oder nicht mit der Steuerung vertraut. Aber immerhin wissen wir jetzt, da? im Schiff noch jemand am Leben ist. Dodds, sobald wir in Reichweite sind, stoppen Sie die Drehung und koppeln mit allen verfugbaren Traktorstrahlen an. Doktor Prilicla, es gibt wieder etwas fur Sie zu tun.“
„Manchmal ist es doch wirklich schon, wenn man Lugen gestraft wird“, sagte Murchison, ohne irgend jemanden direkt anzusprechen.
Wahrend sich Cha Thrat ihren Anzug anlegte, verfolgte sie mit Spannung das Gesprach zwischen dem medizinischen Team und Fletcher, das sich schnell zu einem erbitterten Streit ausgeweitet hatte, ware nicht der sanfte kleine Empath zugegen gewesen.
Aus dem Wortwechsel ergab sich deutlich, da? der Captain der alleinige Herrscher uber die Rhabwar war, soweit es samtliche Schiffsoperationen betraf, doch am Schauplatz einer Katastrophe mu?te er seine Befehlsgewalt an den ranghochsten Arzt an Bord abtreten, der dazu ermachtigt war, die Fahigkeiten des Schiffs und seiner Offiziere nach eigenem Gutdunken einzusetzen. Der eigentliche Streit schien sich genau um den Punkt zu drehen, an dem Fletchers Verantwortung aufhorte und Priliclas anfing.
Der Captain beanspruchte, da? sich das medizinische Team, weil es sich nicht um ein beschadigtes Schiff handle, erst dann am Unglucksort befande, wenn er es ins Schiff hineingebracht habe, und bis dahin musse es weiterhin seine Anweisungen oder wenigstens seine Ratschlage befolgen. Der Rat des Captains an das medizinische Team lautete, auf der Rhabwar zu bleiben, bis er, Fletcher, sich Zugang zum fremden Schiff verschafft habe. Andernfalls riskiere man, selbst zu Opfern eines Unfalls zu werden, falls sich der verletzte oder kranke Uberlebende — der ja bereits den Versuch, die Rotation des Schiffs mit den Steuerungsdusen zu stoppen, verpatzt hatte — entschlie?en sollte, mit den Haupttriebwerken ein gleicherma?en fruchtloses wie verheerenderes Unterfangen zu veranstalten.
Wenn das medizinische Team vor der Einla?schleuse des verungluckten Schiffs wartete, wahrend gerade Schub gegeben wurde, wurde man entweder gegen die Au?enhaut geschleudert oder vom Heckfeuer verbrannt werden, und die Rettungsaktion mu?te wegen des plotzlichen Mangels an Rettern abgebrochen werden.
Nach Cha Thrats Auffassung klangen Fletchers Grunde fur den Wunsch, das medizinische Team erst einmal auf der Rhabwar warten zu lassen, vernunftig, auch wenn er ihr durch seine Ausfuhrungen eine neue Gefahr bewu?t gemacht hatte, die ihr nun Sorgen bereitete. Aber das medizinische Team war fur die schnellstmogliche Bergung und Behandlung Schiffbruchiger ausgebildet worden und war besonders in diesem Fall, wo es vielleicht nur einen Uberlebenden gab, darauf bedacht, keine Zeit zu verlieren. Als sich Cha Thrat schlie?lich zur Luftschleuse aufmachte, hatte man einen Kompromi? ausgehandelt.
Prilicla sollte Fletcher, Chen und Cha Thrat zum fremden Schiff begleiten. Wahrend sich die letzten drei bemuhten hineinzukommen, wurde der Empath sich an der Au?enhaut entlangbewegen, um auf diese Weise zu versuchen, die Aufenthaltsorte etwaiger Uberlebender durch deren emotionale Ausstrahlung ausfindig zu machen. Der Rest des medizinischen Teams sollte sich bereithalten, um die Opfer schnell zu bergen, sobald der Weg frei ware.
Cha Thrat hatte erst ein paar Minuten in der Schleusenvorkammer gewartet, als Lieutenant Chen hereinkam.
„Prima, Sie sind ja schon da!“ begru?te sie der Terrestrier lachelnd. „Helfen Sie mir bitte, unsere Ausrustung in die Schleuse zu schaffen. Der Captain mag es namlich uberhaupt nicht, wenn man ihn warten la?t.“
Ohne den Eindruck zu erwecken, einen Vortrag halten zu wollen, erklarte ihr Chen den Verwendungszweck der Gerate, die sie gemeinsam von dem nahegelegenen Laderaum in die Schleuse brachten, und schlo? auf diese Weise Cha Thrats Wissenslucken, ohne da? sie sich dabei dumm oder minderwertig vorkam, wie es bei derartigen Vorgangen so haufig der Fall ist. Cha Thrat schlo? aus Chens Verhalten, da? es sich bei diesem Terrestrier trotz seines hohen Dienstgrads um ein umsichtiges und au?erst hilfsbereites Wesen handeln mu?te, eins, bei dem sie es auf eine kleine Anma?ung ankommen lassen konnte.
