eine Notsignalbake entdeckt worden ist. Das verungluckte Schiff befindet sich ungefahr funf Subraumflugstunden von uns entfernt. Die Bake gehort nicht zu dem von der Foderation benutzten Typ, deshalb sind die Opfer womoglich Mitglieder einer uns unbekannten Spezies. Das macht es naturlich schwierig, die fur die Bergung benotigte Zeit zu schatzen, da nach unseren Erfahrungen so etwas ein paar Stunden oder aber auch einige Tage dauern kann.
Die Frage ist, ob die Patientin ins Hospital eingeliefert werden mu?, bevor oder nachdem wir dem Notruf nachgegangen sind.“
Das war keine leichte Entscheidung, weil die Patientin, auch wenn ihr Zustand stabil war und sie nicht dringend behandelt werden mu?te, zu einer Lebensform gehorte, uber die klinisch nur wenig bekannt war, so da? jederzeit unerwartete Komplikationen auftreten konnten. Uberraschenderweise wurde die lebhafte, aber zwangslaufig kurze Diskussion von Khone selbst beendet.
„Bitte, meine Freunde!“ mischte sie sich in einer der seltenen Gesprachspausen ein. „Gogleskanerinnen erholen sich schnell, wenn sie erst einmal das Geburtstrauma uberstanden haben. Ich kann Ihnen sowohl als Arztin als auch als Patientin versichern, da? eine derartige Verzogerung weder mich noch mein Kind gefahrdet. Nebenbei, hier auf dem Schiff erfahren wir viel mehr Zuwendung, als es irgendwo auf Goglesk moglich ware.“
„Sie vergessen dabei etwas“, gab Murchison zu bedenken. „Wir gelangen vielleicht an den Schauplatz einer Katastrophe, an der moglicherweise eine fur uns vollig neue Lebensform beteiligt ist. Es ist denkbar, da? diese Wesen selbst uns mit Schrecken oder Abscheu erfullen, ganz zu schweigen von einer Gogleskanerin, die zum erstenmal ihren Planeten verlassen hat.“
„Das mag ja sein“, raumte Khone ein, „aber die Opfer werden sich hochstwahrscheinlich in viel schlechterer Verfassung befinden als ich.“
„Na schon“, beendete Prilicla schlie?lich die Debatte und wandte sich wieder an den Captain. „Allem Anschein nach hat uns Khone an die Prioritaten und an unsere arztliche Pflicht erinnert. Teilen Sie dem Hospital mit, da? die Rhabwar dem Notruf Folge leistet.“
Fletcher verschwand in Richtung Kontrollraum, und der Cinrussker fuhr fort: „Jetzt sollten wir erst einmal essen und dann schlafen, da wir in nachster Zeit womoglich weder zu dem einen noch zu dem anderen Gelegenheit haben werden. Die Biosensoren der Patientin werden automatisch uberwacht, und jede Veranderung ihres Zustands wird mir sofort gemeldet. Auch Khone und ihr Kind brauchen Ruhe, und die wurden sie nicht bekommen, wenn ich hier ein Mitglied des Teams zum Dienst zurucklassen wurde. Also, alle raus hier! Schlafen Sie gut, Freundin Khone.“
Der Empath flog in seiner anmutigen Art in den gravitationsfreien Hauptverbindungsschacht und weiter in Richtung Speise- und Freizeitdeck. Naydrad, Danalta, Murchison und Cha Thrat folgten ihm auf konventionellere Weise. Doch kurz bevor sie ihre Kletterpartie in der Schwerelosigkeit begannen, hielt sich Murchison mit einer Hand an der Leiter fest und legte Cha Thrat die zweite auf eine der mittleren Gliedma?en.
„Warten Sie bitte“, sagte sie. „Ich wurde mich gern mit Ihnen unterhalten.“
Cha Thrat verharrte in ihrer Position, sagte aber nichts. Das Gefuhl dieser zarten Alienfinger, die sanft ihren Arm umfa?ten, und der Anblick des schwammigen, rosa Terrestriergesichts, das sie von unten anblickte, lie?en Empfindungen aufkommen, auf die kein Sommaradvaner — und erst recht kein weiblicher — ein Recht hatte. Langsam, um die Terrestrierin nicht zu kranken, befreite sie ihre Gliedma?e aus Murchisons Griff und bemuhte sich, ihre Gefuhle unter Kontrolle zu bekommen.
