Entbindungsstation, an den sich Cha Thrat erinnerte, und sie konnte sich auch nicht damit trosten, sich vor Augen zu halten, da? es sich hierbei um eine ganz besondere Lebensform handelte und praktisch keine Moglichkeit zum Operieren bestand. Khones Gehirn empfing und ubertrug keine Eindrucke mehr, so da? sich Cha Thrat nicht einmal mehr zum letztenmal fur ihr Versagen entschuldigen konnte.

„Bitte machen Sie sich keine Sorgen, meine Freundin“, fuhr der Cinrussker heftig zitternd fort. „Ihnen kann man keine Vorwurfe machen, nur weil Sie eine Aufgabe ubernommen haben, die wegen der besonderen Umstande niemand von uns hatte bewaltigen konnen. Ihre momentane emotionale Ausstrahlung macht mir Sorgen. Denken Sie daran, Sie sind nicht einmal Angehorige des medizinischen Teams, Sie haben keine Handlungsvollmacht, und fur die Erlaubnis, sich an dieser Behandlung zu versuchen, sind Sie auch nicht verantwortlich. Ihnen ist gerade etwas eingefallen?“

„Wir wissen beide, da? ich inzwischen die Verantwortung auf mich genommen habe“, erwiderte sie so leise, da? nur Prilicla sie horen konnte. „Ja, ich habe eine Idee.

Naydrad!“ fuhr sie rasch mit lauterer Stimme fort. „Diesmal brauchen wir eine schnell wechselnde Anziehungs- und Absto?ungskraft von einem Ge, gerade soviel, um den Fotus in Bewegung zu halten. Danalta, die Muskelschicht der Gebarmutterwand ist dunn und wegen der Bewu?tlosigkeit der Patientin entspannt. Konnten Sie ein paar geeignete Arme und Hande ausstulpen? Prilicla wird Ihnen die benotigte Form und Gro?e beschreiben und Ihre Bewegungen, mit denen Sie den Fotus in die richtige Lage bringen sollen, mit Hilfe des Scanners dirigieren. Murchison, wurden Sie sich bitte bereithalten, beim Herausziehen des Fotus mit Hand anzulegen, sobald oder falls das Kind uberhaupt geboren wird?

Ich selbst kann Ihnen nicht helfen“, fugte sie entschuldigend hinzu. „Vorlaufig ist es besser, wenn ich weiterhin in so engem Korperkontakt wie moglich mit der Patientin bleibe. Nach meinem Empfinden hat es auf sie eine beruhigende Wirkung und tut ihr gut, ob sie nun bewu?tlos ist oder nicht.“

„Mit Ihrem Empfinden liegen Sie vollig richtig“, bestatigte Prilicla. „Aber die Zeit drangt, meine Lieben. Fangen wir an.“

Wahrend Naydrad dafur sorgte, da? sich der Fotus in der Gebarmutter ununterbrochen leicht hin- und herbewegte, und Danalta mit ausgestulpten Gliedma?en, die Cha Thrat noch viele kunftige Nachte hindurch Alptraume bescheren sollten, versuchte, ihn in die optimale Lage zu drucken und zu drehen, bemuhte sich die Sommaradvanerin verzweifelt, zu ihrer in tiefer Bewu?tlosigkeit liegenden Gehirnpartnerin durchzudringen.

Bald wird es Ihnen wieder gutgehen. Ihrem Kind wird es gutgehen. Halten Sie durch, bitte, sterben Sie mir nicht weg!

Es war, als ob sich die Gedanken in einer schwarzen, bodenlosen Grube verloren. Fur den Bruchteil einer Sekunde glaubte Cha Thrat, ein kurzes Aufflackern des Bewu?tseins gespurt zu haben, aber wahrscheinlich hatte sie diese Empfindung nur gehabt, weil sie sie unbedingt haben wollte. Sie drehte den Kopf, aber nur ein wenig, um nicht den Kontakt mit den langen, silbrigen Fuhlern zu verlieren, und wunschte, sie ware in einer Korperstellung, in der sie das Scannerdisplay sehen konnte.

