrats“, fugte Prilicla noch freundlich hinzu.
Die noch immer vorhandenen Gedanken der gogleskanischen Arztin drohten Cha Thrats eigene mit einer seltsamen Mischung aus Angst, Neugier und elterlicher Sorge zu uberwaltigen, und einen Moment lang brachte Cha Thrat kein Wort heraus. Schlie?lich fragte sie: „Ist Khone schon in der Lage zu sprechen?“
„Ich habe das bestimmte Gefuhl — und nicht blo? den Verdacht —, da? sowohl die Mutter als auch das Kind wohlauf sind“, antwortete Prilicla und bereitete sich darauf vor loszufiegen, indem er die Flugel ausbreitete. „Aber wenn wir jetzt nicht bald das Gesprach beenden, werden sich die anderen noch fragen, was ich Ihnen antue, und werden Sie blutuberstromt und von blauen Flecken ubersat zuruckerwarten.“
Die Vorstellung, Prilicla konnte irgend jemandem irgendeine Art von Verletzung zufugen, war so absurd, da? sogar eine Gogleskanerin sie fur genauso komisch hielt wie eine Sommaradvanerin und ein Terrestrier. Lauthals lachend folgte Cha Thrat den anderen zur Landefahre, wahrend ihr der von den Flugeln des Empathen erzeugte Wind das Haar zerzauste.
„Ihnen ist doch hoffentlich klar, meine Freundin“, sagte der Empath, dessen zitternde Glieder eine deutliche Rechtfertigung fur die Worte waren, die das Vergnugen der Sommaradvanerin dampfen sollten, „da? O'Mara von dem Vorfall unterrichtet werden mu?, oder?“
15. Kapitel
Als man die Gogleskanerin mit ihrem Kind von der Landefahre in die spezielle FOKT-Unterkunft auf dem Unfalldeck der Rhabwar gebracht hatte, waren beide Patienten bei vollem Bewu?tsein und gaben gerauschvolle, zischende Laute von sich. Die Laute des Neugeborenen ubersetzte der Translator nicht, aber Khones teilten sich in wiederholte Dankbarkeitsbekundungen fur ihr Uberleben und leise, aber sehr nachdruckliche Vergewisserungen uber ihre korperliche Verfassung auf. Die Selbstdiagnose der Arztin wurde von den Biosensoren untermauert und von den weniger handgreiflichen, dafur aber genaueren Befunden des fur Emotionen empfanglichen Prilicla bestatigt. Da sie jetzt durch eine dicke, durchsichtige Trennwand von den freundlichen au?erplanetarischen Ungeheuern getrennt war und sich somit auch von ihren unterbewu?ten Angsten befreit hatte, war es Khone ein regelrechtes Vergnugen, sich jederzeit mit jedem zu unterhalten.
Das schlo? auch die nichtmedizinischen Besatzungsmitglieder ein, die mit Captain Fletchers Erlaubnis kurz ihre Posten im Kontroll- und Maschinenraum verlie?en, um der Patientin zu gratulieren und mit Lugen uber die deutlich erkennbare Intelligenz des Neuankommlings, dessen Ahnlichkeit mit der Mutter und gro?e Schonheit zu schmeicheln, eines Jungen von uberdurchschnittlichem Gewicht. Trotz Priliclas eindringlichen Bitten, die Patientin ausruhen und sich von der uberma?igen Aufregung erholen zu lassen, erinnerte die Atmosphare rings um Khones Zimmer mehr an eine Geburtstagsfeier als an das Unfalldeck eines Ambulanzschiffs.
Als jetzt Captain Fletcher eintraf, brauchte niemand die empathischen Fahigkeiten Priliclas zu besitzen, um den allgemeinen Stimmungsumschwung wahrzunehmen. An Khone richtete der Terrestrier die fluchtige Frage nach ihrem eigenen Befinden und dem des Kleinen, dann wandte er sich schnell Prilicla zu.
„In einer bestimmten Angelegenheit, Doktor, mu? eine Entscheidung getroffen werden, zu der nur Sie und Ihr Team in der Lage sind. Vor ein paar Minuten hat uns das Hospital per Funk gemeldet, da? in diesem Sektor