„Mir macht diese Rettungsaktion zu schaffen, Cha Thrat, und auch der Eindruck, den die Verletzten, die wir vielleicht behandeln mussen, auf Sie machen werden“, sagte sie leise. „Unfallverletzungen konnen ganz schon schlimm sein. Zum gro?ten Teil handelt es sich dabei um durch Aufpralle verursachte Frakturen und durch explosionsartigen Druckverlust hervorgerufene Wunden, und in der Regel gibt es nur sehr wenige Uberlebende. Sie sind offenbar nicht in der Lage, Ihre sommaradvanische Nase aus dem medizinischen Gebiet herauszuhalten, aber diesmal mussen Sie versuchen — wirklich mit allen Mitteln versuchen —, sich nicht mit den Unfallopfern einzulassen.“
Bevor Cha Thrat etwas entgegnen konnte, fuhr sie fort: „Bei Khone haben Sie wirklich sehr gute Arbeit geleistet, obwohl ich mir immer noch nicht ganz sicher bin, was da genau passiert ist, aber auf jeden Fall hatten Sie Gluck. Wie hatten Sie sich gefuhlt, wenn Khone oder das Kind oder beide gestorben waren? Und was noch wichtiger ist, was hatten Sie sich dann selbst angetan?“
„Nichts“, antwortete Cha Thrat und hielt sich verzweifelt vor Augen, da? der Ausdruck auf dem rosa Gesicht unter ihr nur wohlwollende Sorge um eine Untergebene von einer anderen Spezies und nichts Personlicheres bedeutete. Schnell fuhr sie fort: „Ich hatte mich zwar sehr schlecht gefuhlt, aber mich nicht noch einmal selbst verletzt. Die ethischen Grundsatze einer Chirurgin fur Krieger sind streng, und selbst auf Sommaradva hat es Kollegen gegeben, die sie nicht so strikt befolgt haben wie ich und mich deswegen beneidet haben und mich nicht leiden konnten. Fur mich behalten diese Grundsatze zwar ihre Gultigkeit, aber im Orbit Hospital und auf Goglesk gelten andere, die genauso ihre Berechtigung haben. Diesbezuglich haben sich meine Standpunkte durchaus verandert…“
Sie brach ab, da sie befurchtete, schon zu viel gesagt zu haben, aber der Pathologin war anscheinend nicht aufgefallen, da? sie den Plural benutzt hatte, als sie gleich von mehreren Standpunkten sprach.
„Wir nennen so etwas „seinen Horizont erweitern““, entgegnete Murchison. „Mir fallt ein Stein vom Herzen, und ich freue mich fur Sie, Cha Thrat. Es ist wirklich schade, da? Sie. Na ja, was ich vorhin gesagt habe, da? Ihr Wechsel fur den Wartungsdienst ein Gewinn und fur uns ein Verlust ist, war ernstgemeint. Ihre Vorgesetzten finden den Umgang mit Ihnen manchmal ein bi?chen schwierig, und nach den Vorfallen mit dem Chalder und dem Hudlarer kann ich mir nicht vorstellen, da? Sie noch von irgend jemandem zur Ausbildung auf einer Station angenommen werden. Aber wenn Sie warten, bis sich die Aufregung gelegt hat, und nichts mehr anstellen, um aufzufallen, konnte ich mit ein paar Leuten daruber reden, Sie wieder zum medizinischen Personal zuruckversetzen zu lassen. Was halten Sie davon?“
„Ich ware Ihnen dafur sehr dankbar“, antwortete Cha Thrat und suchte verzweifelt nach einer Moglichkeit, dieses Gesprach mit einem Wesen zu beenden, das nicht nur ein mitfuhlendes und verstandnisvolles Naturell hatte, sondern dessen korperliche Seiten in ihr noch ganz andere Gefuhle hervorriefen, die normalerweise mit dem Geschlechtstrieb in Zusammenhang standen. Nach ihrem Dafurhalten handelte es sich hierbei ganz eindeutig um ein Problem, das nur durch eine von O'Maras Beschworungen gelost werden konnte, und um auf ein anderes Thema zu kommen, fugte sie hinzu: „Au?erdem habe ich Hunger.“
„Hunger?“ rief Murchison erstaunt. Als sich die Terrestrierin wieder der Leiter zuwandte, um weiter in Richtung Kantine zu klettern, lachte sie plotzlich und sagte: „Wissen Sie, Cha Thrat, manchmal erinnern Sie mich an meinen Lebensgefahrten.“
Cha Thrat erstarrte fur einen Augenblick, dann fa?te sie entschlossen nach der Leiter.
Nach dem Essen war Cha Thrat zwar in der Lage, sich auszuruhen, aber es gelang ihr nicht, zu schlafen, und nachdem sie sich drei Stunden lang vergeblich abgemuht hatte, brach sie weitere Versuche unter dem Vorwand ab, Khones Lebenserhaltungs- und Nahrungsversorgungssysteme uberprufen zu mussen. Sie traf die Gogleskanerin ebenfalls wach an, und wahrend Khone liebevoll ihr Kind futterte, unterhielten sie sich leise. Kurz darauf waren beide FOKTs eingeschlafen, und Cha Thrat blieb sich allein uberlassen. Eine ganze Weile starrte sie schweigend auf die Formenvielfalt der Gerate auf dem Unfalldeck, die in der Nachtbeleuchtung wie unheimliche, mechanische Trugbilder aussahen, bis auf einmal Prilicla angeflogen kam.
„Konnten Sie sich schon mit Freundin Khone unterhalten?“ erkundigte sich Cinrussker, der uber den beiden FOKTs schwebte.
„Ja“, antwortete Cha Thrat. „Sie wird Ihrem Vorschlag folgen, uns nicht in Verlegenheit zu bringen.“
„Danke, meine Freundin. Ich spure, da? die anderen jetzt auch aufwachen und sich gleich zu uns gesellen werden. Wir mu?ten jeden Moment am Unglucksort.“
Er wurde von einem doppelten Gongton unterbrochen, der den Wiedereintritt des Schiffs in den Normalraum ankundigte, und ein paar Minuten spater folgte die Stimme von Lieutenant Haslam aus dem Kontrollraum.
„Unsere weitreichenden Sensoren haben Kontakt mit einem gro?en Schiff“, meldete der Kommunikationsoffizier. „Es gibt keine Anzeichen fur abnorme Strahlungswerte, keine sich ausbreitenden Trummerwolken und auch keine Spur von einer Fehl&nktion, die durch ein Ungluck herbeigefuhrt worden sein konnte. Das Schiff dreht sich sowohl um die Langsachse als auch langsam um die Querachse. Wir stellen das Teleskop auf die Sensorpeilung ein und ubertragen das Bild auf Ihren Repeaterschirm.“