„Jetzt befindet er sich in der optimalen Lage“, meldete Prilicla plotzlich. „Danalta, schieben Sie die Hande weiter nach unten. Halten Sie sich bereit, auf meine Anweisung hin zu drucken, wenn der Fotus wieder anfangt, sich zu drehen. Naydrad, zwei Ge Absto?ung!“ Bis auf das Pfeifen der Klangverfalscher, deren Lautstarke zu schwanken schien, wahrend sie sich wie die Patientin mit nachlassender Leistungsfahigkeit abmuhten, ihre Aufgabe zu erfullen, herrschte einen Moment lang tiefe Stille. Die Zeit lief beiden davon. Alle Aufmerksamkeit war auf Khone gerichtet, und selbst Prilicla betrachtete das Scannerdisplay mit zu gro?er Konzentration, um beschreiben zu konnen, was er darauf sah.

„Ich sehe den Kopf!“ rief auf einmal Murchison. „Nur das oberste Stuck vom Kopf. Die Kontraktionen sind zu schwach, die helfen nicht besonders viel. Die Beine sind so weit wie moglich gespreizt, aber der Kopf des Fotus bewegt sich bei jeder Kontraktion um Bruchteile von Zentimetern nach unten und dann wieder zuruck. Soll ich versuchen, eine operative Vergro?erung der.“

„Keine Operation“, unterbrach Cha Thrat sie in entschiedenem Ton. Selbst wenn die Patientin uberlebte, hatte sie doch mit ihr den Verstand geteilt, und Cha Thrat wu?te deshalb, da? eine Operationswunde bei einem Lebewesen, dessen Spezies praktisch unantastbar war, ernsthafte psychische Schaden nach sich ziehen wurde — ganz zu schweigen von den Nachwirkungen des engen Korperkontakts, der bei der spateren Behandlung und dem Wechseln der Kleidung unausweichlich ware. Der kurze geistige und korperliche Kontakt mit Conway und Cha Thrat hatte zwar in Khones gogleskanische Personlichkeitsstruktur ein gro?es Loch gerissen, aber psychologisch gesehen war sie nach wie vor ein robustes und au?erst stabiles Geschopf.

Doch blieb Cha Thrat keine Zeit, ihren Gefuhlseindruck zu erklaren oder sich uber ihren Standpunkt mit den anderen auseinanderzusetzen. Murchison hatte sich aufgerichtet und blickte fragend Prilicla an, der von dem Gefuhlssturm, der von allen Seiten auf ihn einhagelte, hin- und hergeworfen wurde, aber kein Wort sagte.

„Es ware besser, wenn wir versuchen wurden, den naturlichen Geburtsvorgang zu unterstutzen“, fuhr Cha Thrat fort. „Naydrad, ich mochte noch einmal abwechselnd Anziehung und Absto?ung haben, dieses Mal alternierend zwischen null und drei Ge und vorlaufig nur fur die nachsten funf Kontraktionen. Achten Sie dabei auf gro?ere Organverschiebungen. Diese Spezies ist noch nie erhohten Gravitationskraften ausgesetzt gewesen.“

„Jetzt kann ich den ganzen Kopf sehen!“ rief Murchison aufgeregt dazwischen. „Und die Schultern! Verdammt, ich habe den kleinen Schreihals!“

„Naydrad!“ schrie Cha Thrat schnell. „Bleiben Sie noch einen Moment bei drei Ge Absto?ung, bis die Nachgeburt heraus ist, und schalten Sie dann wieder auf normale Schwerkraft. Murchison, legen Sie das Neugeborene zwischen die Fingerbuschel direkt links neben meinem Kopf. Ich habe den Eindruck, da? es Khone mehr beruhigt, sich an ihrem Kind festzuhalten, als wenn ich mich an ihr festhalte.“

Sie beobachtete, wie sich Khones Finger instinktiv um die winzige Gestalt schlossen, die fur den sommaradvanischen Teil ihres Gehirns wie ein glitschiges, zuckendes kleines Scheusal aussah, auf das gogleskanische Kontingent aber eindeutig wie eine unbeschreibliche Schonheit wirkte. Schweren Herzens zog Cha Thrat ihren Kopf von Khones zuruck und lie? die Haare der Gogleskanerin los.