„Das soll keinesfalls eine Kritik am Herrscher des Schiffs sein“, setzte sie vorsichtig an, „aber ich mache mir Sorgen, weil mir Captain Fletcher mehr technische Kenntnisse zutraut, als ich sie in Wirklichkeit besitze. Ehrlich, ich bin uberrascht, da? er mich dabeihaben will.“
Chen stie? einen unubersetzbaren Laut aus und sagte dann: „Sie brauchen deswegen weder uberrascht noch beunruhigt zu sein, Technikerin Cha Thrat.“
„Leider bin ich aber beides“, entgegnete Cha Thrat.
Die nachsten Minuten sprach der Lieutenant uber die einzelnen Elemente der transportablen Luftschleuse, die sie gerade trugen. Wenn diese Teile zusammengebaut und mit einem schnell bindenden Dichtungsmittel um die Einla?schleuse des fremden Schiffs herum befestigt wurden, konnte man mit Hilfe des Bordtunnels der Rhabwar die beiden Schiffe miteinander verbinden, und die Arzte waren so in der Lage, ihre Arbeit ohne die hinderlichen Raumanzuge zu verrichten.
„Aber machen Sie sich mal keine Gedanken, Cha Thrat“, fuhr Chen fort. „Ihr Chef vom Wartungsdienst, dieser Timmins, hat sich mit dem Captain uber sie unterhalten. Er hat gesagt, Sie seien ziemlich gescheit, wurden rasch lernen, und wir sollten Ihnen soviel Arbeit wie moglich aufhalsen, weil Sie nach der Fertigstellung des FOKT-Quartiers vorlaufig nichts mehr zu tun hatten und unruhig werden konnten. Weiterhin meinte er, da? das medizinische Team Sie auf keinen Fall in die Nahe eines der Patienten lassen wurde, weil Sie sich in der Vergangenheit im Hospital so merkwurdig aufgefuhrt hatten.“
Auf einmal lachte er und fuhr fort: „Jetzt wissen wir jedenfalls, wie sehr sich Timmins diesbezuglich geirrt hat. Aber wir haben trotzdem vor, Sie weiterhin mit Aufgaben zu betrauen. Sie haben viermal so viele Hande wie ich, und ich konnte mir keine bessere Werkzeughalterin vorstellen als Sie. Habe ich Sie jetzt etwa beleidigt, Technikerin Cha Thrat?“
Diese Frage war an die auszubildende Wartungstechnikerin und nicht an die stolze Chirurgin fur Krieger, die sie einmal gewesen war, gerichtet, deshalb mu?te sie mit Nein antworten.
„Das ist gut“, entgegnete Chen. „Schlie?en und versiegeln Sie jetzt Ihren Helm, und uberprufen Sie zweimal die Verschlusse, mit denen Sie an der Sicherheitsleine befestigt sind. Der Captain ist schon auf dem Weg.“
Und dann war sie, von oben bis unten mit Geraten behangt, drau?en und trieb mit den beiden Terrestriern die kurze Strecke zum fremden Schiff hinuber, das mittlerweile von den starren, unsichtbaren Traktorstrahlen der Rhabwar zum Stillstand gebracht worden war. Bei diesem Vorgang hatte sich ein Teil der Rotation auf die Rhabwar ubertragen. Doch die unzahligen Sterne, die ununterbrochen um die beiden scheinbar reglosen Schiffe kreisten, riefen keine Ubelkeit, sondern allenfalls Staunen hervor.
Als sie das fremde Schiff erreichten, war Prilicla, der die Rhabwar durch die Luftschleuse des Unfalldecks hindurch verlassen hatte, bereits da und flog den Rumpf auf der Suche nach emotionaler Ausstrahlung ab, die ihm das Vorhandensein von Uberlebenden verraten wurde.
16. Kapitel
Als sie alle mit den Fu?magneten an dem grauen, unlackierten Rumpf des fremden Schiffs hafteten und sich gerade vorsichtig aufrichteten, so da? der massige Schiffskorper der Rhabwar wie eine zusammengerollte, wei?e Wolkendecke uber ihren Kopfen glanzte, meldete sich schon der Captain zu Wort.
„Wenn es nur nicht so viele Moglichkeiten gabe, eine Tur zu offnen“, klagte er. „Es kann sein, da? so ein Ding nach innen oder au?en geschwenkt werden mu?, sich in horizontaler oder vertikaler Richtung aufschieben la?t oder im beziehungsweise gegen den Uhrzeigersinn aufgedreht wird. Wenn die Erbauer auf dem Gebiet der Molekulartechnik ausreichende Kenntnisse besitzen, konnte sich naturlich auch ein Einstieg in massivem Metall offnen lassen. Eine Spezies, die dazu imstande ware, haben wir allerdings noch nie entdeckt, und falls uns das je gelingen sollte, mussen wir uns wirklich sehr in acht nehmen und durfen nicht vergessen, sie mit „Sir“ anzureden.“
Bevor Fletcher ins Monitorkorps eingetreten war, so hatte Cha Thrat erfahren, war er Herrscher an einer Universitat und einer der fuhrenden und zweifellos jungsten Experten des Planten Erde auf dem Gebiet vergleichender ET-Technologie gewesen, und alte Gewohnheiten legt man nur schwer ab. Selbst auf der Au?enhaut eines Alienschiffs, das jeden Moment Schub geben konnte, hielt er Vortrage und verga? nicht, hin und wieder einen kleinen, trockenen Witz einzustreuen. Das alles erklarte er allerdings auch fur die mitlaufenden