„Ihr Eindruck trifft zu, Cha Thrat“, bestatigte Prilicla. „Die emotionale Ausstrahlung der Patientin ist schon wieder starker, obwohl sie noch ohne Bewu?tsein ist.“

„Moment mal!“ meldete sich Murchison besorgt zu Wort. „Man hat uns doch gesagt, da? sie bei Bewu?tsein sein mu?, wenn sie fur das Neugeborene richtig sorgen soll. Wir haben keine Ahnung, was.“

Sie brach mitten im Satz ab, weil Cha Thrat, die jetzt uber das gesamte Wissen der gogleskanischen Arztin verfugte, bereits alles Erforderliche verrichtete. Bewu?t zu lugen lief zwar ihrer sommaradvanischen Erziehung zuwider, aber in der momentanen Situation wimmelte es geradezu von Problemen zwischen den Anwesenden, und die Umstande waren viel zu verwickelt, als da? sie Lust gehabt hatte, sich die fur die Mitteilung der Wahrheit erforderliche Zeit zu nehmen.

Statt dessen wartete Cha Thrat, bis die Nabelschnur sauber durchtrennt und verknotet war und die Beine der Patientin in einer bequemeren Stellung lagen, und erklarte dann mit einer gewissen Dreistigkeit: „Zwischen der Lebensform der FOKTs und meiner eigenen gibt es eine Anzahl physiologischer Gemeinsamkeiten, und wir weiblichen Wesen verfugen bei solchen Geschichten von Natur aus uber einen besonderen Instinkt.“

Die Terrestrierin schuttelte zweifelnd den Kopf und sagte: „Dann sind Ihre weiblichen Instinkte aber eine ganze Ecke starker entwickelt und sehr viel zielsicherer als meine.“

„Freundin Murchison“, mischte sich jetzt Prilicla ein, dessen Stimme jetzt sehr laut war, da inzwischen alle Klangverfalscher bis auf zwei zu pfeifen aufgehort hatten. „Lassen Sie uns doch zu geeigneterer Zeit uber weibliche Instinkte diskutieren. Freundin Naydrad, setzen Sie wieder das Verdeck auf den Transporter, erhohen Sie die Innentemperatur um drei Grad, fullen Sie den Innenraum mit reinem Sauerstoff, und achten Sie bei der Patientin auf Anzeichen eines verspateten Schocks. Nach der emotionalen Ausstrahlung zu urteilen, befindet sich Khone zwar im einem Zustand schwerer Erschopfung, der ansonsten aber stabil ist. Im Moment besteht also keine Gefahr, und die Lahmung der Beine wird mit zunehmender Durchblutung zuruckgehen. Wir und insbesondere die Patientin werden uns alle besser fuhlen, wenn sie erst einmal von den Geraten auf dem Ambulanzschiff intensiv betreut wird. Bitte bringen Sie Khone schnell aufs Schiff.

Cha Thrat, Sie bleiben noch hier“, fugte er freundlich hinzu. „Mit Ihnen, meine sommaradvanische Freundin, wurde ich mich gern einmal allein unterhalten.“

Der von Naydrad gelenkte Krankentransporter wurde von Danalta und Wainright von beiden Seiten flankiert und entfernte sich bereits. Doch Pathologin Murchison, deren Gesicht tiefrot war und einen Ausdruck trug, den Cha Thrat mittlerweile lesen und verstehen konnte, zogerte noch.

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